LOGINDer Aufprall brachte den SUV beinahe zum Überschlagen.
Blair schrie in meinen Armen auf, als meine Schulter hart gegen die Tür knallte. Bella fluchte neben mir, während Ryan heftig mit dem Lenkrad kämpfte.
„Festhalten!“, bellte er.
Der Regen verschwamm die Windschutzscheibe fast vollständig, während ein anderes Fahrzeug gefährlich dicht hinter uns blieb. Mein Puls hämmerte so stark, dass es weh tat.
„Was meinst du mit eingekesselt?“ verlangte ich zu wissen.
Beck drehte sich auf dem Beifahrersitz um und überprüfte die Straße hinter uns durch das zerbrochene Heckfenster.
„Ich meine, sie wissen genau, wo wir sind.“
Diese Antwort half meiner Angst überhaupt nicht.
Ryan nahm eine so scharfe Kurve, dass die Reifen auf der nassen Straße quietschten. Die Lichter von New York zogen in verzerrten Streifen durch den Sturm an uns vorbei.
Blair klammerte sich fester an mich.
„Mama…“
„Ich bin hier“, flüsterte ich schnell und strich mit zitternder Hand über ihre Locken.
„Ich hab dich.“Auch wenn ich mir selbst bei nichts mehr sicher war.
Neben mir blieb Cole angespannt und gleichzeitig erschreckend ruhig.
Ein Arm stützte sich schützend gegen den Sitz vor uns, jedes Mal, wenn der SUV heftig ruckelte.
Als wäre er auf einen Aufprall vorbereitet.
Als wäre das nichts Neues für ihn.
Das machte mir mehr Angst als die Verfolgung selbst.
Ein weiteres Paar Scheinwerfer tauchte hinter uns auf.
Ryan fluchte leise.
„Da ist noch einer.“
„Wie viele Autos verfolgen uns?“ fauchte Bella.
„Keine Ahnung.“
Fantastisch…
Meine Gedanken überschlugen sich.
Geldwäsche.
Mein Vater.
Der anonyme Anrufer.
Die Männer, die uns mitten in der Nacht durch New York jagten.
Und irgendwie war von allem das Beunruhigendste, dass Cole neben mir saß und so tat, als wäre dieses Maß an Gefahr völlig normal.
Ich sah ihn scharf an.
„Was verschweigst du mir?“
Sein Kiefer spannte sich an.
„Layla—“
„Nein. Genug.“
Meine Stimme brach diesmal härter.
„Meine Tochter ist darin verwickelt. Du darfst keine Geheimnisse mehr haben.“
Das traf ihn.
Ich sah es sofort in seinen Augen.
Doch bevor er antworten konnte, beschleunigte Noah plötzlich stärker.
„Macht euch bereit.“
Der SUV schoss durch eine Kreuzung, nur Sekunden bevor ein Lastwagen aus der Gegenrichtung vorbeiraste.
Das Auto hinter uns verfehlte ihn nur knapp.
Für einen Moment hatten wir sie abgehängt.
Stille erfüllte den SUV, nur der Regen hämmerte aufs Dach.
Dann klingelte Becks Handy.
Er nahm sofort ab.
„Sprich.“
Sein Gesicht verdunkelte sich fast augenblicklich.
„Ryan“, sagte er leise, „sie haben das Safehouse gefunden.“
Mein Magen sackte ab.
„Das was?“ fragte Bella.
Ryans Griff um das Lenkrad wurde fester.
„Verdammt.“
Angst glitt erneut kalt durch meine Brust.
„Wie viele Safehouses habt ihr Leute eigentlich?“ verlangte ich.
Niemand antwortete.
Was irgendwie noch schlimmer war.
Blair hatte sich endlich etwas beruhigt, obwohl ihre kleinen Finger immer noch fest mein Kleid umklammerten.
Ich küsste sanft ihren Kopf und versuchte, meinen Atem zu beruhigen.
Ich musste klar denken.
Panik würde ihr nicht helfen.
Aber die Erschöpfung kroch inzwischen auch heran.
Emotionale Erschöpfung.
Die Art, die Realität rutschig und unwirklich wirken ließ.
Vor nur ein paar Stunden hatte ich mir Sorgen darüber gemacht, mit Investoren Kontakte zu knüpfen.
Jetzt raste ich fast um Mitternacht durch New York, während bewaffnete Männer uns jagten wegen Geheimnissen, die mit meinem toten Vater verbunden waren.
Mein Leben war offiziell verrückt geworden.
Ryan wurde plötzlich langsamer, als wir in einen ruhigeren Teil der Stadt einfuhren, voller bewachter Häuser und teurer Anwesen.
„Wohin fahren wir?“ fragte ich.
„Zu mir“, antwortete Cole leise.
Ich sah ihn sofort an.
„Auf keinen Fall.“
„Dort ist es sicher.“
„Das war meine Wohnung auch.“
Sein Ausdruck verhärtete sich leicht.
„Layla.“
„Nein.“
„Du hast im Moment keine Wahl.“
Wut blitzte heiß durch meine Brust, weil er recht hatte.
Und ich hasste das.
Der SUV fuhr schließlich durch massive schwarze Tore, bewacht von bewaffneten Sicherheitsmännern.
Meine Augen weiteten sich leicht.
Reiche Menschen lebten wirklich anders.
Die Tore schlossen sich sofort hinter uns, als Ryan vor einer modernen Villa parkte, die sanft im Regen leuchtete.
Für einen Moment bewegte sich niemand.
Dann öffnete Cole zuerst seine Tür.
„Wir reden drinnen.“
Ich wollte wieder ablehnen.
Aber Blair war erschöpft.
Bella sah gestresst genug aus, um jemanden zu schlagen.
Und ehrlich?
Ich hatte Angst.
Also folgte ich ihnen hinein.
Das Haus war riesig.
Und kalt.
Nicht körperlich.
Emotional.
Moderne schwarze Möbel.
Bodenhohe Fenster.
Perfekte, teure Einrichtung, die sich trotzdem leer anfühlte.
Das fühlte sich nicht wie ein Zuhause an.
Es fühlte sich an wie ein Ort, an dem Menschen Geheimnisse versteckten.
Eine Frau in ihren Fünfzigern eilte sofort auf uns zu, sobald wir eintraten.
Sorge füllte ihr Gesicht, als sie Cole sah.
„Oh mein Gott.“
„Uns geht’s gut“, sagte Ryan schnell.
Ihr Blick fiel dann auf mich.
Dann auf Blair.
Schock flackerte über ihr Gesicht, bevor sie ihn sorgfältig verbarg.
„Sie müssen erschöpft sein“, sagte sie sanft zu mir.
„Ich bereite oben ein Zimmer vor.“„Danke“, antwortete ich automatisch.
Blair schlief inzwischen halb, zusammengerollt an meiner Schulter.
Cole beobachtete sie die ganze Zeit still.
Als könnte er immer noch nicht glauben, dass sie real war.
Der Anblick zog etwas Schmerzhaftes in mir zusammen.
Denn einmal hatte ich mir solche Momente anders vorgestellt.
Die Frau verschwand nach oben, während Ryan und Beck sofort in einen anderen Raum gingen und leise miteinander sprachen.
Wahrscheinlich darüber, wer versuchte, uns umzubringen.
Bella beugte sich näher zu mir.
„Geht’s dir gut?“
„Nein.“
„Verständlich.“
Trotz mir selbst lachte ich schwach.
Dann trat Cole vorsichtig näher.
Nah genug, dass ich noch Regen und teures Parfüm an ihm riechen konnte.
Mein Magen verriet mich sofort.
„Ich muss dir einiges erklären“, sagte er leise.
Die Erschöpfung traf mich mit voller Wucht.
„Ich weiß nicht mal mehr, wo ich anfangen soll.“
Seine Augen wurden etwas weicher.
„Fang mit der Wahrheit an.“
Ich starrte ihn einen langen Moment an.
„Du zuerst.“
Etwas flackerte in seinem Gesicht.
„Ich wollte dich nie verlassen.“
Das Geständnis traf mich härter als erwartet.
Wut schoss sofort hinterher.
„Mach das nicht.“
„Was?“
„Tu nicht so, als wäre dein Verschwinden vor drei Jahren ein Unfall gewesen.“
Schmerz zog scharf über sein Gesicht.
„Mein Vater hat von uns erfahren.“
Ich erstarrte.
Cole sah kurz weg, bevor er weitersprach.
„Er hat gedroht, alles zu zerstören, wenn ich bei dir bleibe.“
Ich lachte bitter.
„Also hast du das Geld gewählt.“
„Nein.“
Seine Stimme war jetzt scharf.
„Ich habe das Überleben gewählt.“
Verwirrung flackerte in mir auf.
„Was soll das heißen?“
Bevor er antworten konnte, erschien Ryan plötzlich in der Tür.
Und seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen…
war wieder etwas schiefgelaufen.
„Was ist passiert?“ fragte Cole sofort.
Ryan sah zuerst direkt mich an.
Dann Blair.
Dann wieder Cole.
„Die Presse hat den Namen des Kindes veröffentlicht.“
Kalte Angst überschwemmte sofort meine Brust…
Ryan sprach leise weiter.
„Und jemand hat ihre Schuladresse online gestellt.“
COLES POVVivian blieb den restlichen Nachmittag über still.Ich dachte, vielleicht hatte sie es verstanden.Ich lag falsch.In dem Moment, als ich in die Küche ging, um Blair etwas zu trinken zu holen, hörte ich Vivian mit ihr sprechen.„Warum magst du mich nicht?“Ich blieb stehen.Ich blieb in der Nähe der Tür.Blair saß auf dem Sofa.Vivian stand vor ihr.„Ich weiß es nicht.“Vivian runzelte die Stirn.„Ich habe dir so viele schöne Dinge geschenkt.“„Ich habe nicht danach gefragt.“Vivians Gesicht verhärtete sich.„Du solltest dich freuen.“Blair senkte den Blick.„Ich bin glücklich.“„Warum tust du dann ständig so, als würdest du mich hassen?“„Ich hasse dich nicht.“„Warum willst du mich dann nicht hier haben?“Blair schwieg.Vivian ging in die Hocke.„Dein Vater braucht eine Familie.“Blair sah verwirrt aus.„Ich habe eine Familie.“Vivians Gesichtsausdruck veränderte sich.„Du weißt, was ich meine.“Blair schüttelte den Kopf.„Meine Mommy ist meine Familie.“„Und dein Vater br
COLES POVDas Foto des Sorgerechtsdokuments brannte sich noch immer in meinen Kopf.Vivian Moreau.Ihr Name stand am unteren Rand des manipulierten Dokuments, in einer Handschrift, die ich unmöglich verwechseln konnte.Zum ersten Mal, seit ich das Sorgerecht für Blair gewonnen hatte, fragte ich mich, ob ich überhaupt den falschen Kampf geführt hatte.Ich hatte mir wochenlang eingeredet, dass das Sorgerecht für meine Tochter der einzige Weg war, sie zu beschützen.Ich hatte mir gesagt, dass Layla mich von ihr fernhielt.Ich hatte Layla die Schuld gegeben.Ich hatte Ryan die Schuld gegeben.Ich hatte jedem die Schuld gegeben, außer den Menschen, die im Hintergrund die Fäden gezogen hatten.Und jetzt lag Vivians Name vor mir.Ich starrte mehrere Sekunden auf mein Handy, bevor ich den Bildschirm sperrte.Ich würde mich um Vivian kümmern.Aber zuerst musste ich mich um etwas kümmern, das viel wichtiger war.Um meine Tochter.Blair war still gewesen, seit wir aus dem Urlaub zurückgekommen w
LAYLAS POVCole stand vor Blairs Zimmer.Ich wusste nicht, wie lange er schon dort gewesen war.Er sah völlig anders aus.Der kalte Ausdruck, den er im Gericht getragen hatte, war verschwunden.Seine Augen waren auf Blair gerichtet.Unsere Tochter.Das kleine Mädchen, das gerade geweint hatte, weil sie ihre Mutter verlassen musste.Cole schluckte.Sein Kiefer verspannte sich.Er sah aus, als wollte er hineingehen.Aber er tat es nicht.Stattdessen trat er von der Tür zurück.Ich folgte ihm in den Flur.„Du hast sie gehört.“Er blieb stehen.„Ja.“„Sie hat schreckliche Angst.“„Ich weiß.“„Du hast das Sorgerecht bekommen.“„Ich weiß.“„Und jetzt denkt sie, dass sie bestraft wird.“Sein Gesicht verzog sich.„Das war nie das, was ich wollte.“„Warum hast du es dann getan?“Er sah mich an.„Ich dachte, ich könnte ihr etwas geben, was du ihr nicht geben kannst.“Ich starrte ihn an.„Was?“„Stabilität.“Ich lachte bitter.„Sie hatte Stabilität.“„Bei dir.“„Ja.“Er wandte den Blick ab.„Ich
LAYLAS POVDie Nachricht blieb auf meinem Bildschirm.Auf dem Dokument steht ein Name, den du niemals für möglich halten wirst.Ich starrte auf diese Worte, bis sie vor meinen Augen verschwammen.Der Name meiner Mutter war bereits genug gewesen, um mein gesamtes Verständnis unserer Familie auf den Kopf zu stellen.Und nun sagte Bella mir, dass es noch einen weiteren Namen gab.Ein weiteres Geheimnis.Ein weiterer Teil meines Lebens, der vor mir verborgen worden war.Ich sah Ryan an.Er stand am Fenster und bewegte sich nicht.Seit Richard enthüllt hatte, dass Emily seine leibliche Mutter war, hatte er kein Wort mehr gesagt.Sein Gesicht wirkte leer.Nicht wütend.Nicht mehr schockiert.Einfach nur gebrochen.„Ryan.“Er antwortete nicht.Ich trat näher.„Ryan, sieh mich an.“Langsam drehte er sich um.Seine Augen waren rot.„Ich wusste, dass etwas mit mir nicht stimmte.“Mein Herz zog sich zusammen.„Was meinst du damit?“Er lachte kurz und bitter.„Nicht wirklich falsch.“Er senkte de
LAYLAS POVIch konnte mich nicht bewegen.Ryan stand mitten im Raum und starrte Richard an, als wäre der Mann vor ihm plötzlich zu einem Fremden geworden.Cole sah genauso fassungslos aus.Ich hatte noch nie erlebt, dass einer von ihnen sprachlos war.Ryan schüttelte langsam den Kopf.„Du wusstest es?“Richard schwieg.„Du wusstest all die Jahre, dass ich adoptiert wurde?“„Ja.“„Und Cole wusste es?“Cole schüttelte sofort den Kopf.„Nein.“Ryan sah ihn an.„Du wusstest es wirklich nicht?“„Ich schwöre, ich wusste es nicht.“Ryan starrte seinen Bruder einige Sekunden lang an.Dann wandte er seinen Blick wieder Richard zu.„Warum?“Richard ging zurück zu seinem Schreibtisch.„Weil es Umstände rund um deine Adoption gab, die kompliziert waren.“Ryan lachte bitter.„Kompliziert?“Seine Stimme brach.„Du hast mich mein ganzes Leben lang glauben lassen, dass ich dein Sohn bin.“„Du bist mein Sohn.“„Nicht durch Blut.“Richard seufzte.„Blutsverwandtschaft bestimmt keine Familie.“Ryans Ges
LAYLAS POVDer Termin vor Gericht rückte immer näher.Jeden Morgen wachte ich mit demselben Knoten im Magen auf.Jede Nacht ging ich ins Bett und fragte mich, wie mein Leben plötzlich zu einem Rechtsstreit um das kleine Mädchen werden konnte, das seit neun Jahren meine ganze Welt war.Blair wusste, dass etwas vor sich ging.Sie wusste nur nicht, wie ernst es war.Ich hatte versucht, sie davor zu beschützen.Ich wollte, dass sie morgens aufwachte und an die Schule, ihre Freunde, Hausaufgaben und Zeichentrickfilme dachte.Nicht an Sorgerecht.Nicht an Anwälte.Nicht daran, ob ihr Vater sie mir wegnehmen wollte.An diesem Morgen stand ich vor meinem Kleiderschrank und starrte auf Kleidung, die ich nicht im Geringsten anziehen wollte.Bella saß auf meinem Bett, den Laptop geöffnet.„Du brauchst etwas Professionelles.“„Ich weiß.“„Etwas, das zeigt, dass du verantwortungsbewusst bist.“„Ich weiß.“„Etwas, bei dem der Richter sofort denkt, dass du die organisierteste Frau der Welt bist.“Ic







