LOGINJorinde hat sechs Jahre damit verbracht, sich auszulöschen. Ein neuer Name, eine neue Stadt, ein stilles, menschliches Leben. Die Leute, die sie jagten, sollten glauben, sie sei längst tot. Dann zog Xaver Kaltenbach sie aus einem Kampf, den sie nicht gewinnen konnte, und sie erkannte das Zeichen an seinem Handgelenk. Xaver ist der künftige Alpha des Blausternrudels, der Wolf, der sie drei Nächte lang auf eine Klippe zugetrieben hat, und der letzte Mann, dem sie trauen sollte. Jetzt hat sein Wolf sie zu seiner Gefährtin erklärt, und er nennt sie seine Luna, als wäre sie etwas, das man für sich beanspruchen kann. Jorinde wurde schon einmal besessen. Sie will nichts mit einem Band zu tun haben, das so sehr nach einer Leine klingt. Doch Ravenmere Hall hat sie wiedergefunden, und das Einzige, was sie vor Jahren zerbrochen hat, ist genau das, was sie von ihr repariert haben wollen. Der Alpha, der geschworen hat, sie zu beschützen, ahnt nicht, dass sie die Hexe ist, die ihn mit einem einzigen Wort binden kann. Und wenn er es herausfindet, könnte der Mann, der sie Luna nennt, zur größten Gefahr werden, der sie je gegenüberstand. Wird der Killer-Alpha ihr Retter sein oder ihr Henker?
View MoreJORINDE
„Weißt du, wie viele von uns gestorben sind, weil sie dich gesucht haben?" Die Stimme der Frau schwebte zwischen den Containern hindurch, und ihr Jasmin-Parfüm folgte ihr.
„Elf. Elf von uns, und du warst die ganze Zeit hier, hast so getan, als wärst du ein Mensch, und Kaffee ausgeschenkt. Ich bin fast beleidigt."
Ich steckte in der Lücke zwischen zwei verrosteten Containern, die Knie an die Brust gezogen, und meine Lungen brannten vom Rennen. Blut lief mir von der Schläfe, tropfte vom Kinn auf meine Café-Schürze, direkt neben einen alten braunen Latte-Fleck, und mein linkes Auge war zu einem Schlitz zugeschwollen. Merkwürdigerweise ärgerte mich die ruinierte Schürze am meisten.
„Du hast mich aus einem Café hinaus jagen lassen, Süße." Ihre Absätze klackerten über den Kai. „In diesen Schuhen. Hast du eine Ahnung, wie würdelos das war?"
Neben ihr ließ ein Mann in Lederjacke die Schultern kreisen, und auf seinem linken Ärmel prangte ein schwarzer zwölfzackiger Stern auf blutrotem Grund. Mir drehte sich der Magen um, denn ich wusste, was er war. Ravenmere Hall schickte erst dann einen Vollstrecker, wenn das höfliche Fragen vorbei war.
Sechs Jahre des Versteckens hatten wegen eines Nachschenkens ein Ende gefunden. Ich griff nach meiner Magie, und sie stieg auf wie Wasser aus einem ausgetrockneten Brunnen, ein schwacher Funke, der in meiner Handfläche erstarb. So war es gewesen, seit jener Nacht, in der ich das Einzige zerbrochen hatte, was keine Hexe je zerbrechen durfte.
Gut. Ich hatte zwei Hände und einen Kai voller Müll, also schlossen sich meine Finger um einen rostigen Bolzen, so groß wie mein Daumen, und ich warf ihn. Er traf die Frau quer über dem Wangenknochen, mit einem äußerst befriedigenden Knacken.
„Au! Du kleines …"
„Entschuldigung", krächzte ich. „War das würdelos?"
Ich schaffte zwei Schritte, bevor sich ihre Finger in der Luft krümmten und etwas Unsichtbares sich um meine Rippen schloss. Es hob meine Füße vom Boden, die Containerwand schrammte mir den Rücken hinauf, und ich hing auf Kopfhöhe und trat nach dem Nichts.
„Okay, Moment mal. Moment." Die Stimme kam von oben, und alle Köpfe fuhren hoch. Am Rand eines Containerdachs saß ein Mann, einen Stiefel über dem Abgrund baumelnd, in der Hand einen halb aufgegessenen Apfel.
„Zwei Hexen in voller Kraft gegen ein Mädchen ohne Magie und, was, drei angeknackste Rippen? Habt ihr denn keine Scham? Lasst sie wenigstens noch einen Treffer landen."
Selbst mit meinem einen funktionierenden Auge sah er lächerlich gut aus, was ein schrecklicher Zeitpunkt für diese Feststellung war. Die Aufmerksamkeit der Hexe rutschte ab, und ihr Griff mit ihr, und ich wurde seitlich geschleudert, direkt auf eine Wand aus Stahl zu.
Stattdessen sprang er vom Dach und fing mich im Flug auf, einen Arm fest um meine Taille, mein Gesicht an seiner Brust. Echte Funken, hell und plötzlich, liefen aus seinen Händen durch meine Rippen, und für einen dummen Herzschlag hörte der Schmerz einfach auf.
Er sah auf mich hinunter, als hätte ich etwas gesagt. „Da bist du ja", murmelte er.
Dann stellte er mich hinter sich auf die Füße, warf den Apfelbutzen über die Schulter, und seine Augen flammten smaragdgrün auf. Er war ein Wolf, und vor sechs Jahren hätte im ganzen Norden kein Wolf die Hand gegen eine Hexe von Ravenmere erhoben, und doch lächelte dieser hier.
„Ich lasse keine Hexen gehen", sagte er freundlich zu ihnen. „Persönliche Regel."
Der Vollstrecker schnippte mit den Fingern, und Flammen brachen aus seinen Handflächen. Der Wolf war schon weg, und der Feuerball riss ein Loch in den Rost, wo er gestanden hatte, während er hinter dem Mann wieder auftauchte und ihm eine Faust in die Rippen setzte.
Der Vollstrecker packte sein Handgelenk und glühte weiß auf. Fleisch zischte, und der Wolf riss sich los, mit einem versengten Handabdruck am Unterarm.
„Okay, das hat gebrannt."
Hinter ihnen ließ die Frau die Hand sinken und sah zu, dann blickte sie mich an, und ihr Lächeln wurde beinahe sanft. Weit oben rasselte die Kette gegen den Stahl, als der Kranhaken ins Blickfeld schwang, schwarz vor dem Himmel, und innehielt, sorgfältig auf mein Bein gerichtet.
Der Wolf kehrte mir den Rücken zu und hatte beide Hände voll mit dem Vollstrecker, er war also zu weit weg. Ich war ohne Magie, ohne Rippen und ohne Zeit.
„Keine Sorge, Jorinde", sagte sie. „Ravenmere Hall hat nur darum gebeten, dass du atmest. Von ganz habe ich nichts gehört."
Sie schnippte mit den Fingern, und der Haken fiel.
XAVER„Hallo, Wölfchen“, sagte sie. „Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen.“Ich hatte diese Frau mit meinen eigenen Händen getötet, was es ziemlich unhöflich von ihr machte, jetzt hier zu stehen.„Was denn jetzt?“ Ich verdrehte die Augen. „Mir war nicht bewusst, dass Hexen von den Toten zurückkehren können.“Die Hexe kicherte gackernd.„Ach, Wolf. Hast du wirklich geglaubt, du könntest mich so leicht umbringen?“Ich starrte sie an, mein Kiefer spannte sich.„Schlampig von dir“, sagte sie mit einem Lächeln. „Du hättest dich vergewissern sollen, dass ich tot bin.“„Keine Sorge. Den Fehler mache ich nicht noch einmal.“Sie schnippte mit dem Handgelenk, und eine Druckwelle traf mich mitten in die Brust und schleuderte mich rückwärts, während meine Stiefel zwei lange Furchen in den Boden gruben. Ich renkte den Nacken ein und stürmte erneut auf sie zu.Sie traf mich mit einem weiteren Zauber, dieses Mal ließ sie eine Feuerpeitsche über meinen Arm knallen, die meinen Ärmel verqu
XAVERSie hatte mir gerade eine Leine angelegt, und das Schlimmste war, dass ich keine Angst vor ihr hatte. Ich saß da, den Arm noch halb erhoben, mein Herzschlag viel zu laut, während mein eigener Wolf im Kreis lief, denn auch er hatte keine Angst vor ihr gehabt. Er hatte nur Angst davor, wie wenig es ihm ausmachte.Sie hatte nach dem Messer gegriffen, kaum dass das Silber erloschen war. Jetzt waren ihre Finger weiß um den Griff, und ihre Hand war nicht ruhig.„Jetzt weißt du also, was Ravenmere will", sagte Jorinde tonlos. „Großartig. Danke für den Kaffee. Raus."„Ich habe es ernst gemeint. Ich werde dich nicht zu ihnen bringen."„Komisch. Das sagt jeder."Ich hasste, dass sie gelernt hatte, es so mühelos zu sagen. Ich trat näher, die Hände offen, bis die Spitze durch mein Hemd drückte, und ihre Augen weiteten sich.„Dann tu es. Wenn du glaubst, dass ich lüge, tu es. Ich halte dich nicht auf."Eine lange Weile atmete keiner von uns. Ihr Blick ging vom Messer zu meinem Gesicht und zu
JORINDEEr zuckte nicht zusammen, als die Klinge seine Kehle berührte, also drückte ich, bis die Haut nachgab.Ein Mann, der nicht zusammenzuckt, sagt entweder die Wahrheit oder wurde von besseren Leuten als mir belogen. Ich konnte es mir nicht leisten, herauszufinden, was von beidem stimmte.„Ich habe dich verfolgt", sagte er schließlich, rau. „Alle drei Nächte. In der Nacht, in der die Leine riss, hat jeder Wolf im Norden gespürt, wie sie zersprang, und ich bin dem Riss gefolgt, weil ich sehen wollte, wer es getan hatte."Seine Kehle bewegte sich gegen den Stahl. „In der zweiten Nacht wollte ich dich nur noch erreichen, bevor sie es taten, und an der Klippe wollte ich dich nicht fangen. Ich wollte dich zurückziehen."„Du hast nie ein Wort gesagt. Drei Nächte lang."„Hätte ich gerufen, wärst du schneller gerannt, und jeder Jäger in Hörweite hätte mich gehört." Sein Mund verzog sich. „Schweigen war der einzige Weg, wie ich zwischen dir und ihnen bleiben konnte."Eine Hand aus dem Dunk
XAVERIch hatte letzte Nacht eine Hexe getötet und war im Bett einer Fremden aufgewacht, einen Arm über die Kante hängend wie jemand, der ein Taxi heranwinkt. Nur eines von beidem war mir peinlich.„Alles in Ordnung?"Ich drehte den Kopf sehr langsam. Sie stand in der Tür, ein Handtuch um die Haare gewickelt, ein viel zu großes Shirt um den Körper, und hielt eine Zahnbürste, als hätte sie sich noch nicht entschieden, ob es eine Waffe war.Sie sah mich an, wie man einen Hund ansieht, der gerade gegen eine Glastür gelaufen ist, besorgt und ein wenig vorwurfsvoll. Zwischen ihren Brauen lag eine winzige Falte, und mein Wolf, der seit meinem Aufwachen geschwiegen hatte, regte sich und zog sich in meiner Brust zusammen.„Alles gut", sagte ich und ließ den Arm mit so viel Würde sinken, wie ein Mann in einem fremden Bett aufbringen kann. „Ich habe mich gestreckt."„Zur Decke hin?"„Sie war im Weg."Ihr Mundwinkel zuckte, und sie presste ihn sofort flach, doch ich hatte es gesehen und wie eine











