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Ich hätte nicht hier sein sollen.
Dieser Gedanke kreiste unablässig in meinem Schädel, während der Bus die Bergstraße hinauf ächzte und die Bäume das letzte Nachmittagslicht verschluckten. Ich presste meine Stirn gegen die kalte Scheibe und sah zu, wie der Wald dichter, dunkler und älter wurde – wie etwas, in das man nicht allein hineingehen sollte.
Doch hier war ich. Allein. Und ging direkt hinein.
Voss-Akademie.
Ich hatte dem Wechsel in unter drei Sekunden zugestimmt. Mein Stiefvater hatte den Brief kaum vorgelesen, da hatte ich schon die Sporttasche unter meinem Bett hervorgezogen. Er hatte mich nicht aufgehalten. Das tat er nie. Er schaute kaum von seinem Handy auf.
Das war in Ordnung. So war es gewesen, seit Mom gestorben war.
Ich war unsichtbar gewöhnt.
Ich wollte einfach nur einen neuen Ort, an dem ich unsichtbar sein konnte.
Der Bus kam ruckelnd vor einem Tor zum Stehen, das aussah, als stünde es schon da, lange bevor es Strom gab. Schmiedeeisen, mit geschnitzten Wölfen, die oben knurrten. Ein Wappen, das ich nicht kannte. Schüler stiegen vor mir aus, zerrten ihr Gepäck über den Kies, und ich folgte ihnen, den Kopf gesenkt, die Kapuze hoch, nichts zu sehen hier.
Die Voss-Akademie thronte auf dem Gipfel des Hügels, als gehörte ihr der ganze Berg. Vielleicht tat sie das auch. Steinmauern, hohe Bogenfenster, durch die bernsteinfarbenes Licht sickerte, Türme an beiden Enden. Es sah weniger nach einer Schule aus und mehr nach etwas, für das man eine Blutlinie brauchte, um einzutreten.
Ich hatte keine Blutlinie. Ich hatte ein Stipendium und einen gebrauchten Rucksack.
Trotzdem – ich war hier.
Ich schaffte die Anmeldung, bekam meinen Schlüssel, fand mein Zimmer, ohne mit einer einzigen Person zu sprechen. Kleine Siege. Das Zimmer war schöner als alles, was ich in den letzten drei Schulen gehabt hatte – ein echtes Bett, ein echter Schreibtisch, ein Fenster, das sich tatsächlich öffnen ließ. Ich ließ meine Tasche fallen und stand eine Minute lang am Fenster, schaute auf den Wald hinunter. Der Wind bewegte sich durch die Bäume wie etwas, das atmete.
Ich sagte mir, es sei nur der Wind.
*****
Der erste Tag war in Ordnung. Er wäre es zumindest gewesen, wenn er vor dem Mittagessen geendet hätte.
Ich fand einen Platz hinten in der Mensa, Tablett ausbalanciert, Ohrstöpsel drin, Blick gesenkt. Standard-Überleben Formation. Die Halle war laut, und ich war ein Geist. Perfekt.
Dann kam er herein.
Ich wollte ihn gar nicht bemerken. Aber der ganze Raum tat es – ich spürte es, diese seltsame kollektive Stille, wie ein angehaltener Atem –, und ich schaute auf, bevor ich mich stoppen konnte.
Er war groß. Nicht einfach nur groß. Die Art von Größe, die einen Raum neu ordnete. Dunkles Haar, strenger Kiefer, eine Narbe, die durch seine linke Augenbraue schnitt wie ein Satzzeichen. Sein Blick glitt einmal flach und uninteressiert durch den Raum –
Und blieb an mir hängen.
Ich schaute sofort wieder runter. Mein Herz schlug dumm in meiner Brust.
Ich schaute nicht mehr hoch. Ich konzentrierte mich auf mein Essen. Kaute. Atmete.
Dann setzte sich jemand mir gegenüber.
Nicht er. Jemand anderes. Dieser hier ließ sich in den Stuhl fallen, als gehörte er ihm und alles im Umkreis von drei Metern, stützte sich auf die Ellbogen und lächelte schief und entspannt. Warme braune Augen, ein Kiefer, der keinen Rasierer mehr gesehen hatte, und diese entspannte Energie, die einen misstrauisch machte. Menschen, die so bequem waren, hatten meist etwas angestellt.
„Du sitzt auf Rens Platz“, sagte er.
Ich schaute mich um. „Hier sind fünfzig freie Plätze.“
„Mhm.“ Er neigte den Kopf. „Trotzdem wird es ihm nicht gefallen.“
„Ich werd’s überleben.“
Etwas veränderte sich in seinem Gesichtsausdruck. Schnell. Kaum wahrnehmbar. Dann kehrte das Lächeln zurück, breiter.
„Kas“, sagte er. „So heiße ich. Falls du den Namen später brauchst.“
Ich antwortete nicht. Irgendwann ging er – und ich sagte mir, das sei das Ende gewesen.
War es nicht.
*****
Mein zweiter seltsamer Moment passierte im Fortgeschrittenen Biologie-Unterricht.
Der Raum war halb voll, als ich ankam. Ich suchte mir einen Platz am Fenster, holte mein Notizbuch raus. Normal. Gut. Die Art von Routine, die ich mit geschlossenen Augen hinbekam.
Der Junge zu meiner Linken las. Nicht auf dem Handy, nicht so zum Schein – er las wirklich, ein Taschenbuch hochgehalten, um den Raum auszublenden. Dunkle Ärmel bis zu den Ellbogen hochgeschoben. Still auf diese beherrschte, bewusste Weise, die sich wie eine Entscheidung anfühlte und nicht wie ein Normalzustand.
Ich dachte nicht weiter über ihn nach. Ich suchte den Lehrplan.
Dann streifte meine Hand beim Greifen nach meinem Stift seinen Arm.
Er erstarrte.
Nicht erschrocken – erstarrt. Als wäre etwas Kaltes durch ihn hindurch gefahren. Das Buch senkte sich. Er starrte auf die Stelle, wo meine Finger seinen Ärmel gestreift hatten, und für eine sehr seltsame Sekunde geschah etwas mit seinem Gesicht, das ich nicht benennen konnte.
Dann schaute er mich an.
Seine Augen waren grau. Nicht grau wie Wetter. Grau wie etwas, das viel älter war als Wetter. Sie hielten meinen Blick genau drei Sekunden lang fest, bevor er wieder in sein Buch schaute und nichts sagte.
Ich sagte auch nichts.
Aber meine Hand war immer noch warm an der Stelle, wo ich ihn berührt hatte. Als hätte ich einen blanken Draht gestreift.
*****
Das dritte Ding passierte nach Einbruch der Dunkelheit, und dieses konnte ich nicht mehr weg erklären.
Ich war rausgegangen, um frische Luft zu schnappen. Nur der Innenhof, nur zehn Minuten, nur um das Gefühl loszuwerden, in einem Gebäude voller Fremder zu ersticken. Die Nacht war kalt und scharf, die Art, die in die Wangenknochen biss, und ich lief den Weg am Rand entlang, die Hände in den Taschen, mein Atem bildete kleine Wölkchen.
Dann roch ich es.
Blut. Noch bevor ich den Fleck sah – nur ein Schmierer auf den Steinplatten nahe dem Brunnen, schon dunkel trocknend –, roch ich es. Kupfer, Eisen, etwas darunter, das ich nicht einordnen konnte.
Ich blieb stehen.
Jemand lachte aus den Schatten nahe der Ostmauer.
„Neue Nase“, sagte eine Stimme. „Interessant.“
Ich drehte mich um. Ein Junge lehnte an der Mauer, die Arme verschränkt, und beobachtete mich mit hellen, wachsamen Augen und einem Grinsen, das mir den Nacken kribbeln ließ. Nicht grausam. Etwas Schlimmeres – neugierig.
„Ich habe nichts gemacht“, sagte ich.
„Hab ich auch nicht behauptet.“ Er stieß sich von der Mauer ab. „Du hast es nur gerochen, bevor du es gesehen hast. Ich hab’s beobachtet.“ Er neigte den Kopf. „Wie?“
„Wie was?“
„Wie konntest du das riechen? Aus zwanzig Metern Entfernung. Bei diesem Wind.“ Sein Grinsen wurde härter. „Das solltest du eigentlich nicht können.“
Ich öffnete den Mund. Schloss ihn wieder.
Er schaute mich an, wie Menschen Dinge anschauen, die sie auseinandernehmen wollen.
„Was bist du?“, fragte er.
„Eine Austauschschülerin“, antwortete ich. „Gute Nacht.“
Ich ging weg. Schnell. Ich rannte nicht – rennen wäre irgendwie schlimmer gewesen, das wusste ich in den Knochen –, aber ich lief, als hätte ich ein Ziel, und schaute nicht zurück.
Ich erreichte die große Tür, bevor ich ihn noch einmal hörte, nicht laut, gerade laut genug, dass es trug:
„Die Alphas werden dich interessant finden.“
****
Ich lag in dieser Nacht im Bett und starrte an die Decke.
Ich glaubte nicht an Schicksalsgefährten. Ich hatte die Geschichten gehört – jedes Mädchen hatte das, geflüstert beim Mittagessen, halb Mythos, halb Warnung –, aber ich hatte ihnen nie Gewicht beigemessen. Ich war menschlich. Vollkommen, vollständig, langweilig menschlich. Mom hatte mir nie etwas anderes erzählt.
Aber Mom hatte mich vor siebzehn Jahren auf diesen Berg gebracht, als ich drei war, und sie hatte mir nie gesagt, warum.
Und sie war nie wieder heruntergekommen.
Der Wind drückte gegen das Fenster. Der Wald unten atmete.
Ich hatte unsichtbar gewollt.
Langsam bekam ich das Gefühl, dass dieser Ort niemanden auf diese Weise bleiben ließ.
Ich las den Brief dreimal, bevor ich ihn jemandem zeigte.*Du hast gewonnen. Noch nicht.*Das T war nicht unterschrieben. Es war nur da, ein einzelner Strich unter dem letzten Wort, dünn und eckig, genau wie auf dem Blatt aus Torvans Mantel.Soren nahm das Papier, hielt es gegen das Fenster und schwieg lange.„Das Papier ist neu", sagte er. „Die Tinte auch. Es wurde in den letzten zwei Tagen geschrieben."„Und hierher gebracht, an Mira vorbei", sagte Ren.„Ich habe niemanden gesehen", sagte Mira von der Tür. Ihre Stimme war flach, aber ihre Hände waren zu Fäusten geschlossen. „Die Wachen auch nicht. Der Brief lag nicht da, als ich heute Morgen den Raum kontrolliert habe. Ich war um sechs hier."„Dann war jemand in der Akademie", sagte Kas.„Oder jemand, der schon da war", sagte Finn leise.Niemand sprach aus, was alle dachten.---Wir durchsuchten das Haus bis zum Abend.Mira ließ jeden Raum öffnen, jede Truhe, jeden Keller. Die Schüler halfen, verunsichert, aber ohne Fragen. Wir fand
Torvan sprach im ersten Morgenlicht, und er brachte nur einen Satz zu Ende.Wir saßen im Kreis auf dem kalten Boden, die Hüter in grauen Mänteln hinter uns, Fen mit verbundenen Rippen neben Soren. Torvan hatte die Hände auf den Knien liegen, offen, zum ersten Mal ohne Falten.„Die Briefe kamen immer bei Vollmond", sagte er. „Dreißig Jahre lang. Ich habe nie gesehen, wer sie bringt. Ich habe nie—"Er brach ab.Seine Augen weiteten sich, und er griff sich an die Kehle.„Torvan?", sagte Orla.Er antwortete nicht. Er rang nach Luft, und unter seinen Fingern erschien ein dünner schwarzer Strich auf der Haut, der um seinen Hals lief wie ein Faden.„Ein Dorn", sagte Aldric, schon auf den Beinen. „Ein zweiter. Nicht am Schlüsselbein. An der Stimme."„Wer hat ihn gesetzt?", rief Ren.„Niemand, den wir sehen! Er ist alt. Er hat Jahre gewartet!"Torvan kippte zur Seite. Orla fing ihn auf, und ich war schon bei ihm, die Hände an seinen Schultern, und ließ die Vollendung offen, so schnell ich konn
Das Licht stieg aus dem Riss wie Wasser, das lange unter Druck gestanden hat.Es schoss nicht in die Höhe. Es breitete sich auf dem Boden aus, grün und hell, und wo es Torvans Stiefel berührte, wich er einen Schritt zurück. Zum ersten Mal sah ich ihn unsicher.„Das ist kein Schrei", sagte Yael. Sie stand mit erhobenen Händen da und zitterte am ganzen Körper. „Das sind Menschen. Sie wollen nur nach Hause."„Sie werden dich zerreißen", sagte Torvan.„Dann tun sie es allein nicht." Sie schaute zu mir, und ich sah, wie viel Angst sie hatte. „Lena. Ich kann sie nicht halten. Nicht alle. Ich bin nur eine."Ich stand auf. Meine Knie trugen mich nicht ganz, aber Ren hielt mich am Arm, und das reichte.„Du musst sie nicht allein halten", sagte ich.---Ich dachte an Dren und Isa, an das grüne Glühen in ihrem Hof. An Soren, der gesagt hatte, es gebe eine dritte Form: die kollektive Verbindung, ein Netz unter vielen Menschen, schwach wie ein Flüstern durch viele Münder.Der Berg war nicht kaputt
Wir ritten die letzte Meile im Schritt.Niemand hatte es beschlossen. Die Pferde wurden langsamer, je näher wir dem Berg kamen, als drücke das Gewicht auf ihre Schultern. Ich spürte es auch in meinen eigenen, ein Ziehen von oben, als stünde jemand sehr Großes direkt hinter mir und atme.„Keine Waffen in der Hand", sagte Ren leise. „Was auch passiert."„Auch dann nicht, wenn er sie anfasst?", fragte Kas.„Auch dann nicht."Kas schwieg. Aber ich sah, dass seine Hand vom Schwertgriff glitt und sich langsam öffnete, als koste es ihn körperliche Mühe.---Torvan stand ruhig, bis wir auf zwanzig Schritte heran waren.Er war kleiner, als ich ihn aus der Vision in Erinnerung hatte. Graues Haar, schmale Schultern, ein Gesicht, das man in einer Menge übersehen würde. Nur die Hände fielen auf. Er hielt sie vor dem Körper gefaltet, und sie bewegten sich nie.„Das ist weit genug", sagte er.Wir hielten an.„Ihr seid zu siebt", sagte er. „Ich hatte mit mehr gerechnet. Mit Waffen, mit Zorn. Das ist
Wir ritten vier Tage.Am ersten Tag sprach kaum jemand. Ren führte, Soren ritt neben mir, und hinter uns hörte ich Aldric, der Orla bei jeder Rast vom Pferd half, ohne dass sie ihn darum bat. Lior saß still im Sattel, die Augen auf dem Horizont, und Sela blieb dicht neben ihm.Am Abend lagerten wir an einem trockenen Bachbett. Finn machte Feuer, Kas teilte das Brot aus. Orla saß mit dem Rücken an einem Stein und hatte die Hand auf dem Schlüsselbein.„Tut es weh?", fragte ich.„Nein. Es summt." Sie lächelte schief. „Das habe ich vergessen. Wie sich das anfühlt, wenn etwas in einem antwortet."Ich setzte mich neben sie. „Der östliche Berg. Kannst du ihn spüren?"„Seit gestern stärker. Er weiß, dass wir kommen." Sie schaute ins Feuer. „Er ist nicht wütend, Lena. Er ist müde. Er hat zu lange etwas getragen, das ihm nicht gehört."„Was?"„Das weiß ich nicht. Aber ich glaube, wir werden es sehen."---Am zweiten Tag wurde das Land flach und grau. Keine Dörfer, keine Felder, nur Gras, das si
Wir saßen bis Mitternacht im Studienraum, und niemand sprach, bevor ich den Zettel dreimal gelesen hatte.*Sie haben Sian und Yael. Ich werde mich stellen.*„Er stellt sich freiwillig", sagte Finn.„Er ersetzt sie", sagte Soren. „Ein Tausch. Er glaubt, sie lassen die zwei gehen, wenn sie ihn bekommen."„Tun sie das?", fragte Kas.„Nein", sagte Aldric. Er saß am Rand, das schwarze Glasstück vor sich auf dem Tisch. „Torvan tauscht nie. Er sammelt."Dael lag auf dem Sofa, Mira nähte seinen Arm, ohne Kommentar, mit ruhigen Händen. Er zuckte kaum.„Wo halten sie sie?", fragte Ren.„Im Zentrum", sagte Dael. „Wo der östliche Berg liegt. Der, der mit dir gesprochen hat."Ich schaute auf die Karte.„Dann gehen wir dorthin."„Das ist genau das, was er will", sagte Ren.„Ja."„Du weißt es."„Ja." Ich legte beide Hände flach auf die Karte. „Aber er hat vierzig Menschen verloren, Ren. Sie haben gehört. Du hast gesehen, wie sie gegangen sind. Die Hüter sind nicht mehr dieselben wie heute Morgen."„
Sie kamen alle vier.Ich hatte nicht damit gerechnet. Ich hatte mit Ren gerechnet, vielleicht Soren, vielleicht Finn. Aber alle vier standen um vierzehn Minuten nach vier am Waldrand, und niemand erklärte es, und ich fragte nicht.Wir gingen schweigend.Der Wald war am Nachmittag anders als nachts
Drayven ging nicht.Er zog einen Stuhl heran und setzte sich, als wäre der Tisch seiner, als wären wir seine Gäste, als hätte niemand das Recht, ihn aufzufordern zu gehen. Er verschränkte die Hände auf der Tischplatte und schaute mich an mit der Geduld von jemandem, der sehr lange sehr viel bekomme
Ich frühstückte allein.Das war Absicht.Ich hatte meinen Teller genommen, mich in die hinterste Ecke der Mensa gesetzt, den Rücken zur Wand, Sicht auf jede Tür. Ich wollte sehen, wer hereinkam, bevor er mich sah. Ich wollte eine Minute haben, in der niemand mich maß oder abwog oder auf eine Entsch
Ich ging am nächsten Morgen in Professorin Marens Unterricht und setzte mich in die erste Reihe.Ich hatte in meinem ganzen Leben noch nie in der ersten Reihe gesessen.Sie reagierte nicht, als ich hereinkam. Kein Blinzeln, keine Pause, sie schrieb einfach weiter eine komplizierte Formel in ihrer kl







