Mag-log in
An dem Morgen meines achtzehnten Geburtstags wachte ich auf in dem Glauben, mein Leben würde endlich beginnen.
Ich irrte mich. Es stand kurz davor, zu enden.
Das Territorium des Silvermoon-Rudels erstreckte sich endlos hinter meinem Schlafzimmerfenster, gebadet im goldenen Licht der Morgendämmerung. Uralte Kiefern flüsterten Geheimnisse, die ich nie hatte hören dürfen, ihre Schatten verbargen Wahrheiten, die schon bald alles zerstören würden, was ich über meine Welt zu wissen glaubte. Über mich selbst. Über ihn.
Kael Blackthorne.
Allein der Gedanke an seinen Namen jagte elektrisierende Schauer über meinen Rücken, das Mate-Band summte voller Vorfreude unter meiner Haut. Heute war der Tag. Heute würde er endlich anerkennen, was wir beide spürten – dieses Feuer, das jedes Mal zwischen uns aufloderte, wenn sich unsere Blicke über dem Rudelgelände trafen. Heute würde der zukünftige Alpha seine Luna beanspruchen.
Heute würde ich endlich ganz werden.
Ich presste meine Handfläche gegen das kühle Glas und beobachtete, wie das Rudel unten zum Leben erwachte. Krieger traten aus ihren Häusern zur Morgenpatrouille, Mütter riefen ihre Kinder zum Frühstück herein, und die Ältesten versammelten sich auf den Veranden, um Kaffee zu trinken und zu tratschen. Normal. Friedlich. Alles, was ich in meiner Kindheit über unsere Welt geglaubt hatte.
Das Klopfen an meiner Tür kam genau um sieben Uhr morgens, wie jeden Morgen in den letzten drei Jahren. Mein Herz stolperte, Hoffnung blühte verräterisch in meiner Brust auf, obwohl ich es besser wusste.
„Komm rein, Mom.“
Elena Nightfall trat mit ihrer gewohnten Anmut ein, das silberdurchzogene auburnfarbene Haar zu einem eleganten Chignon hochgesteckt, in der Hand eine dampfende Tasse Morgen-Tee in feinem Porzellan. Doch heute war etwas anders. Die Falten um ihre grünen Augen wirkten tiefer, ihr Lächeln zu strahlend, zu gezwungen.
„Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, mein Schatz.“ Sie stellte den Tee auf meinen Nachttisch und setzte sich auf die Kante meines Betts, ihre Finger zitterten leicht, als sie mir die zerzausten dunklen Haare glatt strich. „Achtzehn Jahre alt. Ich kann es kaum glauben.“
„Die Anerkennungszeremonie ist heute Abend“, flüsterte ich, unfähig, die Aufregung aus meiner Stimme herauszuhalten. „Kael wird das Band anerkennen müssen. Er wird nicht mehr so tun können, als existiere es nicht.“
Moms Gesicht wurde vorsichtig ausdruckslos. „Lyra …“
„Ich weiß, was du sagen willst.“ Ich setzte mich auf und umklammerte die Bettdecke. „Dass er außerhalb meiner Liga ist. Dass zukünftige Alphas keine Omegas zu ihren Lunas wählen. Aber du irrst dich, Mom. Die Mondgöttin macht keine Fehler. Sie hat mich für ihn auserwählt.“
„Die Mondgöttin ist … kompliziert in ihren Gaben“, sagte Mom vorsichtig. „Manchmal ist das, was wir für einen Segen halten, eigentlich –“
„Eine Prüfung“, beendete ich den Satz. „Ich weiß. Und ich bin bereit, mich als würdig zu erweisen.“
Sie betrachtete mein Gesicht lange, ihr Ausdruck unergründlich. Schließlich nickte sie. „Dann sollten wir uns vorbereiten. Die Zeremonie beginnt bei Sonnenuntergang.“
Die Stunden schleppten sich quälend langsam dahin. Den Vormittag verbrachte ich mit den anderen Achtzehnjährigen, die heute Abend anerkannt werden sollten, doch keiner von ihnen schien meine nervöse Energie zu teilen. Maya Ashford warf mir immer wieder mitleidige Blicke zu, während Connor Reed jedes Mal offen grinste, wenn jemand den Erben des Alphas erwähnte.
„Glaubst du immer noch, dass Blackthorne dich beanspruchen wird, Nightfall?“, zog Connor mich während des Mittagessens auf, seine Kumpane kicherten hinter ihm. „Tut mir leid, dir das sagen zu müssen, aber Alphas paaren sich nicht nach unten.“
Hitze schoss mir in die Wangen, doch bevor ich antworten konnte, durchschnitt eine vertraute Stimme den Speisesaal wie eine Klinge.
„Gibt es etwas, das du mit der Klasse teilen möchtest, Reed?“
Der gesamte Saal verstummte. Kael Blackthorne stand im Türrahmen – ein Meter fünfundneunzig pure tödliche Anmut, gehüllt in ein schwarzes T-Shirt und Jeans, die das Raubtier darunter nicht verbergen konnten. Sein dunkles Haar war zerzaust, als wäre er gerannt, und diese sturmgrauen Augen, die meine Träume heimsuchten, waren mit tödlicher Absicht auf Connor gerichtet.
Connors Gesicht wurde blass. „Nein, Alpha. Wir haben nur … geredet.“
„Über meine Angelegenheiten?“ Kaels Stimme sank zu einem Knurren, das jeden Wolf im Raum unterwürfig den Blick senken ließ. Jeden Wolf außer mir.
Unsere Blicke trafen sich über den vollen Raum hinweg, und das Mate-Band sang zwischen uns wie eine angeschlagene Stimmgabel. Hitze explodierte tief in meinem Bauch, meine Wölfin schnurrte praktisch beim Anblick unseres Gefährten, der uns verteidigte. Seine Nasenflügel blähten sich leicht, als er meine Erregung witterte, und etwas Dunkles, Besitzergreifendes blitzte in diesen granitenen Tiefen auf.
Dann schaute er weg.
Die Zurückweisung traf mich wie ein körperlicher Schlag, doch ich zwang mich, mich gerader hinzusetzen. Heute Abend. Heute Abend würde sich alles ändern.
Die Leute wussten nichts von der Nacht, in der alles begonnen hatte. Ich hatte es nie jemandem erzählt.
Ich war fünfzehn. Zwei Wochen im Training, und Connor hatte mir beim Sparring das Handgelenk gebrochen – nicht aus Versehen. Ich war hinter die Trainingshalle gegangen, um zu warten, bis der Schmerz nachließ, zu stolz, um vor allen zum Heiler zu gehen.
Kael fand mich dort.
Er rief niemanden.
Er machte kein großes Aufheben darum. Er setzte sich einfach neben mich in den Dreck und blieb, bis das Zittern aufhörte.
Er sagte nicht viel – das musste er auch nicht.
Als er schließlich aufstand, um zu gehen, sah er mich einmal an und sagte: „Du hast nicht geweint.“
Das war alles – aber niemand hatte mich je zuvor so angesehen, als wäre ich es wert, bemerkt zu werden.
Drei Jahre lang hatte ich mich an diesen Blick geklammert. Härter trainiert als jeder andere in meinem Rang, den Kopf unten gehalten, alles richtig gemacht, gewartet, dass er mich wieder so sehen würde wie in jener Nacht.
Heute Abend sollte der Abend sein, an dem es sich endlich auszahlte.
Ich hatte ein Stipendium für ein Studium in einem anderen Territorium abgelehnt, um zu bleiben. Ich hatte geschwiegen, jedes Mal, wenn Rudelmitglieder mich behandelten, als stünde ich unter ihnen, weil ich keinen Ärger für seinen Namen machen wollte.
Ich hatte alles getan, was eine Omega tun sollte, um sich eines Alphas würdig zu erweisen.
Ich hatte meine gesamte Zukunft um einen Mann aufgebaut, der meinen Namen nie öffentlich ausgesprochen hatte.
Als ich jetzt in meinem weißen Kleid draußen vor dem Hain stand, wusste ich das alles. Ich wusste, dass es kein Märchen war. Ich kannte die Chancen, aber ich wartete trotzdem.
Die Anerkennungszeremonie fand im heiligen Hain im Herzen unseres Territoriums statt, wo massive Eichen ein natürliches Amphitheater bildeten. Hunderte Rudelmitglieder hatten sich im schwindenden Licht versammelt, ihr aufgeregtes Gemurmel ein leises Summen unter der abendlichen Symphonie aus Grillen und Nachtvögeln.
Ich stand mit den anderen Kandidaten am Rand des Hains, in dem traditionellen weißen Kleid, das uns als unverpaarte Wölfe markierte, die ins Erwachsenenalter eintraten. Die Seide schmiegte sich wie Wasser an meine Kurven, und ich hatte mein langes schwarzes Haar offen gelassen, weil ich wusste, dass Kael es so mochte. Töricht vielleicht, aber Hoffnung macht uns alle zu Narren.
Während ich wartete, schweiften meine Gedanken ab – zu vor sechs Monaten, als Maya mich im Trainingsflur in die Ecke gedrängt und geflüstert hatte, Omegas sollten sich nicht mit Kampfformen abgeben. Kael war am Ende des Flurs aufgetaucht, ohne ein Wort. Maya verschwand. Er hatte einen langen Moment dort gestanden, seine grauen Augen auf meine gerichtet, bevor er sich umdrehte und ging, als hätte ich nie existiert.
Ich dachte an letzten Monat zurück, als Connor eine Bemerkung über Omegas gemacht hatte, die mit ihren Besseren essen sollten. Kael hatte in der Küche gestanden und mich beobachtet, während Connor sich wand. Dann war er einfach gegangen und hatte mich in der plötzlichen Stille allein gelassen.
Er blieb nie. Er beanspruchte mich nie. Aber er kam immer.
Alpha Marcus Blackthorne beherrschte die Mitte des Hains, seine massige Gestalt beeindruckend selbst in seinen Sechzigern. Als Anführer des Rudels seit über dreißig Jahren war seine Präsenz absolut, seine Autorität unangefochten. Neben ihm stand sein Erbe – mein Gefährte –, der in seinem formellen schwarzen Anzug wie ein dunkler Prinz aussah.
„Heute Abend heißen wir acht junge Wölfe als vollwertige Mitglieder des Silvermoon-Rudels willkommen“, intonierte Alpha Marcus, seine Stimme trug mühelos durch den gesamten Hain. „Ihr habt trainiert, ihr habt unsere Wege gelernt und ihr habt euch als würdig erwiesen, mit dem Rudel als Erwachsene zu laufen.“
Einer nach dem anderen wurden wir nach vorne gerufen, um unsere Erwachsenennamen und unseren Platz in der Rudelhierarchie zu erhalten. Maya wurde Maya Ashford, Beta-rangige Heilerin. Connor wurde Connor Reed, Gamma-rangiger Krieger. Jede Anerkennung wurde mit Jubel von ihren Familien begrüßt, mit Feiern ihres neuen Status.
Schließlich blieb nur ich übrig.
„Lyra Nightfall“, rief der Alpha.
Meine Beine fühlten sich wie Wasser an, als ich in die Mitte des Hains schritt, jeder Blick des Rudels folgte mir. Das war es. Der Moment, der den Rest meines Lebens definieren würde. Ich spürte Kaels Starren wie ein Brandmal auf meiner Haut, das Mate-Band pulsierte mit solcher Intensität, dass ich überrascht war, dass es sonst niemand hören konnte.
Alpha Marcus musterte mich lange, etwas Unlesbares flackerte in seinen goldenen Augen. „Vor achtzehn Jahren brachte Elena Nightfall während des Blutmonds eine Tochter zur Welt. Ein Kind, gezeichnet von Schatten und Sternenlicht, Prophezeiung aus Fleisch und Blut.“
Ein Raunen ging durch die Menge. Ich hatte diese Geschichte noch nie gehört, hatte nie gewusst, dass die Umstände meiner Geburt irgendeine Bedeutung hatten.
„Die Mondgöttin flüstert vielen Geheimnisse denen zu, die zu hören verstehen“, fuhr der Alpha fort. „Manche Gaben sind Segen. Andere sind Flüche in Verkleidung. Heute Abend, Lyra Nightfall, wirst du anerkannt als –“
„Meine.“
Das Wort durchbrach den Hain wie Donner. Kael war nach vorne getreten, seine Augen leuchteten in einem überirdischen Licht. Das Mate-Band explodierte zwischen uns, nun nicht mehr zu unterdrücken, da ich volljährig geworden war. Jeder Wolf im Hain würde es riechen und erkennen können, was wir füreinander waren.
Mein Herz jubelte. Endlich. Endlich beanspruchte er mich.
„Ich, Kael Blackthorne, zukünftiger Alpha des Silvermoon-Rudels“, sagte er, seine Stimme erreichte jede Ecke des Hains, „erkenne Lyra Nightfall als meine vorbestimmte Gefährtin an.“
Die Menge explodierte. Jubel und Glückwünsche erfüllten die Luft, als die Rudelmitglieder feierten, dass der zukünftige Alpha seine Luna gefunden hatte. Der Freudenruf meiner Mutter erhob sich über alle anderen, und ich spürte, wie Freudentränen über meine Wangen strömten.
Doch Kael war noch nicht fertig.
„Und ich weise sie zurück.“
Die Welt blieb stehen.
Der Jubel erstarb, als hätte jemand alle Luft aus dem Hain gesaugt. Das einzige Geräusch war mein Herz, das in meiner Brust zerbrach, jedes Stück schnitt tiefer als das vorige.
„Ich, Kael Blackthorne“, fuhr er fort, seine Stimme nun kalt wie arktisches Eis, „weise Lyra Nightfall als meine Gefährtin zurück. Ich durchtrenne das Band zwischen uns. Ich verstoße sie von meiner Seite.“
Die Zurückweisung traf mich wie ein körperlicher Schlag und trieb mich auf die Knie in den Dreck. Das Mate-Band, jener goldene Faden, der uns seit meinem fünfzehnten Lebensjahr verbunden hatte, riss mit einem hörbaren Knacken, das durch meine gesamte Seele zu hallen schien. Schmerz, wie ich ihn mir nie hätte vorstellen können, zerriss meine Brust, als hätte jemand in mich hineingegriffen und mein Herz herausgerissen, während es noch schlug.
Ich konnte nicht atmen. Konnte nicht denken. Konnte nichts tun, außer dort in meinem weißen Kleid – nun voller Schlamm und Gras – zu knien und zu versuchen zu verstehen, wie mein perfekter Moment zu meinem persönlichen Weltuntergang geworden war.
„Kael.“ Alpha Marcus’ Stimme war scharf vor Warnung. „Was tust du da?“
„Was ich tun muss.“ Kaels graue Augen fanden meine, und für einen kurzen Moment sah ich etwas darin aufblitzen. Bedauern? Schmerz? Doch es verschwand so schnell, dass ich es mir eingebildet haben könnte. „Sie ist nicht stark genug, um Luna zu sein. Sie wird niemals stark genug sein.“
Die Worte trafen härter als die Zurückweisung selbst. Nicht stark genug. Das Urteil, das ich mein ganzes Leben gefürchtet hatte, ausgesprochen von der einen Person, deren Meinung am meisten zählte.
Ich zwang mich aufzustehen, Stolz war das Einzige, was mich aufrecht hielt. Um uns herum beobachtete das Rudel in fassungslosem Schweigen, unsicher, wie es auf diese beispiellose Zurschaustellung reagieren sollte. Zurückweisungen kamen vor, aber nie so öffentlich, nie mit solcher Grausamkeit.
„Ich …“ Meine Stimme kam als kaum hörbares Flüstern heraus. Ich räusperte mich und versuchte es erneut. „Ich akzeptiere deine Zurückweisung.“
Die formellen Worte besiegelten unser Schicksal. Welche kosmische Kraft uns auch immer zusammengebunden hatte, war nun endgültig durchtrennt und hinterließ nur eine schmerzende Leere, wo einst Wärme gewesen war. Ich fühlte mich hohl, ausgekratzt, wie ein Schatten meiner selbst.
„Gut.“ Kaels Miene veränderte sich nicht, aus Stein gemeißelt und genauso unnachgiebig. „Dann ist es erledigt.“
Er wandte sich von mir ab, als wäre ich nichts, als hätte ich nicht drei Jahre lang seine Gefährtin gewesen, als hätte er nicht gerade meine gesamte Welt mit sechs Worten zerstört. Die Menge begann zu murmeln, einige mit Mitgefühl, andere mit Spekulation. Das würde monatelang Gesprächsthema sein.
Ich schaute mich verzweifelt im Hain um, auf der Suche nach irgendeinem Anker, irgendeinem Trost. Meine Mutter stand wie erstarrt am Rand der Menge, ihr Gesicht kreideweiß vor Schock. Andere Rudelmitglieder wichen meinen Blicken aus, unangenehme Zeugen meiner Demütigung.
Nur Alpha Marcus begegnete meinen Augen, und was ich dort sah, ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Kein Erstaunen. Kein Schock.
Erwartung.
Die Erkenntnis ließ neue Wellen des Verrats über mich hinwegspülen. Das war keine spontane Entscheidung gewesen. Es war geplant, orchestriert, wahrscheinlich zwischen Vater und Sohn besprochen worden, während ich wochenlang von meiner perfekten Zukunft geträumt hatte.
„Die Zeremonie ist beendet“, verkündete Alpha Marcus, seine Stimme durchschnitt das geflüsterte Getuschel. „Rudel entlassen.“
Die Leute begannen, den Hain zu verlassen, einige warfen mir mitleidige Blicke zu, andere flüsterten hinter vorgehaltener Hand. Ich stand allein in der Mitte von allem und sah zu, wie meine Träume ohne einen Blick zurück davongingen.
Doch als ich Kaels sich entfernender Gestalt hinterherstarrte, regte sich etwas anderes unter der Verwüstung. Etwas Dunkleres und Gefährlicheres als Liebeskummer.
Wut.
Reine, glühende Wut, die die Tränen verbrannte und meinen Kopf mit erschreckender Klarheit freiräumte. Er dachte, ich wäre nicht stark genug? Er dachte, ich würde unter dieser Zurückweisung zerbrechen, wie eine schwache kleine Omega, die es nicht verkraftete, verstoßen zu werden?
Er würde schon bald erfahren, wie sehr er sich irrte.
Ich hob das Kinn und verließ den Hain mit geradem Rücken und erhobenem Kopf, ignorierte die mitleidigen Blicke und geflüsterten Gespräche. Sollen sie tratschen. Sollen sie spekulieren über die arme kleine Wölfin, die zu hoch gegriffen und einen Schlag zurückbekommen hatte.
Sie würden sich alle schon bald an diesen Abend anders erinnern.
Denn Kael Blackthorne hatte einen entscheidenden Fehler in seiner perfekt orchestrierten Zurückweisung gemacht.
Er hatte mich am Leben gelassen.
Und lebendig war ich gefährlich.
LyraFür einige Augenblicke, nachdem die Frau auf den östlichen Bergrücken gedeutet hatte, sprach niemand.Die Lichtung war ungewöhnlich still geworden, trotz der vielen Menschen, die sich dort versammelt hatten. Einige der Wachen kümmerten sich um ihre Verletzungen, während andere in kleinen Gruppen standen, dem Gespräch lauschten und versuchten zu verstehen, wie eine andere Gruppe plötzlich unter ihnen aufgetaucht war, nachdem sie stundenlang geglaubt hatten, wir wären verloren.Die Clan-Anführer stellten untereinander Fragen, aber selbst diese Gespräche waren nun verstummt, da die Vermissten die Natur unseres Wiedersehens verändert hatten.Wir hatten sie gefunden, aber nicht alle von ihnen.Ich blickte wieder über die Lichtung und zählte die Gesichter, die ich wiedererkennen konnte. Sieben Wachen und ein Clan-Anführer fehlten immer noch, und keiner von uns wusste, ob sie absichtlich getrennt, angegriffen oder einfach von irgendeiner seltsamen Kraft woandershin getragen worden waren
LyraDie Frau sprach nach dem Fund des Fußabdrucks mehrere Minuten lang nicht mehr.Sie blieb in der Nähe des Feuers sitzen, eine Hand auf den Boden gestützt, als bräuchte sie diesen Halt, während Elara sich neben sie hockte. Wir anderen standen um sie herum und warteten. Ich konnte sehen, wie sich die Fragen auf jedermanns Gesicht formten, aber niemand schien gewillt zu sein, als Erster danach zu fragen.Schließlich hob die Frau den Kopf.„Wir müssen gehen.“Ihre Stimme war schwächer als vor dem Anfall, aber es lag immer noch genug Entschlossenheit darin, dass wir ihr zuhörten.Ronan verschränkte die Arme. „Wohin gehen?“„Zurück.“Kaels Gesichtsausdruck versteuerte sich leicht. „Zurück zum Hof?“„Hinter das Siegel.“Das weckte aller Aufmerksamkeit.Ich trat näher. „Du kennst einen Weg hindurch?“Die Frau sah mich an. „Ich kenne einen Weg, um die anderen zu erreichen.“Mein Magen zog sich zusammen. „Die Clanführer?“„Und die Wachen“, antwortete sie. „Sie sind nicht dort, wo ihr denkt.
LyraDer Morgen kam wie ein Eimer Eis, der in unser Zelt geschüttet wurde. Das Erste, was ich bemerkte, war die eisige Kälte.Sie hatte sich irgendwann in der Nacht in meinen Knochen festgesetzt, war unter die dünne Stoffschicht geschlüpft, die mich bedeckte, und ließ meine Finger steif werden, wann immer ich sie bewegte.Das Feuer war während unseres Schlafs kleiner geworden und hatte sich in ein Bett aus glühenden Kohlen verwandelt, wobei noch ein paar dünne Flammen nach oben reichten, wenn der Wind das Holz aufwirbelte.Für einen Moment blieb ich genau dort, wo ich war, leicht unter meinen Armen zusammengerollt, starrte auf das blassgraue Licht, das durch die Bäume drang, und versuchte mich zu erinnern, wo ich war, bevor die Erinnerungen zurückströmten.Der Wald und die verlassene Siedlung. Der Bogen und dann die Frau, zu Serene und dem Mädchen.Mein Zwilling, den ich nie getroffen habe.Und Kael... Besonders Kael.Meine Augen glitten zu der anderen Seite des Feuer herüber, bevor i
LyraIch weiß nicht, wie lange ich dort lag, bevor ich den Schlaf schließlich aufgab.Das Feuer hatte sich inzwischen auf einen gleichmäßigen Rhythmus eingependelt, die Flammen reichten nicht mehr so hoch wie zuvor, waren aber immer noch stark genug, um das Schlimmste der Kälte abzuhalten. Ab und zu knackte ein Holzstück und brach nach innen, wobei es einen kurzen Funkenregen in die Luft schickte, bevor diese über uns verschwanden. Die anderen waren ruhiger geworden, als die Nacht voranschritt, und obwohl ich das gelegentliche Rascheln von jemandem hörte, der sich im Schlaf bewegte, war die Lichtung weitgehend still geworden.Mein Körper war müde, aber mein Geist weigerte sich zu folgen.Jedes Mal, wenn ich die Augen schloss, sah ich sie.Nicht das kleine Mädchen aus dem Garten dieses Mal, sondern die ältere Version von ihr, wie sie unter demselben Baum stand und mich direkt mit diesen unmöglichen roten Augen ansah. Ich konnte noch immer jene seltsame Kraft spüren, die mich getroffen
Die Erleichterung hielt nicht sehr lange an.Ronan stemmte sich auf die Beine und sah sich auf der kleinen Lichtung um. Er nahm die Bäume, den unebenen Boden und den schwachen Schutz der verlassenen Steinstrukturen um uns herum in Augenschein. Das Feuer brannte ein paar Fuß entfernt bereits stetig, seine Flammen warfen einen warmen Schein über die Lichtung, aber es reichte nicht aus, um das Gefühl von Sicherheit zu vermitteln. Der Wald dahinter blieb dunkel, und die feuchte Nachtluft hatte sich schwer um uns gelegt.„Wir brauchen einen Ort zum Schlafen“, sagte er.Elara warf ihm einen Blick zu von dort, wo sie in der Nähe des Feuers saß. „Du meinst außer dem Boden?“„Ich habe versucht, optimistisch zu sein.“„Das misslingt dir.“Ronan warf ihr einen amüsierten Blick zu, bevor er sich einem der verlassenen Gebäude zuwandte. Dessen Dach war teilweise eingestürzt, und die verbleibenden Wände waren mit Ranken bewachsen, was es schwierig machte zu sagen, wie stabil es war. Er ging langsam
Für die nächsten paar Minuten schlug niemand vor weiterzugehen.Die Frau war immer noch bewusstlos, aber ihre Atmung hatte sich zu etwas Regulierterem beruhigt, und Elara blieb an ihrer Seite, wobei sie gelegentlich mit den Fingern den Hals der Frau berührte, als bräuchte sie die Beruhigung, einen Puls unter ihrer Haut zu spüren.Der Rest von uns stand in unterschiedlichem Maße der Ungewissheit um sie herum, lauschte dem Wald und versuchte zu entscheiden, ob die Geräusche hinter den Bäumen näher kamen oder ob die Angst jedes Rascheln einfach lauter wirken ließ, als es wirklich war.Schließlich brach Ronan das Schweigen.„Wir brauchen ein Feuer.“Kael warf ihm einen Blick zu. „Feuer macht uns sichtbar.“„Das tut herumstehen im Dunkeln und darüber streiten, ob wir eines machen sollten, aber auch.“„Das habe ich nicht gesagt.“„Ich weiß.“Ronans Reaktion war ruhig, fast schon auf irritierende Weise, aber er musterte bereits den Boden nach trockenen Ästen. Er schien beschlossen zu haben,
Der Wald veränderte mich, noch bevor ich eine Meile weit gegangen war.Mit jedem Schritt tiefer in die uralten Wälder jenseits des Silvermoon-Territoriums spürte ich, wie Schichten meines alten Ichs von mir abfielen wie tote Haut. Die sorgfältig errichteten Mauern, die ich um meine Macht gebaut hat
Drei Tage nach der Zurückweisung hörte ich auf zu schreien.Es lag nicht daran, dass der Schmerz nachgelassen hätte – im Gegenteil, die hohle Leere, wo einst das Mate-Band gewesen war, hatte sich zu einem alles verschlingenden Abgrund ausgeweitet, der drohte, mich vollständig zu verschlucken. Nein,







