LOGINElian HarperDie Polizisten erstarrten, die Waffen noch immer auf Karl gerichtet, ihre Blicke huschten zwischen ihm und der Gestalt im Türrahmen hin und her. Meine Mutter betrat den Raum; ihre Präsenz war gebieterisch, ihr Blick musterte die Szene mit einer ruhigen Autorität, die die Beamten zögern ließ.„Senkt eure Waffen“, sagte sie erneut. „Jetzt.“Der ranghöchste Offizier wandte sich ihr mit gerunzelter Stirn zu. „Captain Harper, wir haben Befehl zu –“„Eure Befehle interessieren mich nicht.“ Die Stimme meiner Mutter war eiskalt. „Diese Männer stellen keine Bedrohung dar. Haltet euch zurück.“Die Beamten wechselten Blicke. Dann senkten sie langsam ihre Waffen.Ich starrte meine Mutter an, mein Herz raste. Sie war wie aus dem Nichts aufgetaucht. Sie hatte uns gerettet. Sie stand in der Tür eines billigen Motelzimmers, in der Uniform eines Polizeihauptmanns, und sah mich mit einem Ausdruck an, den ich nicht deuten konnte."Mama?" Meine Stimme versagte.Sie sah mich an, und für einen
Elian HarperDie Vollstrecker rührten sich nicht. Sie knieten fest, die Köpfe gesenkt, die Körper zitternd. Marcus lag noch immer am Boden, sein Gesicht verzerrt vor Demütigung und Wut. Karl stand mitten auf der Lichtung, seine Ausstrahlung gebieterisch, seine violetten Augen musterten sie alle.„Steh auf“, sagte Karl leise.Sie haben sich nicht bewegt."Ich sagte: Stehen."Langsam und vorsichtig erhoben sich die Vollstrecker. Sie hielten die Köpfe gesenkt, den Blick auf den Boden gerichtet. Sie hatten Angst. Ich konnte es an ihrer Haltung sehen, an der Anspannung in ihren Schultern, am Zittern ihrer Hände an ihren Seiten.Karl schritt langsam und bedächtig zwischen ihnen hindurch. Vor jedem einzelnen blieb er stehen, sah ihnen in die Augen und musterte sie. Einige zuckten zusammen. Andere hielten seinem Blick stand, ihre Loyalität ungewiss.„Du hast meinem Vater gedient“, sagte Karl. „Du hast seine Befehle befolgt. Du hast Dinge getan, die niemals hätten getan werden dürfen.“Die Vol
Elian HarperDer Wald war still. Zu still. Selbst die Vögel hatten aufgehört zu singen, und das übliche Rascheln der Kleintiere im Unterholz war völlig verstummt. Karl stand neben mir, angespannt, den Blick über die Baumgrenze schweifen lassend. Ich spürte die Kraft, die von ihm ausging, ein leises Summen, das die Luft schwer erscheinen ließ.„Er ist ganz nah“, sagte Karl leise. „Ich kann ihn riechen.“Ich drückte seine Hand fester. „Was sollen wir tun?“„Wir warten.“ Seine Stimme war ruhig. „Er wird zu uns kommen.“Wir mussten nicht lange warten.Marcus trat aus dem Wald hervor, flankiert von einem Dutzend Schlägern. Sein Lächeln war kalt und räuberisch, seine Augen funkelten vor Bosheit.„Karl.“ Er neigte spöttisch den Kopf. „Ich habe mich schon gefragt, wann du endlich aufhörst zu rennen.“„Ich laufe nicht weg.“ Karl trat vor und stellte sich zwischen mich und Marcus. „Ich warte.“Marcus lachte. „Worauf wartest du? Darauf, dass ich das vollende, was dein Vater begonnen hat?“"Ich w
Karl RichterDie Hütte war still. Elian schlief auf dem Bett, sein Atem ging ruhig und gleichmäßig. Ich stand am Fenster und starrte in die Dunkelheit hinaus, während in meinem Kopf die Konfrontation mit meinem Vater immer wieder vor meinem inneren Auge ablief.Ich konnte seinen Hals noch immer unter meiner Hand spüren. Seinen Pulsschlag. Die Angst in seinen Augen.Er hatte mir befohlen, mich zu unterwerfen. Selbst dann, selbst als er machtlos war, hatte er versucht, mich zu kontrollieren.„Unterwirf dich, Karl.“ Seine Stimme war schwach gewesen, doch der Befehl war noch immer da. „Unterwirf dich deinem Alpha.“Ich hatte gelacht. Wirklich gelacht. Der Klang hallte durch die Lichtung, kalt und hohl.„Du bist nicht mein Alpha“, hatte ich gesagt. „Du bist gar nichts.“Seine Augen hatten sich geweitet, Schock und Wut kämpften in seinem Gesicht. „Das könnt ihr nicht tun. Ihr könnt nicht jahrhundertealte Traditionen missachten.“"Schau mir zu."Ich hatte meinen Griff verstärkt, gerade so, d
Elian HarperDie Lichtung war still. Die überlebenden Vollstrecker lagen verstreut am Boden, stöhnten vor Schmerzen oder lagen regungslos da. Der Alpha stand allein da, sein Gesicht bleich, seine Augen vor Schreck geweitet. Karl ragte über ihm auf, seine massige Gestalt hob sich gegen den Mond ab, seine violetten Augen brannten mit einer Intensität, die die Luft selbst schwer erscheinen ließ.Ich konnte mich nicht bewegen. Ich konnte nicht atmen. Ich sah nur zu, wie Karl einen Schritt auf seinen Vater zuging und seine Krallen tiefe Furchen in die Erde rissen.„Du wolltest sehen, was ich bin“, sagte Karl mit tiefer, grollender Stimme, die den Boden zu erzittern schien. „Hier bin ich.“Der Alpha taumelte zurück, die Hände erhoben. „Karl, hör mir zu. Wir kriegen das hin. Wir finden einen Weg –“„Das gibt es nicht.“ Karls Stimme war kalt. „Du hast mein ganzes Leben lang versucht, mich zu zerstören. Du hast mich in Käfige gesperrt. Du hast mir gesagt, ich sei kaputt. Du hast mich glauben l
Elian HarperDie Luft veränderte sich, sobald wir aus dem Wald traten. Zuerst war es nur ein Hauch, eine Veränderung im Wind, ein leises Flüstern von etwas Uraltem und Mächtigem. Karl blieb stehen, sein Körper erstarrte. Seine Hand umklammerte meine fester."Karl? Was ist los?"Er antwortete nicht. Sein Blick war auf etwas in der Ferne gerichtet, sein violetter Blick leuchtete heller als zuvor. Ich folgte seinem Blick und sah nichts als leeren Wald."Karl, du machst mir Angst."Er drehte sich zu mir um, und sein Gesichtsausdruck raubte mir den Atem. Es war weder Angst noch Wut noch Schmerz. Es war Staunen. Reines, unverfälschtes Staunen.„Ich kann es spüren“, flüsterte er. „Alles. Die Bäume. Die Erde. Den Herzschlag jedes Lebewesens im Umkreis von Meilen. Ich kann alles spüren.“Ich starrte ihn an. „Was meinst du?“Er ließ meine Hand los und trat einen Schritt vor, sein Körper zitterte. „Es ist, als wäre ich vorher blind gewesen. Taub. Und jetzt kann ich alles sehen. Alles hören. Alle
ELIANS SICHTWenn es schon ein Albtraum war, Karls Assistent in der Schule zu sein, dann war es eine Reise auf einen anderen Planeten, ihn zu einer exklusiven Party zu begleiten.Karl hatte mir zwei Stunden vor der Veranstaltung einen Kleidersack aufs Bett gelegt. Darin befand sich ein Anzug, der w
ELIANS SICHTKarl Richters „persönlicher Assistent“ zu sein, war genau so, als wäre man ein Hund an einer sehr kurzen, sehr teuren Leine.Am dritten Tag herrschte reges Treiben in der Schule. Ich konnte keinen Schritt durch den Flur gehen, ohne den Blick hunderter Augen im Nacken zu spüren. Ich war
ELIANS SICHTIch habe nicht geschlafen.Jedes Mal, wenn ich die Augen schloss, sah ich diese goldenen Augen. Ich spürte die Hitze, die von Karls Haut ausging, und die Angst, die ich in diesem Moment empfunden hatte, bevor ich wütend davongestürmt war. Ich blieb wach, bis die Sonne durch die dünnen
ELIANS SICHTDer Chlorgeruch vermittelte mir meist ein Gefühl von Geborgenheit. Er roch nach meinem Stipendium, meinem Ausweg aus dem Elend und dem Einzigen, was mich vor einem Leben als Kellner in einer trostlosen Kleinstadt bewahrte.Aber heute Abend war der Geruch anders. Er war stärker als sons







