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Kapitel 2

Author: Gemma
Am nächsten Morgen war Matteo bereits fort, aber auf der Arbeitsplatte stand noch immer ein warmer Espresso, neben der Brioche unter einer Speiseglocke. Genau diese kleinen Aufmerksamkeiten waren es, weshalb ich seine Fürsorge so lange für Hingabe hielt.

Kaum hatte ich meinen Laptop geöffnet, erschien eine Nachricht von Vanessa Ashford in der Ehemaligen-Gruppe unseres Internats:

„Heute Abend privates Dinner im Aurelia Club. Keine Ausreden. Ich habe euch alle vermisst.“

Ich hätte diese Nachricht ignoriert, wenn nicht fast unmittelbar darauf Matteos Antwort darunter erschienen:

„Ich werde da sein.“

Nach einem langen Blick auf den Bildschirm tippte ich meine eigene Antwort:

„Ich auch.“

Der Aurelia Club lag hinter einer unscheinbaren Tür an der Fifth Avenue. Vanessa hatte den privaten Saal der De Lucas reserviert, als stünde ihr jedes Recht dazu. Als ich eintraf, war der Tisch bereits voll besetzt. Sie saß auf dem Stuhl der Donna zu Matteos rechter Seite, trug ein schwarzes Satinkleid und lachte, als hätte dieser Raum schon immer ihr gehört.

Ein Kellner zögerte, als er den freien Platz am äußersten Ende des Tisches bemerkte. Ich reichte ihm meinen Mantel und ging selbst dorthin.

Vanessa bemerkte mich als Erste. Ihr Lächeln war strahlend und makellos. „Elena, du bist spät dran. Wir haben uns schon Sorgen gemacht.“

„Ich war noch bei der Arbeit.“

„Bewundernswert.“ Ihr Blick glitt zu meinem nackten Schlüsselbein, wo eigentlich die Obsidianbrosche hätte sitzen sollen. „Restaurierst du immer noch alte Dinge?“

„Jemand muss schließlich ihren Wert erkennen.“

Matteo sah mich endlich an. Sein Gesichtsausdruck veränderte sich kaum merklich – gerade so viel, um mir zu verraten, dass ihm die fehlende Brosche aufgefallen war. Doch bevor er etwas sagen konnte, lehnte sich Nico Ferretti neben mir zurück und lachte.

Mein Kindheitsrivale, der Lieblingsstörenfried meiner Familie und der einzige Mensch in diesem Raum, der dreist genug war, sich an einem öffentlichen Versagen zu ergötzen.

„Interessante Sitzordnung“, sagte Nico. „Ich dachte, Elena wäre Matteos Ehefrau.“

Am Tisch wurde es still.

Vanessa hob ihr Glas. „Ehefrau? Matteo, ich dachte, du wärst allergisch gegen die Ehe.“

Alle sahen ihn an. Für einen törichten Moment wünschte ich mir, Matteo würde meinen Namen klar und deutlich aussprechen – um mir den Platz zurückzugeben, den er einer anderen Frau eingeräumt hatte. Doch sein Blick wanderte von mir zu Vanessa und blieb schließlich auf seinem Weinglas hängen.

„Elena und ich haben eine Vereinbarung“, sagte er. „Sie hat beiden Familien geholfen.“

Eine Vereinbarung.

Nicht Ehefrau. Nicht Donna. Nicht die Frau, der er selbst die Brosche angelegt hatte, mit der er das Bett teilte und die sein Kind erwartete.

Vanessa lächelte mich mit sanftem Mitleid an. „Das macht Sinn. Matteo war schon immer zu ernst für Romantik – außer jemand zwang ihn dazu.“

Ich hätte ihn nach dem Zutritt zum Signora‑Trakt fragen können, nach dem verschwundenen Siegelring oder nach der Zeremonie, die er bei Vanessas Rückkehr abbrach. Doch es gab keine Würde darin, sich an einem Esstisch vor allen anderen verletzlich zu zeigen. Also lächelte ich zurück.

„Er hat recht. Es war eine Vereinbarung.“

Matteos Kiefer spannte sich an, während Nico mich ansah – mit dem ersten Anflug von Ernsthaftigkeit, den ich je in seinem Gesicht gesehen hatte.

Danach wurde das Abendessen immer lauter. Jemand scherzte, Matteo und Vanessa hätten endlich den richtigen Zeitpunkt gefunden. Ein anderer meinte, alte Zuneigung sterbe nie wirklich. Und Vanessa lachte, während ihre Hand auf der Rückenlehne von Matteos Stuhl ruhte. Matteo schob sie nicht weg.

Plötzlich überfiel mich eine starke Übelkeit, sodass ich den Tisch verlassen musste. Im Waschraum kämpfte ich gegen das Unwohlsein, spülte mir den Mund aus, frischte meinen Lippenstift auf und blickte so lange in den Spiegel, bis mein Gesicht wieder die Fassade zeigte, die ich nach außen tragen wollte.

Als ich zurückkehrte, hatte niemand mein Fehlen bemerkt. Vanessa erzählte gerade eine Geschichte aus der Schulzeit, und Matteo sah sie mit einer Sanftheit an, die ich seit Wochen nicht mehr bei ihm gesehen hatte.

Das Abendessen endete kurz vor Mitternacht. Vor dem Club schwankte Vanessa auf den Stufen und presste eine Hand an ihre Schläfe. Matteo trat zu ihr, bevor jemand anderes reagieren konnte.

„Ihr geht es nicht gut“, sagte er zu mir. „Ich bringe sie zuerst nach Hause.“

Ich blickte auf Vanessa, die sich an ihn lehnte, dann auf den schwarzen Wagen am Straßenrand.

„Du solltest gehen.“

Matteo runzelte die Stirn, als würde ihn meine Ruhe mehr verunsichern als jeder Zorn.

„Elena …“

„Gute Nacht, Matteo.“

Vanessa blickte über seine Schulter zurück. Das Lächeln in ihren Augen verriet mir, dass sie jede einzelne Sekunde davon genossen hatte.

Ich sah zu, wie ihr Wagen im Verkehr verschwand, während meine Hand leicht auf meinem noch flachen Bauch ruhte. Vanessa wollte die alte Verehrung zurück, und Matteo hatte sie ihr vor aller Augen wieder gegeben. Ich würde nicht mit einer anderen Frau um einen Titel, um einen Platz, um einen Siegelring oder um einen Mann kämpfen – einen Mann, der mir bereits gezeigt hatte, wie leicht er mir all das wieder nehmen konnte.

Wenn ich mit Matteo sprechen würde, dann nicht, um ihn zu bitten, sich für mich zu entscheiden.

Sondern um ihm zu sagen, dass ich gehen würde.

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