LOGINEr fragte nicht. Er nahm sie sich. Aurora Bellini war nur eine ruhige Kunstlehrerin, bis ein Van ihr den Weg versperrte und die Straße plötzlich von Schüssen erfüllt wurde. Als sie wieder zu sich kommt, liegt sie in einem mit Seide geschmückten Schlafzimmer in der Villa von Cassian Rinaldi, dem gefürchtetsten Mann New Yorks. Doch das Schlimmste ist noch nicht einmal das: Ihre eigenen Eltern haben sie an ihn ausgeliefert. Cassian erklärt nichts. Er fragt nicht. Er sperrt sie zu ihrer eigenen Sicherheit ein und heiratet sie, bevor sie fliehen kann. jemand will Aurora tot sehen, und ihre Mutter verbirgt ein Geheimnis, das vor fünfundzwanzig Jahren bereits eine ganze Familie alles gekostet hat. Eine Kinderzeichnung. Ein Feuer, das vor fünfundzwanzig Jahren alles veränderte. Ein Mann namens Carmine Falco, der seitdem auf sie gewartet hat. Je heftiger Aurora sich gegen ihren Entführer wehrt, desto mehr erkennt sie, dass er das Einzige ist, was zwischen ihr und den Menschen steht, die sie jagen. Und je mehr sie über seine Besessenheit erfährt, desto unsicherer wird sie, ob sie überhaupt noch von ihm befreit werden will. Er hat sie entführt, um sie am Leben zu halten. Doch wer wird sie vor dem Teufel selbst beschützen?
View MoreDer Van kam aus dem Nichts. Er streifte den Bordstein vor Aurora Bellini und schlitterte seitwärts, die Reifen kreischten, und der Morgen schrumpfte auf eine rollende schwarze Tür und drei maskierte Männer zusammen. Sie rannte. Ihre Tasche schlug auf dem Pflaster auf. Ihr Absatz brach ab. Eine Hand verfing sich in ihrem Haar und riss sie so heftig zurück, dass ihr Blick weiß aufblitzte.
„Hab sie!”
„Schrei nicht, Süße.” Heißer Atem an ihrem Ohr. „Es ist nur Business.”
Sie schrie trotzdem.
Schüsse hallten die Straße entlang. Der Mann, der sie festhielt, zuckte und erschlaffte. Noch ein Schuss. Noch einer. Glas regnete wie Eis über den Gehweg. Eine Autotür schlug zu. Jemand rief ihren Namen, und sie wusste, dass sie sich zu der Stimme umdrehen sollte, aber ihre Knie gaben bereits nach, das Pflaster kippte, und das Letzte, was sie spürte, waren Arme, die sie auffingen, bevor sie auf dem Boden aufschlug.
Dann nichts.
Das Erste, was Aurora bemerkte, war die Stille.
Das Zweite war die Decke. Geschnitzter Stuck, cremefarben und golden, viel zu hoch, um zu irgendeinem Raum zu gehören, den sie kannte. Sie setzte sich zu schnell auf. Ihr Kopf drehte sich. Seidenlaken glitten von ihren Schultern, und sie trug ein Nachthemd, das sie nie zuvor gesehen hatte, ein Verband war um ihre Handfläche geklebt.
„Du hast dir die Hand am Gehweg aufgeschürft.”
Die Stimme kam aus der Ecke. Ein Mann saß in einem Ledersessel, halb vom Schatten verschluckt, einen Knöchel auf dem Knie. Ein schwerer Silberring drehte sich langsam um seinen Finger. Als er sich vorbeugte, fing das Lampenlicht ein Tattoo aus Zahlen ein, das sich an der Seite seines Halses hinaufwand.
„Wer hat mir die Kleider gewechselt?” Ihre Stimme klang dünn.
Er musterte sie lange, so, wie ein Mann eine verschlossene Tür mustert. „Du solltest dir um andere Dinge Sorgen machen.”
„Wo bin ich?”
„Wach.” Sein Blick glitt zum Fenster. „Das ist es, was zählt.”
„Ich habe dir eine Frage gestellt.”
„Du hast mehrere gestellt.” Sein Mundwinkel bewegte sich. Es war kein Lächeln. „Ich habe noch nicht entschieden, welche eine Antwort verdienen.”
Sie warf die Decke zurück, ihre nackten Füße berührten den kalten Boden. „Mein Bruder. Wo ist Nico?”
Das löste eine Reaktion aus. Sein Daumen hielt auf dem Ring inne. „Er schläft.”
„Wo?”
„Dort, wo ich ihn sehen kann.”
„Was soll das heißen?”
Er erhob sich. Er war größer, als sie erwartet hatte, und der Raum schien um ihn zu schrumpfen. „Es heißt, dass heute Nacht zwei meiner Männer vor seinem Fenster stehen. Wenn du sie weghaben möchtest, musst du mich nett darum bitten.”
„Du drohst einem Kind.”
Er antwortete nicht, sondern ging zum Nachttisch, nahm eine Mappe und hielt sie ihr hin, ohne sie anzusehen. „Lies.”
Sie nahm sie nicht. „Wer bist du?”
„Lies, Aurora.”
Ihr Name in seinem Mund ließ ihre Haut prickeln. Sie riss ihm die Mappe aus der Hand und schlug sie auf. Ein Vertrag. Ihr Name in schwarzer Schrift. Darunter zwei Unterschriften, die sie besser kannte als ihre eigene. Die Unterzeichnenden übertragen Cassian Rinaldi die volle Vormundschaft und das Recht zur Eheschließung über ihre Tochter …
„Das würden sie nicht”, flüsterte sie.
Er sagte nichts.
„Mein Vater würde nicht …” Ihre Stimme brach. „Und meine Mutter …”
„Blätter um.”
Sie tat es. Unter dem zittrigen Namen ihres Vaters stand Giulias schwungvolle Handschrift, datiert auf sechs Uhr an diesem Morgen. Eine Zeugenzeile. Und daneben, in kleinerer Schrift, ein einziges Wort, das sie durch die Tränen nicht lesen konnte.
„Freiwillig”, sagte Cassian leise.
Aurora schleuderte ihm die Mappe an die Brust.
Er zuckte nicht. Papiere flatterten um seine Schuhe.
„Du hast sie bezahlt.” Ihr ganzer Körper bebte. „Du hast mich gekauft.”
„Ich habe ihre Schulden bezahlt.” Er bückte sich, sammelte die Seiten auf und stieß sie an seiner Handfläche zusammen. „Was sie mit dem Geld gemacht haben, war ihre Sache.”
„Ich gehe.”
Sie rannte zur Tür. Die Klinke ließ sich nicht drehen. Sie hämmerte gegen das Holz, bis sich ihr Verband löste, dann fuhr sie zu ihm herum.
„Mach auf!” Sie wandte sich ihm zu. „Du kannst mich nicht hier festhalten!”
Er ging langsam auf sie zu, einen gemächlichen Schritt nach dem anderen, bis ihr Rücken gegen die Tür stieß und sein Schatten sie bedeckte. Er berührte sie nicht. Er sah nur auf sie herab, und für einen Herzschlag huschte etwas Rohes, Hungriges über sein Gesicht, bevor er es vergrub.
„Das tue ich bereits.”
Ihr stockte der Atem. „Warum? Warum ich?”
Er hob die Hand. Sie machte sich auf einen Schlag gefasst. Stattdessen strichen seine Fingerknöchel eine Haarsträhne von ihrer Wange, so leicht, dass sie es sich hätte einbilden können, und die Hitze davon kroch ihr den ganzen Hals hinab.
„Fass mich nicht an!”
„Dann hör auf zu zittern.” Seine Stimme wurde tiefer. „Es weckt in mir den Wunsch, es zu tun.”
Sie schlug seine Hand weg. Er ließ es zu, aber seine Augen verdunkelten sich, und sie begriff, dass sie gerade einen Fehler gemacht hatte, den sie nicht verstand.
Zwei scharfe Klopfzeichen ertönten.
„Boss.” Die Stimme eines Wachmanns. „Der, den wir gefasst haben, ist wach.”
Cassians Ausdruck veränderte sich. Die Hitze verschwand. An ihre Stelle trat etwas Kaltes, völlig Ruhiges, das Gesicht eines Mannes, dem nie jemand etwas abgeschlagen hatte.
„Halt ihn am Leben. In fünf Minuten bin ich da.”
„Was wirst du mit ihm tun?”, flüsterte Aurora.
Er hielt an der Tür inne, den Rücken ihr zugewandt, drehte sich langsam um, grinste höhnisch und verließ den Raum. Das Schloss klickte von außen. Sie rutschte zu Boden und zitterte, bis das Zittern zu etwas wurde, das sie nutzen konnte. Dann durchsuchte sie das Zimmer. Auf der Kommode stand ein silberner Rahmen, mit dem Bild nach unten. Sie hob ihn auf. Ein Foto, vom Alter verblasst. Ein sechsjähriges kleines Mädchen saß auf den Schultern eines großen, lachenden Mannes, die kleinen Fäuste in sein dunkles Haar gekrallt.
Auroras eigenes Gesicht.
Sie hatte dieses Bild nie gesehen. Sie hatte diesen Mann nie getroffen. Sie drehte es um. In verblasster blauer Tinte: Antonio und Aurora. Vor sechzehn Jahren. Vor der Tür drang die gedämpfte Stimme eines Wachmanns den Flur entlang. „… der Boss sagt, wenn sie nach seinem Vater fragt, sagen wir ihr nichts.”
Aurora starrte auf das Foto. Auf die sanften Hände des Fremden, die ihre Knöchel hielten. Auf seine Augen, ein vertrautes, verblüffendes Grau. Jeder in New York wusste, dass der alte Rinaldi vor fünf Jahren erschossen worden war.
Und doch war er da und lächelte sie an, als wäre sie das Kostbarste auf der Welt. Antonio Rinaldi hatte ihren Namen gekannt, seit sie sechs war.
Etwas raschelte zu ihren Füßen. Ein gefaltetes Blatt Papier war unter der Tür hindurchgeglitten.
Ihr Herz hämmerte. Sie schnappte es sich, und ihre Finger zitterten so sehr, dass sie es beinahe zerrissen hätte. Fünf Wörter starrten ihr entgegen, in dünner schwarzer Tinte, in einer Handschrift, die sie nie gesehen hatte:
ER HAT DICH GENOMMEN, BEVOR SIE ES KONNTEN.
Schritte entfernten sich den Flur entlang, leise und hastig, ganz anders als die schweren Stiefel der Wachen.
Wer auch immer es geschrieben hatte, war noch im Haus.
Zwei Tage nach ihrer Hochzeit kletterte Aurora Bellini in einem gestohlenen Mantel aus ihrem Schlafzimmerfenster.Cassian hatte das Anwesen in eine Festung verwandelt. Wachen auf jedem Dach. Kameras an jeder Ecke. Ein Mann vor ihrer Tür, ein weiterer vor Nicos, und ein Schloss an den Toren, das nur auf ihn reagierte. Als sie gefordert hatte, nach ihrer Mutter zu suchen, hatte er sie angesehen, wie ein Mann ein Kind ansieht, das nach einem Herd greift.„Nein."„Sie ist meine Mutter!"„Und sie ist ein Köder." Er hatte seine Stimme nicht erhoben. „Du gehst durch dieses Tor, und du gehst in das hinein, was sie geholt hat."Also hatte sie aufgehört zu fragen.Bevor sie ging, schlich sie in Nicos Zimmer. Er lag zusammengerollt auf der Seite, einen Arm über ein Kissen geworfen, noch immer in seinen Hochzeitssocken. Sie stand lange über ihm, die Kehle eng, und drückte einen Kuss auf sein Haar.„Vor dem Frühstück bin ich zurück", flüsterte sie. „Versprochen."Er murmelte etwas und drehte sich
Ihre Hochzeitsnacht begann mit einer Waffe auf dem Schreibtisch und einem Skizzenbuch daneben.Aurora saß in Cassians Arbeitszimmer in dem zerrissenen elfenbeinfarbenen Kleid und zeichnete den Empfang aus dem Gedächtnis, weil es der einzige Weg war, ihre Finger am Zittern zu hindern. Auf der anderen Seite des Raumes stand Cassian am Fenster, eine Hand auf den Verband an seiner Schulter gedrückt.„Gesichter", sagte er, ohne sich umzudrehen. „Jedes, an das du dich erinnerst."„Ich bin keine Polizeizeichnerin."„Nein. Du bist besser." Er sah zurück, und sein Blick verweilte auf ihrem Bleistift. „Du bemerkst, was Menschen verbergen."Hitze kroch ihren Nacken hinauf. Sie beugte sich über die Seite, damit er es nicht sah. Gäste. Die Bar. Das Orchester. Der Eingang, an dem der erste Schütze aufgetaucht war.Dann hielt ihr Bleistift inne.„Da fehlt ein Mann."Cassian war in drei Schritten neben ihr. „Wo?"„Beim Osteingang. Graue Kappe, Hände in den Taschen." Sie drehte die Seite zu ihm. „Er h
Was im Saum des Hochzeitskleides versteckt war, war eine Kinderzeichnung.Aurora fand sie um 11:42 Uhr, allein im Brautzimmer, ihre Finger fuhren über eine Wölbung in der Seide. Sie riss die Nähte mit den Zähnen auf. Ein Quadrat vergilbten Papiers, in Achtel gefaltet, glitt in ihre Handfläche, und sie strich es auf ihrem Knie glatt. Buntstift. Ein schiefes Haus mit einer schwarzen Tür. Ein großer Mann, der etwas Kleines, Rundes hielt. Ein kleines Mädchen mit gelbem Haar und drei Wörtern, in zittrigen Buchstaben einer Sechsjährigen hingekritzelt.Papas geheimer Ort.Die Hälfte der Seite war abgerissen.„Dreißig Minuten”, sagte eine kühle Stimme von der Tür.Aurora stopfte die Zeichnung in ihr Mieder, gerade als Valentina Greco hereinrauschte, elegant in Schwarz, einen Schleier über dem Arm. Valentinas Blick fiel auf die zerrissenen Fäden am Boden. Ihr Lächeln veränderte sich nicht.„Der Albtraum jeder Schneiderin.” Sie hob den Schleier. „Halt still.”Ihre Finger streiften Auroras Nacke
Giulia Bellini betrat den Raum in der marineblauen Strickjacke, die sie zur Kirche trug, und Aurora wollte schreien. Stattdessen stand sie starr am Fenster, die Arme vor der Brust verschränkt, und sah zu, wie die Augen ihrer Mutter vom Verband an ihrer Hand zum Bluterguss auf ihrer Wange und zum schweren Schloss an der Tür huschten.„Tesoro.” Giulias Stimme zerbrach an dem Wort.„Nicht.”„Bist du verletzt?”„Wage es nicht, mich das zu fragen.” Auroras Lachen klang brüchig. „Du hast mich mit Tinte verkauft, Mama. Hast du den guten Stift benutzt?”Giulia zuckte zusammen, als hätte man sie geschlagen. Sie durchquerte den Raum mit ausgestreckten Händen, aber Aurora wich zurück, und die Finger ihrer Mutter sanken herab.„Wie viel?”, sagte Aurora.„Aurora …”„Wie viel hat er für mich bezahlt?”„Es ist nicht, was du denkst.”„Dann sag mir, was es ist.” Sie trat zitternd näher. „Denn von da, wo ich stehe, hat meine eigene Mutter mich in einen verschlossenen Raum gesperrt, mit einem Mann, der











