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Kapitel 6: Eine Luna

Author: Vivian
last update publish date: 2026-09-22 22:49:26

LUCIEN

„Eine Luna?“ Ich rief es beinahe heraus, und das Wort kam mir über die Lippen wie irgendeine Art von Abscheulichkeit.

Peter zuckte nicht einmal mit der Wimper. Er saß mir im Büro gegenüber, so ruhig wie immer, die Finger locker ineinander verschränkt auf seinen Knien, als hätte er gerade nicht in einem Raum, der mit Benzin getränkt war, ein Feuer entfacht.

„Ja.“

Ich starrte ihn einen Moment zu lange an. Die Idee war nicht nur unerwartet, sie war geradezu irritierend, wutentfachend.

„Warum zum Teufel sollte ich jetzt eine Luna brauchen?“, fragte ich und hielt meine Stimme ruhig, auch wenn die Schwere hinter meinen Worten unmöglich zu überhören war. „Ich habe schon genug Scheiße am Hals. Ein ganzes Rudel stellt mich auf die Probe, und überall warten Leute nur darauf, dass ich scheitere. Das Letzte, was ich jetzt brauche, ist eine Puppe mit Blumen im Haar und glänzenden Nägeln.“

Peters Lippen verzogen sich amüsiert und zugleich geduldig zu einem leichten Lächeln. Er war der Einzige, der jederzeit in meine Privatsphäre platzen und mir solchen Scheiß erzählen konnte.

Ich kannte ihn schon ewig. Er war der engste Freund meines Vaters, und nach dem Tod meines Vaters hatte er mich praktisch großgezogen. Er war es gewesen, der Alpha Gideon davon überzeugt hatte, mich als seinen Gamma zu behalten, anstatt mich … zu töten.

Ich stieß einen Atemzug aus und zwang diese grausamen Erinnerungen zurück in die hinterste Ecke meines Verstandes, wie unerwünschte Geister, die an einer verschlossenen Tür kratzten.

„Du solltest darüber nachdenken. Eine Luna wird mehr für dich tun, als du glaubst. Du brauchst eine Art Gleichgewicht, Lucien.“

„Gleichgewicht?“

Er nickte einmal. „Du bist viel zu chaotisch. Und ich mache dir deswegen keinen Vorwurf. Ich weiß mehr als jeder andere, was du durchgemacht hast und was du ertragen musstest.“

Er schüttelte leicht den Kopf. Ein ferner Ausdruck lag in seinen Augen, als würde auch er sich an jene Erinnerungen zurückerinnern.

„Du brauchst jemanden, der dich auf dem Boden hält.“

Was zum Teufel?

„Das brauche ich nicht.“

„Ich bin mir sicher, dass nicht einmal du das selbst glaubst. Sieh dich doch an. Wenn deine Feinde dich nicht zerstören, wird es deine Wut tun.“

Das ließ mich meine nächsten Worte hinunterschlucken.

Wut war zu meiner Rüstung geworden. Ich trug sie wie eine zweite Haut und manchmal sogar wie eine Krone.

„Hör zu, Lucien. Du bist jetzt der Alpha, und die Leute beobachten dich. Betrachte das Rudel nicht einfach als den Preis für deine Rache. Führe deine Leute gut. Dein Vater würde das wollen.“

Das schien irgendwo tief in mir einzuschlagen.

„Such dir eine Luna. Jemanden, den du ertragen kannst und den du nicht mit deinen endlosen Wutausbrüchen in den Wahnsinn treibst. Jemanden, der sich mit dem Leben im Rudel und mit Politik auskennt und bereit ist, gemeinsam mit dir etwas aufzubauen.“

Die erste Person, die mir in den Sinn kam, war Davina.

Aber ich wusste, dass das vollkommen ausgeschlossen war. Weit, weit ausgeschlossen.

Abgesehen von ihr hatte ich mich eigentlich nie wirklich auf eine Frau eingelassen. Mein Leben war viel zu chaotisch dafür.

„Und wenn du schließlich eine Luna gefunden hast, zeugt einen Erben. Du hast so lange gekämpft, um hierherzukommen. Also bewahre deine Blutlinie.“

Mein Kiefer zuckte, weil ich wusste, dass er recht hatte.

„Auch die anderen Alphas werden dich mehr respektieren, sobald du anfängst, eine Familie zu gründen. Regiere nicht so, als hättest du nichts mehr zu verlieren. Führe so, als hättest du alles und könntest es dir nicht leisten, auch nur eines davon zu verlieren.“

Er stand auf und signalisierte damit, dass er mit mir fertig war.

„Wähle allerdings weise. Denn die falsche Luna kann dich schneller zerstören als die vereinte Macht aller Rudel zusammen.“

Und wieder dachte ich an sie – Davina.

Nur dass ich in diesem Fall derjenige wäre, der sie zerstören würde.

Der Rest des Tages verging damit, dass ich festsaß und über die Möglichkeit nachdachte, eine Luna zu bekommen.

Ich hasste die Idee noch immer wie Fäulnis unter makelloser Haut. Sie juckte, nagte an mir und wollte einfach nicht verschwinden.

Als wäre das nicht schlimm genug gewesen, musste Peter auch noch Rowan davon erzählen, der die Idee natürlich für brillant hielt.

Er kam in mein Büro, überzeugt davon, dass er jemanden für mich finden konnte.

Im Gegensatz zu mir war Rowan ziemlich gut mit Frauen. Er ging keine festen Beziehungen ein, hatte aber jede Menge Affären. An meinen besseren Tagen zog ich ihn damit auf, dass er sich irgendwann eine Geschlechtskrankheit eingefangen haben würde.

„Gib mir einfach die Erlaubnis. Ich bin mir sicher, dass ich jemanden für dich finden kann.“

Er klang überzeugt, beinahe selbstgefällig, und ich war mir fast sicher, dass er bereits jemanden im Kopf hatte.

Meine Gedanken wanderten zu Davina, und ich fragte mich, ob er sie meinte.

„Meinst du Davina?“, beschloss ich zu fragen.

Er runzelte sofort die Stirn. „Nein.“

Das weckte meine Neugier.

„Warum?“

Auch er warf mir einen finsteren Blick zu. „Du weißt, dass Davina nichts mit dir zu tun haben will. Und sie ist ohnehin schon traumatisiert genug.“

Er war auf eine seltsame Weise so beschützerisch gegenüber Davina, dass es allmählich wirklich nervig wurde.

Während Kane sie tot sehen wollte, wollte Rowan sie retten.

Ich hatte bemerkt, dass er heimlich nach ihr sah, darauf achtete, dass sie gegessen hatte, nicht krank war und nichts unternahm, um sich das Leben zu nehmen.

Es irritierte mich. Sehr.

„Und was geht dich ihr Trauma an?“

Sein Gesichtsausdruck veränderte sich.

„Ich weiß, dass du nur Gerechtigkeit für das willst, was Alpha Gideon getan hat. Aber wir wissen beide, dass Davina an all dem unschuldig ist. Ganz egal, wer ihr Vater ist.“

Ich lächelte.

Doch es lag keine Spur von Humor darin.

„Alpha Gideon hat nicht das Recht verdient, dabei zuzusehen, wie seine Tochter in Sicherheit ist, wie sie frei ist. Diese Gnade hat er mir schließlich auch nicht gewährt.“

„Sei nicht wie er.“

Ich schüttelte langsam den Kopf.

„Ich bin mit ihm als meinem Alpha aufgewachsen. Ich bin schlimmer.“

„Das stimmt nicht“, sagte Rowan mit fester Stimme. „Ich kenne dich.“

Er sah mich an, als wollte er diese Worte damit noch unterstreichen.

Mehr sagte er nicht. Er verbeugte sich nur leicht und verließ den Raum, sodass ich allein mit meinen Gedanken zurückblieb.

Ich mochte Gedanken nicht.

Gedanken bedeuteten diese Erinnerungen.

Um diese Erinnerungen aufzuhalten, konnte ich an eine Ablenkung denken.

Aber Ablenkungen bedeuteten Davina.

Und Davina war gefährlich.

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