ANMELDENSechs Stunden zuvor.
Es gibt eine Sache, die man über mich wissen muss: Ich, Liv, bin in nahezu jeder Lebenslage die kompetenteste Person im Raum. Ich habe mit sieben Jahren die Bedienungsanleitung unseres Geschirrspülers gelesen. Freiwillig. Ich korrigiere Dozenten, Speisekarten und gelegentlich Grabsteine. Wenn die Zivilisation zusammenbricht, bin ich die Person, die weiß, wie man Wasser filtert und warum.
Es gibt allerdings einen Raum, in dem dieses Prinzip nicht gilt, und ich stand mittendrin: das Moxy. Scarletts Club. Ihr Königreich aus Neonlicht, Bass und Menschen, die sich gegenseitig anschrien, das sei Kommunikation.
„SCARLETT!", brüllte Rocco, der Geschäftsführer, über die Bar. „ZWEI ESPRESSO MARTINI, EIN NEGRONI!"
Ich nickte souverän und drehte mich zum Regal. Espresso Martini. Kein Problem. Espresso kannte ich. Martini kannte ich. Die Logik legte nahe, dass man beides zusammenschüttete. Die Logik, das sollte dieser Abend beweisen, hatte im Moxy Hausverbot.
Zu meiner Verteidigung: Der Plan hatte solide geklungen. Scarletts Geburtstagsfeier begann als private Runde vor der eigentlichen Öffnung – Stammgäste, Kollegen, Rocco, der zu Ehren des Geburtstagskindes sogar die gute Beleuchtung angeschaltet hatte. Scarlett hatte geschworen, dass ich „nur rumstehen, gut aussehen und Geschenke annehmen" müsse. Was sie verschwiegen hatte: Im Moxy steht Scarlett nie nur rum. Scarlett IST das Moxy. Kaum hatte ich den Laden betreten, hatte Rocco mir eine Schürze zugeworfen – „Geburtstagskind zapft die erste Runde selbst, Tradition!" – und die versammelte Menge hatte gejohlt, und was tut man dann? Man zapft.
Man zapft sehr, sehr schlecht.
„Das ist ein interessanter Schaum", sagte der Gast vor mir und betrachtete sein Bier, das zu neunzig Prozent aus Zukunftshoffnung bestand.
„Schaum ist ein unterschätztes Trägermedium für Aromen", erklärte ich. „Die Belgier wissen das seit Jahrhunderten."
Der Gast nickte langsam und ging. Menschen gehen oft langsam nickend von mir weg. Ich habe eine Theorie dazu, aber sie schmeichelt niemandem.
Ich will an dieser Stelle etwas festhalten, und zwar fürs Protokoll: Ich hatte diesen Tausch nicht gewollt. Ich hatte vorgeschlagen, an unserem Geburtstag einfach jede ihr eigenes Leben zu leben, ein revolutionäres Konzept, ich weiß. Aber Scarlett hatte darauf bestanden, dass jede von uns auf jeder Party „gewesen sein" musste – Alibi-Logistik, ihre Spezialität –, und Emmi hatte diese Augen gemacht, diese Bitte-lass-uns-alles-zusammen-machen-Augen, gegen die es kein bekanntes Gegenmittel gibt, und hier stand ich nun. In Scarletts Lederhose, die an mir aussah wie eine Geiselnahme, und Scarletts Top, dessen Ausschnitt ich alle vier Minuten diskret nach oben zog, während der Bass meine Zahnfüllungen massierte.
Und dann kam Dante.
Ich wusste zu diesem Zeitpunkt nicht, dass er Dante hieß. Ich sah nur einen Mann auf mich zukommen, der aussah, als wäre er einer Parfümwerbung entstiegen und hätte vergessen, den Blick zu wechseln. Kieferknochen wie ein Geodreieck. Er stützte sich lässig auf die Bar, beugte sich vor und sagte mit einer Stimme, die vermutlich als samtig durchging:
„Na, Geburtstagskind. Wollen wir das vom letzten Mal wiederholen?"
Nun.
Ich möchte betonen, dass ich es gut gemeint habe. Ich sah einen attraktiven Mann – objektiv attraktiv, ich führe darüber keine Gefühlsdebatte – mit offensichtlichem Interesse an meiner Schwester, und ich dachte: Dem kann geholfen werden. Der braucht nur besseres Handwerkszeug.
„Das", sagte ich also freundlich, „ist eine geschlossene Frage. Du gibst mir genau zwei Antwortoptionen, ja oder nein, und überlässt mir damit die gesamte Gesprächsarbeit. Rhetorisch schwach. Dazu kommt: ‚das vom letzten Mal' ist referenziell vage – du setzt voraus, dass das letzte Mal für mich denselben Stellenwert hat wie für dich, was statistisch unwahrscheinlich ist, wenn ich ehrlich bin. Ein Mann mit deinem Kieferknochen hat bessere Eröffnungssätze verdient. Ich schlage dir drei Alternativen vor. Erstens..."
Ich kam bis Alternative drei, inklusive Beispielformulierungen und einer kurzen Anmerkung zur Wirkung offener Fragen auf das Belohnungszentrum. Dante hörte zu, wie man einem Feueralarm zuhört. Dann stellte er sein Glas ab, sagte „Okay. Cool. Ich... muss da rüber", und ging. Zügig. Man könnte, wenn man kleinlich wäre, sagen: floh.
„Gern geschehen!", rief ich ihm nach.
Rocco tauchte neben mir auf und musterte mich mit der Sorge eines Mannes, der schon viele Barkeeperinnen hatte durchdrehen sehen. „Scarlett, Süße. Alles okay bei dir? Du bist heute so... anders. Bist du krank?"
Und weil ich seit sieben Uhr morgens Emmi beim Kofferpacken geholfen, Scarlett drei Mal am Telefon beruhigt und meine eigene Geburtstagsexistenz vollständig delegiert hatte, sagte mein übermüdetes Gehirn den einzigen Satz, der Männer wie Rocco erfahrungsgemäß sofort aus jedem Gespräch katapultiert:
„Ich habe meine Tage."
Rocco wurde blass, murmelte etwas von „sag doch gleich was" und „ruh dich aus" – und kam drei Minuten später mit einem Kräutertee zurück. Mit Honig. Und einem Keks auf der Untertasse. Ich muss zugeben: Es war das Netteste, das an diesem Abend passierte. Ich schrieb Scarlett eine kurze Zusammenfassung der Ereignisse. Ihre Antwort bestand hauptsächlich aus Großbuchstaben, was ich als Zustimmung wertete.
Gegen acht kamen die Geschenke. Das hatte mir niemand angekündigt, und es entwickelte sich zum gefährlichsten Teil des Abends – gefährlicher als jeder Cocktail, den ich verbrochen hatte. Denn Geschenke unter Vertrauten sind verschlüsselte Botschaften, und ich besaß den Schlüssel nicht.
Ein Türsteher namens Bruno, gebaut wie ein Umzugskarton mit Bart, überreichte mir feierlich ein eingeschweißtes Paar neonpinker Socken. Die Umstehenden brüllten vor Lachen. Ich lachte mit, herzlich und vollkommen ahnungslos, und sagte: „Bruno! Du erinnerst dich!" – was ein Fehler war, denn Bruno legte den Kopf schief und sagte: „Klar erinner ich mich. Aber DU hast doch geschworen, das Wort nie wieder zu erwähnen." Das Wort. Welches Wort? Es gab eine Sockengeschichte, sie hatte ein verbotenes Wort, und ich stand mitten in ihrem Epizentrum ohne jede Information. „Und daran halte ich mich", sagte ich würdevoll und schob die Socken unter den Tresen. Bruno strahlte. Krise bewältigt, Erkenntnisstand null.
Danach kam eine Kellnerin namens Pia mit einer gerahmten Fotocollage – Scarlett hinter der Bar, Scarlett auf der Bar, Scarlett in einer Konfettiwolke, immer lachend, immer im Mittelpunkt, immer mit dieser Mühelosigkeit, für die andere Menschen Seminare buchen. Ich betrachtete das Gesicht meiner Schwester, das mein Gesicht war und doch keine Sekunde mir gehörte, und spürte einen kleinen, unwissenschaftlichen Stich. Nicht Neid. Eher Ehrfurcht mit Beiklang. Diese Menschen liebten sie. Sie hatte sich hier, in zwei Jahren, aus dem Nichts eine Familie gebaut – die dritte Familie unseres Lebens, wenn man mitzählte, und Scarlett baute vermutlich gerade in der Vorstadt versehentlich noch eine vierte.
„Rede!", rief jemand, und der Ruf wurde aufgenommen: „Rede! Rede!"
Ich stieg NICHT auf die Bar. Das möchte ich festhalten. Ich stellte mich lediglich auf eine Getränkekiste, hob mein Glas und sagte den einzigen Satz, der garantiert Scarlett-kompatibel und zugleich wahr war: „Auf euch. Ohne euch wäre ich nur ein Gesicht mit gutem Haar." Sie tobten. Es war erschreckend einfach. Ich verstand zum ersten Mal, warum Scarlett diesen Ort liebt: Man wirft ihm ein Fünkchen hin und bekommt ein Feuerwerk zurück.
Es war kurz nach neun, der Club füllte sich mit regulärem Publikum, und ich hatte gerade gelernt, dass ein Negroni aus exakt drei Zutaten besteht und ich trotzdem vier hineingetan hatte, als sich die Atmosphäre veränderte.
Man spürte es körperlich. Das Stimmengewirr an der Tür wurde leiser, Köpfe drehten sich, und durch den Raum bewegte sich ein Mann, dem man ansah, dass er noch nie in seinem Leben zur Seite getreten war. Anfang zwanzig, maßgeschneiderter Anzug in einem Laden voller Lederjacken, Kiefer angespannt, Blick wie eine Inventurliste. Er sah sich im Moxy um, als würde er es bereits besitzen.
Was, wie sich herausstellte, fast stimmte.
„Wer ist das?", fragte ich Marie, eine von Scarletts Kolleginnen, die neben mir Gläser polierte.
„Keine Ahnung, aber ich hoffe, er ist Single und großzügig", sagte Marie und zückte ihr Handy. Marie dokumentierte grundsätzlich alles. Ich schenkte dem keine Beachtung. Fehler Nummer eins.
Der Anzug steuerte direkt auf die Bar zu. Auf mich.
„Sie sind Scarlett", stellte er fest. Keine Frage. Männer wie er stellten keine Fragen, sie verlasen Beschlüsse.
„Kommt drauf an, wer fragt", sagte ich.
„Damian King." Er ließ den Namen wirken wie eine Visitenkarte aus Marmor. „Mein Vater gehört dieser Laden. Ab Montag übernehme ich das Management."
„Herzlichen Glückwunsch", sagte ich. „Zur Geburt in die richtige Familie."
Irgendwo hinter mir sog Marie scharf die Luft ein. Damian Kings linke Augenbraue wanderte einen Millimeter nach oben – die Reaktion eines Mannes, dem seit Jahren niemand mehr widersprochen hatte und der nicht sicher war, ob ihm das gerade gefiel oder nicht.
„Ich habe mir die Zahlen angesehen", fuhr er fort, kälter jetzt. „Der Laden lebt von Substanz, nicht von Show. Das Erste, was ich ändern werde, ist das Personal, das sich für den Star des Ladens hält." Er sah mich dabei an. Unmissverständlich. „Angestellte, die glauben, der Club drehe sich um sie, sind ein Kostenfaktor mit Ego."
Und da war er, der Moment. Ich hätte lächeln können. Ich hätte nicken können. Ich hätte irgendetwas von dem tun können, was Scarlett – die echte Scarlett, die für diesen Job lebte – vermutlich getan hätte, nämlich ihn mit einem einzigen Blick in seine Einzelteile zerlegen und dabei aussehen wie ein Titelbild.
Stattdessen tat ich, was ich immer tue, wenn jemand vor mir steht und Unsinn mit Autorität verwechselt: Ich wurde akademisch.
„Wissen Sie", sagte ich, und ich gebe zu, ich sagte es nicht leise, „Männer, die sich mit dem Club ihres Vaters profilieren müssen, haben – statistisch gesehen – überdurchschnittlich häufig Kompensationsprobleme. Das ist keine Beleidigung, das ist Forschungsstand. Ich kann Ihnen die Studien gerne heraussuchen. Alphabetisch oder nach Relevanz sortiert, ganz wie Sie möchten."
Die Musik lief weiter. Aber die zwanzig Menschen im Umkreis der Bar liefen nicht weiter. Sie standen sehr still und sahen sehr interessiert aus, und Marie hielt ihr Handy nicht mal mehr diskret.
Damian King sah mich an. Lange. In seinem Blick arbeitete etwas, das ich nicht ganz entschlüsseln konnte – Wut, sicher, aber darunter noch etwas anderes, etwas, das fast aussah wie... Interesse. Die Sorte Interesse, mit der man ein Problem betrachtet, das man unbedingt lösen will.
„Montag", sagte er schließlich. „Zehn Uhr. Mein Büro."
Er zog eine Karte aus der Innentasche, legte sie auf den Tresen und schob sie mir mit einem Finger zu. Schwarzes Papier, geprägte Schrift, natürlich.
„Und ziehen Sie sich an, als wäre es ein Vorstellungsgespräch", fügte er hinzu, schon im Umdrehen. „Denn das ist es."
Dann ging er. Die Menge begann sofort zu summen wie ein getretener Bienenstock, Marie tippte auf ihrem Handy, Rocco kam mit besorgtem Gesicht angeeilt, und ich stand hinter der Bar meiner Schwester, in der Lederhose meiner Schwester, mit dem Kündigungsultimatum meiner Schwester in der Hand.
Ich schrieb Scarlett. Ich formulierte vorsichtig. Ich begann mit „Okay. Nicht ausrasten", was, wie ich inzwischen weiß, exakt das Gegenteil bewirkt.
Als ich das Handy weglegte, fiel mein Blick auf Maries Bildschirm. Sie hatte ein Foto gepostet. Von mir. Also von Scarlett. Also – und das war das Problem – von mir als Scarlett, gestochen scharf, im guten Licht der frühen Stunde, mit der Bildunterschrift: Beste Barkeeperin der Stadt 🖤 Happy Birthday!
„Marie", sagte ich, so beiläufig ich konnte. „Das Foto. Kannst du das löschen? Ich sehe darauf... dick aus."
Marie sah mich an, als hätte ich vorgeschlagen, den Mond zu löschen. „Du siehst FANTASTISCH aus. Schon vierzig Likes!"
Vierzig Likes. Vierzig Menschen, von denen jeder einzelne Zoe sein konnte, Jonas sein konnte, irgendjemand aus einem meiner Leben sein konnte, der wusste, dass „Liv" heute Abend ganz woanders war.
Ich lächelte Maries Handy an wie eine tickende Bombe.
Und tief in Scarletts unbequemer Lederhose, irgendwo auf Höhe der Oberschenkelnaht, begann mein eigenes Handy erneut zu vibrieren. Einmal. Zweimal. Dreimal. Der Buchclub meldete sich, und ich wusste, ohne hinzusehen, dass diese Nacht noch lang werden würde.
Ich nahm Damians Karte vom Tresen und steckte sie ein.
Montag, zehn Uhr, dachte ich. Viel Spaß, Scarlett.
Ich ahnte ja nicht, dass der Montag noch unser kleinstes Problem werden würde.
Wenn Tate geht, gehe ich auchDie Tage nach jener Nacht im Moxy vergingen in einer Art wachsamem Schwebezustand. Damian sprach kaum mit mir – nicht aus Groll, das begriff ich erst später, sondern aus Erschütterung, aus der Art von Stille, die entsteht, wenn ein Mensch sein gesamtes inneres Archiv neu sortieren muss und für alles andere vorübergehend keinen Platz hat. Er hatte mit Tate gesprochen, gleich am nächsten Tag, das wusste ich, weil Tate danach mit roten Augen zur Schicht erschien und tagelang ungewöhnlich langsam Gläser polierte, als bräuchte er die Bewegung, um sich selbst zusammenzuhalten. Was genau gesagt worden war, wusste ich nicht. Beide schwiegen sich in unterschiedlichen Stockwerken des Clubs aus, Damian oben in seinem Büro, Tate unten an seiner Bar, und ich lief die ganze Woche über dazwischen hin und her wie eine Botschafterin ohne Botschaft.
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