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EPISODE 6

Author: Sasha B.
last update publish date: 2026-07-11 17:01:40

**EPISODE 6 – KÄFIG UND KETTEN**

Ich weine nicht oft.

Irgendwann wurde ich taub. Ich hatte mich so sehr an meine täglichen Routinen, die Bestrafungen, die Regeln und die Stille gewöhnt, dass diese Gefühle zu einer fernen Erinnerung verblassten. Schmerz war ein ständiger Begleiter geworden, so vertraut, dass er mich nicht mehr zu Tränen rührte.

Das letzte Mal, an das ich mich erinnere, geweint zu haben… war, als der Wächter mich vor ein paar Monaten ausgepeitscht hat.

Selbst damals zeigte mein Gesicht nichts. Keine Angst, keine Wut, keine Trauer. Nur Leere. Aber die Tränen kamen trotzdem. Langsam rollten sie über meine Wangen, sammelten sich an der Spitze meines Kinns und fielen dann auf den Stahlboden des Käfigs, in den sie mich gesperrt hatten. Jeder Tropfen hallte leise auf dem Metall wider – winzige Erinnerungen an die Last, die ich in mir trug.

Meine Brust schmerzte, nicht von der körperlichen Qual, sondern von etwas Tieferem.

Ich hatte meinen Hund zurückgelassen.

Und ich konnte nichts dagegen tun. Egal, wie sehr ich es wollte, egal, wie sehr ich versuchte, einen Ausweg zu finden… ich konnte nicht. Flucht war unmöglich. Und selbst wenn ich entkommen wäre – wohin hätte ich gehen sollen? Ich werde sterben.

Ich hatte es bereits akzeptiert. Mein Schicksal war besiegelt, und daran war nichts mehr zu ändern.

Trotzdem gab es eine Reue, eine Sache, die ich ungeschehen machen wollte: Wolfie zurückzulassen.

Dieser Moment vorhin… ich wusste nicht, dass es unser letzter sein würde. Hätte ich es gewusst, hätte ich ihn umarmt. Ich hätte ihn festgehalten, während er noch schlief, die Wärme seines Fells und seinen Geruch in mich aufgenommen. Aber ich habe es nicht getan. Und jetzt ist es zu spät.

Während die Kutsche rumpelnd weiterfuhr, gab ich der Erschöpfung schließlich nach. Mein Körper sackte gegen die kalten, harten Stäbe des Käfigs. Die Räder drehten sich unaufhörlich weiter, während die Hufe der Pferde über den steinigen Boden klapperten. Es war laut, monoton und zermürbend. Die gesamte Fahrt schaukelte in einem widerlichen Rhythmus, jeder Ruck machte mich schwindeliger.

Die Sonne stieg höher am Himmel und brachte die Hitze mit sich. Sie schlich sich langsam heran, erstickend und trocken. Schweiß klebte auf meiner Haut. Meine Kehle juckte vor Durst. Ich konnte kaum schlucken. Meine Lippen waren aufgesprungen.

Alles, was wir passierten, waren Wälder und weite offene Felder – endloses Grün und Gold unter der Sonne. Keine Städte, keine Menschen. Nur der einsame Weg vor uns und die tiefe Stille, die damit einherging.

Ich schloss die Augen, nicht weil ich müde war, sondern weil ich nichts mehr sehen wollte. Ich war nicht in der Verfassung zu schlafen, aber ich wollte einfach nur verschwinden.

Diese Reise fühlte sich an, als würde sie nie enden.

Doch dann… ein plötzlicher Ruck unterbrach den Rhythmus.

Die Kutsche kam zum Stehen.

Meine Augen flatterten langsam und schwer auf. Erst jetzt bemerkte ich, dass sich der Himmel verändert hatte. Der Tag neigte sich dem Ende zu. Die Sonne versank hinter den Bäumen. Kein Wunder, dass ich schon früher Krähen gehört hatte. Ihr Krächzen hatte mich vor der hereinbrechenden Dämmerung gewarnt.

Wir hatten mitten in einem Wald angehalten.

Die Luft summte vom lauten, unablässigen Klang der Insekten, der jeden Winkel um uns herum erfüllte. Und dann, aus dem Augenwinkel, fiel mir etwas auf.

Ein Haus.

Es war etwas zwischen den Bäumen versteckt, gerade so sichtbar, dass es eine unbestimmte Unruhe in mir auslöste.

Von meinem Käfig aus erhaschte ich einen Blick auf ein Gebäude in der Ferne – eine Art Schankhaus. Die breiten Holztüren standen offen und ließen das flackernde Licht von drinnen auf die Lichtung fallen. Durch die Öffnung sah ich mehrere Männer an niedrigen Tischen sitzen. Ihre Stimmen waren laut und hemmungslos, während sie lachten und durcheinanderriefen. Große Krüge klirrten in ihren Händen, gefüllt mit einem schäumenden Getränk, das sie ununterbrochen nachgossen und tranken.

Selbst aus der Entfernung, in der ich saß, konnte ich den scharfen Geruch des Alkohols riechen, den sie tranken. Er lag schwer in der Luft. Ein dicker, beißender, bitterer Geruch, so stark, dass er einem allein vom Einatmen die Kehle verbrennen konnte.

Während ich still in diese Richtung starrte, sah ich, wie der Unsterbliche von seinem Pferd stieg. Ich beobachtete, wie er auf das Haus zuging. Als er eintrat, begrüßte ihn einer der Bediensteten vertraut. Es schien, als wäre er dort bekannt.

Ich wandte den Blick schnell ab und schluckte schwer. Meine Kehle war so trocken, dass es sich anfühlte, als würde ich Sand hinunterwürgen. Alles war ausgedörrt und rissig.

Die Zeit verging langsam. Der Himmel färbte sich in ein tiefes, verbranntes Orange, die Sonne verschwand hinter dem dichten Blätterdach des Waldes. Die Dämmerung senkte sich herab.

Mit dem Hunger, der in meinem Magen rumorte, und dem Durst, der an meiner Kehle nagte, dachte ich mir, ich könnte genauso gut versuchen zu schlafen. Vielleicht würde die Bewusstlosigkeit den Schmerz in meinem Körper lindern.

„Wach auf, Sklavin. Ich habe die Handschellen schon vorhin aufgeschlossen.“

Doch gerade als ich die Augen schließen wollte, durchbrach eine tiefe, raue Stimme die Stille und holte mich vollends zurück in die Realität.

Ich drehte langsam den Kopf. Es war der Unsterbliche. Er stand jetzt direkt vor dem Käfig, und in seinen behandschuhten Händen hielt er etwas zu essen – einen groben Brocken Brot, gefüllt mit Fleischscheiben und etwas Eingelegtem. Der Geruch traf mich sofort.

Ohne viele Worte zu verlieren, schob er die Hand durch die Gitterstäbe und legte das Essen mit einem schweren Aufprall auf den Boden.

„Iss das“, sagte er in einem festen, emotionslosen Ton.

„Ich… ich habe Durst…“, krächzte ich.

„Hier gibt es kein Wasser“, antwortete er nüchtern. „Aber du kannst aus dem nahen Bach trinken. Ich werde dich zuerst anketten, nur zur Sicherheit. Es dauert nur ein paar Minuten.“

Er ging zu seinen Pferden und holte etwas aus einer Ledertasche, die an der Seite hing. Leises Metallklirren war zu hören, als er eine Kette hervorzog. Nicht zu dick, aber lang genug.

Sasha B.

💜

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