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Kapitel 6

Autor: Nebelklang
Konstantins Miene veränderte sich kaum, doch sein dunkler, kalter Blick ruhte mit einem Anflug von Unmut auf Charlottes Gesicht.

Moritz und Dennis waren sprachlos.

War das nicht ein bisschen zu hart?

Hatte sie etwa die Taktik gewechselt, um Konstantins Aufmerksamkeit zu erregen?

Und dann noch eine öffentliche Entschuldigung?

Damit wollte sie Isabel doch absichtlich vor aller Welt schlechtmachen!

Isabels Gesicht wurde kalt. Sie verzog die Lippen und gab sich ganz als Opfer. „Charlotte, hast du nicht langsam genug?“

Charlotte sah, wie felsenfest überzeugt Isabel auftrat, und staunte, wie meisterhaft sie den Spieß umzudrehen verstand.

Was die anderen sich in den Kopf gesetzt hatten, wollte sie nicht mühsam widerlegen. Dafür war ihr jede Kraft zu schade!

Die Scheidung stand ohnehin bevor. Sich mit solchem Pack herumzuschlagen, brachte ihr nur Ärger.

Charlotte drehte sich um und ging.

Doch als sie an Konstantin vorbeikam, hielt sein gleichgültiger Blick sie fest. Ein kaum merkliches, undurchschaubares Lächeln umspielte seine Lippen.

Langsam sagte er: „Zuckerbrot und Peitsche?“

Im ersten Moment wusste Charlotte nicht, was er meinte. „Was?“

Konstantin senkte die Lider und fragte spöttisch: „Warum widersprichst du jetzt nicht mehr?“

Eben war sie doch noch so schlagfertig gewesen.

Charlotte begriff. Ihre Augen röteten sich.

Vor Wut.

Jede ihrer Regungen – ob sie tobte, ob sie zusammenbrach oder ob sie sich verzweifelt und abgestumpft zurückzog – hielt er für Berechnung?

Selbst wenn sie vor Zorn Blut spuckte und daran zugrunde ging, galt das für ihn nur als Theater.

Sie war nicht wie Isabel, die so viele Beschützer hinter sich wusste.

Wenn sie jetzt widersprach, machte sie sich nur noch lächerlicher.

Außerdem hielt Konstantin das alles nur für eine weitere ‚Szene‘ – für ihn ein Beweis, wie unreif sie sich benahm.

Was sie auch sagte oder tat, er glaubte ihr ohnehin kein Wort.

Wozu also die Mühe?

Allmählich wurde sie ruhiger. Die Kraft zum Streiten hatte sie verlassen. Sie nickte nur noch. „Dann wünsche ich euch beiden alles Gute. Zufrieden?“

Ohne auf seine Miene zu achten, ging sie davon und drehte sich kein einziges Mal um.

Drei Monate –

Nur noch drei Monate durchhalten, dann war diese zermürbende Ehe endgültig vorbei!

Konstantin warf ihr einen kühlen Seitenblick zu.

Nach nur zwei Sekunden sah er wieder weg.

Auf ihren stacheligen Ton einzugehen, hatte er nicht vor.

Manche Launen musste man nur lange genug ignorieren, dann waren sie bald vergessen.

So lief es zwischen ihnen seit sieben Jahren – ein stilles Einvernehmen.

Charlotte erzählte Nina nichts davon. Sonst hätte ihre Freundin sich womöglich gleich mit der ganzen Runde angelegt.

Der Appetit war ihr längst vergangen. Nachdem sie sich von Nina verabschiedet hatte, kehrte sie in die neue Wohnung zurück und räumte ihre Sachen ein.

Bis sie damit fast fertig war, zeigte die Uhr schon kurz vor neun.

Da bemerkte sie, dass sie das Heilkundebuch nicht mitgebracht hatte, das sie von ihrem Lehrer Albrecht bekommen hatte.

Seufzend kratzte sich Charlotte am Kopf. Es lag noch im Safe in dem Haus, das sie bis gestern mit Konstantin bewohnt hatte.

Ohne Zeit zu verlieren, warf sie sich eine Jacke über und fuhr hin.

Konstantin war ja selten zu Hause. Ihm lief sie bestimmt nicht über den Weg.

Zielsicher stieg sie die Treppe hinauf und stieß die Schlafzimmertür auf.

Unvermittelt traf ihr Blick den des Mannes im Zimmer.

Konstantin stand vor dem bodentiefen Fenster, das Handy in der Hand. Auf dem Display lief ein Videoanruf. Nur einen Augenblick lang sah Charlotte darauf Isabels Gesicht.

Die beiden konnten offenbar keine Minute ohne einander sein – wie ein frisch verliebtes Paar.

Konstantin drehte sich stirnrunzelnd um. Dass Charlotte so plötzlich hereinplatzte, gefiel ihm nicht. Seine Stimme klang eisig: „Warum klopfst du nicht an?“

Charlotte erstarrte.

Sie war seine Frau. Sieben Jahre lang hatte sie in diesem Haus gewohnt. Und nur weil er mit Isabel turtelte, galt jetzt die Regel, dass sie anklopfen musste?

„Raus!“, befahl Konstantin scharf.

Sein Ton machte sie zur heimlichen Lauscherin.

Charlottes Herz zog sich jäh zusammen.

Instinktiv schloss sie die Tür und trat zurück.

Sie hatte keine Lust, sich selbst zu quälen und ihrem Mann beim Liebesgeflüster mit einer anderen zuzuhören.

Sie stieg die Treppe hinunter.

Auch die Haushälterin Monika Kühn hatte den Lärm gehört und kam hinzu.

Als sie Charlotte sah, sagte sie sofort: „Frau Sternberg, die ältere Frau Sternberg ist am Telefon.“

Charlotte warf einen Blick auf das Festnetztelefon.

Nach kurzem Zögern nahm sie den Hörer ab.

Monika wusste um Konstantins Gleichgültigkeit gegenüber Charlotte, aber auch um die Zuneigung seiner Großmutter zu ihr. Die Haushälterin ließ sie ungestört telefonieren und ging nach oben, um die Wäschekörbe zu holen.

„Lotte?“, erklang die gütige Stimme von Elisabeth Sternberg.

Charlotte sah auf die Uhr. In Gedanken war sie noch bei dem Buch. „Oma, du bist ja noch wach.“

„Ich alte Frau bin noch gut beieinander“, tadelte die Großmutter liebevoll. „Da kann ich auch mal so lange aufbleiben wie ihr jungen Leute. Und du schickst mir ja regelmäßig deine Stärkungsmittel. Die späten Stunden machen mir also nichts aus.“

Charlotte wartete still ab, worauf sie hinauswollte.

Und tatsächlich.

Lachend kam Elisabeth zur Sache: „Lotte, du kennst dich doch mit Medizin aus. Warum stellst du dir nicht selbst ein paar Kräuter zusammen, die dich stärken? Bereite deinen Körper gut auf eine Schwangerschaft vor, damit dein Baby gesund zur Welt kommt. Du weißt ja, bei uns Sternbergs gibt es so viele Männer und kaum Mädchen. Eine süße Urenkelin wäre doch wunderbar! Und ein Kind bringt euch beide auch näher zusammen. Eigentlich mag Konstantin Kinder sehr.“

Mit dem Thema lag man ihr seit Jahren in den Ohren.

Von Emma hatte Charlotte nie auch nur ein Sterbenswörtchen verraten.

Jetzt, da sie die Scheidung beschlossen hatte, kam das erst recht nicht infrage.

Und selbst wenn sie verheiratet blieb – was nützte es, wenn nur sie etwas für ihre Gesundheit tat?

Bei Konstantins mangelnder Lust gab es da nicht viel zu holen.

Außerdem hatte Konstantin vor Jahren persönlich verkündet, dass von ihm keine Kinder zu erwarten waren.

Die Gerüchte über seine Zeugungsunfähigkeit konnten seiner Großmutter unmöglich entgangen sein.

Trotzdem riet sie ausgerechnet Charlotte, Medizin zu nehmen.

Frauen wurden auf dieser Welt wirklich bis auf den letzten Tropfen ausgesaugt und ausgepresst – und mussten obendrein für Dinge geradestehen, an denen sie keine Schuld trugen.

Das war zutiefst ungerecht.

Charlotte ballte die Hand. Um das Thema endlich zu beenden, sagte sie offen: „Oma, ich habe vor, mich von Konstantin scheiden zu lassen.“

Am anderen Ende wurde es schlagartig still.

Die alte Dame war fassungslos.

Erst nach einer ganzen Weile sagte sie steif: „Ich verstehe ja, dass du viel hinnehmen musstest. Konstantin weiß von Natur aus nicht, wie man liebt. Aber er behandelt dich doch respektvoll. Lotte, willst du es dir nicht noch einmal überlegen?“

„Nein. Meine Entscheidung steht fest.“

Elisabeth schwieg einen Moment. Dann seufzte sie schwer und bezog sofort Stellung: „Lotte, die Familie Sternberg hat dir Unrecht getan. Mach dir keine Sorgen. Auch nach der Scheidung sorge ich dafür, dass du gut abgesichert bist. In unseren Kreisen gibt es viele anständige junge Männer. Ich finde schon jemanden, der zu dir passt, und kümmere mich so bald wie möglich um deine Zukunft.“

Charlotte verschlug es die Sprache.

Damit hatte sie nicht gerechnet.

Die Scheidung war noch nicht einmal durch, und schon suchte man ihr einen neuen Mann als Entschädigung?

... Ging das nicht ein bisschen schnell?

Gleichzeitig beschlich Charlotte ein schwer zu beschreibendes Gefühl.

Alle hatten also gewusst, wie es in Wahrheit um ihre Ehe mit Konstantin stand.

Man war davon ausgegangen, dass sie für Konstantin immer wieder nachgab und alles erduldete. Deshalb hatte man bei ihrem Leid einfach weggesehen.

Aber damit war jetzt Schluss.

Sie legte auf.

Ein Blick auf die Uhr: Zehn Minuten waren vergangen.

Ob ihr Mann – noch war Konstantin das ja – inzwischen genug mit seiner Freundin geturtelt hatte?

Sie hatte nur vor, ihr Buch zu holen und so schnell wie möglich wieder zu verschwinden.

Gerade wollte sie hinaufgehen, um ihn zur Eile zu drängen, da wurde die Haustür aufgerissen.

Konstantins angeheiratete Tante Gabriele Sternberg stürmte mit finsterer Miene herein, baute sich vor Charlotte auf und holte zu einer Ohrfeige aus!

Charlotte reagierte blitzschnell und wich instinktiv ein Stück zurück.

Der Schlag traf nicht mit voller Wucht. Doch Gabriele erwischte Charlotte noch mit den Fingeransätzen an der Wange.

Klatsch!

Trotzdem fühlte sich die getroffene Stelle taub an.

Schon zeigte Gabriele mit dem Finger auf sie und schimpfte: „Charlotte, hat dich die Eifersucht um den Verstand gebracht? Was hast du davon, als frustrierte Ehefrau alle mit dir runterzuziehen, nur weil du selbst unglücklich bist?“

Der unerwartete Schlag hatte Charlotte so überrumpelt, dass sie sich noch nicht gefangen hatte.

Zum Widersprechen kam sie nicht mehr.

Denn sie hörte Schritte.

Als sie sich umdrehte, sah sie Konstantin, der irgendwann heruntergekommen war. Auf seinem Handy lief noch immer der Videoanruf.

Ungläubig verfolgte Charlotte, wie Isabel auf dem Bildschirm ihren Blick auf sie richtete – auf die Frau, die eben geschlagen worden war – und plötzlich ... auflachte.

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