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Kapitel 2

Penulis: Michelle
Meine Eltern kamen vierzig Minuten zu spät zu unserer Abschlussfeier.

Meine Mutter schrieb mir: „Lily hat es sich mit den Schuhen zu ihrem Talar anders überlegt.“ Dad wies mich an, Plätze für alle freizuhalten und darauf zu achten, dass Lily am Gang saß, weil sie es hasste, wenn ihr jemand die Sicht versperrte.

Als sie eintrafen, war ich bereits über die Bühne gegangen und hatte die Medaille für herausragende Leistungen in Biologie entgegengenommen.

Ich stand nahe den Türen des Saals, während Ethan Lilys Quaste richtete und Ryan sich hinkniete, um ihr Staub von den Schuhen zu wischen. Mein Vater machte ein Foto nach dem anderen, und meine Mutter erinnerte Lily unablässig daran, das Kinn zu heben und sich zum Licht zu drehen.

Niemand bemerkte die silberblaue Medaille um meinen Hals.

Der Fotograf fragte, ob wir ein Familienporträt wollten. Meine Mutter hatte gerade zugestimmt, als Lily sich bei mir einhakte und ihn anlächelte. „Können Sie zuerst eines von Nora machen? Sie lässt sich nicht gern fotografieren. Lassen Sie sie nicht schon wieder hinten verschwinden.“

Sie schob mich vor den Hintergrund. Noch bevor ich richtig stand, klingelte ihr Handy.

Lily warf einen Blick auf den Bildschirm und schlug sich die Hand vor den Mund. „Oh mein Gott. Ich bin im Erstsemester-Botschafterteam der BU!“

Meine Eltern eilten zu ihr und umarmten sie. Der Fotograf schwenkte seine Kamera herum und fing diesen perfekten Augenblick in seiner Gänze ein.

Am Ende bekam ich ein einziges Foto von mir allein. Meine Augen waren halb geschlossen, und am Bildrand war Ethan mit Lilys Kleidersack zu sehen.

Auf der Heimfahrt schien mein Vater sich an etwas zu erinnern. „Nora, ich habe gehört, wie sie deinen Namen aufgerufen haben. Hast du auch etwas gewonnen?“

Bevor ich antworten konnte, drehte Lily sich auf dem Beifahrersitz um. „Dad, mach doch nicht immer alles an Noten und Auszeichnungen fest. Sonst glaubt Nora noch, wir würden uns vergleichen. Menschen brauchen keine Trophäen, um etwas wert zu sein.“

Einen Moment lang wurde es still im Auto.

Meine Mutter lächelte sie an. „Du weißt immer, wie man die Gefühle anderer schützen kann.“

Mein Vater fragte nie, weshalb ich auf der Bühne gewesen war.

Ich nahm die Medaille ab und steckte sie in das Innenfach meiner Segeltuchtasche. Lily hatte nicht ausdrücklich behauptet, ich hätte nichts gewonnen. Sie hatte allen lediglich einen freundlich klingenden Grund geliefert, genau das anzunehmen.

Darin war sie schon immer gut gewesen.

An unserem zehnten Geburtstag hatte ich Großmutters Teleskop kaum ausgepackt, als Lily wegen eines Albtraums in Tränen ausbrach. An unserem sechzehnten war meine Torte gerade auf den Tisch gekommen, als sie mit der Nachricht von ihrer Hauptrolle im Schulmusical herausplatzte. Am Ende blies sie meine Kerzen aus.

Lily riss das Rampenlicht nie an sich.

Sie brauchte es nur zufällig immer dann am dringendsten, wenn eigentlich ich darin stehen sollte.

Am Morgen nach der Abschlussfeier ging ich wieder in der unabhängigen Buchhandlung in der Innenstadt arbeiten. Vier Jahre lang hatte ich meinen Wochenendlohn, Preisgelder aus Wissenschaftswettbewerben und Geldgeschenke zum Geburtstag auf ein Jugendsparkonto bei der Beacon Credit Union eingezahlt.

Mom hatte das Konto mitunterzeichnet, als ich es mit vierzehn eröffnete. Seit meinem achtzehnten Geburtstag hätte ich sie austragen lassen können, doch mir war nie in den Sinn gekommen, dass meine eigene Mutter mein Geld nehmen könnte.

In meiner Pause prüfte ich den Kontostand.

Rund 5.600 Euro.

Das war das letzte Puzzleteil für meinen Weg nach Edinburgh.

Mein Reisepass, mein Visum und der Wohnheimantrag waren fertig. Selbst ohne Vollstipendium würden meine Ersparnisse und die bereits bewilligten Fördermittel mich durch das erste Jahr bringen.

Ich schloss die Banking-App und öffnete meine E-Mails. Beim Caledonia-Global-Scholars-Programm stand noch immer: „Finalistin“.

Ryan hatte mir geholfen, den Bewerbungsaufsatz zu überarbeiten. Er wusste, warum ich fortmusste, und er wusste, was dieses Sparkonto mir bedeutete.

Doch als er an jenem Abend mit zwei Milchshakes vorbeikam, erinnerte er sich daran, dass Lily Hafermilch, zwei Spritzer Karamellsirup und keine Schlagsahne wollte.

Der Becher, den er mir reichte, war mit zerstoßenen Pekannüssen bedeckt.

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