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Kapitel 4

Author: Luxie
Lisas Perspektive

Die digitalen Zahlen meines Weckers leuchteten in einem gleichmäßigen Rot.

Ich sah zu, wie sie von 5:59 auf 6:00 sprangen.

Meine Haut fühlte sich kalt an, und hinter meinen Augen saß ein dumpfer Schmerz von der schlaflosen Nacht.

Ich hörte das gedämpfte Geräusch des Fernsehers.

Ich ging zur Tür.

Das Wohnzimmer lag im blauen Licht des Bildschirms.

Meine Mutter saß in ihrem Sessel, zusammengekauert unter einer dicken Wolldecke.

Sie starrte auf den Fernseher, obwohl ich wusste, dass die Bilder für sie vermutlich nur bunte Flecken waren.

Es war eine alte Sitcom, die wir früher sonntagabends geschaut hatten, als das Haus noch so unerschütterlich wirkte.

Jetzt saß sie da im Dunkeln, bevor die Sonne überhaupt aufgegangen war.

Sie drehte nicht den Kopf, als ich vorbeiging.

Sie zog nur die Decke fester um ihre Schultern.

Ich ging ins Bad und drehte die Dusche auf die heißeste Stufe.

Ich stand unter dem Wasser, bis meine Haut rosa wurde.

Ich zog dunkle Jeans und einen grauen Pullover an.

Die Fahrt zum Rudelhaus wurde vom Geräusch des Winds an der Windschutzscheibe begleitet.

Ich umklammerte das Lenkrad so fest, dass meine Handflächen taub wurden.

Als ich durch die Eingangstür der Lobby trat, war die Atmosphäre anders.

Die aufgeregte Stimmung der Frauen vom Vorabend war verschwunden.

Nur noch vier von uns waren in der Haupthalle übrig.

Brianna war da, sah aus wie aus einem Magazin entsprungen.

Sie trug einen cremefarbenen Hosenanzug, der ihr perfekt stand.

Ihr roter Lippenstift war makellos, ihr blondes Haar zu einem Dutt zurückgesteckt.

Melissa und Natasha standen in der Nähe und unterhielten sich gedämpft.

Briannas Blick ruhte kurz auf mir, dann wandte sie sich ab.

Sie nickte nicht.

Für sie war ich nur Hintergrundrauschen.

Luna Catherine erschien im Seitengang.

Sie hielt einen Notizblock und einen Stift in der Hand.

Sie sah uns eine nach der anderen an, ihr Blick blieb kurz auf meinem müden Gesicht hängen, bevor sie auf ihrem Blatt ein Kästchen abhakte.

„Zuerst die medizinische Untersuchung“, sagte sie.

„Ihr werdet einzeln untersucht. Sobald die Ergebnisse vorliegen, besprechen wir den Zeitplan für die nächsten drei Tage.“

Sie rief die Namen in alphabetischer Reihenfolge auf.

Als sie bei mir ankam, deutete sie auf ein kleines Büro mit Milchglas.

Ich folgte ihr hinein.

Sie schloss die Tür und setzte sich hinter einen Schreibtisch.

Sie bot mir keinen Platz an.

„Ich werde deutlich sein, Lisa. Du hast hier Nachteile.“

„Ich weiß“, sagte ich.

Sie hob den Kopf.

„Was ich meine: Brianna wurde seit ihrer Kindheit für eine Führungsrolle erzogen. Ihr Vater speist zweimal im Jahr mit lykanischen Würdenträgern. Melissa spricht drei Sprachen fließend und hat Wochen damit verbracht, die Hierarchie von Silberbach zu studieren. Natashas Mutter ist eine Heilerin auf hohem Niveau. Sie weiß besser als jede von euch, wie man eine schwierige Schwangerschaft behandelt.“

Ich hielt die Hände an den Seiten.

Ich unterbrach sie nicht.

Ich ließ die Stille zwischen uns stehen, bis sie wieder sprach.

„Aber du hast drei Jahre für mich gearbeitet“, sagte sie.

„Du weißt, wann du den Mund halten musst. Du weißt, wie man ein Geheimnis bewahrt.

Du hast gelernt, eine Situation einzuschätzen und im Hintergrund zu verschwinden.

Du verstehst Diskretion auf eine Weise, die die anderen nicht haben.“

Luna Catherine öffnete eine Mappe.

„Alpha Cameron will keine Frau. Er will nur eine Zweckvereinbarung. Er braucht jemanden, der das wie einen Job behandelt. Jemanden, der den Erben austrägt, das Kind übergibt und ohne Aufsehen verschwindet.“

Sie stand auf und kam um den Schreibtisch herum, bis sie nur wenige Zentimeter von mir entfernt war.

„Kannst du das? Selbst wenn das Rudel dich verurteilt? Selbst wenn du allein in einem Territorium bist, das dich als Außenseiterin sieht? Selbst wenn der Alpha dich ansieht, als existierst du nicht?“

Ich dachte an die Kontoauszüge.

Ich dachte an die fast erblindete Mutter.

Ich dachte an die grausame Untreue meines Vaters.

„Ja“, sagte ich.

„Bist du sicher?“

Ich nickte.

Sie starrte mich an, dann nickte sie zur Tür.

„Die medizinische Untersuchung findet in Raum drei statt. Der Alpha wird keine Zeit mit einer Kandidatin verschwenden, die nicht körperlich perfekt ist. Geh.“

Die Untersuchung war klinisch.

Eine Krankenschwester zog mir vier Röhrchen Blut ab.

Meine Größe, mein Gewicht und meine Hüftbreite wurden gemessen.

Ein Ultraschall untersuchte meine Eierstöcke, und ich wurde etwa hundert Fragen zu meiner Familiengeschichte befragt.

Ich fühlte mich wie eine Maschine, die auf Fehler überprüft wurde.

Als ich zurück in den Flur trat, stieß ich fast mit Brianna zusammen.

Sie kam gerade aus ihrer eigenen Untersuchung.

Sie sagte kein Wort, aber ihre Schulter streifte meine, als sie an mir vorbeiging.

Ich ging zurück zu Luna Catherines Büro.

Sie sah von ihren Papieren auf.

„Deine Ergebnisse sind gut“, sagte sie.

„Du bist gesund und fruchtbar. Es gibt keine genetischen Marker, die eine Wolfsblutlinie beunruhigen würden. Du bist eine geeignete Kandidatin.“

Ich nickte.

„Die nächsten drei Tage dienen der Vorbereitung“, fügte sie hinzu.

„Camerons Rudel befindet sich in einer gefährlichen Lage. Einige Leute in seinem Territorium wünschen ihm das Scheitern. Wenn du ausgewählt wirst, trägst du nicht nur ein Baby aus. Du wirst auch als politischer Schutz dienen. Der Druck wird enorm sein.“

„Ich kann mit Druck umgehen“, sagte ich.

„Cameron ist kein weicher Mensch“, warnte sie mich.

„Er tut es aus Notwendigkeit. Erwarte keine Sanftheit.“

„Kälte macht mir nichts aus“, sagte ich.

„In der Kälte fällt es leichter zu gehen.“

Sie schenkte mir ein schwaches Lächeln.

Die nächsten 48 Stunden waren ein Wirbelsturm des Lernens.

Wir lernten die Grenzen von Silberbach kennen, die Namen einflussreicher Familien und die spezifischen Gesetze zur Leihmutterschaft auf ihrem Gebiet.

Ich füllte ein Notizbuch und prägte mir jedes Detail ein.

Am Abend des zweiten Tages holte ich mein Kleid aus der Reinigung ab.

Es war tiefes Waldgrün, mit hohem Kragen und langen Ärmeln.

Es saß eng und fiel an den Hüften weit.

Ich schlüpfte hinein und stellte mich vor den Ganzkörperspiegel in meinem Schlafzimmer.

Ich sah aus wie eine entschlossene Frau, auch wenn mein Herz raste.

Am dritten Morgen leuchtete mein Handy auf dem Nachttisch auf.

„Camerons Kolonne ist gerade eingetroffen. In einer Stunde im Rudelhaus sein.“ – Luna Catherine

Meine Finger zitterten, als ich eine Antwort tippte.

Ich drehte mich wieder zum Spiegel, um meine Haare zu richten und sie zu einem tiefen Dutt zu binden.

Es klopfte leise an der Tür.

Meine Mutter kam herein. Sie wirkte klein in ihrem übergroßen Pullover.

„Du siehst wunderschön aus, Lisa. Warum bist du so angezogen?“

Ich drehte mich zu ihr.

„Es gibt eine Gelegenheit im Rudel, Mama. Ein Vertrag, der es uns ermöglicht, ein Haus zu kaufen. Wir können James‘ Studium bezahlen. Wir können die besten Augenärzte für dich bezahlen.“

Sie kam näher, die Stirn gerunzelt.

„Was für ein Vertrag?“

Ich erzählte ihr alles.

Ich erzählte ihr von den fünfhunderttausend Token.

„Lisa … nein.“ Ihre Stimme brach, sie packte meinen Arm.

„Ich kann dich das nicht tun lassen. Du verkaufst ein Jahr deines Lebens.“

„Ich kaufe unsere Zukunft“, sagte ich.

Ich nahm ihre Hände.

„Vater ist weg, Mama. Er verkauft das Haus. Wenn ich das nicht tue, landen wir als Last. Ich lasse das nicht mit dir geschehen.“

Tränen liefen ihr über das Gesicht und netzten ihre Wangen.

„Es ist das Kind eines Fremden. Das ist Wahnsinn. Ich will nicht, dass du dein Leben verschwendest, weil dein Vater ein Feigling ist.“

„Er hat alles kaputtgemacht. Ich repariere es.“

Ich umarmte sie fest.

Ich konnte ihre Knochen durch ihren Pullover spüren.

Als ich mich löste, stand James in der Tür.

„Vater ist schon weg“, sagte er mit monotoner Stimme.

„Und jetzt gehst du auch.“

„James, es ist nur für ein Jahr. Ich bin zurück, bevor du überhaupt deinen Abschluss machst.“

Er lachte scharf auf.

„Geht es ums Geld? Oder willst du uns nur auseinanderreißen?“

„Es geht darum, dass wir nicht auf der Straße landen“, erwiderte ich scharf.

„Ich brauche dich hier, damit du auf Mama aufpasst. Ich komme zurück.“

Er antwortete nicht.

Er drehte sich um und ging in sein Zimmer, schlug die Tür zu.

Der Lärm hallte durch das stille Haus.

Ich sah auf die Uhr.

Ich hatte noch dreißig Minuten.

Ich griff meine Tasche und ging zur Tür.

Irgendwo im Rudelhaus wartete ein Mann, den ich noch nie getroffen hatte, darauf, über den Rest meines Lebens zu entscheiden.

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