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KAPITEL 6

last update Veröffentlichungsdatum: 12.06.2026 18:42:53

ELIANS SICHT

Ich hatte eigentlich vor, in mein Zimmer zurückzukehren, sobald er eingeschlafen war, aber der Stress der Nacht hat mich völlig überrascht.

Ich wachte vom Zwitschern eines Vogels draußen vor dem Fenster auf und spürte etwas Schweres um meine Taille.

Die Sonne lugte gerade durch die Kiefern. Mir wurde klar, dass ich nicht mehr auf dem Boden lag. Irgendwann in der Nacht musste ich aufs Bett geklettert sein, oder Karl hatte mich hochgezogen. Sein Arm lag um meine Taille, seine Finger krallten sich in den Stoff meines Hoodies.

Er war bereits wach. Er lag auf der Seite und beobachtete mich.

Heute Morgen war kein Gold mehr in seinen Augen. Nur ein tiefes, dunkles Braun, das mir vorkam, als könnte es jeden Gedanken in meinem Kopf lesen. Er bewegte seinen Arm nicht. Er wich nicht zurück, selbst als ich die Augen öffnete. Was dachte er sich bloß dabei?

„W-was glaubst du, was du da tust?“ Ich versuchte, aus dem Bett zu springen, fiel aber auf den Hintern. Mein Gesicht glühte mehr als nötig.

„Du bist diejenige, die auf meinem Bett eingeschlafen ist“, sagte er und sah mich von oben an. „Übrigens, du bist knallrot.“

Ich sprang vor Scham und all den anderen Gefühlen, die ich in diesem Moment empfand, auf.

„D-das liegt daran, dass du mir so nah warst und wir… wir…“, ich stockte, weil ich gar nicht mehr wusste, was wir getan hatten. Wenn ich sagte, es läge daran, dass wir nebeneinander geschlafen hatten, wäre ich die Seltsame gewesen, denn es war ja nichts Ungewöhnliches, dass zwei Jungen sich ein Bett teilten. Warum war ich die Einzige, der das peinlich war?

„Ich hätte nicht gedacht, dass du auch so eine süße Seite hast“, kicherte er leise, bevor er aus dem Bett stieg. Hat er mich gerade süß genannt?

„Es ist deine Schuld, dass ich so bin. Seit wann ist es normal, einen anderen Kerl wie dich so nah an sich zu halten?“ Ich zeigte mit dem Zeigefinger auf ihn und gewann an Selbstvertrauen.

„Ach, das? Du warst warm“, winkte er ab, als wäre es nichts Besonderes.

Schwere Schritte hallten durch den Flur, gerade als er etwas sagen wollte.

„Karl! Bist du wach? Der Trainer will uns in zehn Minuten am See haben!“, dröhnte Marcus’ Stimme durch die Tür, gefolgt von einem lauten, widerwärtigen Klopfen.

Er griff sich ein sauberes Hemd aus seiner Tasche und zog es an.

„Geh ins Badezimmer“, befahl er mit wieder eiskalter Stimme. „Ich hab keine Lust auf Marcus’ Scheiße.“

Einfach ausgedrückt, ich hatte Angst, dass es zu einem Missverständnis kommen würde und dass Marcus eine Version von dem, was er gesehen hatte, so erzählen würde, dass wir beide am Boden zerstört wären.

Ich huschte ins Badezimmer, gerade als die Tür aufging. Ich lehnte mich an die Holzwand und hörte Karl lachen und mit Marcus scherzen, als wäre die Nacht zuvor nie geschehen. Als wäre er nicht das Monster gewesen, das da auf dem Boden lag, und ich nicht diejenige, die ihn gerettet hatte.

Ich betrachtete mein Spiegelbild. Mein Gesicht war gerötet, und mein Puls hämmerte noch immer. Ich berührte die Stelle an meinem Hals, wo sein Atem gewesen war.

Ich verbrachte zehn Minuten im Badezimmer und starrte auf eine Flasche teures Parfüm, bis das Geräusch von Marcus’ schweren Schritten die Treppe hinunter endlich verhallte. Als ich ins Schlafzimmer zurücktrat, war das Morgenlicht zu hell, sodass das getrocknete Blut auf dem Teppich – wo die Steakverpackungen gelegen hatten – wie blaue Flecken aussah.

Karl stand am Fenster, bereits in seiner Team-Trainingsjacke. Er wirkte unerträglich gefasst, als hätte er nicht noch vor wenigen Stunden gefroren und sich wie ein wildes Tier gefühlt.

„Raus hier“, sagte er, ohne mich anzusehen. Seine Stimme klang nicht mehr so rau und verletzlich wie in der Nacht. „Geh runter in die Küche und mach dich nützlich. Bereite Frühstück für die Mannschaft zu. Falls jemand fragt, kannst du sagen, dass du früh aufgestanden bist, um deine Aufgaben schon mal zu erledigen.“

Ich stand da, meine Hand noch immer am Türrahmen. Die Wärme seiner Hand, die eben noch an meiner Taille gelegen hatte, fühlte sich noch so frisch an wie am Tag. „J-Ja.“

Mehr konnte ich nicht sagen, und ich konnte meine Enttäuschung weder erklären noch ausdrücken. Wir waren nicht einmal Freunde, das war sonnenklar, und doch hat mich sein plötzliches kaltes Verhalten zu mir zutiefst verletzt.

Ich ging nach unten und bereitete das Frühstück zu. Ich briet Eier und Speck für zwanzig hungrige Sportler, während Marcus und die anderen um den langen Holztisch saßen und von ihren „legendären“ Partys erzählten. Ich fühlte mich wie ein Geist unter ihnen. Karl saß am Kopfende des Tisches, lachte immer im richtigen Moment und spielte seine Rolle so perfekt, dass mir übel wurde.

Nach dem Frühstück rief uns der Bus zum Anleger. Der See war klarer, als ich erwartet hatte; der Nebel hing noch immer an den Rändern des Wassers.

„Wir machen Ausdauerübungen“, bellte der Trainer. „Paare. Einer im Boot, einer im Wasser. Alle zehn Minuten wechseln.“

Ich wurde Marcus zugeteilt und es fühlte sich wie eine Falle an.

Wir waren hundert Meter vom Ufer entfernt, das kleine Ruderboot schaukelte sanft. Ich ruderte, meine Muskeln schmerzten, während Marcus hinten saß und grinste. Ich konnte nur hoffen, dass er mich nicht ansprach. Warum mussten wir denn zusammengelegt werden? Gerade als ich schon mit Karls Verwandlung zu kämpfen hatte, musste ich mich jetzt auch noch um ihn kümmern.

„Hey!“, rief er mir in einem äußerst unhöflichen Ton zu. „Hast du die Gerüchte über dich gehört?“

„Ich weiß nicht, warum Sie mit mir reden“, antwortete ich, ohne ihn anzusehen. „Ich habe kein Interesse daran, ihnen zuzuhören.“

„Du bist ja ein ganz schöner Brocken, was?“, grinste er. Ich hätte ihm am liebsten eine reingehauen. „Wie wär’s, wenn du stattdessen mein Schoßhündchen wirst? Ich geb dir Taschengeld, wenn du das willst.“

„Wie bitte?“ Ich drehte mich zu ihm um.

„Weißt du, nur weil du anscheinend bereit wärst, dich im Dreck zu wälzen, wenn Karl dich darum bitten würde“, sagte er achselzuckend. „Mein Angebot steht aber noch. Vielleicht behandle ich dich sogar noch besser als Karl, wer weiß.“

„Du bist wirklich so hässlich, wie es nur geht. Hässlich von innen und außen“, murmelte ich vor mich hin. Ich brachte es niemals übers Herz, ihm das ins Gesicht zu sagen.

„Hast du etwas gesagt?“ Zum Glück hatte er mich nicht gehört.

„Nein, gar nichts.“

„Also, was sagst du dazu?“ Er beugte sich vor.

„Wenn du sonst nichts zu tun hast, dann würdest du vielleicht gerne mithelfen“, das war die einzige Möglichkeit, ihn zum Schweigen zu bringen.

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