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2. Das Gesetz des Heiligtums (Ryu-POV)

Author: Eva Jenning
last update publish date: 2026-07-16 16:39:59

Die Hallen der Läuterung lagen tief im Bauch des Bergheiligtums. 

Das schwere Portal fiel mit einem dumpfen Klacken hinter Ryu ins Schloss. Er blieb für einen Moment auf der Schwelle stehen und atmete die feuchte, kohlige Luft der Krypta tief ein. 

Unter seinen nackten Sohlen wich der makellose, glatte weiße Marmor von Solis Vanth dem nassen Basalt der oberen Galerie. 

Dieser abrupte Übergang markierte für ihn seit Jahren die Grenze, an der die saubere Ordnung des Tempels in den ungeschönten Urfels des Berges überging. 

Er löste die Schleife seiner Gürtelschnalle, legte die schwere Wintertunika ab und faltete den Stoff mit einer rituellen Präzision auf der Holzbank. 

Jeder Griff seiner linken Hand sandte ein leises, ziehendes Reißen durch sein Handgelenk, ein stummes Echo des nachmittäglichen Kampfes im Trainingshof. 

An der Kante der obersten Terrasse verharrte Ryu und blickte hinab. Der Raum stürzte in drei weitläufigen, konzentrischen Steinstufen in die Tiefe, ein geometrisches System aus Terrassen, das wie ein riesiger Trichter in den Abgrund geschlagen war. 

Zwischen den Stufen erhoben sich monumentale, quadratische Pfeiler aus dunklem Stein, deren Schäfte über und über mit den kantigen Reliefs der Phalanxchroniken bedeckt waren. 

Im flackernden Schein der bronzenen Ölschalen wirkten die eingemeißelten Kriegergestalten an den Säulen wie stumme Wächter. 

Ryu setzte den ersten Fuß auf die Treppe, die zur mittleren Ebene hinabführte. 

Die raue Struktur des Basalts rieb schmerzhaft an seinen Fußsohlen, doch er hielt den Oberkörper unbeweglich aufrecht. 

Als er die mittlere Terrasse erreichte, schlug ihm der dichte Dunst der vier Thermalbecken wie eine Wand entgegen. Sie lagen wie dampfende Altäre in den Himmelsrichtungen angeordnet im dunklen Stein, gespeist aus den geothermalen Spalten der tiefen Bergspalten. 

Der Geruch nach Schwefel und erhitztem Mineralwasser war hier so schwer, dass er sich wie ein klebriger Film auf seine Haut legte. 

Etwa dreißig Novizen bewegten sich durch den dichten Nebel dieser Ebene, schweigend, graue Schatten ohne Gesichter, die sich rituell das Wasser über die Schultern gossen. 

Das einzige Geräusch war das hohle Klatschen hölzerner Eimer und das feine, monotone Rinnsal der Überläufe.

Ryu hielt sich nicht bei den warmen Becken auf. Er verabscheute die schlaffe Trägheit, die das heiße Wasser in den Muskeln hinterließ. 

An den schweigenden Gestalten bewegte er sich direkt vorbei und steuerte auf die steile Flucht aus Stufen zu, die in den tiefsten Punkt der Halle führte.

Dort unten, im Zentrum der Anlage, wartete das Tauchbecken. Es war ein perfektes Quadrat aus pechschwarzem, unbeweglichem Gletscherwasser, das wie ein dunkler Spiegel im Boden lag. 

Da der heiße Dampf der mittleren Ebene nach oben stieg und sich unter dem tonnenschweren Deckengewölbe staute, blieb dieser tiefe Brunnen in fast vollständiger Finsternis gefangen. Nur ein schwacher Schein der Öllampen erreichte die Wasseroberfläche.

Ryu stieg langsam die letzten Stufen hinab und schritt ohne Zögern in die schwarze Flut.

Das Schmelzwasser der nördlichen Gletscher maß kaum drei Grad. 

Die Kälte schnitt wie unzählige feine Glassplitter in seine Haut, raubte ihm für den Bruchteil eines Herzschlags den Atem und presste seine Brust zusammen. Er senkte den Körper, bis das Wasser ihm bis zum Kinn reichte, und lehnte den Hinterkopf gegen die unbehauene Basaltkante. 

Sein langes, tiefblaues Haar breitete sich wie dunkler Tang auf der Oberfläche aus und rahmte sein bleiches Gesicht ein.

Ryu schloss die Augen, doch das eiskalte Wasser konnte das unruhige Summen unter seiner Haut nicht betäuben. Er hielt den linken Arm knapp unter der Oberfläche, wo die feinen, silberblauen Kanäle seiner Lumina Linien im kalten Wasser in unregelmäßigen Abständen zuckten.

Ein technischer Hebelfehler, flüsterte er im Geist. Ein einfacher Überraschungsmoment aus roher, stumpfer Gewalt von diesem Bastard. Das war alles.

Aber die Frustration saß tiefer, unempfindlich gegenüber der eisigen Starre des Beckens. 

Kael war undiszipliniert, laut und ein ständiger Affront gegenüber den rituellen Atemzyklen der Vaelen Formen. 

Er schlug zu wie ein wildes Tier aus den Ebenen des Südens, und doch hatte seine unsaubere, goldene Hitze Ryus Gezeitenparade heute Mittag fast zum Bersten gebracht. 

Kael holte auf. Er wurde mit jeder Woche schneller, unberechenbarer und stärker. 

Für Ryu, dessen gesamtes Überleben auf dem unumstößlichen Fundament basierte, der absolut Beste dieser Generation zu werden, war Kaels bloße Existenz eine ständige Bedrohung. 

Ryu durfte nicht versagen, nicht, wenn er jemals stark genug werden wollte, um die Mörder seines Clans zu richten.

Ein donnernder, metallischer Knall von der oberen Galerie zerschlug die meditative Stille der Krypta.

Das Portal war aufgeworfen worden, und die mühsam gewahrte Ruhe der Halle zerbrach augenblicklich. 

Ryu bewegte kein Glied, doch seine Augenlider verengten sich zu schmalen Schlitzen. 

Auf den mittleren Terrassen zogen die Novizen in den Thermalbecken unwillkürlich die Köpfe zwischen die Schultern. 

Die Schritte, die nun über die Stufen herabkamen, waren fest, ungestüm und weigerten sich, demütig zu sein.

Kael.

Noch vor dem ersten Blick veränderte sich das Raumklima spürbar. 

Die feuchte, klamme Kälte des nassen Basalts wurde wärmer, der Geruch von verbranntem Nadelholz und erhitzter Asche verteilte sich. 

Kael trat aus dem Nebel an den Rand der Treppe. Seine sonnengebräunte Haut bildete einen fast unverschämten Kontrast zu den blassen Jungen des Berges. 

Seine Muskeln waren sehnig und extrem dicht, das Resultat eines Körpers, der täglich gegen das überbordende Feuer im eigenen Kern ankämpfte. 

Sein wildes, fuchsrotes Zackenmeer stand wie erstarrte Flammen vom Kopf ab und widersetzte sich jeder ordentlichen Kriegerfrisur.

Mit einer einzigen Bewegung riss sich Kael das graue Leinen der Tunika von den Schultern und feuerte den Stoff achtlos auf die nasse Holzbank der Galerie.

Ryu fixierte ihn durch den nassen Schleier seiner Haare aus der Tiefe des Brunnens. Ein großer, purpurroter Erguss zeichnete sich auf Kaels rechten Rippen ab, die exakte Form von Ryus Handfläche. 

Doch Kael verzog keine Miene. Seine Bernsteinaugen blitzten voller ungezähmter Energie bei dem Blick über die Becken, ehe sie zielsicher das dunkle Loch im Zentrum fixierten.

Mit einem gewaltigen Satz stieg Kael in das heißeste der Thermalbecken auf der mittleren Ebene. Das Wasser schwappte lautstark über den Rand, flutete die Stufen hinab in Richtung des kalten Brunnens und zerstörte die andächtige Ruhe der restlichen Novizen. 

Kael stieß ein lautes, fast triumphierendes Seufzen aus, warf den Kopf in den Nacken und streckte die Arme weit auf dem Steinrand aus. Seine goldenen Lumina Linien glühten unter der Wasseroberfläche schwach auf, wie sterbende Kohlen im Wind.

Ryu verharre unbeweglich wie eine Eisskulptur in der Finsternis des Schmelzwassers. Er verweigerte Kael jede Regung. 

Jedes Zeichen, dass dieser Lärm ihn auch nur im Ansatz tangierte, wäre ein Sieg für den Rothaarigen gewesen.

„Du wirst noch zu Eis, wenn du da unten drin bleibst“, rief Kael plötzlich durch die Halle. 

Seine rauchige Stimme schnitt durch den dichten Dampf und hallte laut von den monumentalen Schieferpfeilern wider. 

Mehrere Novizen senkten erschrocken die Köpfe, entsetzt über diesen rücksichtslosen Bruch des klösterlichen Anstands. 

„Oder hast du Angst, dass dir im warmen Wasser die Muskeln weich werden, Genie?“

Ryu gab keine Antwort. 

Er zog sein Phreem im inneren Kern zusammen und fror jede Regung ein. 

Das unruhige Plätschern aus dem heißen Becken drang drückend zu ihm herüber. 

Kael ertrug die Stille nicht. Er brauchte den Lärm, den Widerstand und das aggressive Wortgefecht, um das Gefühl der heutigen Niederlage loszuwerden.

„Hey! Ich rede mit dir, Eisklotz!“, setzte Kael nach. 

Das Wasser im Thermalbecken schwappte heftig, als Kael sich ganz zu ihm umdrehte und die Fäuste auf den Steinrand schlug. 

Seine Bernsteinaugen fixierten Ryus Profil mit einer fast körperlichen Wucht. Er forderte den Blick ein. 

Er bettelte darum, dass das Genie ihn anerkannte.

Ryu stieß sich lautlos vom Boden des Tauchbeckens ab. 

Das eiskalte Wasser lief in breiten Bächen an seiner Brust und den bleichen Schultern herab, als er die schmalen Stufen emporstieg und in die kalte Luft der Krypta trat. 

Sein langer, nasser Schopf klebte an seiner Wirbelsäule. Er würdigte Kael keines Blickes, während er nach seinem Leinentuch griff.

Er ging los, den Pfad so berechnend, dass er direkt an Kaels Becken vorbeiführte. 

Die Hitze, die von dem rothaarigen Jungen ausging, schlug ihm wie eine physische Wand entgegen.

Erst auf gleicher Höhe verlangsamte Ryu den Schritt, ohne den Kopf zu wenden. 

Seine Stimme war leise, hatte aber die Schärfe von gefrorenem Glas: „Kühl deinen Kopf ab, Kael. Mit so viel blindem Zorn im Blut wirst du beim nächsten Mal nicht einmal den Saum meiner Tunika erreichen.“

Ein wütendes Schnauben folgte, ein heftiger Schwall Wasser, den Kael nach ihm treten wollte, doch Ryu war bereits einen Schritt weiter. 

Er schritt mit festen, lautlosen Zügen in den dunklen Ausgangskorridor. Seine linke Hand ballte sich unter dem feuchten Tuch so fest zur Faust, dass die Knöchel weiß hervortraten.

Er wird schneller. Ryu presste die Zähne zusammen. Verdammt viel schneller.

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