Share

Kapitel 7

Author: Janni
last update publish date: 2026-06-02 19:43:23

„Geh schon“, sagte Elara leise. „Du explodierst noch, wenn du das nicht rausläufst.“

Charise schenkte ihr ein halbes Lächeln.„Du kennst mich zu gut.“

Sie machte sich auf den Weg, den Pfad hinunter, der von der Klinik wegführte; ihre Stiefel knirschten über den Frost. Hinter ihr fiel die Tür der Klinik knarrend ins Schloss, und der Wind trug den schwachen Duft von Minze und Rauch mit sich.

Als sie die Baumgrenze erreichte, war das Summen stärker geworden. Ihre Brust zog sich zusammen. Dieses Ziehen war ihr inzwischen vertraut — die Warnung, bevor eine Vision einsetzte.

Charise ging am Rand des alten Pfades in die Hocke und strich den Frost von einem Fleck Moos. Das Summen in ihrer Brust hatte nicht aufgehört, seit sie die Klinik verlassen hatte — es war nur schärfer geworden, wie statische Elektrizität unter ihren Rippen.

Sie war hergekommen, um es loszuwerden. Um zu atmen. Um sich einzureden, dass sie noch immer Kontrolle darüber hatte.

Doch die Luft schmeckte wieder seltsam — nach Metall und Schnee, wie im Augenblick vor einem Blitzeinschlag.

„Nicht schon wieder“, murmelte sie und presste eine Hand gegen ihr Brustbein.

Ihr Atem stockte.

Die Welt kippte.

Der Wald um sie herum verstummte — Vögel erstarrten mitten im Flug, der Wind hing reglos wie Glas in der Luft. Das Sonnenlicht zerbrach in silberne Scherben.

Dann kam das Ziehen.

Ihre Knie schlugen hart auf den Boden, die kalte Erde biss durch ihre Jeans. Blut rauschte in ihren Ohren. Der Geruch von Eisen füllte ihre Nase — zu scharf, zu real.

Bilder rissen in grellen Blitzen durch ihren Kopf.

Schnee.Rote Spuren darauf.

Ein Heulen zerreißt die Luft.

Drei Wölfe — einer dunkel wie Schatten, einer bleich wie der Mond, einer mit glutrot brennenden Augen — kreisten um sie.

Jeder von ihnen sah sie an, als würden sie sie kennen. Als hätten sie auf sie gewartet.

Ihr Körper zuckte, als die Vision heller aufflammte, ihre Haut pulsierte silbern unter ihrer Kleidung. Keuchend rang sie nach Luft, während ein dünner Blutstrom aus ihrer Nase lief. Die Magie brannte heiß und wild, drängte gegen die Grenzen ihrer Kontrolle, während das Siegel an ihrem Handgelenk schmerzhaft glühte.

Dann brach die Welt plötzlich zurück.

Geräusche. Farben. Atem.

Charise fiel nach vorn und fing sich mit den Händen ab. Der Boden fühlte sich instabil an, als würde die Erde selbst noch nachbeben. Sie blieb dort, den Kopf gesenkt, und versuchte Luft in ihre Lungen zu ziehen.

Schritte knirschten hinter ihr auf dem Pfad.

„Charise.“

Elaras Stimme — scharf, panisch.

„Ich habe überall nach dir gesucht.“

Langsam und unsicher drehte Charise den Kopf.

„Du solltest nicht so schreien. Du erschreckst noch die Eichhörnchen.“

„Charise, du warst einfach verschwunden…“ Elara brach ab, ihre Augen verengten sich besorgt, als ihr klar wurde, wie viel Zeit vergangen war. „Es sind Stunden vergangen. Der Alpha sucht nach dir.“

„Scheiße.“ Charise wischte sich mit dem Handrücken das Blut unter der Nase weg und ignorierte das Brennen. „Genau das habe ich gebraucht — Darius mit schlechter Laune.“

„Blutest du?“

„Nur Nasenbluten.“

Elara sah nicht überzeugt aus. Sie ging in die Hocke und griff nach Charises Arm.

„Du bist kreidebleich. Was ist passiert?“

„Nichts“, sagte Charise zu schnell. „Mir war nur schwindlig. Ich war zu lange hier draußen, das ist alles.“

Elara runzelte die Stirn und musterte ihr Gesicht, ihre Haltung, das Zittern in ihren Fingern.

Charise zwang sich zu einem schmalen, scharfen Lächeln.

„Siehst du? Noch nicht tot.“

Elara seufzte.„Du bist die schlechteste Lügnerin, die ich je getroffen habe.“

„Glück für mich, dass mich nie jemand bittet zu lügen.“

Als Elara sich schließlich wieder aufrichtete, erlaubte Charise sich ein langsames, vorsichtiges Ausatmen. Für einen Herzschlag schimmerte ihr Atem silbern in der kalten Luft, bevor er verschwand. Sie ballte die Finger fest zur Faust und verbarg das schwache Leuchten unter ihrer Haut.

„Komm“, sagte Elara sanft. „Bevor er Tobias schickt. Du weißt, wie sehr du Vorträge hasst.“

„Ja“, murmelte Charise und stemmte sich auf die Beine. „Und ich habe mein monatliches Kontingent fürs So-tun-als-ob-es-mich-interessiert schon verbraucht.“

Sie begann zu gehen, ihre Stiefel sanken in die auftauende Erde. Hinter ihr flüsterten die Bäume — schwach, beinahe wie das Echo eines weit entfernten Knurrens.

Etwas in ihr antwortete darauf.

Sie blickte nicht zurück.

Die Korridore, die zum Büro des Alphas führten, rochen immer schwach nach Zedernholz und Rauch — scharf, sauber und erstickend.

Charise folgte Beta Tobias den Flur entlang, die Hände tief in die Jackentaschen geschoben, um das leichte Zittern zu verbergen, das seit der Vision geblieben war. Der Schmerz hinter ihren Augen war nicht verschwunden.

Ebenso wenig wie ihre Wut.

„Hat er schlechte Laune?“, fragte sie leise.

Tobias warf ihr einen Seitenblick zu, sein Kiefer angespannt.„Wann hat er die nicht, Charise?“

Sie grinste schief.„Fairer Punkt.“

Die Tür vor ihnen stand offen, Licht floss über den polierten Holzboden.

Das Büro war genau wie Darius — harte Linien, alte Karten und Macht, die sich als Eleganz tarnte. Dunkle Eichenvertäfelung. Ein einzelnes Wolfsfell über dem Stuhl hinter dem Schreibtisch. Der Geruch von Whiskey und Dominanz hing schwer in der Luft.

„Charise.“

Ihr Name klang knapp — keine Begrüßung, sondern ein Befehl.

Darius stand hinter seinem Schreibtisch, die Ärmel hochgekrempelt, die breiten Schultern angespannt. Das Alpha-Mal an seinem Hals leuchtete schwach im Takt seines Pulses. Sein Gesichtsausdruck war aus Stein gemeißelt.

Luna Mira lehnte an der gegenüberliegenden Wand, elegant und schweigsam, während an ihren Lippenwinkeln ein Hauch von Belustigung spielte.

„Du hast nach mir geschickt“, sagte Charise und blieb direkt hinter der Schwelle stehen.

„Habe ich.“ Seine Stimme war ruhig — zu ruhig. „Du warst heute beschäftigt.“

Charises Mundwinkel hoben sich leicht.„Kommt darauf an, wen du fragst.“

„Jemand hat gefragt.“ Langsam trat er hinter dem Schreibtisch hervor, jeder Schritt bewusst gesetzt. „Jemand hat mir erzählt, dass du den Jungen im Garten geheilt hast. Habe ich mich nicht klar genug ausgedrückt?“

Charises Puls beschleunigte sich, doch sie zuckte nicht zurück.

„Er hat geblutet, Darius. Ich habe es gestoppt. Das ist kaum ein Verbrechen.“

„Doch, wenn du Hexenmagie dafür benutzt.“

Der Raum schien sich um sie zusammenzuziehen. Tobias verschränkte hinter ihr die Arme, eine stumme Drohung.

Darius blieb nur einen Atemzug von ihr entfernt stehen.

„Deine Macht ist ein Privileg, das du nur besitzt, weil ich es erlaube.“

Charise hielt seinem Blick direkt stand. Ihre Stimme wurde leise, kontrolliert — Gift, in Seide gehüllt.

„Du erlaubst es, weil du es dir nicht leisten kannst, es nicht zu tun.“

Die Luft zwischen ihnen spannte sich augenblicklich an.

Etwas flackerte über sein Gesicht — Wut oder Selbstbeherrschung.

„Vorsicht, Charise.“

„Ich bin immer vorsichtig“, sagte sie leise. „Das hast du mir beigebracht.“

Continue to read this book for free
Scan code to download App

Latest chapter

  • Bindung des Silbermondes   Kapitel 14

    Draußen flackerten die Lichter der Stadt im Lunaris-Territorium wie ein Sternbild — Ordnung, die in die Zivilisation gemeißelt war, begrenzt durch den dunklen Streifen Wald, der ihre Welt einrahmte. Der Klang des Windes trug ferne Heulgeräusche von den weit entfernten Patrouillenlinien herüber, eine Erinnerung daran, dass selbst Frieden ständige Wachsamkeit erforderte.Merrick stand an seinem Fenster, mit nacktem Oberkörper, ein Handtuch tief um die Hüften geschlungen, nachdem das Training die Unruhe in seinen Knochen nicht hatte vertreiben können. Das Mondlicht ergoss sich über den Boden und fing sich in den blassen Narben, die seine Rippen zeichneten — jede einzelne verdient, keine vergessen.Er war schon zu lange still gewesen. Zu ruhig.Das Meeting war vor Stunden zu Ende gegangen, aber sein Verstand hatte die Karte nicht lo

  • Bindung des Silbermondes   Kapitel 13

    Seit Jahren hatte er dieses Gleichgewicht aufrechterhalten — zwischen Mensch und Wolf, Magie und Gesetz, Macht und Zurückhaltung.Er hatte Kriege geführt, rivalisierende Blutlinien vereint und zerbrochene Allianzen wieder aufgebaut. Alles für die Stabilität.Aber das hier … das war keine Strategie.Das war Instinkt, der sich seinen Weg durch die Vernunft bahnte.Ein tiefes Summen pulsierte unter seiner Haut — nicht der scharfe Ruck des Adrenalins, sondern etwas Älteres, Leiseres. Eine Resonanz, die er nicht zurückverfolgen konnte, wie ein Echo einer Stimme, die er nie gehört hatte, aber irgendwie erkannte. Sein Kiefer spannte sich an. Er war nicht der Typ, der Mystizismus pflegte — das war Lyons Reich. Aber der Einfluss der Göttin war selten zufällig.Er wandte sich vom Fenster ab und lehnte

  • Bindung des Silbermondes   Kapitel 12

    Der Mond ging auf – blass, voll und schwer – und goss Licht über sein Gesicht, das sich in seinen Augen fing, bis sie in einem eisigen Blauweiß glänzten.Da flüsterte er es, leise und gewiss, so wie sich eine Wahrheit anfühlt, noch bevor sie bewiesen ist.„Sie ist nah.“Ein langes Schweigen dehnte sich zwischen den Worten und dem Wind aus.Dann veränderte sich die Luft ganz leicht – sie trug etwas in sich, das nicht ganz Klang und nicht ganz Erinnerung war. Der Atem einer Frau, ein Herzschlag, der nicht der seine war, das Echo von etwas Altem und Göttlichem, das sich durch die Nacht zog.Der Flüsterton der Göttin ritt auf der Luft zwischen ihnen, tief und gewiss.„Wenn der Gesegnete auf die drei trifft, wird das Gleichgewicht zurückkehren.“Das Licht des Mondsteins flackerte noch einmal auf – und verblasste dann, sodass Lyon in die ferne

  • Bindung des Silbermondes   Kapitel 11

    Lyon ignorierte die Spitze, den Blick auf das Fenster gerichtet, das die Stadt unter ihnen überblickte, während dahinter der Waldrand dunkel und lebendig wirkte. Er konnte sie beinahe fühlen — ein Flackern, ein Puls, schwach, aber beharrlich. Die Härchen auf seinen Armen richteten sich auf, und silberne Lichtadern flüsterten unter seiner Haut.Merricks Stimme durchbrach die Spannung, tief und entschlossen.„Dieses Rudel steht ohnehin kurz vor dem Zusammenbruch. Es wäre vielleicht keine schlechte Idee, dort hinzugehen und es zu überprüfen. Augen und Zähne dorthin zu schicken, bevor alles völlig auseinanderfällt.“Lyon nickte schweigend. Die Worte „Sie ist nah“formten sich erneut in seinem Kopf — unausgesprochen, aber drängend. Das Necken, der Speck, der Kaffee — all das verblasste. Irgendetwas bewegte sich dort draußen, jenseits des Waldes, und er mu

  • Bindung des Silbermondes   Kapitel 10

    Was auch immer diese Verbindung war — sie verblasste nicht.Sie wurde stärker.Und zum ersten Mal machte ihm dieser Gedanke keine Angst.Er vibrierte durch sein Blut wie Erwartung.Lyon konnte nicht stillsitzen. Das Ziehen in seiner Brust drückte wie Eisen auf ihn herab, sein Wolf nagte an seinen Nerven und krallte nach Freiheit. Das Pulsieren des Mondsteins um seinen Hals war verblasst, doch sein Echo blieb in seinen Adern zurück — ein schwaches silbernes Kribbeln unter seiner Haut.Lautlos bewegte er sich durch das Anwesen. Das frühe Morgenlicht fiel durch die hohen Fenster und beleuchtete die Steinböden sowie die eleganten Stahlakzente des zentralen Anwesens des Lunaris-Rudels. Die Stadt dahinter lag still, die Dächer mit Frost überzogen, Straßen schlängelten sich bis an den Waldrand. Diener regten sich, Wachen patrouillierten, doch niemand wagte es, ihn zu stören — nicht, wenn

  • Bindung des Silbermondes   Kapitel 9

    Der Mond war höher gestiegen — rund und blass — und tauchte das Eis in sanftes Silberlicht. Sein Spiegelbild durchschnitt die Dunkelheit wie ein zweiter Himmel unter ihr.„Sieht so aus, als wären wieder nur wir beide übrig“, murmelte sie.Ihre Stimme trug sich leise über das Wasser und wurde nur vom Wind beantwortet.Die schwachen Wellen, die sie zuvor erzeugt hatte, waren zu seltsamen Mustern gefroren — dünne silberne Lichtadern, die sich wie Wurzeln durch das Eis zogen. Sie strich mit den Fingern darüber und verfolgte die Linien gedankenverloren. Alle paar Sekunden pulsierten sie schwach — kaum sichtbar —, als würde unter der Oberfläche noch etwas atmen.Ein Flüstern glitt durch die Luft.So leise, dass sie es beinahe überhörte.„Wenn die Gesegnete den Dreien begegnet …“Die Worte krochen wie Rauch durch sie hindurch,

More Chapters
Explore and read good novels for free
Free access to a vast number of good novels on GoodNovel app. Download the books you like and read anywhere & anytime.
Read books for free on the app
SCAN CODE TO READ ON APP
DMCA.com Protection Status