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Kapitel 11

Author: Janni
last update publish date: 2026-06-03 20:00:19

Lyon ignorierte die Spitze, den Blick auf das Fenster gerichtet, das die Stadt unter ihnen überblickte, während dahinter der Waldrand dunkel und lebendig wirkte. Er konnte sie beinahe fühlen — ein Flackern, ein Puls, schwach, aber beharrlich. Die Härchen auf seinen Armen richteten sich auf, und silberne Lichtadern flüsterten unter seiner Haut.

Merricks Stimme durchbrach die Spannung, tief und entschlossen.„Dieses Rudel steht ohnehin kurz vor dem Zusammenbruch. Es wäre vielleicht keine schlechte Idee, dort hinzugehen und es zu überprüfen. Augen und Zähne dorthin zu schicken, bevor alles völlig auseinanderfällt.“

Lyon nickte schweigend. Die Worte „Sie ist nah“ formten sich erneut in seinem Kopf — unausgesprochen, aber drängend. Das Necken, der Speck, der Kaffee — all das verblasste. Irgendetwas bewegte sich dort draußen, jenseits des Waldes, und er musste bereit sein.

Pagan schnaubte leise und lehnte sich in seinem Stuhl zurück.„Oh, das wird interessant. Gefällt mir.“

Lyon ignorierte ihn.

Alles, was zählte, war dieses Ziehen, der Frost, die schwache Berührung von silbernem Licht am Horizont.

Der Kriegsraum roch schwach nach Kaffee und poliertem Stahl. Holografische Karten schwebten über dem langen Tisch und markierten Rudelterritorien, Streunerangriffe und Grenzverletzungen in leuchtendem Rot. Berichte lagen an den Rändern verstreut — manche ordentlich sortiert, andere hastig beschrieben — eine Mischung aus Informationen und Chaos.

Durch die Fenster glitzerte die Stadt im bleichen Morgengrauen, doch Lyon bemerkte es kaum. Sein Blick hing an einem hartnäckigen Stück Wald, in dem das Wintercrest-Rudel ums Überleben kämpfte.

Merricks Stimme durchschnitt die Stille.„Wintercrest hat letzte Nacht erneut einen Grenzdurchbruch gemeldet. Drei Höhlen verloren. Alpha Darius behauptet, er hätte die Südgrenze nur knapp halten können.“

Pagan grinste und lehnte halb am Tischrand, die Arme verschränkt.„Nur knapp gehalten? Dieses Rudel hätte vor Jahren zusammenbrechen sollen. Irgendetwas hält sie aufrecht … etwas, das wir nicht sehen.“

Lyon fuhr mit einem Finger den Rand des Wintercrest-Territoriums entlang, und ein schwaches Kribbeln lief seinen Arm hinauf. Der Mondstein unter seinem Shirt pulsierte sanft — ein Licht, das nur er sehen konnte, während silberne Adern hindurchliefen.

Eine Präsenz regte sich im Wald.

Etwas Lebendiges. Etwas Bewusstes.

Es zog an ihm, flüsterte seinen Instinkten zu.

„In diesem Rudel steckt mehr als nur Streuner“, sagte er leise. „Etwas hält es zusammen. Etwas … Ungewöhnliches.“

Merrick blickte kurz zu ihm hinüber, ohne seine sorgfältige Betrachtung der Karte zu unterbrechen.„Das hast du schon oft gesagt.“

„Und ich hatte jedes Mal recht.“

Lyons Kiefer spannte sich an. Das Ziehen war stärker geworden. Schärfer. Er konnte es in seiner Brust fühlen, wie es sich durch seinen Geist wand und von Gefahr und Möglichkeiten flüsterte.

Pagan lachte leise und schüttelte den Kopf.„Gut, du intuitives Genie — was genau willst du, dass wir dagegen tun?“

Lyons Blick blieb auf dem leuchtenden Waldstück hängen.„Wir finden heraus, was sie aufrecht hält, bevor noch mehr Streuner auftauchen — oder schlimmer noch, bevor etwas anderes erscheint.“

Merricks graue Augen wanderten ebenfalls kurz zu dem Waldrand — gerade lange genug, um das Spannungsgefühl anzuerkennen, das Lyon verspürte.

„In Ordnung. Wir kümmern uns selbst darum. Ende der Woche brechen wir auf.“

Sein Ton blieb ruhig, doch seine Worte hatten Gewicht. Jeder Schritt in Richtung dieses sterbenden Rudels war bewusst, kalkuliert — und irgendetwas daran ließ die Härchen in Lyons Nacken aufstehen.

Die drei tauschten einen kurzen, wortlosen Blick.

Keiner wusste genau, was sie anzog, doch das Ziehen war unbestreitbar — ein feines Zerren unter ihrer Haut, ein aufsteigendes Summen in ihren Wolfsinstinkten.

Merricks Kiefer spannte sich an.

Pagans Grinsen verblasste für einen Augenblick.

Lyons Hände prickelten vor Erwartung.

„Großartig“, sagte Pagan schließlich und versuchte, Humor hineinzulegen. „Wir fahren zu einem Rudel, das schon mit einem Bein im Grab steht.“

Merricks schwaches Lächeln erreichte seine Augen nicht.„Du wirst es überleben.“

Lyon antwortete nicht.

Sein Blick blieb auf den Wald gerichtet, während ein tiefes Summen unter seiner Brust vibrierte.

Dort wartete etwas.

Etwas Lebendiges.

Etwas, das den Verlauf ihres ganzen Lebens verändern würde.

Und obwohl sie es noch nicht wussten, wurde das Band zwischen ihnen und diesem Territorium — dieser Präsenz — immer stärker.

Die Dämmerung floss langsam über die Stadt und färbte die Skyline in Streifen aus Bernstein und Violett. Die Hauptstadt des Lunaris-Rudels leuchtete unter ihnen — ein lebendiges Denkmal für Einheit und Macht. Straßen schnitten wie silberne Adern durch das Herz der Stadt; Wölfe in menschlicher Gestalt bewegten sich zielstrebig über die beleuchteten Plätze, Wachen patrouillierten entlang der Mauern, und das Summen des Handels vermischte sich mit dem fernen Heulen.

Auf seinem privaten Balkon im obersten Stockwerk des Alpha-Anwesens stand Lyon barfuß auf dem kalten Steinboden, ein Glas Whiskey vergessen in seiner Hand.

Der Wind biss gegen seine Haut, scharf und klar — erdete ihn mehr, als das Getränk es je könnte.

Er ließ den Mondsteinanhänger zwischen seinen Fingern rollen, während dessen silbernes Licht schwach im Takt seines Herzschlags pulsierte. Er musste keine Karte ansehen, um zu wissen, welche Richtung an ihm zog.

Norden.

Immer Norden.

Die Berge ragten in der Ferne auf — dunkle Silhouetten gegen das sterbende Licht — und jenseits davon lagen die gefrorenen Wälder von Wintercrest. Er konnte die Luft dort beinahe schmecken, die Kälte in seinen Lungen spüren, den Hauch von Kiefer und Schnee riechen.

Etwas regte sich unter seiner Haut.

Eine Energiewelle, zu intim, um eingebildet zu sein.

Er atmete scharf aus, halb Knurren, halb Atemzug.

„Du schon wieder“, murmelte er in den Wind, ohne sicher zu sein, ob er mit der Göttin sprach oder mit der unsichtbaren Präsenz, die ihn verfolgte.

Sein Wolf lief rastlos in ihm auf und ab — wachsam, unruhig, direkt unter seiner Haut.

Finde sie.

Der Instinkt traf ihn wie ein Trommelschlag gegen seine Rippen. Keine Worte. Nur Drang.

Er beugte sich vor und stützte die Hände auf das Balkongeländer.

„Du bist da draußen“, murmelte er mit tiefer, vom Wind rauer Stimme. „Ich kann dich fühlen.“

Der Anhänger flammte einmal hell auf — ein scharfer Lichtpuls — und für einen Augenblick hätte er schwören können, ein Flüstern zu hören, das nicht ganz sein eigenes war.

Ein Geräusch wie Atem auf Schnee.

Dann wieder Stille.

Nur der Wind.

Das ferne Summen der Stadt unter ihm.

Und das Ziehen, das sich noch immer fest in seiner Brust zusammengerollt hatte.

Merricks Stimme hallte gedämpft aus dem Inneren des Hauses zu ihm herüber, doch Lyon drehte sich nicht um. Er bewegte sich nicht.

Er blieb dort stehen, bis die letzten Streifen Tageslicht hinter dem Horizont verschwanden.

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