MasukDie Stille im Penthouse war erdrückend und bedrückend. Maya schritt im dunklen Flur auf und ab; der enge Seidenstoff ihres smaragdgrünen Galakleides raubte ihr den Atem. An Schlaf war nach dem chaotischen Geschehen auf der Terrasse nicht zu denken. In ihrem Kopf hallten Ninos undeutliche Anschuldigungen und der furchterregende, stille Zorn wider, mit dem Damien das Leben ihres Ex-Freundes mit einem einzigen Befehl zerstört hatte.
Ein schmaler Streifen goldenen Lichts durchschnitt den dunklen Hartholzboden von der halb geöffneten Tür zu Damiens privatem Arbeitszimmer.
Maya hielt inne, ihre Hand schwebte nahe am Türrahmen. Sie klopfte leise, doch nur ein schweres, angestrengtes Schweigen antwortete. Sie schob die Tür weiter auf, trat ein und blieb stehen.
Damien lag zusammengesunken auf seinem ausladenden Mahagoni-Schreibtisch. Seine Stirn ruhte auf einem verstreuten Stapel Quartalsberichten, sein Atem ging flach und schnell. Das makellose Sakko, das er auf der Gala getragen hatte, lag achtlos auf einem Stuhl daneben, und sein weißes Hemd war feucht und klebte an seinen Schultern.
„Damien?“, rief Maya und eilte vor, ihre Absätze klackten scharf auf den Dielen.
Sie erreichte seine Seite und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Er rührte sich nicht. Als ihre Finger seine Halshaut berührten, ließ sie die intensive, ausstrahlende Hitze zurückweichen. Er glühte. Der unnachgiebige, kalte CEO von Thorne Global, der Mann, der drei Jahre lang von allen um ihn herum absolute Perfektion gefordert hatte, reagierte überhaupt nicht.
Maya rüttelte ihn fester an der Schulter. „Damien, wach auf. Du musst vom Schreibtisch runter.“
Ein leises, undeutliches Stöhnen entfuhr seinen Lippen. Langsam hob er den Kopf, seine Augen glasig und leer, während er verzweifelt versuchte, sie festzuhalten. Seine Haut war unglaublich blass, bis auf eine fiebrige, unnatürliche Röte auf seinen Wangenknochen. Er versuchte, sich aufzurichten, doch seine Arme zitterten heftig und konnten sein Gewicht nicht tragen, bevor er seitlich gegen die hohe Lehne seines Ledersessels zusammensackte.
„Maya“, murmelte er mit trockener, unverständlicher Stimme.
„Ich bin da“, sagte sie, ihr Assistenteninstinkt hatte ihre Panik übermannt. „Du glühst ja. Wann hast du das letzte Mal geschlafen? Oder gegessen?“
Er schüttelte den Kopf, eine schwache Geste der Verleugnung, bevor sich seine Augen wieder schlossen.
Maya griff sofort nach einem Kristallkrug und goss Wasser in ein Glas. Sie hielt es an seine trockenen Lippen, stützte seinen Nacken und spürte den schnellen, pochenden Puls unter seiner Haut.
Damien schluckte schwer, das Wasser rann ihm übers Kinn. Mit einer unbeholfenen, zitternden Bewegung schob er ihre Hand weg und sank tiefer in die Lederkissen.
„Geh nach Hause, Maya“, murmelte er mit halb geschlossenen Augen. „Der Vertrag … deckt keine Krankenpflege ab.“
„Im Vertrag stand nicht, dass du vor Montag tot umfällst“, erwiderte sie sanft und stellte das Glas auf den Schreibtisch.
Sie wringte ein kaltes, feuchtes Handtuch aus, das sie aus dem Badezimmer geholt hatte, und drückte es ihm auf die glühende Stirn. Er zuckte bei der ersten Berührung zusammen, atmete dann zitternd aus und seine Schultern sanken endlich.
„Mein Großvater hat das Fundament dieser Firma gelegt“, murmelte Damien, seine Stimme verstummte zu einem trockenen Flüstern. Er blickte an ihr vorbei und starrte leer aus dem dunklen Fenster. „Jeden einzelnen Stein. Kyra will alles zerstören, die Logistikabteilungen verkaufen und die Pensionsfonds auflösen. Ich habe es ihm versprochen. Bevor er starb, habe ich ihm versprochen, dass ich sie nichts davon anrühren lassen würde.“
Maya hielt ihren Druck aufrecht und lauschte dem leisen, verzweifelten Tonfall seiner Stimme. Sie hatte ihn noch nie anders als mit kalter Abweisung über seine Familie sprechen hören. Ihn nun diese Verletzlichkeit eingestehen zu hören, ohne seinen üblichen defensiven Sarkasmus, ließ ihn plötzlich ganz menschlich erscheinen.
„Du wirst es nicht verlieren“, sagte sie leise.
„Sie warten nur darauf, dass ich ausrutsche“, sagte er, und plötzlich durchbrach ein scharfer Unterton seine Erschöpfung. Seine Hand schnellte vor, seine heißen Finger schlossen sich fest um ihr Handgelenk. Der Griff war schwach, doch sein Blick fixierte sie mit einer rohen, starren Intensität, die ihr in der Stille des Raumes den Atem raubte.
Er zog sie ein Stück näher an sich heran, sein Brustkorb hob und senkte sich flach und schnell. „Du bist die Einzige, die mich nie wegen Geld angelogen hat, Maya. Geh nicht.“
Die Worte hallten schwer in dem stillen Arbeitszimmer nach. Maya starrte ihn an, ihr Handgelenk noch immer von seiner brennenden Hand umschlossen. Die Erkenntnis senkte sich leise in ihr Herz. Der unerbittliche, arrogante Diktator, den sie drei Jahre lang geführt hatte, war nur ein Schutzschild. Hinter den unmöglichen Forderungen und den bissigen Bemerkungen verbarg sich ein Mann, der einen völlig isolierten Krieg führte, umgeben von Raubtieren, die denselben Nachnamen trugen.
„Ich gehe nirgendwo hin, Damien“, flüsterte sie und beugte sich vor, um das warme Handtuch gegen ein frisches, kaltes auszutauschen.
Er antwortete nicht. Seine Finger lockerten sich allmählich um ihr Handgelenk, seine Augen schlossen sich, sein Atem beruhigte sich und er fiel in einen tiefen, fiebrigen Schlaf. Maya zog einen schweren Ledersessel näher an den Schreibtisch und setzte sich. Sie wollte ihn den Rest der Nacht beobachten.
„Du siehst furchtbar aus“, murmelte Damien mit trockener, aber nicht mehr fiebriger Stimme.
Maya richtete sich langsam auf. Ihre Muskeln schmerzten, und ihr Nacken war steif von der unbequemen Haltung des Sessels. Lauwarmes, graues Wasser stand in der Keramikschale auf dem Beistelltisch neben einem weggeworfenen Waschlappen. Damien saß kerzengerade auf der Bettkante, seine Haltung völlig steif. Der verletzliche, flehende Mann von mitten in der Nacht war verschwunden und hatte Platz gemacht für den unnachgiebigen Manager, den sie seit drei Jahren kannte.
„Ich bin geblieben, um sicherzustellen, dass meine Investition nicht vor Montagmorgen verfällt“, sagte Maya und rieb sich die schmerzenden Schläfen, während sie aufstand. „Dein Fieber ist gegen Morgengrauen gesunken.“
„Mir geht es bestens“, sagte er und justierte seine Uhr mit schnellen, präzisen Bewegungen, obwohl ein leichter Schatten unter seinen Augen lag. „Du solltest in dein Zimmer gehen. Ich muss noch einige wichtige Anrufe tätigen, bevor die Börse öffnet.“
„Gut. Ich werde dir nicht im Weg stehen.“ Maya wandte sich der Tür zu, begierig darauf, der plötzlichen Mauer zu entkommen, die er wieder zwischen ihnen errichtet hatte.
„Warte.“
Sie hielt inne, ihre Finger ruhten auf dem schweren Messingknauf, und blickte über die Schulter zurück.
Damien starrte sie an, seine dunklen Augen musterten ihr Gesicht, bevor sie auf ihre leeren Hände fielen. „Du hast seit gestern Nachmittag nichts gegessen.“
„Ich werde etwas in der Küche finden.“
„Ich habe die Angestellten bereits angewiesen, Ihnen ein komplettes Frühstück direkt in Ihre Gemächer zu bringen“, sagte er mit befehlender, aber nicht mehr so bissiger Stimme. „Sie brauchen Ihre Kraft. Essen Sie alles auf, denn uns liegt ein unglaublich langer, anstrengender Tag bevor.“
Ein stilles, unerwartetes Einverständnis breitete sich zwischen ihnen aus, ein brüchiger Waffenstillstand in ihrem vorübergehenden Streit. Maya nickte, eine kleine Geste der Anerkennung, und drehte die Klinke.
Die Tür schwang auf, bevor sie sie aufdrücken konnte. Arthur Botto stand im Flur, den Kragen schief und das Gesicht völlig farblos. Er umklammerte eine dicke, ledergebundene Finanzakte wie einen Schutzschild an seine Brust.
„Damien“, keuchte Botto und ging an Maya vorbei, als er ins Zimmer stürmte. „Wir haben ein katastrophales Problem.“
Damien stand langsam auf, sein ganzer Körper angespannt, die Kiefermuskeln verkrampft, die Augen zusammengekniffen. „Was ist los, Arthur? Sprich Klartext.“
Botto ließ einen dicken Finanzbericht aufs Bett fallen, sein Gesicht war kreidebleich: „Kyra hat eine Lücke in der Satzung gefunden. Eine Heiratsurkunde reicht nicht; der Ehepartner muss tatsächlich stimmberechtigte Aktien besitzen, sonst ist die Abstimmung des Aufsichts
rats morgen früh ungültig. Sie müssen ihr die Hälfte Ihres Erbes übertragen.“
Der Regen peitschte über das Rollfeld, während die Triebwerke des Gulfstream mit ohrenbetäubendem Dröhnen aufheulten und das Flugzeug langsam vorwärtsrollte. Um sie herum hielten die bewaffneten Sicherheitsleute ihre Positionen, die Waffen im Anschlag. Sie warteten darauf, dass das Flugzeug die Startbahn verließ, bevor sie ihren Auftrag beendeten.Damien blickte auf das leuchtende Display seines Telefons und richtete seinen Blick dann sofort auf das Bugfahrwerk des rollenden Jets. Fest um die Hydraulikvorrichtung war ein kleines, schweres Aluminiumgehäuse befestigt. Eine rote LED blinkte daran.Eine ferngesteuerte Druckladung.Wer auch immer ihnen die Satellitenortung geschickt hatte, hatte zusätzlich einen Notfallplan vorbereitet, um sicherzustellen, dass Arthur den Boden niemals verlassen würde.„Runter!“, brüllte Damien.Er warf seinen Arm schützend über Maya und zog sie hinter den verstärkten Motorblock des Wagens, während er gleichzeitig die Override-Taste auf seinem Bildschirm b
„Steig ein.“ Damien wartete nicht darauf, dass Maya das auf dem Bildschirm leuchtende Foto verarbeitete.Er war bereits in Bewegung. Er warf das verschlüsselte Telefon auf die Mittelkonsole und glitt hinter das Steuer des gepanzerten Wagens. Der Motor heulte auf, ein tiefes, raues Geräusch, das durch die Betonwände der unterirdischen Garage vibrierte.Maya ließ sich auf den Beifahrersitz fallen und zog gerade den schweren Sicherheitsgurt über ihre Brust, als die Reifen kreischend über den Asphalt rutschten. Das Fahrzeug schoss die Ausfahrtsrampe hinauf, raste durch die sich öffnenden Sicherheitstore und hinaus in den unerbittlichen Regen Manhattans.„Arthur“, sagte Maya. Sie stützte eine Hand am Armaturenbrett ab, als Damien scharf nach links lenkte und die Federung des Wagens den heftigen Wechsel der Fahrtrichtung abfing. „Damien, er hat dich praktisch großgezogen. Er hat nach der Beerdigung den gesamten Übergang im Vorstand geleitet. Warum sollte er so etwas tun?“„Dreißig Milliarde
Damien fing sie auf, bevor ihre Knie auf das zerbrochene Glas trafen. Der Aufprall presste ihm die Luft aus den Lungen, als ihr plötzlich schwerer, regloser Körper in seine Arme sank. Er ging mit ihr zu Boden, seine breiten Schultern schützend vor ihren Körper gelegt, während um sie herum die scharfkantigen Glassplitter den Boden bedeckten.„Maya.“ Er veränderte seinen Griff und stützte dringend ihren Nacken. Ihre Haut war eiskalt und völlig farblos. Ihre dunklen Wimpern flatterten unkontrolliert über ihren blassen Wangen.Um sie herum herrschte im Penthouse völliges Chaos. Taktische Polizeibeamte riefen sich überlappende Befehle zu und drückten die schreiende Ciara Albright mit Gewalt gegen die zerstörte Trockenbauwand. Die grellen, flackernden Lichtkegel ihrer schweren Taschenlampen schnitten durch den dichten Chemikaliennebel und beleuchteten die völlige Verwüstung des Wohnzimmers. Damien ignorierte all das.„Ich brauche einen Sanitäter!“, brüllte Damien. Die rohe, donnernde Lautst
„Gib Schub“, befahl Damien und starrte unverwandt auf den Status der Satellitenverbindung auf der Hauptkonsole des Jets. „Bring uns jetzt zurück nach Manhattan.“Der Privatjet raste durch die dunklen Wolken. Die Turboprop-Triebwerke dröhnten bei voller Leistung.Im Hauptbereich der Kabine herrschte eine dichte, erdrückende Stille.Damien saß steif in seinem Ledersitz, die Fäuste fest auf seinen Knien geballt. Sein Blick blieb auf den Boden gerichtet. Jeder Muskel war angespannt, als könnte er das Flugzeug allein mit seiner Willenskraft dazu zwingen, schneller über den Atlantik zu fliegen.Maya saß ihm gegenüber. Ihr gesprungenes Tablet lag auf ihren Knien. Ihre Finger tippten schnell über das Glas und riefen jede interne Kameraübertragung auf, die mit ihrem Penthouse verbunden war.„Sie hat die Sperre der Hauptlobby umgangen“, sagte Maya. Ihre Stimme blieb flach und kontrolliert, obwohl der schnelle Puls an ihrem Hals deutlich sichtbar war. „Die Sicherheitsprotokolle zeigen, dass vor
Das blaue Licht der Hauptkonsole erhellte den gewaltigen Raum. Damien trat vom schweren Stahlschott zurück. Sein Blick folgte den unaufhörlich über die riesigen Monitore laufenden Codezeilen.Das hier war kein gewöhnliches geologisches Archiv.Reihen verschlüsselter Server in Militärqualität säumten die verstärkten Wände und speisten ein zentrales taktisches Netzwerk, das die gesamte Topografie der Insel abbildete.„Sie haben nicht einfach einen sicheren Ort gebaut“, murmelte Damien. Sein Atem wurde allmählich ruhiger, während er das gewaltige Ausmaß der Anlage erfasste. „Sie haben eine Festung gebaut.“Maya ging zur Hauptkonsole. Ihre Stiefel klackten auf dem Gitterboden aus Metall. Ihre Finger schwebten über der mechanischen Tastatur.Die Benutzeroberfläche war vollständig analog – schwere Kippschalter, physische Drehregler und ein geschlossenes Betriebssystem, das gegen moderne drahtlose Hackerangriffe vollkommen immun war.Ihr Vater hatte sie nicht für einen Geologen entworfen.Er
Salzwasser spritzte gegen die Scheiben, als das zweimotorige Flugzeug hart auf der Oberfläche der Lagune aufsetzte. Damien kämpfte mit dem Steuerhorn, seine Knöchel waren weiß vor Anspannung, bis sich das Flugzeug stabilisierte und ruhig über das leuchtend türkisfarbene Wasser glitt.„Drossel die Triebwerke“, sagte Maya und ließ ihre Finger über das gesprungene Navigationstablet auf ihrem Schoß gleiten.„Wir sind hinter dem Riff. Die Wassertiefe ist stabil.“Damien betätigte die Schalter über seinem Kopf. Das Dröhnen der Triebwerke verstummte und hinterließ eine plötzliche, beinahe schmerzhafte Stille in der Kabine. Er atmete scharf aus und sank in den Pilotensitz zurück.Maya löste ihren Sicherheitsgurt und stieß die schwere Kabinentür auf. Heiße, feuchte Tropenluft strömte herein und verdrängte die sterile Luft ihres bisherigen Konzernlebens. Sie kletterte auf den Metall-Schwimmkörper hinaus.Das Wasser unter ihnen war vollkommen klar. Im weißen Sand zeichneten sich die Schatten kle







