LOGINEmma stand regungslos vor der großen Mahagonitür, auf der in silbernen Buchstaben nur zwei schlichte Worte standen:
CEO – Alexander Hart
Ihr Herz klopfte so laut, dass sie fürchtete, jeder im Flur könnte es hören.
Sie atmete tief durch.
Du hast hart für diesen Job gearbeitet. Lass dich jetzt nicht von deiner Nervosität besiegen.
Langsam hob sie ihre Hand und klopfte zweimal.
„Herein.“
Die tiefe, ruhige Stimme ließ ihr einen Schauer über den Rücken laufen.
Sie öffnete vorsichtig die Tür.
Das Büro war größer, als sie es sich vorgestellt hatte.
Eine ganze Wand bestand aus bodentiefen Fenstern, die einen atemberaubenden Blick über die Stadt boten. Das Sonnenlicht fiel auf den dunklen Holzboden und spiegelte sich auf den eleganten Möbeln. Regale voller Auszeichnungen und Bücher säumten die Wände, während moderne Kunstwerke dem Raum eine luxuriöse Atmosphäre verliehen.
Alexander Hart stand mit dem Rücken zu ihr.
Die Hände in den Hosentaschen.
Er blickte hinaus auf die Skyline.
Ohne sich umzudrehen sagte er:
„Schließen Sie die Tür.“
Emma schluckte.
„Ja, Sir.“
Die Tür fiel leise ins Schloss.
Für einige Sekunden herrschte absolute Stille.
Dann drehte Alexander sich langsam um.
Seine eisblauen Augen musterten sie aufmerksam.
Nicht aufdringlich.
Nicht unhöflich.
Aber gründlich.
Als würde er in wenigen Sekunden entscheiden, ob sie für diesen Job geeignet war oder nicht.
Emma bemühte sich, seinem Blick standzuhalten.
„Setzen Sie sich.“
Sie nahm vorsichtig auf dem Stuhl gegenüber seines Schreibtisches Platz.
Alexander blieb stehen.
„Emma Keller.“
Er sprach ihren Namen langsam aus.
„Vierundzwanzig Jahre alt.“
Er nahm eine Akte vom Schreibtisch.
„Abschluss mit Auszeichnung."
Er blätterte weiter.
„Drei Fremdsprachen."
Noch eine Seite.
„Keine Beschwerden früherer Arbeitgeber."
Schließlich legte er die Akte wieder auf den Tisch.
„Beeindruckend."
Emma lächelte erleichtert.
„Vielen Dank, Sir."
Doch seine Miene blieb unverändert.
„Beeindruckende Zeugnisse bedeuten allerdings gar nichts."
Ihr Lächeln verschwand sofort.
Alexander verschränkte die Arme.
„Mich interessiert nur eines."
Er machte eine kurze Pause.
„Leistung."
Emma nickte.
„Ich verstehe."
„Nein."
Seine Stimme blieb ruhig.
„Sie verstehen es noch nicht."
Er ging langsam um den Schreibtisch herum.
„Menschen bewerben sich jeden Tag bei meinem Unternehmen."
Er blieb direkt vor ihr stehen.
„Die meisten verschwinden innerhalb weniger Wochen."
Emma runzelte leicht die Stirn.
„Warum?"
Alexander antwortete ohne jede Emotion.
„Weil sie glauben, Talent sei genug."
Er beugte sich leicht nach vorne.
„Hier zählt Disziplin."
Noch näher.
„Präzision."
„Verantwortung."
„Und absolute Loyalität."
Emma nickte entschlossen.
„Ich werde Sie nicht enttäuschen."
Zum ersten Mal glaubte sie, eine winzige Veränderung in seinem Gesicht zu erkennen.
War das... ein kaum sichtbares Lächeln?
Nein.
Es verschwand sofort wieder.
„Das werden wir sehen."
Er kehrte zu seinem Platz zurück.
„Ab heute verwalten Sie meinen Kalender."
Er schob ihr ein Tablet zu.
„Meine Termine."
Ein zweites Tablet.
„Verträge."
Ein dritter Ordner.
„Internationale Projekte."
Emma blätterte hinein.
Ihr Atem stockte.
Hunderte Seiten.
Besprechungen.
Reisen.
Konferenzen.
Investoren.
Fusionen.
Es war mehr Arbeit, als sie jemals erwartet hätte.
Alexander beobachtete ihre Reaktion genau.
„Überfordert?"
Emma hob sofort den Kopf.
„Nein."
„Gut."
Er setzte sich.
„Denn Überforderung ist ein Luxus, den sich niemand in diesem Gebäude leisten kann."
Plötzlich klingelte sein Telefon.
Er nahm den Anruf an.
„Hart."
...
Sein Gesicht veränderte sich schlagartig.
Die kühle Gelassenheit verschwand.
„Was meinen Sie mit verschoben?"
...
„Das hätte gestern erledigt sein müssen."
...
„Keine Ausreden."
Seine Stimme war nicht laut.
Aber so scharf, dass Emma eine Gänsehaut bekam.
„Wenn der Vertrag heute nicht auf meinem Schreibtisch liegt, können Sie Ihren Arbeitsplatz räumen."
Er legte auf.
Im Büro wurde es still.
Alexander schloss für einen Moment die Augen.
Dann atmete er langsam aus.
„Entschuldigen Sie."
Emma war überrascht.
Sie hätte nie erwartet, dass ein Mann wie er sich entschuldigen würde.
„Kein Problem."
Er nickte.
„Sie werden lernen, dass Fehler in dieser Branche Millionen kosten."
Sie verstand.
Seine Strenge hatte einen Grund.
Es ging nicht um Arroganz.
Es ging um Verantwortung.
Gerade als Emma etwas sagen wollte, klopfte es erneut.
„Herein."
Ein Mann Mitte dreißig trat ein.
Perfekter Anzug.
Selbstbewusstes Lächeln.
„Alex."
Alexander blickte auf.
„Daniel."
Daniel blieb abrupt stehen, als er Emma bemerkte.
„Ah."
Er grinste.
„Die neue Assistentin."
Emma stand höflich auf.
„Guten Morgen."
„Daniel Weber."
Er reichte ihr freundlich die Hand.
„Finanzdirektor."
Emma lächelte.
„Freut mich."
Daniel beugte sich leicht zu ihr.
„Keine Sorge."
Er sprach leise.
„Er sieht gefährlicher aus, als er ist."
Alexander hob nicht einmal den Blick von seinen Unterlagen.
„Ich kann Sie hören."
Daniel lachte.
„Das weiß ich."
Zum ersten Mal seit ihrem Betreten des Büros musste Emma schmunzeln.
Die Atmosphäre wurde plötzlich deutlich entspannter.
„Daniel", sagte Alexander trocken.
„Warum sind Sie hier?"
„Das Meeting wurde vorverlegt."
Alexander sah auf seine Uhr.
„Natürlich."
Daniel blickte zu Emma.
„Willkommen in der verrücktesten Firma des Landes."
„Danke."
„Sie werden Kaffee lieben lernen."
Emma lachte leise.
Alexander hob eine Augenbraue.
„Sie plaudern zu viel."
Daniel grinste.
„Und du arbeitest zu viel."
Alexander antwortete nicht.
Daniel wandte sich wieder Emma zu.
„Kleiner Rat."
„Ja?"
„Iss immer, wenn du Gelegenheit dazu hast."
Emma blinzelte verwirrt.
„Warum?"
„Weil Alex Meetings manchmal so lange zieht, dass man das Mittagessen vergisst."
Alexander sah endlich auf.
„Raus."
Daniel hob lachend die Hände.
„Schon gut."
Bevor er ging, zwinkerte er Emma unauffällig zu.
Die Tür schloss sich.
Emma musste erneut lächeln.
Alexander bemerkte es.
„Herr Weber redet gern."
„Das scheint so."
„Hören Sie ihm nicht immer zu."
„Warum?"
„Weil Sie sonst glauben könnten, ich hätte Humor."
Emma war für einen Moment sprachlos.
Dann konnte sie sich ein leises Lachen nicht verkneifen.
Zu ihrer Überraschung erschien tatsächlich ein flüchtiges Lächeln auf Alexanders Lippen.
Es dauerte nur eine Sekunde.
Doch Emma hatte es gesehen.
Vielleicht war der eiskalte Milliardär doch nicht ganz so unnahbar, wie alle behaupteten.
Und ohne es zu ahnen, hatte sie gerade den ersten kleinen Riss in seiner perfekt errichteten Mauer entdeckt.
00:49Die roten Zahlen auf dem Bildschirm liefen unerbittlich weiter.Emma starrte auf Daniel.Auf den Mann, den sie ihr ganzes Leben lang Vater genannt hatte.Der Mann, dessen Stimme sie als Kind beruhigt hatte, wenn sie Angst hatte. Der Mann, der sie zur Schule gebracht, ihre ersten Bücher gekauft und ihr immer wieder gesagt hatte, dass sie niemals zulassen durfte, dass andere Menschen ihr sagten, wer sie war.Und nun stand er vor ihr.In diesem unterirdischen Korridor.Zwischen den Geheimnissen von Obsidian.Zwischen Richard Hart und Alexander.Und er hatte gerade behauptet, dass er sie aus den Händen ihrer echten Familie genommen hatte.Emma schluckte.„Was hast du getan?“Daniel sah sie an.Sein Gesicht war traurig.„Ich habe dich gerettet.“„Das hast du bereits gesagt.“„Weil es wahr ist.“„Dann erklär es mir.“Daniel sah kurz auf den Countdown.00:41„Nicht hier.“Emma trat einen Schritt auf ihn zu.„Nein.“Daniel blieb stehen.„Emma—“„Nein.“Ihre Stimme zitterte, aber sie bli
Emma konnte nicht sprechen.Für mehrere Sekunden war sie nicht einmal sicher, ob sie noch atmete.Der Mann, der wenige Meter vor ihr stand, war nicht irgendein Fremder. Er war ein Gesicht aus alten Fotografien, aus Geschichten, aus Familienakten und aus den wenigen Erinnerungen, die sie von ihrer Kindheit noch besaß.Richard Hart.Ihr Großvater.Der Mann, dessen Tod seit Jahren als Tatsache behandelt worden war.Der Mann, dessen Name immer wieder in den dunkelsten Geheimnissen von Obsidian aufgetaucht war.Der Mann, der angeblich tot war.Und nun stand er vor ihr.Lebendig.Älter, als Emma ihn von den Fotografien kannte, aber unverkennbar.Sein Haar war fast vollständig grau geworden. Eine tiefe Narbe verlief an seinem rechten Kiefer entlang. Seine Haltung war noch immer aufrecht, beinahe befehlend, doch in seinen Augen lag etwas, das Emma nicht erwartet hatte.Erschöpfung.Als hätte dieser Mann zu lange mit einer Wahrheit gelebt, die niemand sonst tragen durfte.Alexander stellte sic
Das schloss, das niemand öffnen durfteNiemand bewegte sich.Der letzte Satz stand noch immer auf dem Bildschirm.ALEXANDER IST NICHT DER ZWEITE SCHLÜSSEL.Darunter erschien langsam eine weitere Zeile.ER IST DAS SCHLOSS.Emma starrte auf die Worte, während ihr Herz immer schneller schlug. Sie hatte geglaubt, inzwischen genug über Alexander zu wissen. Sie hatte geglaubt, die größten Geheimnisse seiner Familie bereits gesehen zu haben. Doch jedes Mal, wenn sie dachte, sie hätte endlich den Kern der Wahrheit erreicht, öffnete sich eine neue Tür.Und hinter dieser Tür wartete eine noch größere Lüge.Alexander stand neben ihr.Sein Gesicht war ausdruckslos geworden.„Ich verstehe das nicht.“Victor antwortete nicht.Samuel ebenfalls nicht.Adrian hingegen bewegte sich plötzlich auf den Computer zu.„Wartet.“Emma sah ihn an.„Was?“„Das Video.“Er öffnete die Systemprotokolle.„Es wurde nicht gerade abgespielt.“Alexander trat näher.„Was meinst du?“„Es war bereits in unserem System.“Ad
Die Tür zum Konferenzraum stand noch immer offen.Emma bewegte sich keinen Zentimeter.Ihr Blick lag auf dem Fremden, der gerade eingetreten war und ein altes Foto in der Hand hielt. Das Bild zeigte sie als Kind. Neben ihr stand Anna. Im Hintergrund war ein Teil des alten Hart-Anwesens zu erkennen.Doch das war nicht das Beunruhigende.Es war die Tatsache, dass der Mann dieses Foto in der Hand hielt, als hätte es ihm gehört.Alexander trat einen Schritt näher zu Emma.„Wer sind Sie?“Der Mann antwortete nicht sofort. Er legte das Foto langsam auf den Tisch.„Jemand, der lange genug gewartet hat.“Victor verschränkte die Arme.„Du solltest nicht hier sein.“Der Fremde sah ihn an.„Und du solltest überhaupt nicht mehr hier sein.“Für einen kurzen Moment herrschte absolute Stille.Emma sah zwischen den beiden Männern hin und her.„Ihr kennt euch.“„Leider“, sagte Victor.Der Fremde lächelte schwach.„Victor kennt mich. Aber er kennt nur die Version von mir, die man ihm gezeigt hat.“Emma
Die Tür hinter Anna stand offen.Emma konnte sich nicht bewegen.Niemand konnte es.Das Licht im Raum flackerte einmal.Dann zweimal.Hinter Anna erschien eine Gestalt.Langsam.Ohne Eile.Der Mann trat aus dem Schatten.Emma sah sein Gesicht.Und für einen Moment vergaß sie zu atmen.„Nein.“Das Wort verließ ihre Lippen kaum hörbar.Alexander sah ebenfalls zur Tür.Sein Gesicht verlor jede Farbe.„Das... kann nicht sein.“Adrian wich zurück.Sophia begann zu weinen.Samuel dagegen blieb vollkommen ruhig.Als hätte er genau auf diesen Moment gewartet.Der Mann blieb hinter Anna stehen.Er war älter als auf den alten Fotos, aber Emma erkannte ihn sofort.Das Gesicht.Die Augen.Die Haltung.Alles.„Papa?“Der Mann sah sie an.Daniel Weber.Der Mann, den Emma ihr ganzes Leben lang ihren Vater genannt hatte.Der Mann, von dem sie geglaubt hatte, er sei weit entfernt von all den Geheimnissen.Der Mann, der sie großgezogen hatte.Der Mann, dem sie vertraut hatte.Er sah sie an.Seine Augen
Emma konnte nicht sprechen.Die Worte auf dem Bildschirm verschwanden nicht.DER MANN, DEN IHR FÜR TOT HIELT, IST NICHT DER EINZIGE, DER ZURÜCKGEKEHRT IST.Ihr Blick blieb auf der Nachricht hängen.Dann sah sie Victor an.„Wer ist zurückgekehrt?“Victor antwortete nicht.Emma ging einen Schritt auf ihn zu.„Du hast gesagt, du würdest mir die Wahrheit erzählen.“„Das werde ich.“„Dann fang an.“Victor sah sie ruhig an.„Dein Vater.“Emma erstarrte.„Welcher?“Die Frage kam leise.Doch sie veränderte die Atmosphäre im gesamten Raum.Victor sah sie lange an.„Genau das ist das Problem.“Alexander trat neben Emma.„Sie sprechen von Samuel?“Victor schüttelte den Kopf.„Nein.“Emma spürte, wie ihr Herz schneller schlug.„Daniel?“Wieder schüttelte Victor den Kopf.„Nein.“Adrian sah plötzlich aus, als hätte er etwas verstanden.„Dann meinst du...“Victor sah ihn an.„Ja.“Adrian wurde blass.Emma bemerkte es sofort.„Adrian.“Er antwortete nicht.„Was weißt du?“„Emma, ich glaube—“„Was we







