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Kapitel 2

Author: Mel Ankoli
last update publish date: 2026-07-03 21:53:34

Novia

„Du hast fünf Jahre lang die Augen verschlossen, Novia, aber das Papier in deiner Hand lügt nicht“, flüsterte ich in das leere Schlafzimmer.

Ich stand lange vor Coles Mahagoni-Kommode, das weiße Hotelformular knisterte unter meinen Fingern. Ich weinte nicht. Im gesamten ersten Ehejahr hatte ich jede Nacht in mein Kissen geweint, während er bis spät wegblieb. Meine Tränendrüsen waren schon lange ausgetrocknet. Ich faltete die Quittung sorgfältig zusammen und legte sie exakt dorthin zurück, wo ich sie gefunden hatte – direkt unter die Samtbox. Ich nahm seine silberne Uhr, schob sie in meine Abendtasche und ging nach unten.

Auf der Rückfahrt zum Veranstaltungsort fühlte sich die Stille im Auto erdrückend an. Ich begann wieder zu zählen. Achtundneunzig Mal. Ich hatte ihm achtundneunzig Mal verziehen, bevor dieser Abend. Ich hatte plötzliche Hotelquittungen heruntergeschluckt, verdächtige nächtliche Anruflisten von seinem Handy gelöscht, eisige Schweigephasen ertragen und ignoriert, wie er Siennas Namen im Schlaf murmelte. Achtundneunzig Mal hatte ich diese kaputte Ehe über meinen eigenen Verstand gestellt.

Ich umklammerte das Lenkrad so fest, dass meine Knöchel schmerzten. Noch ein einziges Mal, und ich bin fertig, erinnerte ich mich. Das war die harte Grenze, die ich für mich gezogen hatte. Nur noch ein einziges Mal.

Als ich am Veranstaltungsort der After-Party ankam, summte die Lobby vor betrunkenen Führungskräften und Medienleuten. Ich ging schnell, das Kinn gesenkt, vollkommen in meinen eigenen Gedanken versunken.

Plötzlich prallte ich frontal gegen eine breite Brust. Es fühlte sich an, als würde ich direkt gegen eine Backsteinmauer laufen. Meine Absätze rutschten weg, und ich stolperte rückwärts.

„Vorsicht“, sagte eine tiefe Stimme.

Eine starke Hand schoss hervor und packte meinen Oberarm, stabilisierte mich, bevor mein Kleid den Boden berühren konnte. Ich blickte auf, bereit, mich schnell zu entschuldigen, und wünschte mir sofort, ich wäre einfach hingefallen.

Ich erkannte das Gesicht sofort. Jede Hockey-Ehefrau in der Liga kannte Ryder Kane. Er war Coles ultimativer Rivale, der Star-Stürmer der Blackridge Wolves und genau der Mann, über den Cole jeden Abend am Esstisch wetterte. Cole nannte ihn arrogant, vom Glück begünstigt und maßlos überschätzt.

Ryder ließ meinen Arm nicht sofort los. Er schaute auf mich herunter, sein Blick intensiv. „Du siehst heute Abend wunderschön aus, Novia.“

Ich zog meinen Arm zurück und straffte die Schultern. „Flirtest du gerade mit mir, Ryder?“

„Und wenn es so wäre?“, fragte er mit einem kleinen, spöttischen Lächeln auf den Lippen.

„Mein Mann hätte dazu einiges Lautstarkes zu sagen“, erwiderte ich kühl.

Ryder lächelte langsam und selbstsicher, das Lächeln erreichte seine Augen. „Dein Mann hat nicht den Mumm, auch nur ein Wort zu mir zu sagen. Weder auf dem Eis noch daneben.“

Ich spürte einen plötzlichen Anflug von Ärger. Ich beugte mich vor und sah ihm direkt in die Augen. „Zumindest hat mein Mann genug Mumm, eure Mannschaft auf dem Eis jedes Mal zu schlagen, wenn ihr gegeneinander spielt. Schönen Abend noch, Ryder.“

Ich machte auf dem Absatz kehrt und marschierte auf die Aufzüge zu. Ich spürte seinen Blick die ganze Zeit im Rücken brennen, weigerte mich jedoch, mich umzudrehen. Dennoch verlangsamte sich mein Schritt ein klein wenig, als ich die VIP-Etage erreichte – auch wenn ich mir weigerte, darüber nachzudenken, warum.

Ein Catering-Mitarbeiter zeigte mir einen abgelegenen Flur. „Der Team-Lounge ist gleich durch diese Doppeltür, Mrs. Harrington. Die feiern ziemlich laut.“

„Danke“, sagte ich.

Ich drückte die schwere Tür auf, die silberne Uhr schwer in meiner Hand.

Sofort traf mich eine Wand aus Lärm. Männer brüllten, Gläser klirrten, Musik dröhnte aus den Boxen. Der gesamte Kader der Franchise drängte sich im Raum und hielt Bierflaschen hoch. Dann gewöhnten sich meine Augen an das Stroboskoplicht, und mein Puls setzte aus.

Cole stand gegen die hintere Wand gedrückt. Seine Hände waren tief in Siennas blondem Haar vergraben und neigten ihr Gesicht nach oben. Er küsste sie mit einer wilden, verzweifelten Gier, die er mir in unseren gesamten drei Ehejahren nie gezeigt hatte.

Das ganze Team stand im Kreis um die beiden. Sie waren nicht schockiert. Sie lachten, pfiffen und schlugen sich gegenseitig auf den Rücken, feuerten Cole an, als hätte er gerade das entscheidende Tor im Stanley-Cup-Finale erzielt.

Ich erstarrte in der offenen Tür. Meine Brust fühlte sich an, als hätte jemand hineingegriffen und alles herausgerissen, was mich am Leben hielt. Niemand bemerkte mich.

Cole löste sich schließlich von dem Kuss, sein Atem ging stoßweise. Sienna legte ihre Hände auf seine Brust und kicherte zu ihm hoch, ihre Wangen gerötet.

„Verdammt, Cole!“, rief einer seiner Flügelspieler lachend und warf eine zerknüllte Serviette nach ihm. „Ich hab dich noch nie so deine eigene Frau ansehen sehen wie gerade eben Sienna. Nicht mal annähernd, Mann.“

Cole warf den Kopf zurück und lachte. Es war ein lautes, sorgloses Lachen, das von den Wänden widerhallte. Er legte seinen Arm fest um Siennas Taille und zog sie eng an seine Seite.

Er blickte sich unter seinen Teamkollegen um, vollkommen entspannt, wie ein Mann, der nie Konsequenzen gefürchtet hatte, ertappt zu werden.

„Das liegt daran, dass ich sie schon immer geliebt habe“, sagte Cole, seine Stimme übertönte die Musik. „Ich habe nie eine andere gewollt.“

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