LOGINKapitel 2
Das Silvermoon-Territorium verrottete von innen heraus. Marina ging zwei Tage nach dem Ritual die äußeren Pfade des zentralen Baus entlang, ihr Körper schmerzte noch immer von der Bindungstrennung. Jeder Schritt sandte frischen Schmerz durch ihre wunden Handgelenke und die frische Narbe an ihrer Schulter, wo das Bindungsmal weggebrannt worden war. Zwischen ihren Schenkeln blieb ein dumpfer, gespenstischer Schmerz zurück, eine höhnische Erinnerung an die Jahre, in denen sie sich für einen Alpha geöffnet hatte, der sie nie gewollt hatte. Die Seuche hatte sich in ihrer Abwesenheit verschlimmert. Schwarze Adern der Verderbnis krochen durch die einst makellosen Bäche. Bäume, die seit Jahrhunderten gestanden hatten, hingen nun schlaff herab, ihre Blätter rollten sich zu Asche zusammen. Wölfe bewegten sich wie Gespenster durch das Territorium, husteten Blut und schattengetränkte Galle. Die Luft selbst schmeckte metallisch. Ihr war es nicht erlaubt, sich den Heilungszeremonien zu nähern. Als Hybride, Schattenwolfblut vermischt mit etwas Älterem und Falschem, verunreinigte sie die heiligen Mondkreise. Die reinblütigen Heiler wandten sich ab, wenn sie vorbeiging, und umklammerten ihre Ritualkräuter fester. Marina hatte sich daran gewöhnt. Der Ausschluss hatte sich lange bevor Ragnar sie je berührt hatte in ihre Knochen eingegraben. Sieben Jahre alt. Ihre Mutter hatte in jener letzten Nacht in ihrem kleinen Bau gekniet und einen kalten Obsidiananhänger in Marinas kleine Hände gedrückt. „Der Schatten gehört jetzt dir“, hatte Sable geflüstert, ihre Augen wild vor Angst und Liebe. „Lass niemals zu, dass sie ihn dir nehmen.“ Dann war sie fort gewesen, verschwunden in die Nacht wie Rauch. Kein Körper. Keine Erklärung. Nur die Schattenmagie, die danach gewaltsam in Marina erblüht war, dunkel und hungrig und unmöglich zu verbergen. Der Rat hatte sie seitdem genau beobachtet. Jetzt, mit vierundzwanzig, machte dieselbe Schattenmagie sie auf die schlimmstmögliche Weise wertvoll. „Marina.“ Älteste Moonseers Stimme durchschnitt die kränkliche Luft. Zwei Vollstrecker flankierten die alte Frau, ihre Gesichter grimmig. „Der vollständige Rat ruft dich. Jetzt.“ Sie führten sie zur Großen Höhlung, dem Herzen von Silvermoon. Die massige, kreisförmige Kammer war gefüllt mit den mächtigsten Wölfen des Territoriums. Fackeln flackerten schwach und kämpften gegen die kriechende Dunkelheit der Seuche an. In der Mitte stand ein steinerner Tisch, befleckt mit altem Blut. Moonseer nahm ihren Platz am Kopfende ein. Die anderen Ältesten, zwölf insgesamt, starrten Marina mit einer Mischung aus Berechnung und Abscheu an. Moonseer verschwendete keine Zeit. „Wir haben eine Vision gesehen“, verkündete sie, ihre Stimme hallte wider. „Einen roten Wolf, der über vergiftetem Wasser steht. Die Quelle der Seuche liegt jenseits unserer Grenzen. Im Bloodfang-Territorium.“ Gemurmel durchlief die Kammer. „Wir brauchen jemanden, der die Wahrheit bestätigt. Jemanden, der sich Alpha Silvain nähert.“ Moonseers Augen fixierten sich auf Marina. „Jemanden mit Schattenmagie, stark genug, um durch ihre Schutzzauber und Gifte zu schlüpfen. Jemanden… Entbehrlichen.“ Das Wort traf Marina härter als die Bindungstrennung. Entbehrlich. Sie spürte, wie es in ihrer Brust einschlug wie ein zweites Zerreißen, sauberer, kälter, endgültiger. Drei Jahre als Ragnars Gefährtin (seine Hure, sein Schatten, seine bequeme Erlösung) und jetzt das. Ihr Körper, benutzt, bis er nicht mehr bequem war. Ihr Leben, dargeboten wie eine Schachfigur. Sie hielt ihr Gesicht ausdruckslos, aber in ihrem Inneren spannte sich ihre Schattenmagie an und kostete die Luft wie ein Raubtier. Moonseer fuhr fort, ihre Stimme klinisch. „Du wirst Alpha Silvain während der Blutmondjagd verführen. Feststellen, ob Bloodfang diese Seuche erschaffen hat. Wenn sie es taten, wirst du ihn vergiften. Wenn sie es nicht taten…“ Die Älteste zuckte mit den Schultern. „Wirst du ihn trotzdem vergiften. Bloodfang muss geschwächt werden. Unser Rudel braucht ihre Ressourcen zum Überleben.“ Marinas Hände ballten sich zu Fäusten an ihren Seiten. Die Schnitte vom Ritual öffneten sich erneut, Blut rann ihre Unterarme hinunter. „Und wenn es mir gelingt?“, fragte sie mit leiser Stimme. „Dann hast du deinem Rudel gedient. Cian wird… versorgt sein.“ Ihr jüngerer Bruder. Die einzige Person, die noch übrig war und sich wie Familie anfühlte. Der Einzige, den Ragnar niemals vollständig hatte kontrollieren können. Marina schluckte die aufsteigende Galle hinunter. Die Schattenmagie in ihrem Inneren flüsterte dunklere Möglichkeiten, aber sie unterdrückte sie. Sie hob ihr Kinn und begegnete Moonseers kaltem Blick. „Was passiert, wenn ich mich weigere?“ Für einen Moment ergriff Stille die Kammer. Dann lächelte Moonseer, ein dünnes, schreckliches Lächeln, das ihre Augen nicht erreichte. Sie hob ihre Hand. Ein Schattenbote flackerte neben ihr in die Existenz und projizierte ein Live-Bild in die Mitte der Höhlung. Dort, in silbernen Ketten gefesselt in einer tiefen Zelle, war Cian, geschlagen, bewusstlos, aber am Leben. Moonseers Stimme war sanft, fast zärtlich. „Dann stirbt dein Bruder schreiend vor dem nächsten Vollmond. Und du… du wirst dir wünschen, die Bindungstrennung hätte dich getötet.“ Das projizierte Bild veränderte sich. Cian regte sich, hustete Blut, seine Augen flatterten schmerzerfüllt auf. Er blickte direkt in die Projektion, als könnte er sie sehen. „Marina…?“Kapitel 22Silvain riss durch Obsidians Verteidigung, als wäre sie Papier.Schattenbestien materialisierten vor ihm, massige Konstrukte aus Dunkelheit, die sein Rudel terrorisiert hatten, die für einen einzelnen Wolf eigentlich unmöglich zu besiegen hätten sein sollen. Er zerstörte sie mit Rudel-Alpha-Magie, kanalisiert durch reine Wut, verbrannte Schatten mit dem sengenden Licht einer Bindung, die sich weigerte zu zerbrechen.Marina, sandte er durch ihre Verbindung, spürte ihren Terror und ihre Hoffnung gleichermaßen. Ich komme. Halte durch.Silvain, die Seuche, du bist infiziert. Du musst…Interessiert mich nicht. Seine mentale Stimme war absolut. Lass sie mich in drei Tagen töten. Gerade jetzt hole ich meine Gefährtin zurück.Durch die Bindung spürte er, wie sie vor Erleichterung und Verzweiflung schluchzte, Erleichterung, dass er gekommen war, Verzweiflung, dass er sich selbst verdammt hatte, um sie zu retten.Kael und zwanzig Krieger kämpften an seiner Seite, ihre Loyalität übert
Kapitel 21Marina fand Silvain im Kriegszimmer, wie er mit Kael und Lyra Verteidigungspositionen durchging.„Wir müssen reden“, sagte sie, ihre Stimme eng vor Dringlichkeit. „Allein.“Silvain blickte auf, las den Alarm in ihrem Gesicht, spürte ihre Not durch ihre Bindung. Er entließ Kael und Lyra mit einer Geste, wartete, bis sich die Tür schloss, bevor er sprach. „Was hat Moonseer dir gesagt?“Marina ging auf und ab, ihr Verstand raste durch Implikationen. „Sie ist keine Spionin. Sie ist schuldig der Manipulation, sie hat meine gesamte Existenz konstruiert, um eine Waffe gegen Obsidian zu schaffen, aber sie versorgt ihn nicht mit Informationen.“„Wer dann…“„Die Spionin ist Bloodfang.“ Marina beobachtete Silvains Gesicht sorgfältig. „Jemand hochrangiges. Jemand, dem du vollständig vertraust.“Silvain erstarrte vollständig. Durch ihre Bindung spürte Marina seine Ablehnung, seine Gewissheit, dass sein innerer Kreis loyal war. „Das ist unmöglich. Ich kenne diese Wölfe mein ganzes Leben
Kapitel 20Drei Stunden vor dem RatMarina erwachte zu Silvains Wut.Sie krachte durch ihre Bindung, noch bevor sie die Augen öffnete, ein Sturm aus Wut und Terror und Liebe, so heftig, dass es ihr den Atem raubte. Sie konnte spüren, wie er irgendwo in der Nähe auf und ab ging, seine Emotionen bluteten in ihre mit einer Intensität, die ihre Brust schmerzen ließ.„Du bist wach“, sagte Lyra vom Bett aus. „Endlich. Du warst sechs Stunden bewusstlos.“Marina berührte ihre Kehle, spürte dicke Verbände dort, wo Ragnars Messer eine Linie von Ohr zu Schlüsselbein geschnitten hatte. Die Wunde pochte, war aber mit fachmännischer Präzision genäht worden. „Wie schlimm?“„Schlimm genug.“ Lyras Ausdruck war grimmig. „Noch einen Zentimeter tiefer, und du wärst verblutet, bevor wir dich zurückgebracht hätten. So wie es ist, wirst du eine hübsche Narbe haben, passend zu Silvains Beanspruchungsbiss.“Marina versuchte, sich aufzusetzen, aber ihr Körper protestierte. Die Silbervergiftung von den Seilen h
kapitel 19Acht Minuten zuvorSilvain erwachte zur Leere.Nicht die kalten Laken, wo Marina hätte sein sollen, das kam später. Zuerst war da die Falschheit der Bindung. Ein gedämpftes Gefühl, wie durch Wasser hören, durch dicke Handschuhe fühlen. Zufriedenheit, die nicht ganz seine eigene war, pulsierte durch ihre Verbindung, künstlich und süßlich.Er griff durch die Bindung nach Marina und fand nur hergestellten Frieden.Seine Augen schossen auf.Das Fenster stand einen Spalt offen. Ihre Kleider von der Zeremonie waren verschwunden. Und die Duftspur, die nach draußen führte, verblasste bereits, sie hatte vor mindestens zwanzig Minuten verlassen, vielleicht mehr.Silvains Wolf knurrte vor Verrat. Sie hatte es versprochen. Versprochen, nah zu bleiben, keine Risiken einzugehen, Bedrohungen gemeinsam zu begegnen.Und dann hatte sie ihn schlafend zurückgelassen, um der Gefahr allein zu folgen.Seine Hände verkrampften sich in den Laken, während Wut und Entsetzen in seiner Brust kämpften.
Kapitel 18Marina erwachte zu etwas Falschem.Nicht Geräusch oder Geruch, etwas Tieferes. Eine Störung in den Schatten selbst, wie Wellen über stillem Wasser. Ihre hybride Magie schrie Warnungen, die sie nicht artikulieren, nicht benennen konnte, nur unter ihrer Haut kriechend fühlen konnte.Silvain schlief noch neben ihr, ein Arm besitzergreifend über ihre Taille gelegt, selbst im Unterbewusstsein. Durch ihre Bindung spürte sie seine Zufriedenheit, seinen Frieden. Die Paarungszeremonie hatte etwas Grundlegendes in ihm zur Ruhe gebracht und seinen Wolf endlich davon überzeugt, dass sie wirklich ihm gehörte.Was das, was sie als Nächstes tun musste, noch schwerer machte.Marina glitt mit geübter Heimlichkeit aus dem Bett, zog sich in der Dunkelheit vor Sonnenaufgang Kleidung an. Ihre hybriden Sinne streckten sich nach außen, kosteten die Schatten, die am Bloodfang-Territorium hafteten. Es gab etwas Falsches im östlichen Wald. Etwas, das nicht dorthin gehörte.Sie sollte Silvain wecken
Marina erwachte mit dem Gefühl, dass etwas nicht stimmte.Es war weder ein Geräusch noch ein Geruch, sondern etwas Tieferes. Eine Störung in den Schatten selbst, wie Wellen, die über stilles Wasser liefen. Ihre Hybridmagie schrie Warnungen, die sie nicht erklären, nicht benennen konnte. Sie konnte sie nur spüren, wie ein Kribbeln, das unter ihrer Haut entlangkroch.Silvain schlief noch immer neben ihr. Selbst im Schlaf lag ein Arm besitzergreifend um ihre Taille. Durch ihre Verbindung spürte sie seine Zufriedenheit, seinen Frieden. Die Paarungszeremonie hatte etwas Grundlegendes in ihm beruhigt und seinen Wolf endlich davon überzeugt, dass sie wirklich ihm gehörte.Was sie als Nächstes tun musste, machte es nur noch schwerer.Marina glitt mit geübter lautloser Bewegung aus dem Bett und zog sich in der Dunkelheit vor der Morgendämmerung an. Ihre Hybridsinne breiteten sich aus und kosteten die Schatten, die über dem Gebiet der Bloodfang lagen.Im östlichen Wald stimmte etwas nicht. Etwa







