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Lyanna
--- Der Rauch steigt noch immer aus den Vorstädten von Valcourt auf, als ich den Ratssaal betrete. Der beißende Geruch von verbranntem Holz dringt durch die schlecht abgedichteten Fenster, vermischt sich mit dem kalten Schweiß der Minister, mit der Angst, die seit einundzwanzig Tagen aus den Steinmauern sickert. Einundzwanzig Tage, an denen die schwarzen Banner mit dem silbernen Wolf vor unseren Stadtmauern wehen. Einundzwanzig Tage, an denen ich aus Solidarität mit meinem Volk mit leerem Magen einschlafe. Mein Vater ist am Ende des Tisches zusammengesunken. Seine Hände zittern auf dem abgenutzten Holz. Er hat seit einer Woche nicht geschlafen. Ich weiß es, weil ich es auch nicht habe. Die Ringe unter meinen Augen sind so tief eingegraben wie die Wangen der Kinder, die ich gestern im Tempelhof gesehen habe – still, resigniert, die Augen viel zu groß in ihren abgemagerten Gesichtern. Kanzler Orvyn weicht meinem Blick aus. „Prinzessin Lyanna, nehmt Platz", murmelt er. Ich setze mich nicht. Mein ganzer Körper ist gespannt wie eine Bogensehne. „Wie viele Tage bleiben uns noch?" Mein Vater hebt den Blick. Seine Augen sind rot, von trockenen Tränen umrandet. „Keine. König Kael hat heute Morgen einen Abgesandten geschickt." Mein Herz setzt aus. Eine Sekunde. Zwei. Dann schlägt es weiter und hämmert gegen meine Rippen wie eine verzweifelte Faust. „Ein Friedensangebot", fährt Orvyn fort und entrollt eine Pergamentrolle. „Sofortig. Ohne Tributforderungen oder militärische Besatzung." Ich spüre die Falle, noch bevor er den Mund öffnet. Ich spüre sie in der lastenden Stille, in der Hand meines Vaters, die sich verkrampft, in dem Schweißtropfen, der an der Schläfe des Kanzlers glitzert. „Im Austausch wogegen?" „Eure Hand, Prinzessin." Meine Hand. Mein Körper. Mein ganzes Leben. Der Raum schwankt. Ich schüttle ungläubig und wütend den Kopf, mein Blut kocht in meinen Adern. „Er belagert mein Königreich, er lässt mein Volk hungern, er beschießt meine Vorstädte und er wagt es, um meine Hand anzuhalten? Sagt ihm, dass ich ablehne. Sagt ihm, dass ich lieber mit der Waffe in der Hand sterbe." Ich stürme hinaus und knalle die Tür zu, die Wangen glühend, die Kehle zugeschnürt. Meine Schritte hallen auf den eiskalten Fliesen wider. Ich laufe zu meinen Gemächern, zu der einzigen Person, die diese Wut lindern kann, die mich verzehrt. Zu Eryk. Aber ich erreiche ihn nicht. Vor meiner Tür wartet ein Mann auf mich. Ein Soldat Kaels. Riesig. Eine alte Narbe durchzieht sein Gesicht. Er trägt keine Rüstung, nur eine schwarze Tunika mit dem Wappen des Wolfes. In seiner behandschuhten Hand ein kleineres, diskreteres Schreiben als die offizielle Botschaft. „Von Seiner Majestät." Ich sollte dieses Pergament zerreißen. Es mit Füßen treten. Ihm meine Weigerung ins Gesicht schleudern. Aber meine Finger schließen sich dennoch um das Papier. Ich entfalte es. Die Handschrift ist präzise, aristokratisch, jeder Buchstabe mit absoluter Beherrschung gezogen. Ein Wort von dir, und ich verschone dein Volk. Eine Weigerung, und ich mache Valcourt dem Erdboden gleich. Jeden Stein. Jeden Turm. Jede Erinnerung. Du hast drei Tage, um zu wählen. Danach gibt es überhaupt keine Wahl mehr. – Kael Ich hebe den Blick. Meine Stimme zittert, aber es ist vor Wut. „Schreibt Euer König immer an seine Opfer, bevor er sie zermalmt?" Der Mann zuckt nicht mit der Wimper. „Seine Majestät schreibt selten. Wenn er es tut, ist er sich der Antwort bereits sicher." Er verbeugt sich und verschwindet im Treppenhaus. Ich lehne mich gegen die eiskalte Wand, das Herz pochend, das zerknüllte Pergament in meiner geballten Faust. Und plötzlich erinnere ich mich. Sechs Monate zuvor. Der Gipfel der benachbarten Königreiche. Ein Raum voller Diplomaten und Prinzen. Kael war da, an eine Säule gelehnt, schweigend, im Hintergrund. Ich hatte kein Wort mit ihm gesprochen. Aber ich hatte ihn gespürt. Seinen Blick auf mir. Schwer, beharrlich, magnetisch. Ein Blick, der auf meinem Nacken verweilte, wenn ich den Kopf drehte, auf meinen Lippen, wenn ich sprach, auf meinen Händen, wenn ich gestikulierte. Ein Blick, der mich weit mehr verwirrt hatte, als ich zugeben wollte. Ich erinnere mich, wie meine Wangen ohne Grund zu glühen begannen, mein Atem kürzer wurde, meine Finger sich fester um meinen Kelch schlossen. Ich erinnere mich, dass ich diesen Saal fluchtartig verließ, das Herz klopfend, weil etwas in mir auf diesen stummen Blick geantwortet hatte. Etwas Animalisches, Instinktives, das ich sofort unter meinem Stolz erstickt hatte. Der Bote hat es vorhin Orvyn bestätigt, in einem Flüstern, das ich beim Weggehen aufgeschnappt habe: Er sah Euch nicht wie eine Feindin an, Prinzessin. Er verschlang Euch mit den Augen. Er verschlang mich mit den Augen. Und jetzt will er den Rest. Meine Haut kribbelt bei diesem Gedanken. Nicht nur vor Angst. Vor etwas anderem, etwas Unaussprechlichem, das ich nicht benennen will. Etwas, das einer gefährlichen Neugier gleicht, einer entsetzten Faszination. Wie würden sich seine Hände auf mir anfühlen, diese Hände, die eine Armee in ihrer Handfläche halten? Wie wäre sein Atem an meinem Nacken, dieser Atem, der über das Schicksal von Königreichen entscheidet? Mein Bauch zieht sich zusammen, und ich verabscheue dieses Gefühl, stoße es mit aller Macht von mir, aber es ist da, heimtückisch, hartnäckig wie Glut unter der Asche. Drei Tage. Ich habe drei Tage, um mich zwischen meinem Volk und meiner Freiheit zu entscheiden. Zwischen meiner Pflicht und meinem Herzen. Zwischen Hass und etwas, das ich noch nicht verstehen will. ---Er weiß es.Mein Blut gefriert in meinen Adern. Dann entflammt es. Er weiß, dass Eryk hier ist, in diesem Saal, nur wenige Dutzend Meter von uns entfernt. Er weiß, dass meine Jugendliebe zusieht, wie sein Rivale mich in seinen Armen hält, meinen Rücken streichelt, mir ins Ohr murmelt. Und er tanzt weiter, als ob nichts wäre, denn genau das will er. Er will, dass Eryk sieht. Er will, dass Eryk leidet. Er will, dass Eryk versteht, dass er verloren hat, dass ich nun unerreichbar bin, gezeichnet, besessen, für immer außer Reichweite.„Du bist blass, Lyanna. Ist es die Hitze? Oder die Anwesenheit von jemandem, den du hier nicht zu sehen gehofft hast?"Seine Hand gleitet meine Wirbelsäule hinauf, langsam, Wirbel für Wirbel, als spiele er auf einem Instrument. Ich spüre jeden Zentimeter meiner Haut unter seinen Fingern erzittern, jedes Nervenende erwachen, jede Zelle meines Körpers auf seine Berührung antworten. Er schiebt den Schleier meiner Haare beiseite, entblößt meinen Nacken und legt s
Zuerst Lady Isadora.Sie sitzt an einem Tisch nahe dem Podest, zu nahe, als dass es Zufall sein könnte. Sie isst nicht. Sie trinkt nicht. Sie ist vollkommen reglos, gerade wie eine Klinge, und sie starrt mich an. Ihr Kleid ist blutrot – die Farbe der Leidenschaft, des Krieges, der Provokation. Der Stoff schmiegt sich wie Wasser an ihre üppigen Kurven, taucht zwischen ihre Brüste, umschmeichelt ihre breiten Hüften, seitlich geschlitzt, um einen seidenumhüllten Schenkel zu enthüllen, wenn sie ihre Position wechselt. Ihr rotes Haar flammt im Kerzenlicht, rieselt über ihre nackten Schultern. Ihre grünen Augen sind zwei vergiftete Smaragde.Sie trägt eine Halskette, die ich erkenne. Einen Anhänger in Wolfsform, ähnlich der Brosche von Kael, aber kleiner, feiner, wie eine weibliche Version desselben Schmuckstücks. Ein Geschenk von ihm? Eine Trophäe ihrer vergangenen Liaison? Eine bewusste Provokation? Vermutlich alles drei zugleich.Sie begegnet meinem Blick und lächelt langsam. Ein Lächeln
Es ist kein keuscher Kuss. Es ist kein Zeremonienkuss. Es ist ein Kuss der Besitzergreifung.Sein Mund ist fest, warm, eindringlich. Er schmiegt sich an meinen mit einer Präzision, die nichts Zufälliges hat, als hätte er diese Geste hundertmal im Kopf geprobt, als kennte er die Form meiner Lippen besser als ich selbst. Er öffnet sich leicht, und ich spüre, wie die Spitze seiner Zunge meine Unterlippe streift, nur ein Streifen, kaum eine Liebkosung, genug, um mich zusammenzucken zu lassen, genug, dass mein Bauch sich heftig zusammenzieht, genug, dass meine Finger sich krampfhaft um den Rosenstrauß schließen.Seine Hand in meinem Haar schließt sich fester, neigt mich ein wenig mehr, vertieft den Kuss um einen Millimeter. Sein Bartansatz scheuert meine Wange, sein Atem vermischt sich mit meinem, und für den Bruchteil einer Sekunde vergesse ich alles. Die Menge. Den Priester. Die erzwungenen Gelübde. Den Krieg. Eryk. Es gibt nur noch diesen Mund auf meinem, diese Wärme, die mich überflute
Der Hohepriester tritt vor. Ein Greis mit runzligem Gesicht, gekleidet in eine purpurne Robe mit schwarzem Pelzbesatz. Seine Hände sind knotig, von Tinte und Zeit gezeichnet. Seine Stimme erhebt sich, tief, feierlich, und hallt unter den steinernen Gewölben wider wie das Urteil eines Richters.„Wir sind heute hier versammelt, vor den Göttern und vor den Menschen, um Seine Majestät Kael, König dieses Reiches, Herrscher der Nördlichen Lande, Beschützer der Marken, mit Prinzessin Lyanna von Valcourt, Tochter des Hauses Valcourt, Erbin der Grünen Hügel, zu vereinen. Mögen die alten und neuen Götter Zeugen dieses Bündnisses sein. Mögen Blut und Glaube diese Verbindung für die Ewigkeit besiegeln."Er wendet sich mir zu. Seine Augen sind grau, verwaschen, und doch durchdringend wie Klingen.„Prinzessin Lyanna von Valcourt, schwört Ihr Treue, Gehorsam und absolute Hingabe an Euren Gemahl, König Kael? Schwört Ihr, ihm Euren Körper, Euren Geist und Eure Seele darzubringen, ihm in allen Dingen z
Lyanna---Der große Thronsaal ist nicht wiederzuerkennen.Ich bleibe auf der Schwelle stehen, den Atem stockend von dem, was ich entdecke. Die Fackeln werfen ein goldenes, tanzendes Licht, das wie flüssige Flammen auf den schwarzen Wandbehängen spielt. Hunderte von weißen Rosen – meine Lieblingsblumen seit meiner Kindheit – schmücken den Altar, die Säulen, die Fenstersimse. Ihr süßer Duft schwebt in der Luft, vermischt mit dem Geruch von Weihrauch und warmem Wachs. Woher weiß er das mit den weißen Rosen? Woher weiß er überhaupt irgendetwas über mich?Hunderte von Gesichtern wenden sich mir zu. Adlige in Prunkgewändern, Soldaten in Paradeuniformen, Diener, die an den Wänden erstarrt sind. Alle schweigen. Alle sind Zeugen meiner Niederlage. Ihre Blicke lasten auf meiner Haut wie ebenso viele unsichtbare Finger. Manche sind neugierig, andere mitleidig, wieder andere offen feindselig – Isadoras Anhänger zweifellos, die in mir eine Eindringlingin sehen, eine Usurpatorin.Mein Kleid ist ei
Lyanna---Am nächsten Tag holt mich eine ältere Dienerin ab. Ihr runzliges Gesicht ist undurchdringlich, ihre Augen gesenkt. Seine Majestät wünscht mich vor der Zeremonie zu sehen. In seinen Privatgemächern. Allein.Mein Herz setzt aus. Dann schlägt es weiter, zu schnell, zu heftig.Ich folge ihr durch das Labyrinth der Gänge. Meine eiskalten Finger sind ineinander verschränkt. Die geschnitzte Doppeltür mit den Wölfen erhebt sich vor mir. Die Dienerin klopft zweimal und tritt zur Seite.„Herein."Diese Stimme. Tief, dunkel, magnetisch. Sie durchdringt die Tür und hallt in meiner Brust wider. Ich atme ein. Ich stoße den Türflügel auf.Der Raum ist riesig. Ein monumentaler Kamin, Regale voller Bücher, ein Tisch, bedeckt mit Karten und Pergamenten. Und in der Mitte, in einem massiven Sessel sitzend, ist er da. Kael. Der Eiskönig.Kein Umhang, keine Rüstung. Nur ein schwarzes Hemd, am Kragen halb geöffnet, das den Ansatz seiner Brust erahnen lässt, das braune Haar darauf, die kraftvollen







