LOGINWas im Saum des Hochzeitskleides versteckt war, war eine Kinderzeichnung.
Aurora fand sie um 11:42 Uhr, allein im Brautzimmer, ihre Finger fuhren über eine Wölbung in der Seide. Sie riss die Nähte mit den Zähnen auf. Ein Quadrat vergilbten Papiers, in Achtel gefaltet, glitt in ihre Handfläche, und sie strich es auf ihrem Knie glatt. Buntstift. Ein schiefes Haus mit einer schwarzen Tür. Ein großer Mann, der etwas Kleines, Rundes hielt. Ein kleines Mädchen mit gelbem Haar und drei Wörtern, in zittrigen Buchstaben einer Sechsjährigen hingekritzelt.
Papas geheimer Ort.
Die Hälfte der Seite war abgerissen.
„Dreißig Minuten”, sagte eine kühle Stimme von der Tür.
Aurora stopfte die Zeichnung in ihr Mieder, gerade als Valentina Greco hereinrauschte, elegant in Schwarz, einen Schleier über dem Arm. Valentinas Blick fiel auf die zerrissenen Fäden am Boden. Ihr Lächeln veränderte sich nicht.
„Der Albtraum jeder Schneiderin.” Sie hob den Schleier. „Halt still.”
Ihre Finger streiften Auroras Nacken, als sie ihn feststeckte, und Aurora zuckte zusammen. Sie waren kalt. Schmal. Weich.
„Du warst es.” Aurora flüsterte es. „Im Keller. Du hast mein Handgelenk gepackt.”
„Habe ich das?” Valentinas Spiegelbild begegnete ihrem im Spiegel, ruhig und schön und völlig undurchschaubar. „In diesem Haus sind alle Hände kalt, Miss Bellini. Du wirst dich daran gewöhnen.”
„Was meintest du mit vertrau ihm nicht?”
„Ich meinte, was ich gesagt habe.” Die letzte Nadel glitt an ihren Platz. „Aber ich würde es nicht wiederholen. Hier haben die Wände Ohren.”
Sie trat zurück, betrachtete ihr Werk und lächelte, wie eine Frau über einen Sarg lächelt, den sie ausgesucht hat.
„Lächle am Altar”, sagte Valentina. „Er wird erwarten, dass du weinst.”
Die Kapelle war klein und kalt, nichts als Stein und Kerzenlicht. Vierzig Gäste, und die Hälfte von ihnen trug unter den Jacketts Waffen. In der ersten Reihe saß Nico in einem zu großen Anzug, mit weißen Knöcheln, und funkelte den Bräutigam an. Vincenzo wartete am Ende des Gangs, die Hand ausgestreckt.
Aurora ging an ihm vorbei.
„Bambina”, flüsterte er, seine Stimme brach. „Bitte.”
Sie sah nicht zurück. Sie ging allein, die Wirbelsäule starr, den Strauß in der Faust zerdrückt, jedes Augenpaar in der Kapelle folgte ihr. Am Altar stand Cassian in Schwarz, die Hände gefaltet, und beobachtete ihr Näherkommen mit einem Ausdruck, den sie nicht deuten konnte. Als sie ihn erreichte, sank sein Blick auf den Puls, der in ihrer Kehle hämmerte.
„Du bist gekommen”, murmelte er.
„Ich wurde hergeschleift, schmeichle dir nicht.”
Der Priester begann. Latein. Englisch. Worte, die nichts bedeuteten und wie Rauch über ihren Kopf hinwegtrieben.
„Nehmen Sie, Aurora Bellini, diesen Mann …”
Sie öffnete den Mund. Nichts kam heraus.
Cassian neigte den Kopf, so nah, dass sein Atem ihr Ohr streifte. „Der Junge sieht zu.”
Ihre Augen flogen zur ersten Reihe. Nicos Gesicht war blass, seine Lippe zitterte, seine kleine Hand hoffnungsvoll zu einem Daumen nach oben erhoben.
„Sag es”, flüsterte Cassian.
„Du bist ein Monster.” Sie sah ihn mit einem gemischten Ausdruck an, den man nicht benennen kann.
„Ja, ich will.” Die Worte kratzten ihre Kehle wund.
Der Ring glitt auf ihren Finger, kalt und schwer. Cassian hielt ihre Hand einen Moment länger als nötig, sein Daumen drückte gegen ihren Knöchel, und etwas Unlesbares huschte über sein Gesicht.
„Sie dürfen die Braut küssen”, verkündete der Priester.
Aurora versteifte sich.
Cassian rührte sich nicht. Die Kapelle wurde still. Dann hob er langsam ihre Hand an seine Lippen und drückte einen Kuss auf ihre Fingerknöchel. Sein Mund war warm, und die Berührung verweilte. Der Empfang fand im Garten des Anwesens statt, unter einem weißen Zelt voller Lichterketten. Aurora stand neben Cassian mit einem Glas Champagner, das sie nicht wollte, und nahm Glückwünsche von Menschen entgegen, die ihr nie in die Augen sehen würden. Enzo brachte den ersten Toast aus. „Auf meinen Neffen, der endlich etwas gefunden hat, das er nicht kaufen kann!”
Gelächter. Cassians Lächeln erreichte seine Augen nicht.
„Tanz mit mir.” Cassian hielt bereits die Hand ausgestreckt.
Sie zögerte, doch bevor sie etwas sagen konnte, fügte Cassian hinzu:
„Alle sehen zu, ob du zusammenzuckst.” Seine Finger schlossen sich trotzdem um ihre, und er führte sie auf die Tanzfläche. „Gib ihnen nichts.”
„Und wenn ich ihnen lieber eine Show geben würde?”
„Dann werden sie lernen, was mit Männern geschieht, die zu lange auf das starren, was mir gehört.” Sein Daumen strich einmal langsam über ihre Handfläche. „Ich mochte Publikum nie besonders.”
Sie hasste, wie ihr Puls ihm antwortete. Als das Lied endete, zog sie sich zurück. „Ich brauche frische Luft”, murmelte Aurora.
„Ich kann dich nicht gehen lassen.” Cassian sagte es, ohne sie anzusehen, mit kalter Miene.
„Ich habe nicht gefragt.”
„Ich weiß.” Seine Hand legte sich auf ihren unteren Rücken, warm und besitzergreifend. „Deshalb habe ich Nein gesagt.”
Sie wollte sich gerade umdrehen, um ihn anzufauchen, als sie es sah: ein Mann in grauer Kappe am Eingang, eine Hand in seiner Jacke. Er begegnete ihrem Blick. Er lächelte.
„Cassian …”
„Runter!” Gabriels Stimme durchschnitt die Musik wie eine Klinge.
Der erste Schuss zerschmetterte den Champagnerturm. Cassian wirbelte herum und riss sie an seine Brust, sein ganzer Körper krümmte sich um ihren, während Kugeln durch die Zeltplane rissen. Schreie brachen aus. Glas regnete. Aurora spürte seinen Herzschlag gegen ihre Wange donnern und seine Stimme, rau und heftig, in ihrem Haar.
„Mein. Niemand rührt an, was mir gehört.”
Es dauerte neunzig Sekunden. Als es vorbei war, lagen drei maskierte Leichen im Gras, und der Rest war zwischen den Bäumen verschwunden. Cassian löste sich von ihr. Blut an seinem Ärmel. Seine Augen rasten über ihr Gesicht, ihre Schultern, ihre Hände. „Bist du getroffen?”
„Nein. Nico?”
„In Sicherheit. Gabriel hat ihn.”
Gabriel kam grimmig auf sie zu. Er beugte sich an Cassians Ohr. Aurora verstand jedes Wort.
„Sie kannten ihren Tisch. Sie wussten, wann sie tanzen würde. Nur vier Leute hatten den Sitzplan.”
„Wer?” Cassians Stimme war Eis.
„Du. Ich. Valentina.” Gabriels Blick wanderte über die Verwüstung. „Und dein Onkel.”
Cassian drehte den Kopf.
Auf der anderen Seite des Rasens stand Enzo unversehrt neben einem zerstörten Tisch, ein Glas Champagner in der Hand. Jeder andere Gast kauerte oder weinte.
Er hob sein Glas zu Aurora, als würde er auf eine Entscheidung anstoßen, die längst gefallen war.
Cassian betrat den Velvet Room wie ein Mann, der bereits entschieden hatte, wer sterben würde.Der Jazz verstummte. Der Türsteher wich zurück. Gabriel trat hinter ihm ein, und in jeder Lampe gingen die Lichter aus, außer in der über der Eckloge, wo ein Mann in grauer Kappe sehr still saß und überhaupt nichts sagte.„Mrs. Rinaldi." Cassian sah Aurora nicht an. „Tritt vom Tisch weg."„Cassian …"„Jetzt."Sie gehorchte. Etwas an der Stille in seiner Stimme ließ Ungehorsam wie ein Wagnis wirken, das sie sich nicht leisten konnte.Der Mann in der Kappe bot ein angenehmes Lächeln. „Cassian. Wir wurden einander noch nicht vorgestellt. Ich bin hier Gast. Sie können nicht …"„Du bist ein Mieter." Cassian setzte sich ihm gegenüber und rollte seinen Siegelring einmal um den Finger. „Seit dreiundzwanzig Uhr fünfundvierzig gehört mir dieses Gebäude. Der Mietvertrag, die Lizenz, der Alkohol und jeder darin."Das Lächeln wankte. „Das ist nicht möglich."„Dein Vermieter war vernünftig." Eine Pause. „
Zwei Tage nach ihrer Hochzeit kletterte Aurora Bellini in einem gestohlenen Mantel aus ihrem Schlafzimmerfenster.Cassian hatte das Anwesen in eine Festung verwandelt. Wachen auf jedem Dach. Kameras an jeder Ecke. Ein Mann vor ihrer Tür, ein weiterer vor Nicos, und ein Schloss an den Toren, das nur auf ihn reagierte. Als sie gefordert hatte, nach ihrer Mutter zu suchen, hatte er sie angesehen, wie ein Mann ein Kind ansieht, das nach einem Herd greift.„Nein."„Sie ist meine Mutter!"„Und sie ist ein Köder." Er hatte seine Stimme nicht erhoben. „Du gehst durch dieses Tor, und du gehst in das hinein, was sie geholt hat."Also hatte sie aufgehört zu fragen.Bevor sie ging, schlich sie in Nicos Zimmer. Er lag zusammengerollt auf der Seite, einen Arm über ein Kissen geworfen, noch immer in seinen Hochzeitssocken. Sie stand lange über ihm, die Kehle eng, und drückte einen Kuss auf sein Haar.„Vor dem Frühstück bin ich zurück", flüsterte sie. „Versprochen."Er murmelte etwas und drehte sich
Ihre Hochzeitsnacht begann mit einer Waffe auf dem Schreibtisch und einem Skizzenbuch daneben.Aurora saß in Cassians Arbeitszimmer in dem zerrissenen elfenbeinfarbenen Kleid und zeichnete den Empfang aus dem Gedächtnis, weil es der einzige Weg war, ihre Finger am Zittern zu hindern. Auf der anderen Seite des Raumes stand Cassian am Fenster, eine Hand auf den Verband an seiner Schulter gedrückt.„Gesichter", sagte er, ohne sich umzudrehen. „Jedes, an das du dich erinnerst."„Ich bin keine Polizeizeichnerin."„Nein. Du bist besser." Er sah zurück, und sein Blick verweilte auf ihrem Bleistift. „Du bemerkst, was Menschen verbergen."Hitze kroch ihren Nacken hinauf. Sie beugte sich über die Seite, damit er es nicht sah. Gäste. Die Bar. Das Orchester. Der Eingang, an dem der erste Schütze aufgetaucht war.Dann hielt ihr Bleistift inne.„Da fehlt ein Mann."Cassian war in drei Schritten neben ihr. „Wo?"„Beim Osteingang. Graue Kappe, Hände in den Taschen." Sie drehte die Seite zu ihm. „Er h
Was im Saum des Hochzeitskleides versteckt war, war eine Kinderzeichnung.Aurora fand sie um 11:42 Uhr, allein im Brautzimmer, ihre Finger fuhren über eine Wölbung in der Seide. Sie riss die Nähte mit den Zähnen auf. Ein Quadrat vergilbten Papiers, in Achtel gefaltet, glitt in ihre Handfläche, und sie strich es auf ihrem Knie glatt. Buntstift. Ein schiefes Haus mit einer schwarzen Tür. Ein großer Mann, der etwas Kleines, Rundes hielt. Ein kleines Mädchen mit gelbem Haar und drei Wörtern, in zittrigen Buchstaben einer Sechsjährigen hingekritzelt.Papas geheimer Ort.Die Hälfte der Seite war abgerissen.„Dreißig Minuten”, sagte eine kühle Stimme von der Tür.Aurora stopfte die Zeichnung in ihr Mieder, gerade als Valentina Greco hereinrauschte, elegant in Schwarz, einen Schleier über dem Arm. Valentinas Blick fiel auf die zerrissenen Fäden am Boden. Ihr Lächeln veränderte sich nicht.„Der Albtraum jeder Schneiderin.” Sie hob den Schleier. „Halt still.”Ihre Finger streiften Auroras Nacke
Giulia Bellini betrat den Raum in der marineblauen Strickjacke, die sie zur Kirche trug, und Aurora wollte schreien. Stattdessen stand sie starr am Fenster, die Arme vor der Brust verschränkt, und sah zu, wie die Augen ihrer Mutter vom Verband an ihrer Hand zum Bluterguss auf ihrer Wange und zum schweren Schloss an der Tür huschten.„Tesoro.” Giulias Stimme zerbrach an dem Wort.„Nicht.”„Bist du verletzt?”„Wage es nicht, mich das zu fragen.” Auroras Lachen klang brüchig. „Du hast mich mit Tinte verkauft, Mama. Hast du den guten Stift benutzt?”Giulia zuckte zusammen, als hätte man sie geschlagen. Sie durchquerte den Raum mit ausgestreckten Händen, aber Aurora wich zurück, und die Finger ihrer Mutter sanken herab.„Wie viel?”, sagte Aurora.„Aurora …”„Wie viel hat er für mich bezahlt?”„Es ist nicht, was du denkst.”„Dann sag mir, was es ist.” Sie trat zitternd näher. „Denn von da, wo ich stehe, hat meine eigene Mutter mich in einen verschlossenen Raum gesperrt, mit einem Mann, der
Die Finger der Frau verschwanden von Auroras Handgelenk in dem Augenblick, als Cassian zog. Er riss sie so heftig an seine Brust, dass ihr die Luft aus den Lungen wich. Eine Pistole krachte nahe ihrem Ohr, dann eine weitere, und irgendwo in der Schwärze schrie ein Mann auf und fiel.„Wer hat dich berührt?” Seine Stimme klang tief und mörderisch an ihrem Haar.„Ich weiß nicht …”„Wer?”„Ich konnte nichts sehen!”„Denk nach.” Seine Stimme wurde drängend. „Ihre Größe. Ihre Stimme.”„Kalte Hände. Eine Frau, und leise sprechend.”„Leise.” Seine Augen verengten sich zu Schlitzen, und ein Muskel spannte sich in seiner Wange, als hätte das Wort einen Geschmack.„Gabriel!”, brüllte er. „Sperr den Ostflügel ab. Niemand verlässt das Haus.”Er zerrte sie eine Steintreppe hinauf, einen Arm um ihre Rippen gebändigt, sein Herzschlag hämmerte gegen ihr Schulterblatt. Oben wirbelte ein maskierter Mann mit einem Messer aus dem Dunkel. Cassian erschoss ihn zweimal. Dann stieg er über die Leiche, ohne de







