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Asche unter Rosen
Asche unter Rosen
Author: Nessa Noir

PROLOG

Author: Nessa Noir
last update publish date: 2026-07-23 00:30:09

Prolog

Der Brief wartete bereits seit drei Tagen auf dem Küchentisch.

Schneeweißes Papier. Schwarzes Wachssiegel. Kein Absender.

Ich hatte ihn bestimmt zehnmal in die Hand genommen und jedes Mal wieder weggelegt. Niemand schrieb heute noch Briefe. Schon gar nicht solche.

Am dritten Abend gab ich nach.

Das Siegel brach mit einem leisen Knacken.

Sehr geehrte Frau Elena Hartmann,

wir bedauern, Ihnen den Tod von Frau Vivienne Moreau mitteilen zu müssen.

Gemäß ihrem letzten Willen sind Sie als Erbin eines Teils des Anwesens Blackwood Manor eingesetzt worden.

Ihre Anwesenheit wird innerhalb der nächsten sieben Tage erwartet.

Mit freundlichen Grüßen

Notariat Keller & Winter

Ich las den Brief noch einmal.

Und noch einmal.

Der Name sagte mir nichts.

Vivienne Moreau.

Ich kannte keine Vivienne. Keine Moreaus. Niemand aus meiner Familie hatte je von einem Herrenhaus gesprochen. Meine Eltern waren tot. Verwandte hatte ich kaum noch.

Es musste ein Irrtum sein.

Doch am nächsten Morgen klingelte mein Telefon.

„Frau Hartmann?“, fragte eine ruhige Männerstimme.

„Ja?“

„Mein Name ist Dr. Keller. Der Brief ist kein Fehler.“

„Ich kenne diese Frau nicht.“

„Das glauben viele Erben im ersten Moment.“

Ich schloss für einen Moment die Augen.

„Sie müssen sich irren.“

„Das tun wir nicht.“

„Vielleicht gibt es noch eine andere Elena Hartmann.“

„Nein.“

Seine Antwort kam so schnell, dass mir ein Schauer über den Rücken lief.

„Wir haben Ihre Geburtsurkunde geprüft. Ihre Anschrift. Ihre Identität. Es besteht kein Zweifel.“

Ich umklammerte das Telefon fester.

„Warum ich?“

Wieder entstand eine Stille.

Diesmal hörte ich im Hintergrund das leise Ticken einer alten Uhr.

„Diese Frage“, sagte Dr. Keller schließlich, „kann nur eine Person beantworten.“

„Und die ist tot.“

„Ja.“

Ich schluckte.

„Ich verstehe das alles nicht.“

„Das müssen Sie auch noch nicht.“

Seine Stimme blieb ruhig, beinahe mitfühlend.

„Alles, worum ich Sie bitte, ist, nach Blackwood Manor zu kommen. Frau Moreau war überzeugt, dass Sie dort alle Antworten finden werden.“

„Sie verstehen nicht. Ich habe diesen Namen noch nie gehört.“

Am anderen Ende entstand eine lange Stille.

„Dann“, sagte der Mann schließlich, „dürfte Ihr Aufenthalt auf Blackwood Manor... sehr interessant werden.“

Die Leitung wurde unterbrochen.

Nachdem das Gespräch beendet war, blieb ich regungslos am Küchentisch sitzen.

Der Brief lag vor mir.

Daneben meine halbvolle Kaffeetasse.

Draußen zogen dunkle Wolken auf.

Ich hatte immer geglaubt, mein Leben sei vorhersehbar.

Arbeit.

Wohnung.

Rechnungen.

Ein Tag wie der andere.

Doch innerhalb weniger Minuten war alles, was ich für sicher gehalten hatte, ins Wanken geraten.

Ein fremdes Erbe.

Ein fremdes Herrenhaus.

Eine tote Frau, die mich offenbar besser kannte als ich sie.

Ich strich mit den Fingern über das gebrochene Wachssiegel.

Zum ersten Mal fragte ich mich, ob manche Briefe niemals geöffnet werden sollten.

Ich legte das Handy langsam auf den Tisch.

Die Stille in meiner kleinen Wohnung fühlte sich plötzlich schwer an. Mein Blick wanderte wieder zu dem Brief. Das schwarze Wachssiegel lag in zwei Hälften neben dem Umschlag. Noch gestern hatte ich überlegt, ihn einfach wegzuwerfen. Irgendjemand musste sich geirrt haben. So etwas passierte doch ständig.

Doch jetzt wusste ich, dass es kein Irrtum war.

Jemand hatte meinen Namen ganz bewusst in ein Testament schreiben lassen.

Ich stand auf und ging zum Fenster. Draußen prasselte der Regen gegen die Scheiben. Menschen eilten mit Regenschirmen über den Gehweg, als wäre es ein ganz gewöhnlicher Abend. Für sie war es wahrscheinlich nur ein weiterer Tag.

Für mich war es der Moment, in dem mein bisheriges Leben zu zerbrechen begann.

Ich kannte keine Vivienne Moreau. Niemand in meiner Familie hatte diesen Namen je erwähnt. Warum sollte ausgerechnet ich die Erbin eines fremden Herrenhauses sein?

Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr Fragen tauchten auf. Hatte diese Frau meine Eltern gekannt? Gab es ein Familiengeheimnis, von dem ich nie erfahren hatte? Oder war ich dabei, in etwas hineingezogen zu werden, das größer war als ich selbst?

Ich nahm den Brief erneut in die Hand und strich mit den Fingern über das gebrochene Wachssiegel. Das Papier fühlte sich schwer an, als würde es mehr verbergen als nur ein paar geschriebene Zeilen.

Ein Teil von mir wollte den Brief zerreißen und vergessen, dass er jemals angekommen war.

Doch ein anderer Teil wusste bereits, dass ich nach Blackwood Manor fahren würde.

Nicht wegen des Geldes.

Nicht wegen des Hauses.

Sondern weil ich Antworten brauchte.

In dieser Nacht schlief ich kaum.

Ich hatte keine Ahnung, dass dieser Brief mein Leben beenden würde.

Nicht mein Herz.

Nicht meinen Atem.

Sondern alles, was ich bis dahin für die Wahrheit gehalten hatte.

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