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Kapitel 2: Der Abschied von Eryk

Author: Déesse
last update publish date: 2026-07-14 02:31:53

Lyanna

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In dieser Nacht findet der Schlaf mich nicht. Jedes Mal, wenn ich die Augen schließe, sehe ich das zerknüllte Pergament, die unerbittliche Handschrift, die drei Tage, die mir wie Sand durch die Finger rinnen. Aber es ist nicht die Drohung, die mich wach hält. Es ist die Erinnerung an diesen Blick vor sechs Monaten. Diese Art, wie er mich angesehen hat, als wäre ich die einzige Frau in einem Saal mit dreihundert Personen.

Ich schleiche mich aus meinem Zimmer, als der Mond seinen Zenit erreicht und silberne Pfützen auf die Fliesen der menschenleeren Korridore wirft. Ich kenne diesen Weg in- und auswendig. Den verborgenen Gang hinter dem Wandteppich mit dem Löwen. Die Wendeltreppe, die nach Feuchtigkeit und Erinnerungen riecht. Die kleine Eisentür, die etwas klemmt, wenn man sie aufstößt, und die in die verwilderten Gärten führt, wo Unkraut die Wege überwuchert hat.

Eryk ist schon da.

An die alte Eiche gelehnt, die all unsere geheimen Treffen gesehen hat, das Gesicht zu den Sternen erhoben, als suche er in ihrer Gleichgültigkeit eine Antwort. Der Mond streichelt sein blondes Haar, seinen markanten Kiefer, seine breiten Ritternschultern. Sein halboffenes Hemd gibt den Ansatz seiner Brust frei, diese Linie aus Muskeln, die ich so gut kenne, weil ich sie so oft gestreift habe. Mein Herz schnürt sich so fest zusammen, dass mir der Atem stockt.

Er dreht sich um. Sein Lächeln erlischt augenblicklich.

„Du hast geweint."

Mit drei Schritten durchquert er den Rasen und seine Arme schließen sich um mich. Endlich. Sein Geruch. Leder, Wind, der Duft von Kiefernessenz, den er nach dem Bad immer auf seine Haut gibt. Dieser Geruch, der Heimat, Sicherheit, Liebe bedeutet. Ich breche an ihm zusammen, das Gesicht an seinem Hals vergraben, und ich spüre seinen Puls, der an meiner Schläfe pocht, schnell, verzweifelt.

„Ich will nicht dorthin, Eryk. Ich will diesen Mann nicht heiraten."

Er hält mich fester. Seine Hände gleiten meinen Rücken hinab, seine Finger spreizen sich auf meinen Schulterblättern, pressen mich an ihn.

„Dann lass uns gehen. Jetzt. Heute Nacht."

Er weicht gerade weit genug zurück, um mein Gesicht mit seinen schwieligen Handflächen zu umfassen. Seine blauen Augen tauchen in meine, intensiv, brennend.

„Ich kenne einen Gang unter den Stadtmauern. Wir können vor der Morgendämmerung weit weg sein. Weit weg von diesem König, weit weg von diesem Krieg, weit weg von allem. Ein Dorf, ein Bauernhof, irgendwo. Nur du und ich. Unsere Körper, unsere Nächte, unser Leben. Ich will jeden Morgen mit deinem Haar auf meiner Brust aufwachen. Ich will deinen Bauch rund werden sehen von unseren Kindern. Ich will mit hundert Jahren in deinen Armen sterben, nach einem ganzen Leben, das ich dich geliebt habe."

Seine Worte sind Balsam und Gift zugleich. Sie malen eine unmögliche Zukunft, ein Paradies, das es nicht gibt. Ich sehe die Bilder, die er zeichnet: wir beide in einem behelfsmäßigen Bett, seine Hände auf meiner nackten Haut, sein Atem an meinem Hals, unsere Körper im Morgengrauen ineinander verschlungen. Alles, wovon ich seit meinem sechzehnten Lebensjahr träume. Alles, was uns gehören könnte.

Aber hinter meinen geschlossenen Lidern drängen sich andere Bilder auf. Die Kinder von Valcourt, ihre vom Hunger aufgeblähten Bäuche. Die Mütter, die keine Milch mehr haben. Die Alten, die ihre letzte Brotkruste teilen. Mein Volk. Mein Volk.

„Ich kann nicht."

Meine Stimme zerbricht. Tränen rollen über meine Wangen. Er wischt sie mit dem Daumen fort, verzweifelt zärtlich, und seine Hand gleitet über meine Wange, streift meine Kehle, bleibt auf meinem Schlüsselbein liegen.

„Wenn ich fliehe, macht er alles dem Erdboden gleich. Du weißt, was er in Morneval getan hat. Die auf den Stadtmauern aufgespießten Körper. Die an die Soldaten verkauften Frauen. Er lässt nichts übrig. Nichts und niemanden."

„Dann begleite ich dich. Ich werde dein Schatten. Ich töte ihn, wenn er sich nähert."

„Er würde dich töten. Sieh mich an, Eryk."

Ich lege meine Hände nun an seine Wangen. Sein beginnender Bart sticht in meinen Handflächen. Seine Lippen sind so nah, dass ich ihre Wärme spüre.

„Er würde dich töten und ich würde deinen Tod nicht überleben. Hörst du mich? Ich will nicht in einer Welt leben, in der es dich nicht gibt."

Er schließt die Augen. Seine Stirn berührt meine. Unsere Atemzüge vermischen sich, unsere Tränen ebenso.

„Ich werde dich immer lieben", murmelt er.

„Ich weiß."

Und dann finden meine Lippen seine.

Es ist kein Abschiedskuss mehr. Es ist ein Kuss der Besitzergreifung, der Verzweiflung, der rohen Leidenschaft. Sein Mund zermalmt meinen mit einer Fieberhaftigkeit, die ich nie an ihm gekannt habe. Seine Hände gleiten meinen Rücken hinab, krallen sich in meine Hüften, heben mich fast gegen den rauen Stamm der alten Eiche. Meine Finger verlieren sich in seinem Haar, ziehen, klammern sich fest. Seine Zunge findet meine und ich stöhne gegen seine Lippen, ein animalisches, verzweifeltes Stöhnen, das ich an seiner Haut ersticke.

Seine Lippen verlassen meinen Mund, wandern meinen Hals hinab, verweilen in der Mulde meines Schlüsselbeins. Mein Kopf fällt zurück. Der Stamm der Eiche scheuert an meinen Schulterblättern durch den dünnen Stoff meines Kleides. Ich spüre seinen brennenden Atem auf meiner Haut, seine Zähne, die meine Schulter streifen, und mein ganzer Körper entflammt.

„Eryk..."

Seine Hand gleitet meinen Schenkel hinauf, schiebt einen Teil meines Kleides beiseite. Seine Finger sind schwielig, rau von Kämpfen und Schwertern, aber ihre Liebkosung auf meiner nackten Haut ist von verheerender Sanftheit. Ich wölbe mich ihm entgegen, klammere mich an seine Schultern, und sein Name entweicht meinen Lippen wie ein Gebet. Ich spüre sein Verlangen an meine Hüfte gepresst, so brennend wie meines, und für einen Augenblick, nur einen einzigen, erlaube ich mir, es mir vorzustellen. Hier, jetzt, gegen diesen Baum. Unsere Körper, die sich finden, sich nehmen, sich ein letztes Mal lieben vor der Morgendämmerung.

Aber genau diese Morgendämmerung naht. Ich spüre sie im Tau, der auf das Gras fällt, in der Kälte, die unter meine Kleider kriecht, im ersten Ruf eines einsamen Vogels.

Ich löse mich von ihm. Langsam. Jeder Zentimeter ist eine Folter.

„Ich werde dich auch immer lieben. Aber ich werde niemals dein sein. Nicht so."

Seine Hand sucht meine. Unsere Finger streifen sich. Suchen sich. Verfehlen sich.

Und dann fliehe ich. Ich renne durch den Garten, ich renne durch die Gänge, ich renne bis in mein Zimmer, wo ich auf meinem Bett zusammenbreche, geschüttelt von Schluchzern und ungestilltem Verlangen, der Körper in Flammen, das Herz in Asche.

Morgen werde ich König Kael meine Antwort geben. Morgen werde ich einem anderen Mann versprochen sein.

Aber heute Nacht brenne ich noch für Eryk.

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