LOGINIch hätte jemanden nach dem Jungen aus dem Innenhof fragen sollen.
Habe ich aber nicht.
Ich redete mir ein, es sei, weil ich nicht verunsichert wirken wollte. Der wahre Grund war einfacher: Fragen hätte bedeutet zuzugeben, dass er unter meine Haut gegangen war, und dazu war ich am zweiten Tag noch nicht bereit.
Also ging ich zum Frühstück. Ich setzte mich an einen anderen Platz. Und ich schaute nicht zur Ostmauer.
Es lief gut, bis der grünäugige Junge hereinkam.
******
Sein Name war Soren.
Das erfuhr ich durch Zufall – zwei Mädchen an der Kaffee-Theke, leise Stimmen, nicht ganz flüsternd, die Art von Gespräch, die man fast mithören sollte.
„Soren ist diesen Semester in deinem Biologie-Kurs?“ Die Größere, Rothaarige, ungläubig.
„Mach es nicht komisch.“ Die Kleinere, die in ihrer Tasse rührte, als hätte die Tasse sie persönlich beleidigt. „Er redet kaum. Das ist in Ordnung.“
„Er redet kaum, weil er Dinge entscheidet“, sagte die Rothaarige. „Das ist ein Unterschied. Du weißt, was man über—“
Sie verstummte. Weil er vorbeigegangen war. Soren. Und er hatte keine der beiden angesehen.
Er hatte mich angesehen.
Nicht lange. Nicht sanft. Nur – ein Blick, klar und direkt, wie jemand, der eine Koordinate auf einer Karte notiert.
Ich schaute in meinen Kaffee.
Meine Hände waren ruhig. Darauf war ich stolz.
*****
Biologie war in der dritten Stunde.
Er saß bereits, als ich ankam. Derselbe Platz. Diesmal kein Taschenbuch, keine Vortäuschung des Lesens, nur da sitzend mit den Unterarmen flach auf dem Tisch und den Augen auf die Tafel gerichtet, als würde er auf etwas warten.
Ich überlegte, mich woanders hinzusetzen.
Es gab freie Plätze. Viele sogar.
Ich setzte mich trotzdem neben ihn. Ich weiß bis heute nicht genau, warum. Manche Entscheidungen kommen nicht aus dem Kopf – sie kommen aus etwas Älterem, etwas Tieferem, und der Kopf erfährt es erst danach.
Er reagierte nicht. Nicht sichtbar.
Aber ich sah, wie seine Hand sich flach auf den Tisch legte. Langsam. Bedächtig. Wie ein Mann, der etwas niederdrückt, das an die Oberfläche drängen will.
Professorin Maren begann zu sprechen. Ich schrieb mit. Ich hörte zu. Ich tat alles, was eine normale Schülerin in einem normalen Unterricht tun sollte.
Dann, vierzig Minuten später, lehnte Soren sich drei Zentimeter zu mir herüber – ohne mich anzusehen, den Blick weiter auf die Tafel gerichtet – und sagte leise genug, dass nur ich es hören konnte:
„Du solltest Eisen in dieser Entfernung nicht riechen können.“
Ich schrieb weiter. „Interessanter Einstieg.“
„Das ist kein Einstieg.“ Eine Pause. „Ich brauche, dass du das verstehst.“
Ich schaute ihn daraufhin an. Er blickte immer noch zur Tafel. Sein Profil wie gemeißelter Stein, die Narbe durch seine Augenbraue blass im Morgenlicht.
„Ich habe einen guten Geruchssinn“, sagte ich. „Manche Menschen haben das.“
„Nicht so gut.“ Endlich drehte er sich zu mir. Diese grauen Augen aus nächster Nähe waren fast unerträglich. Nicht weil sie schön waren – obwohl sie es waren, auf die Art, wie bestimmte Wetterlagen schön sind, kurz bevor sie etwas zerstören. Sondern weil sie so sicher waren. Er schaute mich an, wie man etwas anschaut, das man bereits durchschaut hat. „Nicht menschlich gut.“
Der Raum war noch voll. Die Professorin sprach weiter. Rund dreißig Schüler atmeten, bewegten sich, kratzten mit Stiften über Papier.
Ich hörte all das, als käme es aus sehr weiter Ferne.
„Ich bin menschlich“, sagte ich.
Er hielt meinen Blick zwei Sekunden lang.
„Ich weiß“, sagte er. Und schaute zurück zur Tafel.
Das war schlimmer. Irgendwie war das viel schlimmer.
*****
Kas fand mich beim Mittagessen wieder.
Derselbe entspannte Einwurf in den Stuhl. Dasselbe schiefe Grinsen. Heute hatte er einen Bluterguss am Kiefer, der gestern noch nicht da gewesen war, und er hatte nichts getan, um ihn zu verdecken.
„Du hast mit Soren gesprochen“, sagte er.
Ich schaute auf. „Woher weißt du das?“
„Er hat es mir gesagt.“ Auf meinen Gesichtsausdruck hin hob er die Hand. „Wir stehen uns nicht nah. Er erzählt mir keine Dinge wie ein Freund einem Freund. Er erzählt mir Dinge wie ein General einem Leutnant.“ Das Grinsen wurde weicher, fast echt. „Er meinte, du seist interessant.“
„Bin ich nicht.“
„Du hast letzte Nacht im Dunkeln Blut gerochen.“ Er lehnte sich vor. „Das ist interessant, Süße. Du kannst dich später darüber ärgern.“
Ich legte meine Gabel hin.
Ich wollte fragen, woher er von letzter Nacht wusste. Ich wollte fragen, wer der Junge aus dem Innenhof war, was ein Alpha in diesem Zusammenhang bedeutete und was genau Soren mit „nicht menschlich gut“ gemeint hatte, und siebzehn andere Dinge, die ich seit dem Aussteigen aus dem Bus hinten in meinem Schädel stapelte.
Ich fragte nichts davon.
Denn zwei Tische weiter, auf der anderen Seite der Mensa, beobachtete mich ein dritter Junge.
Ich hatte ihn zuvor nicht gesehen. Ich hätte mich erinnert.
Er saß rückwärts auf der Bank, einen Arm über den Tisch hinter sich gelegt, seine ganze Haltung strahlte die spezifische Arroganz von jemandem aus, der noch nie um die Aufmerksamkeit eines Raumes kämpfen musste und das genau wusste. Dunkles Haar, scharfer Kiefer, ein Mund, der in dieser flachen, prüfenden Linie lag. Nicht lächelnd. Nicht finster. Abwägend.
Als sich unsere Blicke trafen, schaute er nicht weg.
Er neigte nur langsam den Kopf. Kaum wahrnehmbar.
Als hätte er gerade etwas bestätigt.
„Wer ist das?“, fragte ich.
Kas schaute nicht hin. Musste er nicht.
„Das“, sagte er, „ist Ren.“
Der, dessen Platz ich genommen hatte.
Ich nahm meine Gabel wieder auf. „Toll.“
„Er wird mit dir reden wollen.“
„Ich habe zu tun.“
„Jeder hat zu tun“, sagte Kas freundlich. „Er redet trotzdem mit ihnen.“
******
Ren redete nach Einbruch der Dunkelheit mit mir.
Ich war auf der Treppe zum Ostflügel, als er neben mir in den Schritt fiel. Nicht hinter mir – neben mir, exakt im gleichen Tempo, als wäre er schon die ganze Zeit da gewesen und ich hätte es nur nicht bemerkt.
„Drei Leute beobachten dich“, sagte er.
Ich verlangsamte nicht. „Ich weiß.“
„Du weißt, wer sie sind?“
„Ich kenne Kas. Ich kenne Soren. Den aus dem Innenhof kenne ich nicht.“
„Das ist Finn.“ Eine Pause. „Er mag Rätsel.“
„Und was magst du?“
Ren blieb stehen. Ich nicht sofort – ich machte noch zwei Schritte, bevor ein Instinkt, den ich nicht benennen konnte, auch mich anhalten ließ. Mich umdrehen ließ.
Er stand am Rand des Treppenhauslichts, halb im Schatten, und seine Augen waren dunkler Bernstein in diesem schwachen Schein. Nicht warm. Bernstein wie Glut, wenn das Feuer fast erloschen ist, aber immer noch brennen kann.
„Ich mag es, zu wissen, was Dinge sind“, sagte er. „Bevor sie zu einem Problem werden.“
„Und werde ich ein Problem sein?“
Er schaute mich einen langen, undurchschaubaren Moment an.
„Ich weiß es noch nicht“, sagte er. „Das ist der Teil, der mir nicht gefällt.“
Er ging an mir vorbei, die Treppe hinauf und verschwand.
Ich stand da.
Das Gebäude atmete um mich herum – alter Stein, altes Holz, alte Zugluft, die durch alte Wände zog. Irgendwo tief im Berg unter mir vibrierte etwas, das ich mit meinen Ohren nicht hören konnte.
Ich legte meine Hand flach an die Steinwand neben mir.
Sie summte.
Leicht. Rhythmisch. Wie ein zweiter Herzschlag. Wie etwas, das aufwachte.
Wie etwas, das auf meinen antwortete.
Ich zog meine Hand weg.
Ich ging in mein Zimmer. Ich schloss die Tür ab. Ich setzte mich auf die Kante meines Bettes, die Hände im Schoß, und versuchte mich daran zu erinnern, wer ich war, bevor ich in diesen Bus gestiegen war.
Ein normales Mädchen. Ein menschliches Mädchen. Ein unsichtbares Mädchen.
Niemand hatte diesem Mädchen gesagt, dass es Eisen im Dunkeln nicht riechen sollte.
Niemand hatte ihr gesagt, dass der Berg zurück sprechen würde.
Ich las den Brief dreimal, bevor ich ihn jemandem zeigte.*Du hast gewonnen. Noch nicht.*Das T war nicht unterschrieben. Es war nur da, ein einzelner Strich unter dem letzten Wort, dünn und eckig, genau wie auf dem Blatt aus Torvans Mantel.Soren nahm das Papier, hielt es gegen das Fenster und schwieg lange.„Das Papier ist neu", sagte er. „Die Tinte auch. Es wurde in den letzten zwei Tagen geschrieben."„Und hierher gebracht, an Mira vorbei", sagte Ren.„Ich habe niemanden gesehen", sagte Mira von der Tür. Ihre Stimme war flach, aber ihre Hände waren zu Fäusten geschlossen. „Die Wachen auch nicht. Der Brief lag nicht da, als ich heute Morgen den Raum kontrolliert habe. Ich war um sechs hier."„Dann war jemand in der Akademie", sagte Kas.„Oder jemand, der schon da war", sagte Finn leise.Niemand sprach aus, was alle dachten.---Wir durchsuchten das Haus bis zum Abend.Mira ließ jeden Raum öffnen, jede Truhe, jeden Keller. Die Schüler halfen, verunsichert, aber ohne Fragen. Wir fand
Torvan sprach im ersten Morgenlicht, und er brachte nur einen Satz zu Ende.Wir saßen im Kreis auf dem kalten Boden, die Hüter in grauen Mänteln hinter uns, Fen mit verbundenen Rippen neben Soren. Torvan hatte die Hände auf den Knien liegen, offen, zum ersten Mal ohne Falten.„Die Briefe kamen immer bei Vollmond", sagte er. „Dreißig Jahre lang. Ich habe nie gesehen, wer sie bringt. Ich habe nie—"Er brach ab.Seine Augen weiteten sich, und er griff sich an die Kehle.„Torvan?", sagte Orla.Er antwortete nicht. Er rang nach Luft, und unter seinen Fingern erschien ein dünner schwarzer Strich auf der Haut, der um seinen Hals lief wie ein Faden.„Ein Dorn", sagte Aldric, schon auf den Beinen. „Ein zweiter. Nicht am Schlüsselbein. An der Stimme."„Wer hat ihn gesetzt?", rief Ren.„Niemand, den wir sehen! Er ist alt. Er hat Jahre gewartet!"Torvan kippte zur Seite. Orla fing ihn auf, und ich war schon bei ihm, die Hände an seinen Schultern, und ließ die Vollendung offen, so schnell ich konn
Das Licht stieg aus dem Riss wie Wasser, das lange unter Druck gestanden hat.Es schoss nicht in die Höhe. Es breitete sich auf dem Boden aus, grün und hell, und wo es Torvans Stiefel berührte, wich er einen Schritt zurück. Zum ersten Mal sah ich ihn unsicher.„Das ist kein Schrei", sagte Yael. Sie stand mit erhobenen Händen da und zitterte am ganzen Körper. „Das sind Menschen. Sie wollen nur nach Hause."„Sie werden dich zerreißen", sagte Torvan.„Dann tun sie es allein nicht." Sie schaute zu mir, und ich sah, wie viel Angst sie hatte. „Lena. Ich kann sie nicht halten. Nicht alle. Ich bin nur eine."Ich stand auf. Meine Knie trugen mich nicht ganz, aber Ren hielt mich am Arm, und das reichte.„Du musst sie nicht allein halten", sagte ich.---Ich dachte an Dren und Isa, an das grüne Glühen in ihrem Hof. An Soren, der gesagt hatte, es gebe eine dritte Form: die kollektive Verbindung, ein Netz unter vielen Menschen, schwach wie ein Flüstern durch viele Münder.Der Berg war nicht kaputt
Wir ritten die letzte Meile im Schritt.Niemand hatte es beschlossen. Die Pferde wurden langsamer, je näher wir dem Berg kamen, als drücke das Gewicht auf ihre Schultern. Ich spürte es auch in meinen eigenen, ein Ziehen von oben, als stünde jemand sehr Großes direkt hinter mir und atme.„Keine Waffen in der Hand", sagte Ren leise. „Was auch passiert."„Auch dann nicht, wenn er sie anfasst?", fragte Kas.„Auch dann nicht."Kas schwieg. Aber ich sah, dass seine Hand vom Schwertgriff glitt und sich langsam öffnete, als koste es ihn körperliche Mühe.---Torvan stand ruhig, bis wir auf zwanzig Schritte heran waren.Er war kleiner, als ich ihn aus der Vision in Erinnerung hatte. Graues Haar, schmale Schultern, ein Gesicht, das man in einer Menge übersehen würde. Nur die Hände fielen auf. Er hielt sie vor dem Körper gefaltet, und sie bewegten sich nie.„Das ist weit genug", sagte er.Wir hielten an.„Ihr seid zu siebt", sagte er. „Ich hatte mit mehr gerechnet. Mit Waffen, mit Zorn. Das ist
Wir ritten vier Tage.Am ersten Tag sprach kaum jemand. Ren führte, Soren ritt neben mir, und hinter uns hörte ich Aldric, der Orla bei jeder Rast vom Pferd half, ohne dass sie ihn darum bat. Lior saß still im Sattel, die Augen auf dem Horizont, und Sela blieb dicht neben ihm.Am Abend lagerten wir an einem trockenen Bachbett. Finn machte Feuer, Kas teilte das Brot aus. Orla saß mit dem Rücken an einem Stein und hatte die Hand auf dem Schlüsselbein.„Tut es weh?", fragte ich.„Nein. Es summt." Sie lächelte schief. „Das habe ich vergessen. Wie sich das anfühlt, wenn etwas in einem antwortet."Ich setzte mich neben sie. „Der östliche Berg. Kannst du ihn spüren?"„Seit gestern stärker. Er weiß, dass wir kommen." Sie schaute ins Feuer. „Er ist nicht wütend, Lena. Er ist müde. Er hat zu lange etwas getragen, das ihm nicht gehört."„Was?"„Das weiß ich nicht. Aber ich glaube, wir werden es sehen."---Am zweiten Tag wurde das Land flach und grau. Keine Dörfer, keine Felder, nur Gras, das si
Wir saßen bis Mitternacht im Studienraum, und niemand sprach, bevor ich den Zettel dreimal gelesen hatte.*Sie haben Sian und Yael. Ich werde mich stellen.*„Er stellt sich freiwillig", sagte Finn.„Er ersetzt sie", sagte Soren. „Ein Tausch. Er glaubt, sie lassen die zwei gehen, wenn sie ihn bekommen."„Tun sie das?", fragte Kas.„Nein", sagte Aldric. Er saß am Rand, das schwarze Glasstück vor sich auf dem Tisch. „Torvan tauscht nie. Er sammelt."Dael lag auf dem Sofa, Mira nähte seinen Arm, ohne Kommentar, mit ruhigen Händen. Er zuckte kaum.„Wo halten sie sie?", fragte Ren.„Im Zentrum", sagte Dael. „Wo der östliche Berg liegt. Der, der mit dir gesprochen hat."Ich schaute auf die Karte.„Dann gehen wir dorthin."„Das ist genau das, was er will", sagte Ren.„Ja."„Du weißt es."„Ja." Ich legte beide Hände flach auf die Karte. „Aber er hat vierzig Menschen verloren, Ren. Sie haben gehört. Du hast gesehen, wie sie gegangen sind. Die Hüter sind nicht mehr dieselben wie heute Morgen."„
Ich frühstückte allein.Das war Absicht.Ich hatte meinen Teller genommen, mich in die hinterste Ecke der Mensa gesetzt, den Rücken zur Wand, Sicht auf jede Tür. Ich wollte sehen, wer hereinkam, bevor er mich sah. Ich wollte eine Minute haben, in der niemand mich maß oder abwog oder auf eine Entsch
Ich ging am nächsten Morgen in Professorin Marens Unterricht und setzte mich in die erste Reihe.Ich hatte in meinem ganzen Leben noch nie in der ersten Reihe gesessen.Sie reagierte nicht, als ich hereinkam. Kein Blinzeln, keine Pause, sie schrieb einfach weiter eine komplizierte Formel in ihrer kl
Ich fand heraus, was ich war, an einem Donnerstag.Nicht von einer Person. Nicht aus einem Buch. Nicht durch irgendeine dramatische Enthüllungsszene, in der mich jemand hinsetzt und mir alles mit ernster Miene und einer Tasse Tee erklärt.Ich fand es heraus, weil ich rannte.******Es begann mit ein
Ich hätte nicht hier sein sollen.Dieser Gedanke kreiste unablässig in meinem Schädel, während der Bus die Bergstraße hinauf ächzte und die Bäume das letzte Nachmittagslicht verschluckten. Ich presste meine Stirn gegen die kalte Scheibe und sah zu, wie der Wald dichter, dunkler und älter wurde – wie







