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KAPITEL 5

Author: Nikolaus
last update publish date: 2026-06-12 15:46:16

ELIANS SICHT

Am nächsten Tag~

Die Hütte am See sollte eigentlich ein „Zusammengehörigkeitsgefühl stärken“, aber das war für mich kaum der Fall, zumindest nicht, wenn ich ständig in Karls Nähe bleiben musste.

Karl hatte eine private Suite im zweiten Stock der Hauptlodge, und er hatte dafür gesorgt, dass mein „Assistentenzimmer“ der winzige Abstellraum direkt neben seinem war, der zum Schlafzimmer umfunktioniert worden war. Der Rest des Teams war unten und machte einen Lärm, der die Toten hätte wecken können.

Gegen Mitternacht begannen die Krachgeräusche.

Es war kein lauter Knall, sondern eine Reihe schwerer, nasser Schläge, gefolgt vom Geräusch zerspringender Keramik. Ich sprang aus dem Bett, mein Herz raste. Ich drängte in Karls Zimmer, um nach ihm zu sehen. Es war stickig heiß im Zimmer.

"Karl?", flüsterte ich.

Ich fand ihn auf dem Badezimmerboden. Er hatte sich zusammengekauert, seine Finger krallten sich so fest in die Fugen der Fliesen, dass weißer Staub aus den Ritzen aufstieg. Er trug kein Hemd, und seine Haut dampfte förmlich. Es sah aus, als würde er vibrieren, seine Muskeln zuckten unter seiner Haut, als wollten sie sich neu ordnen.

"Raus... hier raus...", keuchte er. Seine Stimme war ein verzerrtes Wrack.

„Du glühst ja richtig“, sagte ich und kniete mich neben ihn. Ich wollte seine Schulter berühren und zuckte fast zurück. Er fühlte sich an, als hätte er ein tödliches Fieber, so eins, das ihm eigentlich das Gehirn hätte zersetzen müssen.

„Bleib... weg...“, knurrte er, doch als ich näher kam, sah ich seine Augen. Sie flackerten – braun, dann golden, dann eine trübe, schmerzhafte Mischung aus beidem.

Ich hörte nicht zu. Ich konnte nicht. Trotz der Erpressung und der Angst löste sein Anblick – verletzlich und am Ende – etwas in mir aus. Ich packte seinen Arm und legte ihn über meine Schulter. „Ich bringe dich ins Bett. Hilf mir, Karl. Beweg dich.“

Er war schwer – schwerer, als ich gedacht hatte. Instinktiv beugte er sich zu mir, sein Gesicht vergrub sich in meiner Halsbeuge. Ich spürte das scharfe Stechen seiner Zähne auf meiner Haut, aber er biss nicht. Er atmete nur lange ein und wirkte nun weniger angespannt.

Ich schaffte es, ihn aufs Bett zu ziehen. Ich setzte mich auf die Kante, meine Hand auf seiner Brust, um ihn zu beruhigen. Ich hoffte, mein Geruch – die „Medizin“, von der er gesprochen hatte – würde helfen. Normalerweise reichte es schon, wenn ich mich ihm bis auf anderthalb Meter näherte, um das Summen zu unterdrücken.

Aber heute Abend reichte es nicht.

Karls Augen rissen auf, und sie glänzten in purem Gold. Er packte mein Handgelenk, sein Griff so fest, dass es blaue Flecken geben würde. „Es funktioniert nicht“, krächzte er.

„Was soll ich tun?“, fragte ich mit zitternder Stimme. „Brauchen Sie einen Arzt? Kaltes Wasser?“

„Nein“, zischte er, wobei er die Kiefer so fest zusammenpresste, dass ich seine Zähne knirschen hörte. „Ich brauche Fleisch. Rohes Fleisch.“

Sein Blick war so gierig, dass mir das Blut in den Adern gefror. Es sah aus, als würde er mich verschlingen, wenn ich ihm nicht gäbe, was er verlangt hatte.

„Fleisch“, knurrte er.

Ich habe keine Fragen gestellt. Ich hatte keine Zeit, Ekel oder Angst zu empfinden. Ich bin gerannt.

Ich schlich die Treppe hinunter, das Herz klopfte mir bis zum Hals, und wich den knarrenden Dielen aus. Der Rest des Teams lag bewusstlos in der Halle, umgeben von leeren Pizzakartons und Getränkedosen. Ich huschte in die Küche und fand den großen Kühlraum.

Meine Hände zitterten, als ich drei riesige Packungen Steaks für das morgige Grillfest des Teams griff. Ich verzichtete auf einen Teller. Ich stopfte die kalten, in Plastikfolie verpackten Stücke einfach in meinen Hoodie und rannte die Treppe wieder hoch.

Als ich zurückkam, krallte Karl sich in die Laken, sein Atem ging stoßweise und feucht. Ich riss die Plastikverpackung vom ersten Steak und hielt es ihm hin.

Er riss sie mir aus den Händen.

Ich zuckte zurück, als er sich auf das Fleisch stürzte. Es war nicht, als würde man einem Menschen beim Essen zusehen. Da war keine Anmut, keine Manieren. Ich saß auf dem Boden neben dem Bett, unfähig, den Blick abzuwenden, und sah zu, wie Karl sich wie ein Tier benahm. Ich konnte die Existenz von Werwölfen immer noch nicht begreifen, aber jedes Mal, wenn Karls bestialische Seite wieder zum Vorschein kam, wurde mir schmerzlich bewusst, mit wem ich es zu tun hatte.

Zehn Minuten später war das Fleisch verschwunden.

Karl sank zurück in die Kissen, sein Brustkorb hob und senkte sich langsam und gleichmäßig. Der Dampf, der von seiner Haut aufstieg, hatte aufgehört. Das Gold in seinen Augen verblasste, er wirkte erschöpft und grau.

"Elian", flüsterte er.

„Ich bin hier“, sagte ich und ging zurück an den Bettrand.

Er betrachtete das Blut an seinen Händen, dann mich. Zum ersten Mal sah ich nicht den Alpha oder den Tyrannen. Ich sah jemanden, der zutiefst verängstigt war vor dem, was er war.

„Ich helfe dir beim Abwischen“, sagte ich, um die peinliche Stille zu brechen. Ich nahm ein feuchtes Handtuch und wischte ihm das Blut von den Händen.

„Warum rennst du nicht weg?“, fragte er. „Du hättest rennen sollen, als du gesehen hast, wie ich durchgedreht bin. Du weißt doch, dass ich dich hätte verletzen können?“

Ich hielt einen Moment inne. Warum bin ich nicht geflohen? Ich hatte Angst und war besorgt, das stimmt, aber ich konnte mich nicht dazu durchringen, mich zurückzuziehen… besonders als ich sah, wie er sich so zurückhielt.

„Weil du mir noch nicht wehgetan hast“, sagte ich zögernd und streckte die Hand aus. Seine Haut war noch heiß, aber das Vibrieren hatte aufgehört. „Außerdem, wenn ich weglaufe, wer außer mir kann dir hier dann noch helfen?“

Er sah mich lange an, seine Augen blitzten vor einer Art Erkenntnis auf, bevor er den Blick abwandte.

„Ich gehe schlafen“, murmelte er und drehte sich auf die Seite.

„Na gut, ich lasse dich schlafen“, sagte ich und nickte. Ich wollte gerade aufstehen, aber Karl ließ meine Hand nicht los. Er zog sie an sich und legte seine Wange an meine Handfläche.

„Bleib einfach so liegen, bis ich einschlafe“, murmelte er mit noch geschlossenen Augen.

Ich blieb dort, unfähig zu gehen, weil er mich darum gebeten hatte, aber schon bald nickte ich ein. Es war ein langer Tag gewesen.

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