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Kapitel Sieben: Dunkle Strömungen

Author: Zara
last update publish date: 2026-07-13 16:03:18

Die Atmosphäre veränderte sich augenblicklich.

Der Mann, der Freya festhielt, hatte nicht einmal Zeit zu blinzeln, da hatte Liam den Abstand zwischen ihnen bereits überwunden.

Für Freyas menschliche Augen war es nichts weiter als ein verschwommener Schatten – eine blitzschnelle Bewegung, die sich plötzlich direkt vor ihr materialisierte.

Noch bevor der Anführer auch nur einen Laut von sich geben konnte, schoss Liams Hand nach vorn.

Sein Griff schloss sich wie ein Schraubstock aus Stahl um das Handgelenk des Mannes.

Knack.

Ein widerliches, feuchtes Knacken hallte durch die dunkle Straße.

Der Anführer stieß einen erstickten, markerschütternden Schrei aus, als sein Handgelenk mit brutaler Leichtigkeit brach.

Freya rang erschrocken nach Luft.

Ihre Augen weiteten sich vor blankem Entsetzen.

Ihr Verstand konnte einfach nicht begreifen, wie ein Mensch sich derart schnell bewegen oder Knochen mit solcher Mühelosigkeit brechen konnte.

Noch bevor der Schrei vollständig über die Lippen des Mannes kam, legte Liam seine freie Hand auf Freyas Schulter.

Im krassen Gegensatz zu der eben entfesselten Gewalt war seine Berührung überraschend sanft.

Seine Autorität hingegen war unmissverständlich.

Ohne ein einziges Wort sagte er ihr, wohin sie gehen sollte.

Mit seinem breiten Körper schirmte er sie vollständig ab und führte sie zu dem noch laufenden Geländewagen.

Liam öffnete die hintere Tür und half ihr hinein.

„Bleiben Sie hier“, befahl er mit einer tiefen, ruhigen Stimme, die keinen Widerspruch zuließ.

„Was haben Sie vor…?“, begann Freya.

„Bleiben. Sie. Hier.“

Für genau eine Sekunde trafen sich ihre Blicke.

Goldgrau.

Glühend.

„Öffnen Sie diese Tür unter keinen Umständen.“

Mit einem leisen Klicken fiel die Tür ins Schloss.

Thane verriegelte sie sofort über die Mittelkonsole und fuhr den Wagen ein Stück die Straße hinauf. Gerade weit genug, damit Freya nicht erkennen konnte, was sich in den Schatten hinter ihnen abspielte.

„Sir“, sagte Thane leise und beobachtete den Rückspiegel. „Es sind fünf.“

Von draußen drang ein tiefes Geräusch an ihre Ohren.

Es ließ jedes einzelne Haar auf Freyas Armen zu Berge stehen.

Es klang…

nicht ganz menschlich.

„Ich weiß“, antwortete Liam.

Seine Stimme trug ruhig und unumstößlich durch die nächtliche Stille.

Durch die getönte Heckscheibe konnte Freya nur das chaotische Spiel dunkler Schatten unter den dichten Baumkronen erkennen.

Als die verbliebenen Schläger in panischer Angst die Flucht ergreifen wollten, machte Liam sie mit erschreckender Leichtigkeit kampfunfähig.

Es war kein Kampf.

Es war eine einseitige Demonstration roher, überwältigender Stärke.

Einen nach dem anderen schlug er zu Boden und ließ sie stöhnend auf dem Asphalt zurück.

Erst dann sprach er seine letzte Warnung aus.

Eine Drohung, die die Männer in panischer Hast zurück in ihren Wagen trieb.

Durch das Glas des Geländewagens hörte Freya seine Worte gerade noch deutlich genug.

„Wenn ihr ihr noch einmal zu nahe kommt“, sagte Liam mit einer Stimme, die vollkommen ruhig war – und gerade deshalb unendlich furchteinflößend klang –, „werde ich euch nicht nur die Handgelenke brechen. Ich werde nichts an euch heil lassen. Haben wir uns verstanden?“

Als Antwort heulte ein Motor auf.

Sekunden später raste der Wagen der Männer mit quietschenden Reifen in die Dunkelheit davon.

Als sich die hintere Tür schließlich wieder öffnete, stieg Liam neben Freya auf den Rücksitz.

Freya saß vollkommen regungslos da.

Sie zitterte.

Nicht nur wegen des Überfalls oder des Adrenalins.

Sondern wegen der Erinnerung daran, wie unfassbar schnell Liam sich bewegt hatte.

Sie hielt den Blick starr auf das Seitenfenster gerichtet.

„Freya.“

Keine Antwort.

„Freya. Sehen Sie mich an.“

„Ich sehe aus dem Fenster“, murmelte sie. Ihre Stimme klang viel leiser, als sie beabsichtigt hatte.

„Sind Sie verletzt?“

„Nein.“

„Ihr Handgelenk.“

Sie senkte den Blick.

Dunkle, fingerförmige Blutergüsse zeichneten sich bereits auf ihrer Haut ab, genau dort, wo der Schläger sie gepackt hatte.

Rasch zog sie den Ärmel darüber.

„Mir geht es gut.“

Liams Kiefer spannte sich so fest an, dass sie aus dem Augenwinkel den Muskel zucken sehen konnte.

Er sagte nichts mehr.

Reglos saß er neben ihr, die Hände zu Fäusten auf den Knien geballt, und kämpfte einen inneren Kampf aus, den Freya weder sehen noch verstehen konnte.

Mehrere Minuten lang herrschte Schweigen.

Schließlich sprach Freya erneut.

Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.

„Wie haben Sie das gemacht?“

„Was denn?“

„Sich so zu bewegen. Sein Handgelenk zu brechen, als wäre es…“

Sie verstummte.

Schluckte schwer.

„…als wäre es gar nichts.“

„Adrenalin“, antwortete Liam knapp.

Jetzt wandte Freya sich ihm zu.

Diesmal sah sie ihn wirklich an.

Sie suchte in seinem Gesicht nach einer Erklärung.

Doch seine Miene verriet ihr nichts.

„Das war kein Adrenalin.“

„Lassen Sie es gut sein, Freya.“

„Ihre Augen…“

„Genug.“

Das eine Wort fiel ruhig.

Endgültig.

Es verschloss das Gespräch wie eine schwere Stahltür.

Freya wandte den Blick wieder dem Fenster zu. In ihrem Kopf herrschte pures Chaos. Sie wusste nicht mehr, was sie denken oder glauben sollte. Schließlich redete sie sich ein, dass die Angst ihr einen Streich spielte. Das musste der Grund sein. Nur deshalb hatte sie Dinge gesehen, die kein Mensch sehen konnte.

Neben ihr kämpfte Liam einen lautlosen Krieg.

Sein Wolf verbrannte ihn von innen, brüllte vor unbändiger Wut darüber, dass seine Gefährtin in Gefahr geraten war. Immer wieder hallte derselbe Gedanke durch seinen Kopf: Fast hätten wir sie verloren. Der uralte Drang, sie an sich zu ziehen, sie zu beanspruchen und um jeden Preis zu beschützen, prallte mit voller Wucht gegen die eiserne Selbstbeherrschung, die er sich über Jahrzehnte antrainiert hatte.

In diesem Moment vibrierte sein Handy.

Er nahm den Anruf an und schaltete auf Lautsprecher.

„Liam!“, erklang Olivers hektische Stimme durch den Innenraum des SUVs. „Die Lage ist eskaliert. Mehrere Rogues haben den äußeren Sicherheitsring durchbrochen. Sie sind bis ins Rudelanwesen vorgedrungen.“

„Wie viele?“

„Drei. Vielleicht vier. Sie sind schnell... und das Ganze war geplant.“

Liams Kiefer spannte sich augenblicklich an.

„Sperrt den Ostflügel ab. Niemand verlässt seinen Platz, bis ich da bin.“

Mit einem harten Schlag auf die Mittelkonsole gab er Thane das Zeichen, den Wagen sofort anzuhalten.

Dann wandte er sich ein letztes Mal Freya zu. Das goldgraue Leuchten in seinen Augen war verschwunden. Seine menschliche Maske saß wieder perfekt.

„Wo willst du hin?“, fragte Freya sofort. Die Angst war deutlich in ihrer Stimme zu hören.

„Es gibt etwas, worum ich mich kümmern muss.“

„Das ist keine Antwort.“

„Es ist die einzige, die du bekommst.“

Er blickte nach vorn.

„Thane. Bring sie nach Hause. Und sorg dafür, dass ihr kein einziges Haar gekrümmt wird.“

„Liam...“

Noch bevor sie darüber nachdenken konnte, hatte Freya nach seinem Ärmel gegriffen.

Liam ließ den Blick auf ihre Hand sinken.

Dann sah er ihr wieder in die Augen.

Für den Bruchteil einer Sekunde zerbrach die eisige Fassade. Etwas Rohes. Verletzliches. Ehrliches blitzte darin auf.

So schnell, dass Freya sich später nicht einmal sicher war, ob sie es sich eingebildet hatte.

„Dir wird nichts passieren“, sagte er leise.

„Ich gebe dir mein Wort.“

Er stieg aus dem Wagen und schloss die Tür mit einer festen Bewegung hinter sich.

Nur wenige Sekunden später hielt er ein vorbeifahrendes Taxi an.

Kurz darauf verschwand er in der Dunkelheit.

---

Als der SUV schließlich durch die schmiedeeisernen Tore des Donstilion-Anwesens fuhr, waren Freyas Nerven völlig erschöpft.

Sie stieg aus.

Das Klacken ihrer Absätze hallte über den gepflasterten Innenhof, während sie hastig auf den Haupteingang zuging. Alles, wonach sie sich in diesem Moment sehnte, waren vier sichere Wände.

Doch kaum hatte sie die prächtige Eingangshalle betreten, blieb sie wie angewurzelt stehen.

Am Fuß der gewaltigen Marmortreppe stand eine Frau.

Eine Frau, die Freya noch nie zuvor gesehen hatte.

Sie war atemberaubend schön.

Markante, makellose Gesichtszüge. Dunkles Haar, das wie flüssige Seide über ihre Schultern fiel. Ein bodenlanges Kleid aus edlem Stoff schmiegte sich perfekt an ihren Körper, während ihre aufrechte Haltung die selbstverständliche Würde einer Königin ausstrahlte.

Sie wirkte nicht wie ein Gast.

Sie wirkte, als würde ihr dieses Haus gehören.

Doch in dem Moment, als sich ihre Blicke trafen, veränderte sich die Atmosphäre.

Etwas an dieser Frau war... falsch.

Ihre Ausstrahlung war zugleich faszinierend und beängstigend. Hypnotisch. Verführerisch. Wie der Duft einer Blume, der so süß war, dass er beinahe giftig wirkte.

Ein eisiger Schauer lief Freya über den Rücken.

Instinktiv spannte sich ihr ganzer Körper an.

Ohne jede Erklärung stieg ein urtümlicher Impuls in ihr auf.

Der unbändige Drang, wachsam zu sein.

Ihr Revier zu verteidigen.

Und diese fremde Frau keinen einzigen Schritt näher kommen zu lassen.

Freya blieb abrupt stehen.

„Wer sind Sie?“

Die Frau lächelte.

Langsam.

Perfekt einstudiert.

Als hätte sie genau diesen Augenblick unzählige Male vor dem Spiegel geprobt.

Mit ruhigen, eleganten Schritten stieg sie die letzten beiden Stufen der Marmortreppe hinab – mit der selbstverständlichen Anmut einer Frau, der noch nie jemand ein Nein entgegengebracht hatte.

„Ah...“, sagte sie sanft.

Ihre Stimme war weich wie Samt und zugleich rau wie geschliffener Stein.

„Dann musst du also Freya sein.“

Sie legte den Kopf leicht schief und musterte sie aufmerksam – nicht neugierig, sondern besitzergreifend. Wie eine Sammlerin, die ein seltenes Kunstwerk betrachtet, das sie bald ihr Eigen nennen würde.

„Ich habe schon auf dich gewartet.“

Freya wich keinen Zentimeter zurück.

„Sie haben... auf mich gewartet?“

Ihre Worte waren ruhig gewählt, doch in ihrem Inneren brodelte es.

Abscheu.

Misstrauen.

Und ein schmerzhafter Stich, den sie sich selbst nicht erklären wollte.

Also ist das sie...

Liams Freundin.

„In einem Haus, das Ihnen nicht einmal gehört“, fügte Freya kühl hinzu.

Das Lächeln der Fremden geriet nicht ins Wanken.

Im Gegenteil.

Es wurde noch eine Spur tiefer.

„Und woher willst du wissen, dass es mir nicht gehört?“

„Weil ich hier wohne“, erwiderte Freya ohne zu zögern.

„Und ich habe Sie noch nie zuvor gesehen.“

Ein leises, melodisches Lachen erfüllte die Eingangshalle.

Seltsamerweise ließ es die Luft noch kälter wirken.

Die Frau hob elegant eine Hand.

Ihre dunklen Augen ruhten ununterbrochen auf Freyas Gesicht.

„Mein Name ist Anita.“

Sie machte eine winzige Pause.

„Liam und ich... sind sehr alte Freunde.“

Das Wort Freunde blieb zwischen ihnen hängen wie dichter Rauch – voller unausgesprochener Bedeutungen.

Dann glitt ihr Blick langsam über Freya.

„Und du, kleines Menschenmädchen...“

Ihre Lippen verzogen sich zu einem gefährlich schönen Lächeln.

„...bist wesentlich interessanter, als ich erwartet hatte.“

Freya sah auf die ausgestreckte Hand.

Dann wieder in Anitas Gesicht.

Sie rührte sich nicht.

Kein Händedruck.

Keine Begrüßung.

„Gut zu wissen“, sagte sie ruhig.

„Weiß Liam eigentlich, dass Sie hier sind?“

Zum ersten Mal verlor Anitas Lächeln einen Hauch seiner Perfektion.

Es wurde... dünner.

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