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1 Kapitel - Blackwood Manor

작가: Nessa Noir
last update 게시일: 2026-07-23 00:30:59

Der Regen begann genau in dem Moment, in dem mein Navigationsgerät den Geist aufgab.

Natürlich.

Ich klopfte zweimal gegen das Display, als würde sich die Technik durch pure Verzweiflung einschüchtern lassen.

„Bitte wenden“, krächzte die Stimme ein letztes Mal.

Dann wurde der Bildschirm schwarz.

„Sehr hilfreich.“

Vor mir lag nur noch eine schmale Straße, die sich zwischen hohen, dicht stehenden Bäumen hindurchwand. Der Himmel war beinahe genauso dunkel wie der Wald, obwohl es erst kurz nach vier Uhr nachmittags war.

Seit über einer Stunde war mir kein anderes Auto begegnet.

Kein Haus.

Keine Tankstelle.

Nicht einmal ein vernünftiges Straßenschild.

Nur Bäume, Regen und der Brief auf dem Beifahrersitz.

Ich hatte ihn inzwischen so oft gelesen, dass ich jedes Wort auswendig kannte.

Gemäß dem letzten Willen von Frau Vivienne Moreau sind Sie als Erbin eines hälftigen Anteils am Anwesen Blackwood Manor eingesetzt worden.

Ein halbes Herrenhaus.

Von einer fremden Frau.

Das klang nicht wie ein Erbe. Es klang wie der Anfang einer schlechten Fernsehsendung, in der sich am Ende herausstellte, dass alles nur ein ausgeklügelter Betrug war.

Trotzdem war ich gefahren.

Vielleicht, weil meine Wohnung seit zwei Monaten gekündigt war.

Vielleicht, weil mein Bankkonto mich jeden Morgen daran erinnerte, dass Stolz keine Rechnungen bezahlte.

Oder vielleicht, weil ich wissen wollte, warum eine Frau, deren Namen ich noch nie zuvor gehört hatte, mir etwas hinterlassen hatte.

Der Wald öffnete sich plötzlich.

Ich trat auf die Bremse.

Vor mir erhob sich ein schwarzes, schmiedeeisernes Tor. Die Spitzen der Gitterstäbe ragten wie Speere in den grauen Himmel. In der Mitte prangte ein kunstvoll geschwungenes M.

Moreau.

Hinter dem Tor führte eine lange Auffahrt einen Hügel hinauf. Zwischen Nebel und Regen konnte ich die Umrisse eines Gebäudes erkennen.

Nein.

Nicht eines Gebäudes.

Eines Monuments.

Blackwood Manor thronte über dem Tal wie etwas, das dort nicht erbaut, sondern aus der Erde gewachsen war. Dunkler Stein. Hohe Fenster. Türme, spitze Dächer und verwitterte Wasserspeier.

Das Haus war wunderschön.

Und es sah aus, als hätte es schon Menschen verschluckt.

Ich ließ das Fenster einen Spalt herunter und drückte auf den Knopf der Gegensprechanlage.

Nichts geschah.

Ich drückte noch einmal.

„Hallo?“

Nur das Prasseln des Regens antwortete mir.

Ich wollte gerade aussteigen, als das Tor mit einem tiefen metallischen Knarren aufschwang.

Einladend wirkte es nicht.

Eher so, als hätte es mich erwartet.

„Na wunderbar.“

Ich fuhr hindurch.

Während ich die Auffahrt hinauffuhr, schlossen sich die Bäume hinter mir. Rosenbüsche säumten den Weg. Selbst im Regen erkannte ich ihre tiefrote Farbe.

Einige Blüten waren bereits verwelkt.

Die dunklen Blätter klebten auf dem nassen Boden wie geronnenes Blut.

Ich schob den Gedanken beiseite.

Als ich vor dem Herrenhaus anhielt, stand bereits ein Mann auf der breiten Steintreppe.

Er trug keinen Schirm.

Der Regen fiel auf sein schwarzes Haar und zog dunkle Spuren über seinen Mantel. Trotzdem bewegte er sich nicht. Er stand einfach da, die Hände in den Taschen, und beobachtete mich.

Seine Haltung verriet mir sofort, dass er kein Angestellter war.

Dafür lag zu viel Selbstverständlichkeit in der Art, wie er den Platz vor dem Haus einnahm.

Als würde ihm nicht nur das Gebäude gehören.

Sondern alles, was es berührte.

Ich stellte den Motor ab.

Für einen Moment blieb ich sitzen.

„Du bist vier Stunden gefahren“, murmelte ich. „Jetzt steigst du auch aus.“

Kaum hatte ich die Tür geöffnet, traf mich der Regen mit voller Wucht. Ich schnappte meine Tasche und hastete zur Treppe.

Der Mann kam mir keinen Schritt entgegen.

Aus der Nähe wirkte er noch einschüchternder.

Groß.

Breite Schultern.

Dunkle Augen, deren Farbe im schwachen Licht kaum zu erkennen war.

Sein Gesicht war markant, beinahe zu schön, um freundlich zu wirken. Ein schmaler Schatten von Bart lag auf seinem Kiefer. Über seiner rechten Augenbraue verlief eine feine Narbe.

Er sah mich an, als wäre ich ein Problem, das jemand vor seiner Tür abgestellt hatte.

„Elena Hartmann“, sagte er.

Es war keine Frage.

Seine Stimme war tief und ruhig.

„Und Sie müssen Lucien Moreau sein.“

Sein Blick glitt über mein Gesicht, dann zu meinem alten Wagen.

„Sie sind spät.“

Ich blinzelte.

„Mein Navigationsgerät ist ausgefallen.“

„Die Uhrzeit war im Schreiben eindeutig.“

„Der Wald hat meine Entschuldigung leider nicht angenommen.“

Etwas veränderte sich in seinem Blick.

Nicht Belustigung.

Eher Überraschung darüber, dass ich ihm widersprach.

„Dr. Keller wartet seit einer Stunde.“

„Dann sollten wir ihn nicht noch länger warten lassen.“

Ich wollte an ihm vorbeigehen, doch Lucien machte einen Schritt zur Seite und versperrte mir den Weg.

„Bevor Sie hineingehen, sollten Sie eine Sache verstehen.“

Ich hob den Blick zu ihm.

„Welche?“

„Dieses Haus gehört nicht Ihnen.“

„Laut Testament zur Hälfte schon.“

Sein Kiefer spannte sich an.

„Ein Blatt Papier macht Sie nicht zu einer Moreau.“

„Das ist beruhigend. Ich hatte nicht vor, meinen Nachnamen zu ändern.“

Zum ersten Mal lag etwas beinahe Gefährliches in seinem Gesicht.

„Sie wissen nicht, worauf Sie sich eingelassen haben.“

„Dann ist es ja gut, dass ich gekommen bin, um es herauszufinden.“

Ein Windstoß fuhr über die Treppe. Ich fröstelte, weigerte mich aber, den Blick abzuwenden.

Lucien musterte mich lange.

„Sie sollten umkehren.“

„Ich bin vier Stunden durch Regen gefahren.“

„Dann fahren Sie vier Stunden zurück.“

Ich lachte leise auf.

Nicht, weil es lustig war.

Sondern weil ich nicht glauben konnte, wie selbstverständlich er glaubte, mich fortschicken zu können.

„Sie kennen mich nicht.“

„Ich weiß genug.“

Die Worte trafen mich unerwartet.

„Was soll das heißen?“

Bevor er antworten konnte, öffnete sich die schwere Eingangstür.

Ein älterer Mann mit grauem Haar und einer randlosen Brille trat hinaus.

„Frau Hartmann.“ Er wirkte erleichtert. „Endlich. Bitte kommen Sie herein.“

Lucien trat zur Seite.

Sein Blick blieb auf mir liegen, während ich an ihm vorbeiging.

Es fühlte sich nicht wie ein Sieg an.

Eher wie das Betreten einer Falle.

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