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Kapitel 3

Michelle
Ich starrte durch den Plastikdeckel auf die Schicht aus gehackten Nüssen, die Hände steif an den Seiten.

Ryan hatte sich längst neben Lily gesetzt und half ihr, Kleider für ihre Abschlussreise nach Santorin auszusuchen. Als er mich an der Kücheninsel stehen sah, fragte er: „Was ist denn? Ahorn-Pekannuss ist hier die Saisonspezialität.“

„Ich bin schwer allergisch gegen Schalenfrüchte.“

Er zögerte, als müsste er erst abwägen, ob ich absichtlich Ärger machte. „Hast du als Kind nicht mal einen Walnuss-Brownie gegessen?“

„Und die Nacht danach in der Notaufnahme verbracht.“

Mit dreizehn hatte Ryan neben mir auf jenem Krankenhausflur gesessen. Zitternd hatte er versprochen, fortan immer die Allergenliste zu prüfen, wenn er mir etwas zu essen kaufte.

Fünf Jahre später erinnerte er sich daran, dass Lily keine normale Milch mochte, vergaß aber, was mir die Luft abschnüren konnte.

Ethan kam aus dem Wohnzimmer, und sein Blick fiel auf den Becher in meiner Hand. „Kannst du die Nüsse nicht einfach abkratzen? Ryan hat sich extra die Mühe gegeben, dir etwas mitzubringen, und du hast dich nicht einmal bedankt.“

„Ein Allergen ist keine Garnitur. Oben abkratzen macht den Shake nicht unbedenklich.“

Lily legte ihr Handy weg. „Lass sie in Ruhe, Ethan. Nora war schon immer besonders vorsichtig. Wenn sie das Risiko nicht eingehen will, ist das in Ordnung.“

Dann schob sie mir ihren Karamellshake hin. „Du kannst meinen haben. Wegen der Urlaubsfotos wollte ich mir heute eigentlich nur eine einzige Leckerei gönnen, aber schon gut.“

Mutter sprang dazwischen. „So kurz vor dem Shooting darfst du deine Ernährung nicht durcheinanderbringen. Wenn Nora ihren nicht will, muss sie ihn nicht trinken. Du solltest deshalb nicht auf deinen verzichten.“

Ich stellte den Ahorn-Pekannuss-Shake zurück auf die Arbeitsplatte. „Lass gut sein. Ich will gar nichts.“

Ryans Miene verhärtete sich. „Nora, ich habe es ein einziges Mal vergessen. Musst du daraus eine Szene machen?“

Ich sah ihn an und begriff, dass selbst Enttäuschung hier verschenkte Kraft war.

Wer mich wirklich kannte, tut einen Fehler, der mich ins Krankenhaus bringen konnte, nicht als Lappalie ab und erwartet dann auch noch, dass ich ihn vor seiner Blamage bewahre.

Ich ging nach unten, um die Kaution für meine Unterkunft in Edinburgh zu überweisen.

Als sich die Seite meiner Bank neu lud, standen noch 36 Euro auf meinem Konto.

Dreimal lud ich sie neu, bevor ich meinen Augen traute. Ganz oben in der Umsatzliste stand, schmerzhaft deutlich: 5.500 Euro überwiesen auf das Haushaltskonto von Diane Bennett.

Der Zeitstempel: an diesem Morgen, 9:13 Uhr.

Ich rannte nach oben. Auf dem Fernseher liefen Lilys Reisefotos: weiße Klippen, Kirchen mit blauen Kuppeln, Infinity-Pools. Mutter verglich gerade, welche Villa den schönsten Sonnenuntergang bot.

„Hast du das Geld von meinem Konto überwiesen?“ Ich hielt ihr mein Handy hin.

Sie warf einen Blick darauf und sah weg. „Ich habe davon Lilys Flug und die Anzahlung für die Villa bezahlt. Warum regst du dich so auf?“

„Das war mein Geld fürs Studium.“

„Du hast doch Fördermittel.“ Mutter runzelte die Stirn. „Wir wussten, dass du schon irgendwie klar kommst. Lily hat diese Reise mit ihren Freundinnen längst zugesagt. Jetzt abzuspringen wäre eine Blamage.“

Vater legte endlich die Fernbedienung weg. „Deine Mutter hätte dich vorher informieren müssen, aber das Geld ist ausgegeben. Setzen wir uns hin und reden darüber wie eine Familie.“

„Worüber? Wann ihr mir das Geld zurückzahlt?“

Da schossen Lily die Tränen in die Augen. Sie rief die Buchungsseite auf und hielt sie mir hin. „Wenn du das Geld wirklich brauchst, sage ich ab. Aber die Flüge und Villa sind nicht erstattungsfähig, und die anderen verlieren einen Teil ihrer Anzahlung. Ich wusste nur nicht, dass du mir eine einzige Reise so missgönnen könntest.“

Sie wusste, dass das Geld nicht zurückzuholen war, und legte die Entscheidung trotzdem in meine Hände. Bestand ich darauf, ließ ich am Ende alle platzen.

„Ich missgönne dir nichts“, sagte ich. „Ich will mein Geld zurück.“

Mutter fuhr hoch. „Tu nicht so, als hätten wir dich ausgeraubt. Du lebst unter unserem Dach. Wir bezahlen dein Essen, das Auto und deine Versicherung. Lily braucht das Geld dringender als du.“

„Eine Reise nach Santorin ist doch kein Bedürfnis.“

Ethan stellte sich schützend vor sie. „Warum muss bei dir alles zum Wettkampf zwischen dir und Lily werden? Lily hat angeboten abzusagen. Was willst du noch?“

Ich hob mein Handy an, um die Bank anzurufen, doch Ethan riss es mir aus der Hand und hielt es über meine Reichweite

„Gib es her.“

„Wenn du dich beruhigt hast.“

„Ich bin beruhigt. Wenn das Geld nicht zurückkommt, fechte ich die Überweisung an und schalte einen Walt ein.“

Vaters Miene versteinerte „Du drohst deiner eigenen Mutter wegen 5.500 Euro? Hast du überhaupt eine Ahnung, wie unsere Familie dadurch dastehen würde?“

Selbst jetzt war ihnen der Schein wichtiger als das, was Mutter getan hatte.

Ryan trat an Lilys Seite und senkte die Stimme. „Blas die Sache nicht auf. Du warst schon immer auf dich allein gestellt. Lily ist nicht wie du.“

Da war sie wieder.

Weil ich für mich sorgen konnte, durften sie mein Geld nehmen. Weil ich nicht weinte, konnte mein Schmerz warten. Weil ich immer einen Ausweg fand, durften sie mir den Weg versperren und mich dafür loben, dass ich es trotzdem durchkam.

Mutter nahm Ethan mein Handy ab und gab es Vater. „Du bleibst heute zu Hause und denkst darüber nach, was du tust. Wenn du bereit bist, dich bei Lily zu entschuldigen, reden wir über das Geld.“

„Ich entschuldige mich nicht.“

Sie lachte, ohne jede Heiterkeit. „Dann sei eben weiter stur. Ich wäre neugierig, wohin du mit 36 Euro auf dem Konto willst.“

Ich holte mir mein Handy zurück, ging nach unten und schloss die Tür ab.

Das Stipendienportal war noch geöffnet. Ich lud den Überweisungsbeleg, meine Lohnabrechnungen und eine kurze Erklärung hoch und bat darum, berücksichtigt zu werden, falls ein voll finanziertes Stipendium frei würde.

Nachdem ich alles abgeschickt hatte, zeigte das Portal eine einzige graue Zeile.

„Unterlagen in Prüfung“

Oben fing bald wieder das Lachen an. Niemand kam herunter, um nach mir zu sehen. Niemand glaubte, dass ich wirklich gehen würde.

Sie rechneten damit, dass ich am Ende doch tat, was ich immer tat – mich zuerst entschuldigte –, wenn sie mich nur beim Abendessen übergangen und kein Wort mit mir geredet hätten.

Doch in jener Nacht, als ich im Dunkeln saß und nur noch 36 Euro besaß, begriff ich endlich die Wahrheit. Diese Familie hatte mir nie einen Ausweg offengelassen.

Also musste ich mir selbst einen schaffen.

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