FAZER LOGINLUCIANS PERSPEKTIVE
Im Ratssaal herrschte Stille. Nur meine Stimme war zu hören, während ich die Bedingungen des Vertrags mit dem benachbarten Rudel darlegte.Ich saß am Kopfende des langen Tisches, meine silbergrauen Augen wanderten über die Gesichter der versammelten Ratsmitglieder. Keiner von ihnen wagte es, mich zu unterbrechen oder meine Entscheidung infrage zu stellen.„Die Grenze bleibt für den Handel offen“, sagte ich ruhig, aber bestimmt. „Doch jeder Wolf, der sie ohne Erlaubnis überquert, wird verbannt. Keine Ausnahmen.“Die Ratsmitglieder tauschten Blicke aus, doch niemand widersprach. Sie hatten schon vor langer Zeit gelernt, dass mein Wort endgültig war und es wenig Sinn hatte, mich herauszufordern.Ich lehnte mich in meinem Stuhl zurück und wartete darauf, dass jemand das Wort ergriff.Der alte Lord Aldric, der ehemalige Beta, der noch immer im Rat saß, räusperte sich.„Alpha, wenn ich einen Vorschlag machen darf. Das benachbarte Rudel hat schon früher versucht, unsere Grenzen auszutesten. Vielleicht sollten wir in den ersten Monaten zusätzliche Wachen dort postieren.“Ich dachte einen Moment über seine Worte nach und nickte. „Ein weiser Vorschlag, Lord Aldric. Sorgt dafür, dass es umgesetzt wird.“Er neigte respektvoll den Kopf, und ich bemerkte den Stolz in seinen Augen. Lord Aldric hatte diesem Rudel jahrzehntelang treu gedient. Seine Tochter Greta war in seine Fußstapfen getreten und hatte ihr Leben ebenfalls dem Rudel verschrieben.Als niemand mehr etwas zu sagen hatte, nickte ich knapp.„Die Sitzung ist beendet.“Die Ratsmitglieder verließen einer nach dem anderen den Saal, ihre Schritte hallten über den Steinboden. Jace blieb wie immer zurück. Er wartete, bis die Tür hinter dem Letzten ins Schloss gefallen war, bevor er das Wort ergriff.„Du warst heute ziemlich streng mit ihnen“, sagte er, während er mich durch die prächtigen Flure des Palastes begleitete. „Die Ältesten sahen aus, als hätten sie einiges zu sagen, aber keiner hatte den Mut, den Mund aufzumachen.“„Gut“, erwiderte ich leise, während ein schwaches Lächeln meine Lippen umspielte. „Ein bisschen Angst hält sie in Schach.“Jace lachte leise. „Du bist unmöglich, weißt du das?“Ich antwortete nicht.Meine Gedanken waren längst woanders. Sie wanderten zurück zur vergangenen Nacht, zu der Frau, die mich nicht mehr losließ, seit ich sie zum ersten Mal gesehen hatte.Ich hatte sie schlafend in meinem Hotelzimmer zurückgelassen, ihr kastanienbraunes Haar über mein Kissen gebreitet, ihre Lippen zu einem friedlichen Lächeln verzogen.Dass ich sie für mich beansprucht hatte, war ein Risiko. Ich hatte kein Recht dazu, und trotzdem hatte ich mich nicht zurückhalten können.Sie gehörte jetzt mir.Das hatte ich in dem Moment beschlossen, als sich unsere Blicke in diesem überfüllten Club zum ersten Mal getroffen hatten.Wir erreichten meine Privatgemächer, und Jace folgte mir hinein. Er ließ sich in einen Sessel fallen, während ich mir ein Glas Whiskey einschenkte. Der Raum war groß und luxuriös. Hohe Fenster gaben den Blick auf das Palastgelände frei, und das Feuer im Kamin verlieh dem Raum eine beinahe gemütliche Wärme.„Du musst jemanden für mich finden“, sagte ich und wandte mich meinem Beta zu. „Beim Snowrich-Rudel.“Jace hob überrascht eine Augenbraue. „Wen?“„Sie heißt Nora. Mitte dreißig. Kastanienbraunes Haar. Warme braune Augen. Eine weiche, kurvige Figur. Eine Heilerin.“Jace starrte mich einen langen Moment fassungslos an, dann stieß er einen leisen Pfiff aus.„Kurvig? Also richtig füllig? Und Mitte dreißig?“ Er lachte und schüttelte den Kopf. „Ich wusste gar nicht, dass ältere, kurvige Frauen dein Typ sind.“Ich lächelte. Ein seltenes, aufrichtiges Lächeln, das selbst ich nicht oft zeigte.„Ich auch nicht. Aber manchmal überrascht einen das Leben.“Jace beugte sich interessiert vor. „Jetzt will ich mehr hören.“Mit dem Glas in der Hand ging ich zum Fenster und blickte hinaus in den dunklen Himmel.„So habe ich mich noch nie zu jemandem hingezogen gefühlt, Jace. Seit ich Alpha geworden bin, gab es niemanden.“ Ich schwieg einen Moment. „Irgendwann dachte ich, mit mir würde etwas nicht stimmen. Vielleicht wäre irgendetwas in mir kaputt. Vielleicht würde ich meine Schicksalsgefährtin niemals finden und den Rest meines Lebens allein verbringen.“Ich drehte mich wieder zu ihm um und sah ihn eindringlich an.„Aber dann habe ich sie letzte Nacht gesehen, und plötzlich war alles anders. Sie hat sich mir nicht an den Hals geworfen wie die anderen Wölfinnen. Sie war schüchtern, unsicher, als könnte sie selbst nicht glauben, dass sie schön ist. Und die Art, wie ihre Kurven ihr Kleid ausfüllten … die Weichheit ihres Körpers, die Wärme in ihren Augen, als sie mich endlich an sich heranließ …“Allein die Erinnerung daran ließ etwas in mir aufflammen.„Ich konnte meinen Blick nicht von ihr abwenden. Und ich wollte es auch gar nicht. Sie war die schönste Frau, die ich je gesehen hatte. In diesem Moment wusste ich, dass ich sie haben musste.“Jace hob eine Augenbraue. „Du willst mir also sagen, dass du dich zu ihr hingezogen fühlst, weil sie sich dir nicht gleich an den Hals geworfen hat?“„Zum Teil“, gab ich zu. „Aber da ist noch mehr. Sie hat etwas an sich, Jace. Etwas, das ich nicht erklären kann. Wenn ich sie berührt oder im Arm gehalten habe, hat es sich einfach richtig angefühlt. Als hätte mir genau dieses Gefühl mein ganzes Leben lang gefehlt, ohne dass ich es je hätte benennen können.“Jace nickte langsam. „Ich habe dich noch nie so über eine Frau reden hören.“„Ich mich auch nicht“, sagte ich. „Deshalb musst du sie für mich finden.“Jace grinste. „Na schön, Romeo. Ich finde sie.“Ich wollte gerade etwas erwidern, als es an der Tür klopfte. Ein Omega trat ein und verbeugte sich tief.„Alpha“, sagte er mit leicht zitternder Stimme, „Lady Greta lässt ausrichten, dass sie dich heute Abend zum Essen in den großen Saal einlädt. Sie möchte dir ihre Gäste vorstellen.“Überrascht runzelte ich die Stirn. Greta lud mich nur selten zum Abendessen ein, ohne mir vorher Bescheid zu geben.„Gäste?“, wiederholte ich. „Was für Gäste?“Der Omega schüttelte den Kopf. „Das weiß ich nicht, Alpha.“Ich kniff die Augen zusammen. „Ein Alpha oder eine Luna?“„Nein, Alpha.“„Ein Lord oder eine Lady?“„Nein, Alpha.“ Er zögerte kurz. „Eine etwas fülligere Dame namens Nora und ihre Tochter Lily.“
Meine Hand, die gerade das Glas zu meinen Lippen führen wollte, erstarrte mitten in der Bewegung. Für einen Moment konnte ich mich nicht rühren. Nicht einmal atmen. Nora. Ihr Name hallte wie ein Trommelschlag in meinem Kopf wider. Die Frau aus dem Club. Die Frau, deren Haut ich gekostet hatte, deren Stöhnen ich verschluckt hatte, deren Namen ich in der Dunkelheit wie ein Gebet geflüstert hatte. Sie war hier? In meinem Rudel? Und Greta hatte sie eingeladen? Langsam stellte ich mein Glas ab. Dann lächelte ich. „Richte Lady Greta aus, dass ich kommen werde.“ Der Omega verbeugte sich tief und verließ den Raum. Jace drehte sich zu mir um und starrte mich ungläubig an. Dann schüttelte er den Kopf, während sich ein wissendes Grinsen auf seinem Gesicht ausbreitete. „Das kann doch nicht dein Ernst sein. Lucian, du spielst mit dem Feuer.“ Mein Lächeln wurde nur noch breiter. „Ich weiß“, sagte ich leise. „Und ich kann es kaum erwarten.“ Nora. Meine Nora. Noch heute Morgen hatte ich ihr einen Zettel hinterlassen und ihr gesagt, sie solle auf mich warten. Und jetzt war sie ausgerechnet hier, in meinem Rudel, auf Einladung von Lady Greta. Sie hatte keine Ahnung, wer ich wirklich war. Aber heute Abend würde sich das ändern.GRETAS PERSPEKTIVEIch saß in meinen Gemächern und kämmte mir die Haare, als ein Diener an meine Tür klopfte.„Herein“, sagte ich, und die Tür öffnete sich. Dahinter stand Elara, meine Zofe, mit einem seltsamen Ausdruck im Gesicht.„Meine Herrin“, sagte Elara leise. „Ich habe Neuigkeiten. Wichtige Neuigkeiten.“Ich legte meine Bürste beiseite und wandte mich ihr zu.„Was ist los?“, fragte ich.„Lord Darius ist zum Rudel zurückgekehrt“, sagte Elara. „Er ist heute Morgen angekommen. Und er hat den Alpha um seine Position herausgefordert.“Ich starrte sie einen Moment lang an, um die Worte sacken zu lassen.„Lord Darius?“, wiederholte ich langsam. „Der Mann, der einst Alpha werden wollte? Derjenige, der fortging, nachdem Lucians Vater seinen Sohn auserwählt hatte?“„Ja, meine Herrin“, sagte Elara. „Er ist zurückgekehrt. Und er fordert den Alpha heraus. Der Kampf ist für heute in einer Woche angesetzt.“Ich spürte, wie sich ein Lächeln auf meinem Gesicht ausbreitete, ein Lächeln, das ich
LUCIANS PERSPEKTIVEIch saß in meinem Arbeitszimmer mit einem Stapel Dokumente vor mir und hatte endlich das Gefühl, dass ich die Lage im Griff hatte.Trevor war auf dem Weg, aber ich war bereit für ihn. Ich hatte Beweise für Gretas Verrat und einen Plan, um die beiden auf frischer Tat zu ertappen. Nora war in Sicherheit, Lily war in Sicherheit, und das Rudel war stabil. Zum ersten Mal seit Wochen hatte ich das Gefühl, wieder atmen zu können.Ein Klopfen an der Tür riss mich aus meinen Gedanken, und Jace kam mit einem seltsamen Gesichtsausdruck herein.„Lucian“, sagte er leise. „Da ist jemand am Tor. Ein Besucher.“Ich runzelte tief die Stirn, als ich von meinen Unterlagen aufblickte.„Ein Besucher? Wer?“Jace zögerte einen Moment, dann sagte er: „Lord Darius.“Ich spürte, wie mir augenblicklich das Blut in den Adern gefror.Lord Darius. Der Mann, der einst ein Anwärter auf das Amt des Alphas gewesen war, bevor mein Vater mich auserwählt hatte. Er hatte das Rudel vor Jahren verlassen,
LUCIANS PERSPEKTIVEIch saß in meinem Arbeitszimmer mit einem Stapel Dokumente vor mir und konnte mich auf kein einziges Wort konzentrieren.Nora hatte mir von Trevors Anruf erzählt, davon, wie er gedroht hatte, zum Nightcrest-Rudel zu kommen, und von der gemeinen Bemerkung, die er über ihr Gewicht gemacht hatte. Und ich hatte ihr versprochen, herauszufinden, wer ihm verraten hatte, wo sie sich aufhielt. Ich hatte ihr versprochen, sie zu beschützen. Doch seitdem war ich nicht mehr in der Lage gewesen, mich auf irgendetwas anderes zu konzentrieren.Ich schob die Unterlagen beiseite, stand auf und ging zur Tür. Im Flur traf ich auf Jace, dem ich den Stapel Papiere überreichte.„Kümmere dich in den nächsten Tagen darum“, sagte ich mit fester Stimme. „Ich muss mich um etwas anderes kümmern.“Jace runzelte die Stirn, blickte auf die Unterlagen und dann wieder zu mir.„Lucian, das ist wichtig“, sagte er vorsichtig. „Das Handelsabkommen mit dem nördlichen Rudel, der Grenzstreit mit den östli
GRETAS PERSPEKTIVEIch öffnete die Tür und sah Nora dort stehen – ihr Gesicht war blass und ihre Hände zitterten. Ich verspürte einen Anflug von Überraschung, den ich jedoch schnell hinter einer Maske der Besorgnis verbarg.„Nora“, sagte ich leise und trat einen Schritt zurück, um sie hereinzulassen. „Was machst du denn hier? Es ist schon spät.“Sie ging an mir vorbei in meine Gemächer, und ich schloss die Tür hinter ihr, während mir die Gedanken durch den Kopf rasten. Warum war sie hier? Hatte sie etwas herausgefunden? Hatte ihr jemand etwas erzählt?Doch ich verdrängte diese Gedanken schnell und wandte mich ihr zu, wobei ich meinen Gesichtsausdruck sorgfältig so gestaltete, dass er Besorgnis und Wärme ausstrahlte.„Ist alles in Ordnung?“, fragte ich sanft. „Du siehst aufgeregt aus.“Nora stand in der Mitte des Zimmers, die Arme um sich geschlungen, und sah mich mit diesen warmen braunen Augen an, die von etwas erfüllt waren, das ich nicht ganz deuten konnte.„Ich muss dich etwas fra
NORAS PERSPEKTIVEIch stand in Lucians Gemächern, das Telefon ans Ohr gepresst, und mein Herz hämmerte in meiner Brust – ich konnte einfach nicht glauben, was ich gerade gehört hatte.Tessas Stimme klang scharf, und ich konnte ihre Wut durch das Telefon spüren.„Was ist das denn für eine Frage?“, fragte sie schroff. „Was für eine Beleidigung ist das?“Ich spürte, wie mich Schuldgefühle überkamen, und versuchte schnell, es zu erklären.„Es tut mir so leid“, sagte ich mit zitternder Stimme, „ich wollte dich nicht beleidigen. Es ist nur so, dass Trevor mich angerufen hat, und er wusste, wo ich war, und Lucian dachte, jemand hätte es ihm vielleicht verraten.“Am anderen Ende der Leitung herrschte lange Stille, dann atmete Tessa tief aus.„Trevor hat dich angerufen?“, fragte sie mit harter Stimme. „Diese Schlange hat dich tatsächlich angerufen?“„Ja“, flüsterte ich. „Er sagte, er kommt zum Nightcrest-Rudel, um mich und Lily zu sehen.“Tessa schwieg einen Moment, und als sie wieder sprach,
NORAS PERSPEKTIVEIch stand wie erstarrt im Flur, das Telefon noch immer ans Ohr gepresst, und konnte mich nicht bewegen, konnte nicht atmen und konnte nicht denken.Trevor war auf dem Weg hierher.Trevor, der mich gebrochen hatte. Trevor, der mir das Gefühl gegeben hatte, wertlos zu sein. Trevor, der mich für eine jüngere Frau verlassen und mir deutlich gemacht hatte, dass ich nicht gut genug war. Er war auf dem Weg zum Nightcrest-Rudel, und er kam, um mich und Lily zu sehen.Ich spürte, wie mir das Telefon aus den Fingern glitt und mit lautem Klirren auf den Boden fiel, und ich lehnte mich an die Wand, um mich zu stützen. Mein Herz hämmerte so heftig, dass ich es bis in die Kehle spürte, und meine Hände zitterten so stark, dass ich sie kaum ruhig halten konnte.Ich dachte an seine Stimme, daran, wie er mit mir gesprochen hatte. So sanft. So unecht. Als würde er mit einem verängstigten Tier sprechen, das er verschlingen will, als würde er versuchen, mich in eine Falle zu locken. Und







