Die letzten Tage auf Blackwood Manor hatten Elena mehr aufgewühlt, als sie sich eingestehen wollte.
Seit ihrer Ankunft schien jeder Tag mehr Fragen als Antworten mit sich zu bringen. Namen, Blicke, Orte... alles fühlte sich an, als würde es nach ihr greifen, ohne dass sie verstand, warum.
Sie trat ans Fenster ihres Zimmers.
Draußen lag das Herrenhaus still unter dem silbernen Licht des Mondes. Der Rosengarten wirkte friedlich, beinahe unwirklich. Der Wind ließ die Blätter der alten Bäume leise rascheln, als würden sie miteinander flüstern.
Ein Seufzen entglitt ihr.
Sie wandte sich vom Fenster ab.
Das Mondlicht fiel durch die hohen Scheiben direkt auf den alten Schreibtisch in der Ecke ihres Zimmers. Dort lagen ein schlichter Collegeblock und ein schwarzer Füller, den Martha ihr am Morgen wortlos hingelegt hatte.
Damals hatte Elena sich nichts dabei gedacht.
Jetzt blieb sie einen Moment davor stehen.
Vielleicht...
tat es gut, die Gedanken endlich nicht mehr nur im Kopf mit sich herumzutragen.
Langsam setzte sie sich.
Sie schlug die erste leere Seite auf.
Einen Augenblick lang starrte sie auf das weiße Papier.
Dann setzte sie den Füller an.
21. Juli 2026
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...
Ich weiß nicht mehr, wem ich glauben soll.
Als ich hier ankam, dachte ich, Blackwood Manor wäre nur ein altes Herrenhaus mit einer traurigen Vergangenheit. Inzwischen glaube ich, dass dieses Haus selbst Teil dieser Vergangenheit ist.
Und ich...
gehöre irgendwie dazu.
Ob ich will oder nicht.
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Martha gibt mir das Gefühl, willkommen zu sein.
Manchmal schaut sie mich an, als würde sie sich über etwas freuen.
Und im nächsten Augenblick wirkt sie traurig.
Als hätte sie Angst, etwas Falsches zu sagen.
Ich frage mich immer öfter, ob sie mich wirklich erst seit ein paar Tagen kennt.
Oder schon viel länger.
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Emilia beschäftigt mich.
Sie erzählt Geschichten über meine Kindheit, als wäre sie dabei gewesen.
Aber ich erinnere mich nicht. Wie kann das sein?
Es ist nicht über irgendein Kind.
Sie erzählt über mich.
Sie lächelt, wenn sie davon spricht.
Und trotzdem liegt in ihren Augen eine Traurigkeit, die ich nicht verstehe.
Manchmal glaube ich, sie möchte mir etwas sagen.
Und im nächsten Moment zieht sie sich wieder zurück.
Warum?
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Lucien ist ein Rätsel.
Ich weiß nie, woran ich bei ihm bin.
Mal wirkt er kühl.
Dann wieder sehe ich einen Blick in seinen Augen, den ich nicht erklären kann.
Fast so...
als würde auch er nach etwas suchen.
Vielleicht irre ich mich.
Vielleicht wünsche ich mir einfach, dass ich mit diesem Gefühl nicht allein bin.
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Elias macht es mir am schwersten.
Er ist freundlich.
Ruhig.
Fast väterlich.
Und trotzdem habe ich das Gefühl, dass jedes Mal, wenn ich eine Frage stelle, eine unsichtbare Tür zwischen uns zufällt.
Nicht laut.
Ganz leise.
Aber sie schließt sich.
Ich frage mich, ob er mich beschützen möchte.
Oder ob er Angst hat, was passiert, wenn ich die Wahrheit erfahre.
Aber ... welche Wahrheit?
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Heute habe ich mich zum ersten Mal dabei erwischt, wie ich Blackwood Manor nicht mehr als fremden Ort angesehen habe.
Das macht mir Angst.
Denn wenn sich ein Ort wie Zuhause anfühlt...
muss man sich irgendwann fragen...
ob man ihn jemals verlassen hat.
Und war ich überhaupt schon ein Mal hier?
So viel Angst in mir..
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Das Verrückteste ist:
Ich beginne mich weniger vor den Antworten zu fürchten...
als vor den Erinnerungen.
Was, wenn alles stimmt?
Was, wenn Emilia recht hat?
Was, wenn ich mich eines Tages an alles erinnere?
Und was, wenn ich die Frau, die ich heute bin, danach nicht mehr wiedererkenne?
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Trotz allem...
möchte ich morgen weitersuchen.
Nicht, weil ich Antworten brauche.
Sondern weil ich langsam das Gefühl bekomme...
dass irgendwo zwischen diesen alten Mauern ein Teil von mir auf mich wartet.
Und vielleicht...
wartet er schon viel länger auf mich, als ich auf ihn.
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Langsam legte Elena den Füller zur Seite.
Sie las die Zeilen noch einmal.
Ein leises Lächeln huschte über ihr Gesicht.
Sie hatte keine Antworten gefunden.
Aber zum ersten Mal seit ihrer Ankunft hatte sie das Gefühl, dass ihre Gedanken nicht mehr nur in ihrem Kopf gefangen waren.
Vorsichtig schloss sie den Collegeblock und legte den Füller daneben.
Draußen zog eine Wolke vor den Mond. Für einen kurzen Augenblick lag Blackwood Manor im Dunkeln.
Als das silberne Licht zurückkehrte, trat Elena noch einmal ans Fenster.
Ihr Blick glitt hinunter in den Rosengarten.
Er wirkte friedlich.
Fast so...
als würde das Herrenhaus schlafen.
Doch tief in ihrem Inneren wusste Elena, dass Blackwood Manor niemals wirklich schlief.
Es wartete.
Worauf...
wusste sie noch nicht.
Noch einen Augenblick blieb Elena am Fenster stehen.
Das silberne Mondlicht ließ die Mauern des Herrenhauses beinahe unwirklich erscheinen.
Schließlich atmete sie tief durch und zog die Vorhänge langsam zu.
Mit einem leisen Rascheln verschwand das Mondlicht aus ihrem Zimmer.
Nur die Dunkelheit blieb zurück.
Elena löschte die kleine Nachttischlampe.
Für einen Moment lauschte sie.
Das Knarren der alten Balken.
Das entfernte Ticken einer Standuhr.
Der Wind, der sanft um das Herrenhaus strich.
Es waren dieselben Geräusche wie am Abend ihrer Ankunft.
Und doch...
fühlten sie sich nicht mehr bedrohlich an.
Sie schlüpfte unter die Bettdecke und zog sie bis an das Kinn.
Das alte Bett gab ein leises Knarren von sich, bevor es wieder still wurde.
Elena schloss die Augen.
Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft kreisten ihre Gedanken nicht unaufhörlich umeinander.
Sie dachte nicht mehr darüber nach, wer log.
Nicht darüber, welche Wahrheit man vor ihr verbarg.
Nicht einmal darüber, wer sie gewesen war.
Sie ließ die Fragen einfach dort, wo sie waren.
In den alten Mauern von Blackwood Manor.
Mit einem leisen Seufzen sank sie tiefer in das weiche Kissen.
Draußen zog der Wind noch einmal durch die alten Bäume.
Dann wurde alles still.
Und nur wenige Augenblicke später...
war Elena eingeschlafen.
Während Elena schlief, hüllte die Nacht Blackwood Manor in ihre Dunkelheit. Doch manche Geschichten ruhen nicht – sie warten nur auf den nächsten Morgen.