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Kapitel 5

Autor: Nebelklang
Auch Dennis Lorenz, ein weiterer Freund aus der Runde, fragte lachend: „Genau, warum ziehst du so ein Gesicht?“

Moritz setzte sich und warf einen Blick auf Isabel, die ihm gegenübersaß. Sie trat stets souverän auf, wusste im Umgang mit ihnen immer, was sich gehörte, und war in ihrem ganzen Auftreten tadellos. Und ausgerechnet über so jemanden zog Charlotte hinter ihrem Rücken her!

„Ratet mal, wen ich unten gesehen habe. Charlotte.“

Konstantins kühle, markante Züge blieben vollkommen regungslos. Beiläufig tippte er mit den Fingern auf die Tischplatte.

Für Charlotte interessierte er sich offensichtlich nicht.

Isabel schenkte Moritz eine Tasse Tee ein und sagte gelassen: „Habt ihr euch gestritten? Sie ist doch nur eine Frau. Nimm es ihr nicht übel.“

Dass Isabel Charlotte auch noch in Schutz nahm, machte für Moritz den Unterschied zwischen den beiden nur noch deutlicher.

Er lehnte sich zurück, zuckte mit den Schultern und lachte spöttisch. „Ratet mal, was sie über dich gesagt hat. Ihr glaubt nicht, wie widerlich das war. Mir war nicht klar, dass Eifersucht jemanden so abscheulich machen kann.“

Dann gab er wieder, was er unten von Nina aufgeschnappt hatte.

Konstantin, den das Thema Charlotte eben noch völlig kaltgelassen hatte, verengte die dunklen Augen. Endlich zog er die Brauen zusammen.

„Hat Charlotte das selbst gesagt?“ Er sah zu Moritz hinüber. Seinem Ton war nicht anzuhören, was er dachte.

Isabels Miene verdüsterte sich weiter.

„Wenn Herr Jäger es mit eigenen Ohren gehört hat, wird es wohl stimmen“, antwortete sie mit zusammengepressten Lippen an seiner Stelle.

Dennis fluchte sofort los: „Die verbreitet schmutzige Sexgerüchte über Isa?! Dabei ist sie selbst eine Frau! Kein Wunder, dass sie so versagt hat. Sieben Jahre lang ist sie ihm hinterhergehechelt wie ein Schoßhund und wurde trotzdem nicht geliebt. Und jetzt hat sie nichts als Zickenkrieg im Kopf?“

Nach kurzem Überlegen setzte er hinzu: „Wer ohne Grund verleumdet wird, hat ein Recht auf eine Erklärung.“

Bei diesen Worten holte Isabel tief Luft und sah den schweigenden Konstantin fragend an.

Konstantin bezog keine Stellung. Er griff nach seinem Handy, stand auf und ging hinaus, um einen Anruf entgegenzunehmen.

Er mischte sich nicht ein – und ... hatte offenbar auch nicht vor, sie aufzuhalten.

Dennis und Moritz wechselten einen Blick. Sie hatten verstanden, woran sie bei Konstantin waren.

Seine völlige Gleichgültigkeit gegenüber Charlotte entging auch Isabel nicht. Sie senkte die Lider, und ihre Mundwinkel hoben sich zufrieden.

—

Das Essen war gerade serviert worden.

Charlotte hatte kaum ein paar Bissen gegessen, als eine Kellnerin aufgeregt herbeieilte. „Entschuldigung, ist hier vielleicht ein Arzt? Oben geht es einem Gast nicht gut!“

Charlotte runzelte die Stirn. Aus reinem ärztlichem Instinkt stand sie auf. „Bringen Sie mich hin.“

Nina blieb sitzen. Sie beantwortete gerade dienstliche Mails.

Die Kellnerin führte Charlotte zu einem Separee. In Gedanken war Charlotte schon bei dem Patienten und öffnete die Tür etwas zu schwungvoll.

Sie hatte nicht damit gerechnet, dass auf der anderen Seite jemand stand. Im selben Moment, in dem die Tür aufschwang, kippte ein glühend heißer Kupfertopf aus den Händen einer Servicekraft in ihre Richtung.

Erschrocken trat Charlotte einen Schritt nach hinten – und prallte mit dem Rücken gegen eine harte Brust.

Ein kräftiger Arm legte sich um ihre Taille und zog sie nach hinten.

Sie roch den dezenten Duft von Tanne, der ihr so vertraut war. Früher hatte sie ihn in den Momenten größter Nähe eingeatmet.

Konstantin hatte bereits die Hand gehoben und den Topf, der auf Charlotte zukippte, blitzschnell abgefangen.

Die Servicekraft wurde kreidebleich, nahm das heiße Gefäß eilig entgegen und entschuldigte sich.

Charlotte hatte nicht erwartet, hier auf Konstantin zu treffen.

Sie wollte sich gerade bedanken.

Da entdeckte sie Isabel hinter ihm.

Konstantins breite Gestalt schirmte Isabel vollständig ab. Der unerwartete Körperkontakt zwischen ihm und Charlotte war ihr deutlich zuwider.

Charlotte wich vor ihm zurück wie vor der Pest und entzog sich seinem Arm.

Erst jetzt warf Konstantin ihr einen nachdenklichen Blick zu.

„Ach, Frau Wendt hat also auch Angst, sich zu verletzen? Ich dachte, sie hat so ein dickes Fell, dass sie nichts verletzen kann.“ Dennis lachte laut, als er die Szene sah.

„Zum Glück hat Konstantin so schnell reagiert. Er wollte nur nicht, dass Isa was abbekommt. Bild dir bloß nicht ein, dass er dir helfen wollte, Charlotte. Das wäre wirklich peinlich“, fügte er mit einem schiefen Lächeln hinzu.

Konstantins Miene blieb ungerührt, doch er widersprach nicht.

Charlotte verstand. Der Topf hätte genauso gut Isabel treffen können.

Konstantin hatte nicht ihr helfen wollen. Er hatte Isabel beschützt und Charlotte nebenbei gerettet – rein nebenbei.

Natürlich machte sich Charlotte keine falschen Hoffnungen.

Sie bildete sich nicht ein, dass ihm etwas an ihr lag.

Moritz schwieg zwar, doch auch in seinem Blick lag Verachtung.

Charlotte wusste nicht, was hier vor sich ging, spürte aber deutlich, dass etwas nicht stimmte.

Sie drehte sich zum Gehen um. Mit diesen Leuten wollte sie nichts zu tun haben.

Doch plötzlich packte jemand sie am Handgelenk. Seine Fingerknöchel schabten hart über ihre Haut. Ihr Herz machte einen heftigen Satz. Als sie sich umwandte, blickte sie direkt in Konstantins kalte, dunkle Augen.

Er sah sie an. Seine kühle Stimme traf sie wie ein Stachel an ihrer verwundbarsten Stelle.

„Entschuldige dich bei Isa.“

Seine Worte brannten in ihr wie Säure, die ihr Herz und ihre Lunge zerfraß. Eisig hielt Charlotte seinem Blick stand. „Warum?“

„Ich denke, das weißt du selbst.“

Konstantin vermied es offenbar, etwas auszusprechen, das Isabel in ein schlechtes Licht rückte.

Gleich darauf ließ er ihr Handgelenk hastig wieder los.

Charlotte vermutete, dass er Isabel keinen Anlass zur Eifersucht geben wollte.

Dumm war sie nicht. Sie sah in die Runde und durchschaute das Spiel.

Moritz hatte Ninas Worte bestimmt noch ausgeschmückt.

Diese Leute hatten sie absichtlich nach oben gelockt, um gemeinsam über sie herzufallen.

„Charlotte, steh zu deinen Fehlern“, sagte Dennis.

„Wenn du es offen zugibst, ist es wenigstens nicht ganz so erbärmlich“, warf Moritz beiläufig ein und klopfte auf den Tisch.

„Genau. Isa ist nämlich gar nicht schwanger. Sie hat ein reines Gewissen, also häng ihr nichts an!“ Dennis konnte nicht begreifen, was in Charlotte gefahren war, dass sie sich so ein Gerücht aus den Fingern sog.

Sie alle wussten, dass Charlotte als Kind von den Sternbergs viel Gutes erfahren hatte. Ein ganz bestimmtes Mitglied der Familie hatte sie damals zu sich nach Hause geholt.

Streng genommen war Charlotte so etwas wie Konstantins kleine Schwester.

Doch ausgerechnet diese „kleine Schwester“ hatte keinerlei Schamgefühl. Kaum war sie zwanzig geworden, hatte sie sich in Konstantins Bett geschlichen.

So hatte sie sich eine glänzende Partie erzwungen.

Und Konstantin mit sich in den Abgrund gerissen.

Kein Wunder, dass sie für Charlotte nur Verachtung übrighatten!

Isabel sah Charlotte an und gab sich großmütig. „Charlotte, wenn dich etwas stört, sag es mir lieber direkt, statt zu solch niederträchtigen Mitteln zu greifen. Wir sind beide Frauen, ich will dir keine Schwierigkeiten machen. Aber eine Entschuldigung vor allen Leuten kann ich wohl erwarten.“

Dass Isabel gar nicht schwanger war, überraschte Charlotte.

Kurz stutzte sie, doch dann war es ihr gleich.

Wie es tatsächlich gewesen war, kümmerte sie nicht mehr.

Zumal Konstantin als zeugungsunfähig galt – da war eine Schwangerschaft wohl ohnehin nicht so einfach.

Ein Mistkerl blieb ein Mistkerl, und Hörner waren Hörner – egal, wie groß.

Charlotte betrachtete Isabel und staunte über so viel Unverfrorenheit. Dann sagte sie: „In Ordnung.“

Dass Charlotte so schnell einlenkte, hatte Isabel nicht erwartet.

Auch Konstantin sah auf Charlotte herab.

Offenbar hielt auch er das für selbstverständlich.

Doch im nächsten Moment sagte sie: „Ich kann ein paar Social-Media-Kanäle eröffnen und mich dort öffentlich bei Frau Brenner entschuldigen: Es war falsch von mir, meinen Mann davon abhalten zu wollen, mit der Verlobten seines Cousins ins Bett zu steigen. Ich war engstirnig und kleinlich – nicht wie Frau Brenner, die es so eilig hat, die Mätresse zu spielen. Und erst recht nicht wie Herr Sternberg, der so großzügig auch noch an die Stelle seines Cousins tritt.“

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