LOGINELIANS SICHT
Ich habe nicht geschlafen.
Jedes Mal, wenn ich die Augen schloss, sah ich diese goldenen Augen. Ich spürte die Hitze, die von Karls Haut ausging, und die Angst, die ich in diesem Moment empfunden hatte, bevor ich wütend davongestürmt war. Ich blieb wach, bis die Sonne durch die dünnen Vorhänge meines Zimmers drang, starrte an die Decke und fragte mich, ob ich schon tot war.
Was war er? Ich kannte Filme über Werwölfe, aber das waren doch nur Geschichten für Leute, die sich freitagabends gruseln wollten. Das hier war kein Film. Das war die Realität. Karl Richter, der Typ, dessen Gesicht auf jedem Sportplakat auf dem Campus prangte, hatte Krallen. Er hatte Reißzähne. Und aus irgendeinem Grund hatte er mich gerochen, als wäre ich der Rausch einer Droge, nach der er sich schon seit Jahren sehnte.
Der rationale Teil meines Gehirns, der mich überhaupt erst in dieses Programm gebracht hatte, riet mir, meine Sachen zu packen und zu fliehen. Aber wohin sollte ich gehen? Ich hatte kein Geld, kein Auto und ein Stipendium, das meine einzige Chance auf ein Leben voller Entbehrungen war. Wenn ich ging, warf ich meine Zukunft weg. Wenn ich blieb, riskierte ich mein Leben.
Um 8:00 Uhr morgens stand ich im Flur des Sportflügels. Meine Beine fühlten sich schwer an und ehrlich gesagt wäre ich heute lieber nicht zur Schule gegangen. Ich erwartete, gelbes Absperrband der Polizei oder eine Menschenmenge zu sehen, die über den zerstörten Spind sprach.
Stattdessen war alles normal.
Der Flur roch nach Bodenwachs. Die Schüler lachten, als sie zur Turnhalle gingen. Ich betrat die Umkleidekabine, stockte kurz vor dem Atem und steuerte direkt auf das Ende der Reihe zu.
Karls Spind war makellos. Er hatte nicht einen einzigen Kratzer. Das zerfetzte Metall, das ich gestern Abend gesehen hatte, war verschwunden und durch eine glänzende, neue Spindtür ersetzt worden.
"Suchst du etwas?"
Ich zuckte zusammen und stieß mir beinahe den Kopf am Metall. Karl lehnte an der Spindreihe hinter mir. Er sah … erschreckend normal aus. Er trug einen neuen Team-Hoodie und eine graue Jogginghose. Sein Haar war noch feucht von der Morgendusche, und seine Augen hatten wieder dieses tiefe Schokoladenbraun, das die Mädchen in der ersten Reihe dahinschmelzen ließ.
„Ich … nein“, stammelte ich und klammerte mich an den Riemen meiner Tasche. „Ich wollte nur meine Papiere abholen.“
Karl griff in seine Tasche und zog einen Stapel gefalteter Blätter heraus. Meine Stipendienanträge. Sie waren an den Rändern etwas zerknittert, aber ansonsten intakt. Er gab sie mir nicht. Er hielt sie nur zwischen zwei Fingern und baumelte damit wie mit Ködern.
„Du hast mich gesehen“, sagte er leise und verzichtete auf Smalltalk. „Du hast gesehen, was passiert, wenn ich die Beherrschung verliere.“
„Ich werde es niemandem erzählen“, sagte ich schnell mit zitternder Stimme. „Ich schwöre es. Ich will einfach nur mein Studium abschließen und meinen Abschluss machen. Mir ist völlig egal, wer du bist.“
Karl trat näher. Er war einen Kopf größer als ich, und selbst in seiner menschlichen Gestalt füllte er den ganzen Raum aus. „Das Problem ist, Elian, dass ich mich sorge. Mein Kopf ist seit Monaten ein einziges Chaos, und das macht mich wahnsinnig. Ich kann dich nicht einfach so gehen lassen, nur weil du versprochen hast, es niemandem zu erzählen.“
„I-Ich schwöre…ich werde kein Wort sagen“, sagte ich und trat einen Schritt zurück. Ich fragte mich, ob er mich diesmal angreifen würde.
„Du musst mir erst beweisen, dass du es nicht jedem weitererzählst“, grinste er.
„U-Und wie soll ich das machen?“ Ich schluckte meinen Speichel hinunter.
Er hielt inne, seine Augen musterten mein Gesicht mit einer seltsam intensiven Konzentration. „Als ich dich roch, hörte das Summen in meinem Kopf auf. Zum ersten Mal seit einem Jahr war es still.“
Mir lief ein Schauer über den Rücken. Er sah mich an wie ein Raubtier, das eine bestimmte Beute entdeckt hatte, die es zum Überleben brauchte. Würde er mich wie einen Glücksbringer behalten? Oder würde er mich fressen, sobald er merkte, dass ich ihn nicht ewig zum Schweigen bringen konnte?
"Was wirst du mit mir machen?", flüsterte ich.
Karl reichte mir schließlich die Papiere. Doch als ich sie ergriff, ließ er sie nicht los. Seine Hand umfasste mein Handgelenk. Sein Griff tat nicht weh, aber er war fest genug, um mir zu zeigen, dass es auch schlimmer hätte sein können.
„Ich werde dich eng an mich binden“, sagte Karl. „Betrachte das als Job. Du bist meine neue persönliche Assistentin. Du trägst meine Ausrüstung. Du sitzt bei jedem Training am Pool. Du isst zu Mittag, wo ich dich sehen kann.“
"Und was, wenn ich Nein sage?"
Karls Augen verfinsterten sich einen Augenblick lang, dann blitzte sein goldenes Aussehen wieder auf. „Dann erzähle ich dem Dekan, dass ich dich beim Einbruch in den Geräteraum erwischt habe, um Ausrüstung zu stehlen und zu verkaufen. Die Aufnahmen der Überwachungskameras sind schon bearbeitet. Dein Stipendium? Weg. Dein Ruf? Im Eimer. Du fliegst bis Mittag von der Uni.“
Ich sah ihn an. Das war nicht mehr der „Liebling“. Das war ein Mann, der ertrank und dem es egal war, wen er mit in die Tiefe riss, solange er nur atmen konnte. Er erpresste mich, ihm auf Schritt und Tritt zu folgen, denn ich war seine Medizin.
„Das ist falsch“, murmelte ich, weil ich nicht den Mut hatte, es ihm ins Gesicht zu sagen.
„Das ist die Realität, Elian. Du hast die Wahl: Entweder du schließt dein Studium mit Auszeichnung ab oder du lässt dir heute noch das Leben ruinieren. Entscheide dich.“ Er schien schon zu wissen, was ich wählen würde. War das das Schicksal der Benachteiligten?
Ich sah mir meine Stipendienunterlagen an. Ich dachte an meine Mutter, die so stolz auf mich war, weil ich als Erste in der Familie studierte. Ich dachte an das Leben, das mich erwarten würde, wenn ich scheitern sollte.
"Was soll ich als Erstes tun?", fragte ich mit kaum hörbarer Stimme, während ich mir auf die Unterlippe biss.
Karl ließ mein Handgelenk los, aber die Haut, wo er mich berührt hatte, kribbelte. Er griff in seine Tasche und warf mir einen schweren, teuer aussehenden Badeparka zu.
„Zieh das an. Wir haben in zehn Minuten Training“, sagte er und wandte sich dem Pool zu.
Ich folgte ihm. Ich hatte keine Wahl. Als wir auf den Poolbereich traten, war der Rest der Mannschaft schon da. Sie sahen mich verwirrt an – plötzlich lief der unsichtbare Junge hinter dem Kapitän her.
„Wer ist denn dieser Richter nochmal?“, fragte einer der Jungs und zog eine Augenbraue hoch. Dass sie sich nicht einmal mehr an mich erinnerten, überraschte mich überhaupt nicht.
Karl sah ihn nicht einmal an. Er zeigte nur auf die Bank direkt am Rand seiner Bahn. „Setz dich da hin“, sagte er zu mir. „Und rühr dich nicht vom Fleck.“
Ich saß da. Ich sah ihm beim Sprung ins Wasser zu. Die nächsten zwei Stunden saß ich auf der harten Bank und umklammerte meine Tasche. Jedes Mal, wenn Karl am Ende der Bahn wendete, blickte er auf. Er schaute weder auf die Uhr noch auf den Trainer.
Er sah mich an und vergewisserte sich, dass ich nicht weggelaufen war.
„Ich könnte nicht einmal weglaufen, selbst wenn ich wollte“, murmelte ich vor mich hin und fragte mich, ob das nun mein neues Leben sei, ein menschlicher Anker für ein Wesen, das eigentlich nicht existieren dürfte.
Elian HarperDie Sonne ging über den Baumwipfeln auf und tauchte den Himmel in goldene und rosafarbene Töne. Ich saß auf der Lichtung, Karls Kopf ruhte noch immer in meinem Schoß, meine Finger verfingen sich in seinem Haar. Er schlief, sein Atem ging ruhig und gleichmäßig, sein Gesicht war zum ersten Mal seit Tagen friedlich.Ich rührte mich nicht. Ich wollte ihn nicht wecken. Er brauchte das. Wir beide brauchten es.Meine Mutter stand am Rand der Lichtung, die Arme verschränkt, den Blick auf uns gerichtet. Sie hatte sich seit ihrer Ankunft nicht bewegt. Sie stand einfach nur da, beobachtete und wartete.Hinter ihr standen die von ihr mitgebrachten Vollstrecker in einem lockeren Halbkreis. Es waren ehemalige Rudelmitglieder, Wölfe, die der Herrschaft meines Vaters überdrüssig geworden waren, Wölfe, die auf jemanden wie Karl gewartet hatten, der sich erhob. Meine Mutter hatte sie gefunden. Sie hatte sie um sich geschart. Sie hatte sie hierher gebracht.Ich sah sie an, mein Herz voller
Elian HarperDas Auto hielt nicht lange. Wir schafften vielleicht 30 Kilometer, bevor der Motor anfing zu stottern und die Tankanzeige gefährlich nahe an leer sank. Karl fuhr auf einen schmalen Feldweg, seine Hände umklammerten das Lenkrad so fest, dass seine Knöchel weiß wurden.„Wir gehen von hier aus zu Fuß“, sagte er.Ich habe nicht gestritten. Ich bin einfach aus dem Auto gestiegen und ihm in den Wald gefolgt.Der Wald war hier dicht, das Blätterdach so dicht, dass kaum Mondlicht hindurchdrang. Karl bewegte sich mit einer Selbstsicherheit, die mir verriet, dass er genau wusste, wo er hinwollte, selbst in der Dunkelheit.„Wie weit?“, fragte ich."Weit genug."Wir liefen stundenlang. Meine Beine brannten, meine Füße waren voller Blasen, aber ich beschwerte mich nicht. Ich konnte nicht. Karl verausgabte sich genauso sehr, vielleicht sogar noch mehr. Er erholte sich noch von der Schicht, vom Kampf, von allem. Aber er wurde nicht langsamer.Schließlich stolperte ich. Mein Fuß verfing
Elian HarperDer Boden raste auf uns zu, und ich wappnete mich für den Aufprall. Doch Karl drehte sich in der Luft, sein Körper schlang sich um meinen, und wir schlugen mit solcher Wucht auf, dass mir der Atem stockte. Er fing den Aufprall ab, sein Körper dämpfte meinen, und dann war er wieder auf den Beinen und zog mich hoch.„Geht es Ihnen gut?“ Seine Stimme klang scharf und eindringlich.Ich nickte und rang nach Luft. „Mir geht es gut. Aber meine Mutter …“„Sie ist Polizeihauptmann. Sie kann auf sich selbst aufpassen.“ Er packte meine Hand und zog mich vorwärts. „Wir müssen weiter.“Wir rannten über den Parkplatz, immer im Schatten. Hinter uns herrschte Chaos im Motel: Polizisten schrien, Sirenen heulten, und Schüsse hallten noch immer in der Nacht wider. Ich sah nicht zurück. Ich konnte nicht.Karl führte mich zum Waldrand am Rand des Parkplatzes. Der Wald ragte vor uns auf, dunkel und einladend. Wir tauchten in den Wald ein, gerade als weitere Polizeiwagen mit quietschenden Reife
Elian HarperDie Polizisten erstarrten, die Waffen noch immer auf Karl gerichtet, ihre Blicke huschten zwischen ihm und der Gestalt im Türrahmen hin und her. Meine Mutter betrat den Raum; ihre Präsenz war gebieterisch, ihr Blick musterte die Szene mit einer ruhigen Autorität, die die Beamten zögern ließ.„Senkt eure Waffen“, sagte sie erneut. „Jetzt.“Der ranghöchste Offizier wandte sich ihr mit gerunzelter Stirn zu. „Captain Harper, wir haben Befehl zu –“„Eure Befehle interessieren mich nicht.“ Die Stimme meiner Mutter war eiskalt. „Diese Männer stellen keine Bedrohung dar. Haltet euch zurück.“Die Beamten wechselten Blicke. Dann senkten sie langsam ihre Waffen.Ich starrte meine Mutter an, mein Herz raste. Sie war wie aus dem Nichts aufgetaucht. Sie hatte uns gerettet. Sie stand in der Tür eines billigen Motelzimmers, in der Uniform eines Polizeihauptmanns, und sah mich mit einem Ausdruck an, den ich nicht deuten konnte."Mama?" Meine Stimme versagte.Sie sah mich an, und für einen
Elian HarperDie Vollstrecker rührten sich nicht. Sie knieten fest, die Köpfe gesenkt, die Körper zitternd. Marcus lag noch immer am Boden, sein Gesicht verzerrt vor Demütigung und Wut. Karl stand mitten auf der Lichtung, seine Ausstrahlung gebieterisch, seine violetten Augen musterten sie alle.„Steh auf“, sagte Karl leise.Sie haben sich nicht bewegt."Ich sagte: Stehen."Langsam und vorsichtig erhoben sich die Vollstrecker. Sie hielten die Köpfe gesenkt, den Blick auf den Boden gerichtet. Sie hatten Angst. Ich konnte es an ihrer Haltung sehen, an der Anspannung in ihren Schultern, am Zittern ihrer Hände an ihren Seiten.Karl schritt langsam und bedächtig zwischen ihnen hindurch. Vor jedem einzelnen blieb er stehen, sah ihnen in die Augen und musterte sie. Einige zuckten zusammen. Andere hielten seinem Blick stand, ihre Loyalität ungewiss.„Du hast meinem Vater gedient“, sagte Karl. „Du hast seine Befehle befolgt. Du hast Dinge getan, die niemals hätten getan werden dürfen.“Die Vol
Elian HarperDer Wald war still. Zu still. Selbst die Vögel hatten aufgehört zu singen, und das übliche Rascheln der Kleintiere im Unterholz war völlig verstummt. Karl stand neben mir, angespannt, den Blick über die Baumgrenze schweifen lassend. Ich spürte die Kraft, die von ihm ausging, ein leises Summen, das die Luft schwer erscheinen ließ.„Er ist ganz nah“, sagte Karl leise. „Ich kann ihn riechen.“Ich drückte seine Hand fester. „Was sollen wir tun?“„Wir warten.“ Seine Stimme war ruhig. „Er wird zu uns kommen.“Wir mussten nicht lange warten.Marcus trat aus dem Wald hervor, flankiert von einem Dutzend Schlägern. Sein Lächeln war kalt und räuberisch, seine Augen funkelten vor Bosheit.„Karl.“ Er neigte spöttisch den Kopf. „Ich habe mich schon gefragt, wann du endlich aufhörst zu rennen.“„Ich laufe nicht weg.“ Karl trat vor und stellte sich zwischen mich und Marcus. „Ich warte.“Marcus lachte. „Worauf wartest du? Darauf, dass ich das vollende, was dein Vater begonnen hat?“"Ich w
ELIANS SICHTIch ging davon aus, dass mein Versuch, ihn zum Schweigen zu bringen, vollständig gelungen war, aber es stellte sich heraus, dass ein Luftloch immer ein Luftloch bleiben wird.„Richter scheint in letzter Zeit sehr an dir zu hängen“, sagte Marcus und lehnte sich zurück. „Es ist seltsam.
ELIANS SICHTIch hatte eigentlich vor, in mein Zimmer zurückzukehren, sobald er eingeschlafen war, aber der Stress der Nacht hat mich völlig überrascht.Ich wachte vom Zwitschern eines Vogels draußen vor dem Fenster auf und spürte etwas Schweres um meine Taille.Die Sonne lugte gerade durch die Kie
ELIANS SICHTAm nächsten Tag~Die Hütte am See sollte eigentlich ein „Zusammengehörigkeitsgefühl stärken“, aber das war für mich kaum der Fall, zumindest nicht, wenn ich ständig in Karls Nähe bleiben musste.Karl hatte eine private Suite im zweiten Stock der Hauptlodge, und er hatte dafür gesorgt,
ELIANS SICHTWenn es schon ein Albtraum war, Karls Assistent in der Schule zu sein, dann war es eine Reise auf einen anderen Planeten, ihn zu einer exklusiven Party zu begleiten.Karl hatte mir zwei Stunden vor der Veranstaltung einen Kleidersack aufs Bett gelegt. Darin befand sich ein Anzug, der w







