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Kapitel 2

Author: Dayless Reverie
Am frühen nächsten Morgen schlief Miles noch, als ich mit einer Thermoskanne das Haus verließ.

Obwohl unsere Ehe längst zerbrochen war, fuhr ich trotzdem ins städtische Krankenhaus.

Meine Schwiegermutter Ruth lag seit fast einem Jahr wegen schweren Nierenversagens im Krankenhaus.

Tag und Nacht hatte ich mich um sie gekümmert.

Ich betrachtete es als meine Pflicht als Schwiegertochter.

Als ich ihr Krankenzimmer betrat, lobte Ruth mich gerade vor den Familienmitgliedern, die sie besuchten.

„Ich habe diese Krankheit nur dank Jenna überstanden. Sie kümmert sich hundertmal besser um mich, als es meine eigene Tochter jemals könnte.“

Als sie mich hereinkommen sah, lächelte sie breit und bat mich sofort, mich zu setzen.

Ich schöpfte die Suppe aus der Thermoskanne, die ich die ganze Nacht über gekocht hatte, und reichte sie ihr.

„Ruth, trink sie, solange sie heiß ist. Miles hatte letzte Nacht Fieber. Ich muss später wieder zurück und nach ihm sehen.“

Ruth nahm die Schüssel und trank die Suppe.

Ihr Handy stand auf dem kleinen Tisch und spielte ein Video ab, das sie sich angesehen hatte. Plötzlich klingelte es.

Es war ein FaceTime-Anruf von einem Kontakt namens „Wendy“.

Da Ruth gerade Suppe trank, war es für sie schwierig, den Anruf anzunehmen.

Sie deutete mit dem Kinn auf das Handy.

„Jenna, kannst du für mich rangehen? Das ist bestimmt Miles’ kleine Cousine.“

Ich dachte mir nichts weiter dabei. Ich streckte die Hand aus und nahm den Anruf an.

Als ich das vertraute junge Gesicht auf dem Bildschirm sah, erstarrte mein Gesichtsausdruck.

Es war Wendy – dieselbe Frau, die vor einem halben Jahr in den Vorfall mit Miles verwickelt gewesen war.

Auf dem Video hielt sie einen etwa dreijährigen kleinen Jungen im Arm.

Der Junge rief süß in die Kamera:

„Oma! Schau mal, was für ein tolles Auto Papa mir gekauft hat!“

Wendy beschwerte sich in kokettem Ton:

„Ruth, Miles hat gestern Abend hier zu viel getrunken und hatte Fieber. Ich habe ihn ein bisschen länger schlafen lassen.

„Ich frage mich, ob diese verrückte Frau wieder völlig durchgedreht ist, nur weil er zu spät nach Hause gekommen ist.“

Die Atmosphäre im Krankenzimmer wurde augenblicklich angespannt.

Ruth begann vor Angst zu zittern und ließ die Schüssel mit der kochend heißen Suppe auf die Decke fallen.

„J-Jenna! Lass mich das erklären!“

Sie ignorierte ihre eigenen Verbrennungen und eilte zum Handy, um es an sich zu nehmen.

Ich wich zurück und starrte das Kind auf dem Bildschirm an.

Er sah Miles verblüffend ähnlich.

Ein Schauer lief mir über den Rücken.

„Ist das etwa Miles’ ‚kleiner Cousin‘, von dem du die ganze Zeit erzählt hast?“

Auf frischer Tat ertappt, seufzte Ruth und gab jede weitere Ausrede auf.

Ihr Gesicht war voller Mitgefühl und Hilflosigkeit, als sie meine Hand nahm und ernst zu mir sagte:

„Jenna, bitte gib Miles nicht die Schuld dafür, dass er das vor dir verheimlicht hat. Seit vier Jahren schluckt Wendy ihren Stolz herunter und verlangt nicht, offiziell anerkannt zu werden.“

Vier Jahre?

Mein Kopf wurde leer.

Mein Magen zog sich zusammen.

Plötzlich bekam ich keine Luft mehr.

Bedeutete das etwa, dass Wendys Existenz nicht nur ein betrunkener Ausrutscher vor einem halben Jahr gewesen war?

Ruth tätschelte sanft meinen Handrücken und versuchte, leise auf mich einzureden.

„Ich habe dich aufwachsen sehen, Jenna. Du bist mir wichtig. Aber du musst auch an Miles denken.

„Wegen des Traumas, das du erlebt hast, lässt du ihn manchmal zehn Tage oder sogar zwei Wochen lang nicht an dich heran. Er ist ein gesunder, kräftiger Mann.

„Du kannst ihn nicht für immer wie einen Mönch leben lassen, nur weil du deine Probleme hast.

„Wendy hat gesagt, dass der Kleine dich auch Mom nennen wird. Du bist immer noch die wahre Schwiegertochter der Familie Lumb.

„Es wird sich nichts ändern. Wendy wird dir niemals im Weg stehen. Ist das nicht gut genug?“

Meine Beine gaben augenblicklich nach.

Ich ließ mich auf den Stuhl hinter mir fallen.

Danach nahm ich kein einziges Wort mehr von dem auf, was Ruth sagte.

Meine Erinnerungen und die Wahrheit prallten in meinem Kopf aufeinander. Es fühlte sich an, als würde ich innerlich auseinandergerissen werden.

Vier Jahre.

Jedes Mal, wenn Miles für einen Rettungseinsatz verreiste, blieb er die ganze Nacht mit mir in einem Sprachanruf verbunden.

Er sagte, er wisse, dass ich mich unsicher fühlte und Angst vor der Dunkelheit hatte.

Wenn ich seinen Atem hörte, konnte ich einschlafen.

Einmal geriet er in einem Katastrophengebiet in Gefahr.

Er hatte sogar sein Leben riskiert, um eine Ersatzbatterie zu finden, damit er mich die ganze Nacht über regelmäßig anrufen konnte.

Was ich für seine bedingungslose Hingabe gehalten hatte, war eine Lüge gewesen.

All diese nächtlichen Anrufe hatte er nur gemacht, um mich zu beruhigen.

Lag Wendy die ganze Zeit neben ihm?

Schlief das Kind vielleicht ebenfalls friedlich neben ihm?

Er hatte mit einer anderen Frau und ihrem Kind zusammengelegen.

Und gleichzeitig hatte er mich am Telefon beruhigt.

Ich war die ahnungslose Närrin am anderen Ende der Leitung.

Die Absurdität dieser Situation überwältigte mich völlig.

Ich stand auf, ignorierte Ruth und taumelte aus dem Krankenzimmer.

Da die Vorstellung aller anderen von einem Happy End keinen Platz für mich vorsah, konnte ich genauso gut darauf verzichten, seine Ehefrau zu sein.

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