Share

Brave Mädchen lügen dreifach
Brave Mädchen lügen dreifach
Author: Vic Valentina

Kapitel 1 – Scarlett

last update publish date: 2026-07-10 05:38:06

Drei Kerzen zu viel

Es gibt genau zwei Situationen, in denen ich, Scarlett, an meine Grenzen komme: wenn ein Mann mir erklärt, wie ich meinen Job zu machen habe – und wenn ich in einem Faltenrock stehe.

Heute war Situation zwei. Und sie war schlimmer als jede Situation eins meines Lebens.

Der Rock war rosa. Nicht irgendein Rosa. Es war dieses gnadenlose, unschuldige Zuckerwatte-Rosa, das schrie: Ich habe noch nie in meinem Leben etwas Verbotenes getan und bin stolz darauf. Dazu eine weiße Bluse, zugeknöpft bis zum Anschlag, und Perlenohrringe, die so brav an meinen Ohrläppchen baumelten, dass ich mich fühlte wie meine eigene Großmutter auf dem Weg zum Kirchenchor.

„Emmi, Schatz, kommst du? Die Torte!", rief Benedikts Mutter über den Rasen.

Ich lächelte. Emmis Lächeln. Das mit den geschlossenen Lippen und den leicht schräg gelegten Kopf, das aussieht wie ein Werbeplakat für Kamillentee.

Ich bin nicht Emmi. Ich bin Scarlett. Aber das wusste hier niemand, und das war der ganze verdammte Punkt.

Kurze Erklärung für alle, die gerade eingestiegen sind: Wir sind drei. Eineiige Drillinge. Liv, Emmi und ich – identisch bis auf das letzte Muttermal, verschieden bis ins letzte Neuron. Und heute wurden wir achtzehn. Alle drei. Logisch. Nur wusste das außer uns niemand, denn nach Mamas Tod hatten wir eine Regel aufgestellt, die heiliger war als jede Bibel: Niemand erfährt, dass wir drei sind. Drei Leben, drei Freundeskreise, ein Gesicht. Und wenn eine von uns nicht konnte, nicht wollte oder kurz vorm Durchdrehen war – sprang eine andere ein.

Heute war so ein Tag. Genauer gesagt: Heute war der Super-GAU aller Tage. Drei Geburtstagspartys an einem Wochenende, und wir rotierten wie ein schlecht geöltes Karussell. Emmi war gerade auf Livs Uni-Party und tat verkopft. Liv war in meinem Club und tat – Gott stehe uns bei – mich. Und ich stand hier, auf Emmis Gartenparty in der Vorstadt, zwischen Hortensien und Häppchen, und tat unschuldig.

Spoiler: Unschuld ist nicht meine Kernkompetenz.

„Da bist du ja." Benedikt tauchte neben mir auf, in einem Poloshirt, das exakt die Farbe von gekochtem Blumenkohl hatte. Emmis Freund. Seit drei Jahren. Der Junge war so verlässlich, dass man nach ihm die Uhr stellen konnte, und so aufregend wie eine Steuererklärung.

„Da bin ich ja", sagte ich und hob mein Glas mit alkoholfreier Bowle. Alkoholfrei. Auf meinem achtzehnten Geburtstag. Ich hätte weinen können.

„Du siehst heute...", er musterte mich, und in seinen Augen flackerte etwas, das ich nur zu gut kannte – ich hatte es schon in hundert Männeraugen gesehen, nur nie in seinen, „...anders aus."

Ah. Da war es. Das Problem mit dem Tauschen ist nämlich nicht das Aussehen. Das Aussehen ist perfekt. Das Problem ist alles andere. Der Gang. Der Blick. Die Art, wie ich ein Glas halte, als wäre es eine Waffe, während Emmi es hält, als wäre es ein verletzter Vogel.

„Anders wie... gut?", fragte ich und legte den Kopf schief. Ein bisschen zu schief. Ein bisschen zu sehr ich.

Benedikt wurde rot. Bis zu den Ohren. „Ich – ja. Also. Sehr. Du wirkst so..." Er suchte nach einem Wort und fand offensichtlich nur gefährliche. „...selbstbewusst."

„Schätzchen", sagte ich, bevor mein Gehirn die Notbremse ziehen konnte, „du hast ja keine Ahnung."

Sein Adamsapfel hüpfte. Irgendwo in meinem Hinterkopf schrie eine Stimme, die verdächtig nach Emmi klang: SCARLETT. Das ist MEIN FREUND. Flirte. Nicht. Mit. Meinem. Freund.

Ich flirtete nicht mit ihm. Ich atmete nur in seine Richtung. Kann ich was dafür, dass mein Atmen wirkt wie Flirten? Das ist ein medizinisches Phänomen. Sollte erforscht werden.

„Emmi?" Benedikts Mutter – Gundula, ein Name wie ein Möbelstück – winkte mich zur Kaffeetafel. Auf dem Tisch stand eine Torte, die aussah wie ein Hochzeitskleid in essbar. Achtzehn Kerzen. Ich zählte nach. Achtzehn. Nicht vierundfünfzig, was die mathematisch korrekte Zahl gewesen wäre, wenn man bedenkt, dass hier eigentlich drei Frauen Geburtstag hatten.

„Ein Wunsch, Liebes!", rief Gundula. „Aber verrate ihn nicht!"

Ich schloss die Augen. Ich wünsche mir, dass Liv in diesem Moment nicht meinen Ruf zerstört, dachte ich und blies.

Alle achtzehn Kerzen erloschen auf einmal. Applaus. Benedikt starrte mich an, als hätte ich gerade ein Feuer verschluckt.

„Wow", sagte er heiser. „Sonst brauchst du immer drei Anläufe."

„Ich hab trainiert", sagte ich.

In meiner Rocktasche vibrierte das Handy. Ich entschuldigte mich mit Emmis Kamillentee-Lächeln und flüchtete hinter die Hortensien.

Liv: Kleines Problem.

Zwei Worte. Zwei Worte, die in unserer Familie so viel bedeuten wie eine Sturmwarnung.

Ich: Definiere klein.

Liv: Also. Da war dieser Typ. Sehr attraktiv. Objektiv betrachtet. Er hat mich angesprochen, also dich, und meinte, ob wir das „vom letzten Mal wiederholen" wollen.

Oh nein.

Ich: Liv. Was hast du getan.

Liv: Ich habe ihm erklärt, dass „wollen wir das wiederholen" grammatikalisch eine geschlossene Frage ist und rhetorisch schwach, weil sie mir die Möglichkeit gibt, einfach nein zu sagen, und dass ein Mann mit seinem Kieferknochen wirklich bessere Eröffnungssätze verdient hätte. Dann habe ich ihm drei Alternativen vorgeschlagen. Mit Beispielen.

Ich starrte auf mein Display. Hinter mir sang Gundula irgendetwas von Hoch soll sie leben.

Ich: Du hast Dante einen VORTRAG über FLIRTEN gehalten?

Liv: Er heißt Dante?? Wie die Hölle? Das erklärt einiges. Er ist übrigens gegangen. Relativ schnell. Fast schon gerannt.

Ich: Liv. Dieser Mann ist der bestaussehende Stammgast im Moxy. Ich habe SECHS WOCHEN an diesem Lächeln gearbeitet, das er mir immer über die Bar zuwirft. SECHS WOCHEN.

Liv: Wenn es dich tröstet: Dein Chef hat gefragt, ob du krank bist. Ich habe gesagt, ich hätte meine Tage. Er hat sich entschuldigt und mir einen Kräutertee gemacht.

Ich lehnte die Stirn gegen den Gartenzaun. Der Zaun war weiß. Natürlich war er weiß. In Emmis Welt war alles weiß, rosa oder blumig, und nichts, absolut nichts, war jemals kompliziert – bis heute.

Ich: Ich habe in vier Jahren im Nachtleben keinen einzigen Kräutertee getrunken. Du zerstörst in drei Stunden ein Lebenswerk.

Liv: DU hast Benedikt angeflirtet, ich spüre es durch das Telefon.

Ich: Ich habe GEATMET.

Liv: Dein Atmen ist strafbar in elf Bundesländern.

Ich musste grinsen. Gegen meinen Willen. Das ist das Ding mit uns dreien: Wir können uns gegenseitig in den Wahnsinn treiben, und trotzdem – wenn eine von uns anruft und sagt ich brauche dich, lassen die anderen beiden alles fallen. Alles. Immer. Wir sind keine Schwestern. Wir sind ein Organismus mit drei Frisuren.

„Emmi?" Benedikts Stimme, direkt hinter mir.

Ich ließ das Handy in der Rocktasche verschwinden und drehte mich um. Er stand zwischen den Hortensien, die Hände in den Hosentaschen, und sah mich an mit diesem Blick. Diesem neuen Blick. Ich kannte den Blick. Der Blick war mein Beruf.

„Ich wollte dir dein Geschenk geben", sagte er. „Unter vier Augen."

Oh bitte nicht, dachte ich. Bitte kein Ring. Emmi bringt mich um. Nein, schlimmer: Emmi wird ganz still und sagt, es sei nicht schlimm, und DANN bringt LIV mich um.

Er zog eine kleine Schachtel aus der Tasche. Mein Herz machte einen Stunt, der versicherungstechnisch bedenklich war.

„Benedikt—"

„Warte. Lass mich das sagen." Er atmete tief ein. „Emmi. Wir sind seit drei Jahren zusammen. Und ich dachte immer, ich kenne dich. Aber heute..." Er lachte nervös. „Heute ist es, als würde ich dich zum ersten Mal sehen. Und ich weiß nicht, was du anders machst, aber ich will, dass du es nie wieder rückgängig machst."

Ich schluckte. Das war der Moment, in dem eine bessere Schwester etwas Deeskalierendes gesagt hätte. Etwas Emmi-haftes. Ach Benedikt, wie lieb von dir.

Er öffnete die Schachtel. Darin lag – kein Ring. Eine Kette. Ein zarter Goldanhänger in Form eines Buchstabens.

Ein E.

„Damit jeder weiß, wem dein Herz gehört", sagte er feierlich.

Und ich, Scarlett, achtzehn Jahre alt seit exakt sieben Stunden, Königin des Nachtlebens, Frau ohne Furcht und Faltenrock-Erfahrung, sagte das Einzige, was mir in diesem Moment einfiel:

„E wie... Ehrlichkeit."

„E wie Emmi", sagte Benedikt irritiert.

„Das sagte ich."

Er legte mir die Kette um. Seine Finger streiften meinen Nacken, und ich spürte, wie er einen Moment zu lange dort verweilte. Hinter uns räusperte sich jemand.

Gundula. Mit einem Tablett Käseigel und einem Gesichtsausdruck, der Bände sprach – und zwar ausschließlich Bände über Enterbung.

„Die Gäste warten", sagte sie spitz.

Wir folgten ihr zurück zur Kaffeetafel, und ich schwor mir: eine Stunde noch. Eine Stunde Emmi, dann Schichtwechsel, dann würde ich in meine eigenen Klamotten, meinen eigenen Club und mein eigenes Leben zurückkehren und den Schaden begutachten, den Liv angerichtet hatte.

An der Kaffeetafel wartete das Tribunal. Gundula thronte am Kopfende zwischen Tante Hilde (Benedikts Patentante, Dauerwelle wie ein Sturmschaden) und einer Frau, die mir als „Frau Doktor Wenzel von der Kirchengemeinde" vorgestellt wurde, obwohl niemand erklärte, worin sie Doktor war. Vermutlich in Urteilen.

„Emmi, Liebes", begann Gundula und schnitt die Torte mit der Präzision einer Chirurgin, „erzähl doch mal – wie läuft das Studium? Benedikt sagt, ihr hattet diese Woche die große Vorlesung bei Professor..." Sie machte eine Kunstpause und sah mich an. „...wie hieß er noch gleich?"

Falle. Das war eine Falle. Diese Frau stellte keine Fragen, sie legte Tellerminen aus.

„Ach, Sie wissen doch, wie das ist", sagte ich und lächelte in die Runde. „Diese Professoren wechseln ständig. Ich nenne sie innerlich alle nur noch ‚Herr Doktor'. Das ist höflich und mathematisch meistens korrekt."

Tante Hilde kicherte in ihren Eierlikör. Gundula nicht.

„Und die Kunstgeschichte?", hakte sie nach. „Was war noch mal deine Lieblingsepoche? Ich vergesse es immer."

Sie vergaß es nicht. Diese Frau vergaß nicht mal, wer 2019 den Streuselkuchen zu trocken fand. Ich kramte in meinem Gedächtnis nach allem, was Emmi je beim Abendessen erzählt hatte, und förderte genau ein Wort zutage.

„Barock", sagte ich fest.

„Renaissance", korrigierte Gundula sanft. „Du sagst immer Renaissance."

„Der Mensch entwickelt sich", entgegnete ich und häufte mir demonstrativ Torte auf. „Gerade mit achtzehn. Man wacht auf und plötzlich findet man Dinge schön, die... üppiger sind. Dramatischer. Mit mehr Gold."

Frau Doktor Wenzel nickte anerkennend. Benedikt starrte auf mein Tortenstück, als hätte ich soeben seine Weltordnung neu sortiert – Emmi aß Torte sonst offenbar nur in homöopathischen Dosen. Gundula kniff die Augen zusammen, einen Millimeter nur, aber ich erkannte den Blick. Es war der Blick einer Frau, die ein Puzzle vor sich liegen hat, bei dem ein Teil nicht passt, und die notfalls die Schere holen würde.

Eine Stunde, erinnerte ich mich. Nur noch eine Stunde.

Das Handy vibrierte erneut. Ich warf einen Blick darauf, unter dem Tisch, zwischen Streuselkuchen und Serviettenschwänen.

Liv: Okay. Nicht ausrasten.

Ich: Solche Nachrichten verursachen exakt das Gegenteil.

Liv: Hier ist gerade jemand aufgetaucht. Im Club. Er sagt, er ist der Sohn vom Besitzer. Damian irgendwas. Sieht aus wie ein Anzugmodel mit Persönlichkeitsstörung. Er sagt, ab Montag übernimmt er das Management.

Ich erstarrte, die Kuchengabel auf halbem Weg.

Liv: Und Scarlett... er sagt, das Erste, was er ändern wird, ist „das Personal, das sich für den Star des Ladens hält". Er hat dabei mich angesehen. Also dich. Uns. Du weißt, was ich meine.

Ich: Was hast du gesagt?

Liv: Ich wollte diplomatisch sein.

Ich: LIV. WAS. HAST. DU. GESAGT.

Liv: Ich habe gesagt, dass Männer, die sich mit Papas Club profilieren müssen, statistisch gesehen überdurchschnittlich häufig Kompensationsprobleme haben. Es kann sein, dass ich das Wort „statistisch" betont habe. Es kann auch sein, dass der ganze Club es gehört hat. Es kann außerdem sein, dass er Montag ein Gespräch mit dir will. Alles Gute zum Geburtstag übrigens. Ich hab dich lieb.

Ich legte das Handy mit dem Display nach unten auf meinen Schoß, lächelte Emmis Kamillentee-Lächeln in die Runde der Kaffeetanten und dachte an mein Leben, das gerade dreihundert Meter weiter westlich von meiner eigenen Schwester an die Wand gefahren wurde.

„Alles in Ordnung, Liebes?", fragte Gundula. „Du bist so blass."

„Alles wunderbar", sagte ich. „Ich freue mich nur so auf Montag."

Und das Verrückteste daran? Ein winziger, wahnsinniger Teil von mir meinte das ernst. Denn wenn dieser Damian irgendwas glaubte, er könnte in meinen Club spazieren und mich zum Problem erklären, dann hatte er eine Sache noch nicht verstanden:

Er hatte sich nicht mit einer Frau angelegt.

Er hatte sich mit dreien angelegt.

Er wusste es nur noch nicht.

Continue to read this book for free
Scan code to download App

Latest chapter

  • Brave Mädchen lügen dreifach   Kapitel 36 – Emmi

    Was als Nächstes kommtDrei Wochen nach dem Abendessen bei Papa hatte sich unser Leben in eine neue, ungewohnte Form eingependelt, die ich nur als „ehrliches Chaos" beschreiben konnte – immer noch chaotisch, aber auf eine Weise, die sich leichter anfühlte, weil niemand mehr Buch darüber führen musste, wer wann wo wer sein musste.Der Buchclub existierte noch, aber seine Funktion hatte sich verschoben: Wo früher Alarmrufe und Notfallpläne standen, fanden sich jetzt öfter Fotos von Papas neuer, endlich fertig eingerichteter Wohnung, Screenshots von Zoes neuesten Dating-App-Katastrophen, oder einfach nur „Guten Morgen"-Nachrichten, die keinen anderen Zweck hatten, als zu sagen: Ich denke an euch, auch wenn heute keine Krise ansteht.Ich war zurück an der Uni, in Vollzeit, unter meinem eigenen Namen, und hatte, zu meiner eigenen Überraschung, begonnen, meine Comics nicht mehr unter der M

  • Brave Mädchen lügen dreifach   Kapitel 35 – Scarlett

    Sieben Personen, ein TischZwei Wochen nach dem Nachmittag im Atelier saßen wir zu siebt an einem Tisch, der eigentlich nur für sechs gedeckt war, weil Papa in letzter Minute beschlossen hatte, Rocco einzuladen, „weil der Mann seit Wochen so besorgt um dich guckt, Scarlett, das Mindeste ist ein anständiges Essen" – eine Logik, die keinen Sinn ergab und trotzdem, auf die typische Papa-Art, völlig konsequent war.Ich hatte in den zwei Wochen seit dem Atelier-Nachmittag gelernt, dass Wahrheit, einmal ausgesprochen, eine Art Eigenleben entwickelt – sie breitet sich aus, verzweigt sich, findet ihren Weg in Gespräche, die man nie geplant hätte, bis sie plötzlich, ohne dass man es beabsichtigt hatte, zu einem festen Bestandteil des Alltags geworden ist. Papa rief inzwischen jeden zweiten Tag an, nicht aus Kontrollzwang, sondern aus echtem Interesse, und jedes Gespräch fühlte sich ein bisschen weniger

  • Brave Mädchen lügen dreifach   Kapitel 34 – Liv

    Das AtelierPapa stand vor der Tür des Hinterhauses um Punkt drei Uhr nachmittags, mit einer Pünktlichkeit, die er sich offenbar irgendwann in den letzten zwei Jahren angewöhnt hatte, als hätte er beschlossen, dass Zuverlässigkeit die eine Sache war, die er ab sofort kontrollieren konnte, selbst wenn er so vieles andere nicht mehr kontrollieren konnte.Wir drei hatten uns eine Stunde vorher getroffen, um uns gegenseitig Mut zuzusprechen, eine Übung, die mehr aus nervösem Herumstehen als aus tatsächlichen Worten bestand. Scarlett hatte ihren roten Lippenstift aufgetragen, „für die Kriegsbemalung", auch wenn dieser Krieg keiner war, den man mit Kosmetik gewinnen konnte. Emmi hatte den Brief noch einmal gelesen, dreimal, bis sie ihn fast auswendig kannte. Ich hatte die Regeln noch einmal durchgesehen, alle neun, als könnte die bloße Existenz einer Ordnung das Chaos abwenden, das gleich über un

  • Brave Mädchen lügen dreifach   Kapitel 33 – Emmi

    Was Mama gewusst hätteDie Woche bis Samstag verging in einer seltsamen, gedehnten Zeitlosigkeit, in der jede gewöhnliche Handlung – Kaffee kochen, zur Uni fahren, Zoe von ihrem Date erzählen hören – sich anfühlte, als geschähe sie hinter einer dünnen Glasscheibe, während der eigentliche Teil von mir bereits im Samstag lebte, in einem Gespräch, das noch nicht stattgefunden hatte und das ich mir trotzdem in tausend Variationen ausmalte, jede schlimmer als die letzte.Ich zeichnete in dieser Woche mehr als sonst, mit einer Hektik, die ich selbst kaum kontrollieren konnte – Seiten voller Frauen mit drei Gesichtern, die sich in einem einzigen Körper stritten, die versuchten, gleichzeitig zu lachen und zu weinen, ohne dass eine der beiden Bewegungen die andere störte. Es war die erste Sammlung, die ich niemandem zeigte, nicht einmal Zoe, weil sie zu roh war, zu direkt, ein Tagebuch in Bild

  • Brave Mädchen lügen dreifach   Kapitel 32 – Scarlett

    Die Karte in der Schublade„Papa" stand da wie ein einzelnes, unüberwindbares Wort im Buchclub, und keine von uns tippte in den nächsten zehn Minuten etwas Weiteres, als hätte allein das Aussprechen seines Namens genug Gewicht gehabt, um jede sofortige Antwort zu ersticken.Ich starrte auf mein Handy, in meiner eigenen Wohnung, allein, und dachte an all die anderen Namen, die wir in den letzten Tagen ausgesprochen hatten – Damian, Jonas, Zoe –, jeder davon ein Mensch, den wir uns selbst ausgesucht hatten, jemand, der in unser Leben getreten war, weil wir es zugelassen hatten. Papa war anders. Papa war schon immer da gewesen, in Abwesenheit und jetzt in überraschender Präsenz, und das Gewicht seines Namens fühlte sich an wie das Gewicht einer ganzen Kindheit, nicht nur einer einzelnen Beziehung.Wir trafen uns am nächsten Abend im Atelier, alle drei, mit der Art von feierlicher Ernsthaftigkeit,

  • Brave Mädchen lügen dreifach   Kapitel 31 – Emmi

    Podcast-würdigZwei von zweien, hatte Liv geschrieben, und ich hatte die Nachricht mindestens zehnmal gelesen, mit einer Mischung aus Freude für meine Schwestern und einer wachsenden, unbequemen Gewissheit, dass ich jetzt die Letzte war, die noch zögerte.Es war ein seltsames Gefühl, die Letzte zu sein. Normalerweise bin ich diejenige, die zuerst weint, zuerst nachgibt, zuerst „ja" sagt, wenn Mut gefragt ist – nicht aus Tapferkeit, sondern weil ich schlecht darin bin, unangenehme Gefühle länger als nötig auszuhalten. Aber bei Zoe zögerte ich, tagelang, und ich verstand meine eigene Zögerlichkeit erst, als ich mir eingestand, wovor ich mich wirklich fürchtete: nicht ihre Ablehnung, sondern ihre Begeisterung. Dass sie die Wahrheit nehmen und daraus etwas machen würde, das größer war, als ich es ertragen konnte.Zoe war die naheliegende Wahl, und gleichzeitig die, vor der

More Chapters
Explore and read good novels for free
Free access to a vast number of good novels on GoodNovel app. Download the books you like and read anywhere & anytime.
Read books for free on the app
SCAN CODE TO READ ON APP
DMCA.com Protection Status