LOGINEs gibt Menschen, die können lügen. Scarlett zum Beispiel lügt so elegant, dass man sich hinterher bei ihr bedankt. Liv lügt nicht direkt – sie formuliert die Wahrheit nur so kompliziert, dass niemand mehr weiß, wonach er eigentlich gefragt hat.
Und dann gibt es mich. Emmi. Ich bin die Sorte Mensch, die rot wird, wenn sie an der Supermarktkasse gefragt wird, ob sie die Punkte sammelt, und keine hat.
Deshalb war es objektiv betrachtet eine katastrophale Idee, dass ausgerechnet ich an unserem achtzehnten Geburtstag Livs Leben übernahm. Auf Livs Uni-Party. Umgeben von Livs Freunden, die alle klüger klangen als mein gesamter Abiturjahrgang zusammen.
„Und?", fragte das Mädchen mit dem Nasenpiercing – Zoe, laut Livs Spickzettel: beste Uni-Freundin, Soziologie, hasst Smalltalk, liebt Diskussionen über den Untergang des Kapitalismus –, „was sagst du dazu?"
Ich hatte keine Ahnung, wozu ich etwas sagen sollte. Ich hatte die letzten drei Minuten damit verbracht, so zu tun, als würde ich an meinem Bier nippen, während ich in Wahrheit überlegte, ob man Bier heimlich in eine Zimmerpflanze gießen kann, ohne dass die Pflanze es übelnimmt.
„Ich finde...", begann ich langsam. Liv-Taktik: Zeit gewinnen, dann eine Gegenfrage. „...die Frage ist doch eher: Was sagst du dazu?"
Zoe strahlte. „GENAU! Das sage ich ja die ganze Zeit!"
Ich atmete innerlich aus. Sieben Stunden achtzehn, und ich hatte bereits gelernt: An der Uni kann man erstaunlich weit kommen, wenn man Fragen einfach zurückwirft. Vielleicht war Studieren doch leichter, als alle taten.
Die Party fand in Livs WG statt – Altbau, hohe Decken, Bücherstapel als Möbelersatz und eine Lichterkette, die aussah, als hätte sie schon drei Generationen von Studenten beim Scheitern zugesehen. Es roch nach kaltem Pizzakarton und irgendeinem Räucherstäbchen, das vermutlich „Kreativität" hieß. Ich liebte es. Ich hätte es nie laut gesagt, aber ich liebte es.
In meiner Welt – der Welt, in der ich seit drei Jahren mit Benedikt zusammen war und seine Mutter bereits Servietten für eine Verlobung ausgesucht hatte, von der ich offiziell nichts wusste – roch es immer nach Weichspüler und Erwartungen. Hier roch es nach Möglichkeiten. Und nach Pizzakarton. Hauptsächlich nach Pizzakarton.
Mein Handy vibrierte. Unser Gruppenchat, Deckname: Buchclub 📚 (Scarletts Idee; sie fand es lustig, dass unser gefährlichstes Geheimnis wie das langweiligste Hobby der Welt aussah).
Scarlett: Statusbericht. Ich habe eine Kette um, auf der E steht. Benedikt hat sie mir umgelegt und dabei geatmet wie ein Pony. Emmi, wir müssen reden.
Ich: Was heißt geatmet wie ein Pony???
Scarlett: Es heißt, dass dein Freund heute Dinge gefühlt hat. Nicht meine Schuld. Ich habe nur existiert.
Liv: Ihr Existieren ist strafbar in elf Bundesländern, wir hatten das Thema.
Ich: Bitte sagt mir, dass die Kette hübsch ist und nicht wieder etwas, das seine Mutter ausgesucht hat.
Scarlett: Es ist ein goldenes E, Süße. E wie Eigentum. Du trägst jetzt offiziell ein Namensschild.
Ich starrte auf das Display und wartete auf das Gefühl, das man haben sollte, wenn der eigene Freund einem Schmuck schenkt. Freude. Rührung. Irgendwas. Stattdessen fühlte ich – und das war das Erschreckende – Erleichterung, dass ich nicht dort war.
Ich schob den Gedanken dorthin, wo ich alle unbequemen Gedanken hinschob: in den imaginären rosa Ordner mit der Aufschrift Später. Der Ordner war mittlerweile so voll, dass er in meiner Vorstellung bereits Stützbalken brauchte.
„Du bist Liv, oder?"
Ich fuhr herum. Vor mir stand ein Typ mit dunkelblonden, leicht chaotischen Haaren, einer Brille, die er vermutlich ironisch trug, aber tatsächlich brauchte, und einem Lächeln, das schief genug war, um interessant zu sein. Er hielt zwei Becher in der Hand und reichte mir einen.
„Kommt drauf an, wer fragt", sagte ich. Das war tatsächlich der ehrlichste Satz, den ich seit Betreten dieser Wohnung gesagt hatte.
„Jonas. Wir sitzen in Einführung in den Journalismus drei Reihen auseinander. Du hast letzte Woche den Dozenten korrigiert. Zweimal. Er hat es beide Male abgestritten und beide Male hattest du recht."
Das klang exakt nach Liv. Ich unterdrückte ein Grinsen. „Und das hat dich so beeindruckt, dass du mir jetzt Getränke bringst?"
„Das hat mich so beeindruckt, dass ich vier Wochen gebraucht habe, um dir ein Getränk zu bringen", sagte er. „Ich bin Journalist. Wir recherchieren erst und handeln dann. Meistens zu spät."
Ich lachte. Echt gelacht, nicht Emmi-höflich, nicht Liv-imitierend. Einfach gelacht. Und Jonas sah mich an, als hätte er genau darauf gewartet.
„Interessant", sagte er.
„Was?"
„Du lachst anders, als ich dachte. In der Vorlesung machst du immer nur dieses..." Er zog einen Mundwinkel hoch und setzte einen Blick auf, der tatsächlich beunruhigend nach Liv aussah. „...dieses Halbgrinsen. Als würdest du über einen Witz lachen, den nur du verstanden hast."
„Vielleicht verstehe ich einfach Witze, die andere nicht verstehen."
„Vielleicht", sagte er, „erzählst du sie nur nie weiter."
Ich nahm einen Schluck aus dem Becher, um Zeit zu gewinnen, und bereute es sofort. Was auch immer darin war, es schmeckte, als hätte jemand Gummibärchen in Benzin aufgelöst.
„Was ist das?", keuchte ich.
„WG-Punsch. Dritte Regel des Hauses: niemals fragen, was drin ist. Zweite Regel: niemals das Gesicht verziehen, sonst musst du nachschenken."
„Und die erste?"
„Die erste Regel lautet: Wer beim Flunkyball verliert, spült eine Woche das Geschirr." Er deutete mit dem Kinn Richtung Balkon, wo gerade jemand unter großem Gejohle eine Bierdose umwarf. „Du hast letzte Woche übrigens gewonnen. Gegen drei Sportstudenten. Es war das Beeindruckendste, was ich je gesehen habe."
Ich hatte keine Ahnung, was Flunkyball war. Ich machte eine mentale Notiz, es nie herauszufinden zu müssen.
Gefahr, meldete mein Hinterkopf. Das ist Livs Kommilitone. Livs Welt. Möglicherweise Livs Zukunft. Finger weg, Emmi.
„Darf ich dir was gestehen?", fragte Jonas und lehnte sich gegen das Bücherregal. „Ich bin heute nur wegen einer Sache hier."
„Wegen des Pizzakartongeruchs?"
„Wegen einer Geschichte." Seine Augen bekamen diesen Glanz, den Liv immer bekommt, wenn sie über Worte redet. „Ich schreibe für das Campus-Magazin. Und es gibt da dieses Gerücht über eine Studentin, die angeblich unfassbar gut schreibt, aber niemandem je etwas zeigt. Der Dozent hat mal eine ihrer Hausarbeiten anonym vorgelesen, und der ganze Kurs war still. So still, wie es in einem Raum voller Erstsemester nie ist."
Mein Herz machte etwas Warmes und Stolzes. Liv. Das war Liv. Meine Schwester, die ihre Texte in einer Schuhschachtel unter dem Bett hortete, als wären es beschämende Geheimnisse und nicht das Beste, was sie je hervorgebracht hatte.
„Und?", fragte ich vorsichtig. „Was willst du von ihr?"
„Das Magazin schreibt einen Wettbewerb aus. Der Gewinnertext wird gedruckt, mit Namen, auf der Titelseite. Einsendeschluss ist Freitag." Er sah mich an. Direkt. „Ich glaube, du bist sie. Die Studentin."
Und hier, liebe Welt, passierte das, was immer passiert, wenn man mich, Emmi, unter Druck setzt und eine Lüge von mir verlangt: Mein Gesicht verabschiedete sich aus dem Dienst.
Ich wurde rot. Ich wurde so rot, dass die Lichterkette neben mir vermutlich neidisch wurde.
„Ich wusste es", sagte Jonas leise und triumphierend.
„Ich – nein, also – das ist –", stotterte ich. Denk wie Liv. Denk wie Liv. „Das ist eine geschlossene Frage und rhetorisch schwach!"
„Es war gar keine Frage."
„Umso schlimmer!"
Er lachte. „Schick etwas ein. Freitag. Ich lasse nicht locker, das sage ich dir gleich. Ich habe eine Trefferquote von hundert Prozent, wenn ich mich in eine Geschichte verbissen habe."
Und weil ich Emmi bin – weil ich das Herz einer Golden-Retriever-Welpin habe und den Überlebensinstinkt eines Lemmings –, weil dieser Junge über meine Schwester sprach, als wäre sie ein Wunder, das die Welt sehen sollte (und das war sie, verdammt, das WAR sie) – sagte ich:
„Okay."
„Okay?"
„Okay. Ich schicke was ein."
Jonas strahlte, als hätte er soeben den Pulitzer-Preis gewonnen. „Freitag. Ich halte dich dran, Liv."
Er stieß mit seinem Becher gegen meinen und verschwand in Richtung Küche, und ich stand da, zwischen Bücherstapeln und Lichterkette, und begriff in Zeitlupe, was ich getan hatte.
Ich brauchte einen Moment allein. Sofort.
Ich schlängelte mich durch die Party in Livs Zimmer und schloss die Tür hinter mir. Stille. Livs Zimmer sah aus wie das Innere ihres Kopfes: Bücher in Stapeln, die statischen Berechnungen spotteten, ein Schreibtisch voller Zettel, an der Wand ein einziges Foto – wir drei mit Mama am Meer, damals, als wir noch nicht wussten, dass „damals" mal wehtun würde.
Und unter dem Bett, ich wusste es, stand die Schuhschachtel.
Ich hätte sie nicht herausziehen dürfen. Ich zog sie heraus. Schwestern-Logik: Was unter dem Bett steht, ist geheim; was geheim ist, geht mich nichts an; was meine Schwester betrifft, geht mich alles an. Das Ergebnis dieser Gleichung stand vor mir auf dem Teppich und war voll mit beschriebenem Papier.
Ich las nur eine Seite. Ich schwöre, ich wollte nur eine Seite lesen.
Es war ein Text über Mama. Über ihre Hände, wie sie uns nachts die Locken aus der Stirn gestrichen hatte, immer in derselben Reihenfolge, erst Liv, dann mich, dann Scarlett, und wie Liv seit zwei Jahren nachts manchmal wach lag und die eigene Hand hob, um die Bewegung nachzumachen, und wie die Hand immer zu leicht war, immer zu jung, immer zu falsch.
Ich saß auf Livs Teppich, auf einer Party, die zu meinem Geburtstag stattfand, und heulte in einen rosa Faltenrock, der nicht mal in der Nähe war, weil Scarlett ihn trug.
Meine Schwester schrieb Sätze, die Räume still machten. Und sie versteckte sie in einer Schachtel, auf der noch der Preisaufkleber von Turnschuhen klebte, Größe 39.
Nein. Nicht mit mir. Nicht mehr.
Ich schob die Schachtel zurück, wusch mir in Livs winzigem Bad das Gesicht – neben dem Waschbecken stapelten sich drei Fachbücher und eine Zahnbürste, die aussah, als würde sie zur Strafe hier wohnen – und übte im Spiegel Livs Halbgrinsen, bis es halbwegs saß. Dann ging ich zurück auf die Party, wo inzwischen jemand die Musik übernommen hatte, der offenbar fest daran glaubte, dass jedes Lied nach vierzig Sekunden sein Bestes gegeben hat. Zwei Philosophie-Studenten stritten neben mir darüber, ob Zeit existiert. Ich hätte ihnen sagen können, dass sie existiert und dass sie einem davonläuft, während man in fremden Röcken auf fremden Partys steht. Ich hatte gerade Liv – die Frau, die eher ihre Locken abrasieren würde, als freiwillig einen Text zu veröffentlichen – für einen öffentlichen Schreibwettbewerb angemeldet. Mit Abgabefrist. Bei einem Journalisten, der „nicht locker lässt".
Ich zückte das Handy.
Ich: Nicht ausrasten.
Scarlett: Warum sagen heute alle ständig „nicht ausrasten"? Das ist unser Geburtstag, nicht die Kubakrise.
Ich: Liv. Es gibt da einen Jonas.
Liv: Jonas mit der Brille? Journalismus, dritte Reihe? Was ist mit ihm?
Interessant. Sie wusste sofort, welcher Jonas. Sie wusste sogar die Reihe. Ich speicherte diese Information in einem neuen Ordner ab. Der Ordner hieß Ha!.
Ich: Er weiß, dass du die anonyme Schreiberin bist. Also, er weiß, dass ICH sie bin. Also du. Und ich habe eventuell, unter massivem Druck und aus Schwesternstolz, zugesagt, dass du beim Wettbewerb vom Campus-Magazin mitmachst. Einsendeschluss Freitag. Titelseite. Mit Namen.
Der Chat blieb still. Sehr still. So still, wie es in einem Gruppenchat mit Scarlett nie ist.
Scarlett: Ich hole Popcorn.
Liv: EMMI.
Ich: Er hat gesagt, der ganze Kurs war still, als der Dozent deinen Text vorgelesen hat! Still vor Ehrfurcht, Liv! Deine Worte machen Räume still!
Liv: ICH mache jetzt gleich einen Raum still, und zwar deinen!
Scarlett: Ich möchte an dieser Stelle festhalten, dass ich heute nur EINEN Stammgast vergrault und EINEN Milliardärssohn beleidigt habe und trotzdem nicht mehr das größte Problem der Familie bin. Bester. Geburtstag. Aller Zeiten.
Ich wollte gerade antworten, als Zoe neben mir auftauchte, das Handy in der Hand und die Augenbrauen irgendwo in Nähe ihres Haaransatzes.
„Liv", sagte sie gedehnt. „Warum postet Marie gerade ein Foto von dir aus dem Moxy? Von heute Abend? Mit dem Kommentar ‚Beste Barkeeperin der Stadt'?"
Mein Magen sackte in Richtung Erdkern.
Das Moxy. Scarletts Club. Wo Liv gerade Scarlett war. Wo offenbar jemand fotografierte.
„Das...", sagte ich, und ich spürte, wie mein Gesicht schon wieder die Farbe von Gundulas Lieblingsrosen annahm, „...muss eine Verwechslung sein. Man sagt ja, jeder Mensch hat einen Doppelgänger."
Zoe sah auf das Foto. Dann auf mich. Dann wieder auf das Foto. Dann tat sie etwas, das viel schlimmer war als jede Frage.
Sie zoomte.
„Verrückt", murmelte sie. „Die hat sogar dasselbe Muttermal am Schlüsselbein."
Was als Nächstes kommtDrei Wochen nach dem Abendessen bei Papa hatte sich unser Leben in eine neue, ungewohnte Form eingependelt, die ich nur als „ehrliches Chaos" beschreiben konnte – immer noch chaotisch, aber auf eine Weise, die sich leichter anfühlte, weil niemand mehr Buch darüber führen musste, wer wann wo wer sein musste.Der Buchclub existierte noch, aber seine Funktion hatte sich verschoben: Wo früher Alarmrufe und Notfallpläne standen, fanden sich jetzt öfter Fotos von Papas neuer, endlich fertig eingerichteter Wohnung, Screenshots von Zoes neuesten Dating-App-Katastrophen, oder einfach nur „Guten Morgen"-Nachrichten, die keinen anderen Zweck hatten, als zu sagen: Ich denke an euch, auch wenn heute keine Krise ansteht.Ich war zurück an der Uni, in Vollzeit, unter meinem eigenen Namen, und hatte, zu meiner eigenen Überraschung, begonnen, meine Comics nicht mehr unter der M
Sieben Personen, ein TischZwei Wochen nach dem Nachmittag im Atelier saßen wir zu siebt an einem Tisch, der eigentlich nur für sechs gedeckt war, weil Papa in letzter Minute beschlossen hatte, Rocco einzuladen, „weil der Mann seit Wochen so besorgt um dich guckt, Scarlett, das Mindeste ist ein anständiges Essen" – eine Logik, die keinen Sinn ergab und trotzdem, auf die typische Papa-Art, völlig konsequent war.Ich hatte in den zwei Wochen seit dem Atelier-Nachmittag gelernt, dass Wahrheit, einmal ausgesprochen, eine Art Eigenleben entwickelt – sie breitet sich aus, verzweigt sich, findet ihren Weg in Gespräche, die man nie geplant hätte, bis sie plötzlich, ohne dass man es beabsichtigt hatte, zu einem festen Bestandteil des Alltags geworden ist. Papa rief inzwischen jeden zweiten Tag an, nicht aus Kontrollzwang, sondern aus echtem Interesse, und jedes Gespräch fühlte sich ein bisschen weniger
Das AtelierPapa stand vor der Tür des Hinterhauses um Punkt drei Uhr nachmittags, mit einer Pünktlichkeit, die er sich offenbar irgendwann in den letzten zwei Jahren angewöhnt hatte, als hätte er beschlossen, dass Zuverlässigkeit die eine Sache war, die er ab sofort kontrollieren konnte, selbst wenn er so vieles andere nicht mehr kontrollieren konnte.Wir drei hatten uns eine Stunde vorher getroffen, um uns gegenseitig Mut zuzusprechen, eine Übung, die mehr aus nervösem Herumstehen als aus tatsächlichen Worten bestand. Scarlett hatte ihren roten Lippenstift aufgetragen, „für die Kriegsbemalung", auch wenn dieser Krieg keiner war, den man mit Kosmetik gewinnen konnte. Emmi hatte den Brief noch einmal gelesen, dreimal, bis sie ihn fast auswendig kannte. Ich hatte die Regeln noch einmal durchgesehen, alle neun, als könnte die bloße Existenz einer Ordnung das Chaos abwenden, das gleich über un
Was Mama gewusst hätteDie Woche bis Samstag verging in einer seltsamen, gedehnten Zeitlosigkeit, in der jede gewöhnliche Handlung – Kaffee kochen, zur Uni fahren, Zoe von ihrem Date erzählen hören – sich anfühlte, als geschähe sie hinter einer dünnen Glasscheibe, während der eigentliche Teil von mir bereits im Samstag lebte, in einem Gespräch, das noch nicht stattgefunden hatte und das ich mir trotzdem in tausend Variationen ausmalte, jede schlimmer als die letzte.Ich zeichnete in dieser Woche mehr als sonst, mit einer Hektik, die ich selbst kaum kontrollieren konnte – Seiten voller Frauen mit drei Gesichtern, die sich in einem einzigen Körper stritten, die versuchten, gleichzeitig zu lachen und zu weinen, ohne dass eine der beiden Bewegungen die andere störte. Es war die erste Sammlung, die ich niemandem zeigte, nicht einmal Zoe, weil sie zu roh war, zu direkt, ein Tagebuch in Bild
Die Karte in der Schublade„Papa" stand da wie ein einzelnes, unüberwindbares Wort im Buchclub, und keine von uns tippte in den nächsten zehn Minuten etwas Weiteres, als hätte allein das Aussprechen seines Namens genug Gewicht gehabt, um jede sofortige Antwort zu ersticken.Ich starrte auf mein Handy, in meiner eigenen Wohnung, allein, und dachte an all die anderen Namen, die wir in den letzten Tagen ausgesprochen hatten – Damian, Jonas, Zoe –, jeder davon ein Mensch, den wir uns selbst ausgesucht hatten, jemand, der in unser Leben getreten war, weil wir es zugelassen hatten. Papa war anders. Papa war schon immer da gewesen, in Abwesenheit und jetzt in überraschender Präsenz, und das Gewicht seines Namens fühlte sich an wie das Gewicht einer ganzen Kindheit, nicht nur einer einzelnen Beziehung.Wir trafen uns am nächsten Abend im Atelier, alle drei, mit der Art von feierlicher Ernsthaftigkeit,
Podcast-würdigZwei von zweien, hatte Liv geschrieben, und ich hatte die Nachricht mindestens zehnmal gelesen, mit einer Mischung aus Freude für meine Schwestern und einer wachsenden, unbequemen Gewissheit, dass ich jetzt die Letzte war, die noch zögerte.Es war ein seltsames Gefühl, die Letzte zu sein. Normalerweise bin ich diejenige, die zuerst weint, zuerst nachgibt, zuerst „ja" sagt, wenn Mut gefragt ist – nicht aus Tapferkeit, sondern weil ich schlecht darin bin, unangenehme Gefühle länger als nötig auszuhalten. Aber bei Zoe zögerte ich, tagelang, und ich verstand meine eigene Zögerlichkeit erst, als ich mir eingestand, wovor ich mich wirklich fürchtete: nicht ihre Ablehnung, sondern ihre Begeisterung. Dass sie die Wahrheit nehmen und daraus etwas machen würde, das größer war, als ich es ertragen konnte.Zoe war die naheliegende Wahl, und gleichzeitig die, vor der







