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Kapitel 6: Verlorene Seelen und das Versprechen

Autor: Cat Ink
last update Data de publicação: 2026-09-17 14:13:11

POV: Sarah

Vor 23 Jahren

Es war zwei Jahre her, seit ich meinen Bruder zum letzten Mal gesehen hatte.

Ich bereute seine Entscheidung nicht. Selbst wenn wir wussten, dass sie eigentlich Feinde waren – alles, was für mich zählte, war sein Glück.

In den Augen der anderen mag es ein Fehler gewesen sein, schließlich hatte er bereits eine Familie. Aber ich wusste aus eigener Erfahrung, wie es war, eine Ehe ohne Liebe einzugehen.

Wir waren nie mit arrangierten Ehen einverstanden. Doch es war eine gängige Praxis in unserem Clan, und wir konnten uns nicht weigern. Meine Mutter hatte aus Pflichtgefühl geheiratet, mein Bruder war zur Ehe gezwungen worden. Mir blieb also keine andere Wahl, als mich ebenfalls zu beugen.

Als mein Vater mir mitteilte, dass ich den Magier heiraten würde, weigerte ich mich und versuchte sogar zu fliehen. Aber es war zwecklos. Mein Vater zwang uns gegen unseren Willen zur Heirat, um unserem Clan zu dienen; er wiederholte unaufhörlich, dass es unsere Pflicht sei.

Als ich Anderson heiratete, liebte ich ihn nicht. Im Gegenteil, ich hegte tiefen Groll gegen ihn. Es gab Tage, an denen ich ihn verabscheute und versuchte, ihm zu entkommen, doch er fand mich immer wieder.

Erst als wir wirklich zusammenlebten, entstand langsam eine Bindung zwischen uns. Mit der Zeit wandelte sich alles, und ich verliebte mich Stück für Stück unsterblich in ihn.

Im Laufe der Jahre versuchten wir, Kinder zu bekommen, doch wir mussten schmerzhaft erfahren, dass es uns nicht vergönnt war. An diesem Tag brach meine Welt zusammen. Ich hatte mir immer eine eigene Familie gewünscht, aber ich wusste nun, dass dieser Traum unerfüllt bleiben würde.

Lautes Geschrei riss uns mitten in der Nacht aus dem Schlaf. Jemandes Hände hämmerten panisch gegen unsere Tür.

»Mein Schatz …«, flüsterte Anderson unruhig.

»Es ist Emily!«, rief eine zitternde Stimme von draußen. Anderson eilte sofort aus dem Zimmer.

Ich sprang überstürzt aus dem Bett und folgte ihm. Als wir die Tür öffneten, war das Erste, was wir sahen, Emily. Ihre Augen waren von Tränen überströmt, die unaufhaltsam über ihre blutverschmierten Wangen liefen.

Ein leises Wimmern ließ uns herumfahren. In ihren Armen hielt sie ein winziges Bündel gedrückt.

»Sarah … ich brauche deine Hilfe …«, schluchzte sie verzweifelt.

Ich trat hastig auf sie zu. Als ich ihr Gesicht im Mondlicht sah, stockte mir der Atem: Sie war schwer verletzt.

»Was ist passiert? Wo ist James?«, fragte mein Mann alarmiert.

Sie schwieg für einen Moment und wiegte nur zitternd ihr Baby.

»Emily, wo ist mein Bruder?!« Ich konnte die schiere Todesangst in ihren Augen lesen. »Emily!«

»Mein … mein Vater hat uns gefunden, Sarah«, flüsterte sie und sah mich flehend an. »Er hat sein gesamtes Rudel geschickt, um uns zu töten.«

»Wir sind so schnell geflohen, wie wir konnten, aber James ist zurückgeblieben, um sie abzulenken … Ich muss zurück, um ihm zu helfen! Aber ich muss dir mein Baby anvertrauen, bis ich ihn gefunden habe. Ich flehe dich an, versprich mir, dass du auf sie aufpasst und sie liebst wie deine eigene Tochter!«

»Was?!«, starrte ich sie entsetzt an. »Nein! Ich werde dir helfen. Sag mir einfach, wo mein Bruder ist, und ich bleibe hier mit deinem Baby!«

»Nein, Sarah«, sagte sie und ergriff mit letzter Kraft meine Hände. »Sieh mich an, ich bin tödlich verletzt. Sie suchen nach mir und meiner Tochter. Wenn ich hierbleibe, werden sie uns alle finden.«

Ich schüttelte panisch den Kopf.

»Bitte … Ich weiß, dass du dich gut um sie kümmern wirst. Ich flehe dich an, geh jetzt, bevor sie hier sind! Du riskierst dein Leben … Sie kommen näher, Sarah! Ich flehe dich an!«

Ich sah ihr direkt in die Augen. Ich wollte ihr so dringend helfen, aber sie schüttelte nur den Kopf und wandte sich an meinen Mann.

Anderson beobachtete das kleine Baby schweigend.

Emily seufzte voller Schmerz. »In Ordnung.« Ihr Blick traf den meinen. »Geh mit ihr, Sarah. Ich muss zurück zu James!«

»Nein, Anderson!«, rief ich.

»Du musst sie begleiten! Du musst auf sie aufpassen«, flehte Emily ihn an. »Sie werden es auf Sarah und mein Baby abgesehen haben, aber du wirst wissen, wie du sie versteckst. Ich weiß, dass ihr euch gut um meine kleine Daphne kümmern werdet.«

Sie drückte ihr Baby noch einmal fest an sich. Ihre Lippen näherten sich der Stirn des Kindes, und sie hauchte einen zärtlichen Abschiedskuss darauf.

Dann sah sie mich an und lächelte schwach. Sie hob das Bündel an und reichte es mir. Ich schloss das kleine Mädchen behutsam in meine Arme und blickte Emily an. Das kleine Mädchen war wunderschön.

»Ich werde mich um sie kümmern, bis ihr zu uns stoßt.«

Emily schüttelte traurig den Kopf. »Geht weit fort und kehrt niemals zurück. Bitte … passt gut auf Daphne auf!« Mit diesen Worten wandte sie sich ab und verschwand in der Dunkelheit.

Anderson sah mich an. Sein Gesicht war von kühler Entschlossenheit geprägt. Ich wusste, dass er mir seine tiefsitzende Sorge nicht zeigen wollte, aber ich spürte sie dennoch. Es war Zeit zu gehen.

Er reichte mir die Hand und drückte meine Finger fest. »Alles wird gut werden«, flüsterte er.

»Ich hoffe es so sehr …«

Daphne, 5 Jahre alt:

Sie begann sich zu verändern …

Ich sah deutlich, dass sie anders war als wir. Sobald sie wütend wurde, begannen Gegenstände im Raum zu zittern, zu schweben oder krachend zu Boden zu fallen.

Wir konnten nicht länger an einem Ort bleiben. Es war Zeit, wieder umzuziehen.

Daphne, 8 Jahre alt:

»Wann kommt Papa endlich wieder?«, fragte die kleine Daphne und sah mich mit tränenüberströmten Augen an.

»Er ist bald zurück, mein Schatz. Er musste nur schnell etwas erledigen.«

»Ich will aber Papa!«, schrie sie.

Die Fensterscheiben begannen gefährlich zu vibrieren. Es passierte schon wieder.

»Daphne, ganz ruhig …«

»NEIN!«, schrie sie so laut, dass die Scheiben mit einem ohrenbetäubenden Knall zersprangen.

Entsetzt starrte ich sie an. Ein stechender Schmerz fuhr mir in den Bauch – eine Flut von Glassplittern wirbelte durch die Luft.

»Anderson, schnell! Hilf ihr! Lass sie alles vergessen!«

Daphne, 14 Jahre alt:

Ein gellender Schrei hallte durch das ganze Haus. Ich wusste sofort, dass es Daphne war. Die Lage begann endgültig zu eskalieren.

Wir stürzten in ihr Zimmer, doch kaum hatten wir die Schwelle überschritten, erstarrten unsere Körper wie zu Eis. Ihre Kräfte brachen mit gewaltiger Macht hervor …

»Mama, was passiert mit mir? Was ist das?«, stammelte sie und sah entsetzt auf ihre zitternden Hände. »Mama … Mama, was stimmt nicht mit meinen Händen?!«

»Ganz ruhig, mein Schatz. Konzentrier dich auf meine Stimme!«

Mein Mann nahm unser kleines Mädchen schützend in die Arme. Auch wenn sie nicht unser leibliches Kind war, liebten wir sie von ganzem Herzen – sie war die Tochter, die ich niemals haben konnte.

»Ich weiß nicht, was mit mir los ist …«, schluchzte sie vor Schmerz. »Bitte macht, dass es aufhört!«

»Von welcher Frau sprichst du, mein Schatz?«, zog ich sie sanft an mich.

Unsere Blicke trafen sich. Sie nahm meine Wangen in ihre kleinen Hände, während Tränen über ihr Gesicht liefen. Ich verstand nicht, was geschah – bis plötzlich fremde Bilder vor meinem geistigen Auge auftauchten …

Wie war das möglich?!

Ich sah meinen Mann entsetzt an. Sein Gesicht war vollkommen fassungslos. Wie konnte es sein, dass sie mir Erinnerungen ihrer leiblichen Mutter zeigte?

»Wer ist das?«, flüsterte Daphne erschöpft.

Anderson beugte sich vor, gezeichnet von Schmerz.

»Das darf ihr nicht wehtun«, sagte ich voller Sorge zu meinem Mann. »Was ist los mit ihr?«

»Das passiert, wenn ihre unterdrückten Kräfte das Siegel durchbrechen …«, murmelte er schwerfällig.

»Dann müssen wir es erneuern!« Anderson schüttelte unruhig den Kopf. »Sie darf diese Kräfte jetzt noch nicht besitzen. Es ist nicht der richtige Zeitpunkt! Sie würden uns aufspüren, und ich werde ihr Leben nicht aufs Spiel setzen!«

»Sarah, wenn wir sie weiter unterdrücken, könnte es ihr schweren Schaden zufügen«, warnte mich mein Mann.

»Aber sie leidet doch jetzt schon! Bitte, Anderson!«

Er schwieg für einen langen Moment. Dann legte er sanft seine Hände an ihre Schläfen und begann, den Zauber zu sprechen. Langsam schlossen sich Daphnes Augen, und sie sank in einen tiefen Schlaf.

»Du weißt, dass du diese Mächte nicht ewig in ihr verschließen kannst …«, sagte Anderson und sah mich eindringlich an, bevor sein Blick auf unser schlafendes Mädchen fiel.

»Ich muss zu meinem Bruder …«, flüsterte ich.

Es war Zeit, zurückzukehren. Daphnes Leben war in tödlicher Gefahr, wenn die anderen herausfanden, welch immense Macht sie besaß – und das würde ich niemals zulassen.

Ich blickte mich um und spürte ein lähmendes Gefühl im Magen bei dem Gedanken, wieder hier zu sein. Vierzehn Jahre waren vergangen, ohne ein Lebenszeichen von meinem Bruder erhalten zu haben. Das letzte Mal hatten wir um die Zeit von Emilys Tod von ihm gehört. Mein Bruder hatte damals eine ältere Hexe geschickt, um uns mit Daphne zu helfen; obwohl er uns vertraute, wusste er, wie einzigartig und gefährlich Daphnes Natur war.

Während ich meinen Weg fortsetzte, traten plötzlich zwei Männer aus den Schatten.

»Sieh mal einer an, was haben wir denn da? Eine hübsche kleine Hexe«, sagte einer von ihnen und musterte mich mit einem dreisten Grinsen. Sein Blick blieb unangenehm auf meiner Brust hängen.

Ich rollte nur mit den Augen und ging einfach weiter.

Eine Hand packte mich grob am Arm.

Ich drehte mich langsam um und lächelte kühl.

»Komm schon, kleine Hexe, das wird dir gefallen …«, raunte er.

»Ach ja?«, trat ich einen Schritt näher an ihn heran. »Glaubst du wirklich, dass mir das gefallen wird?«

Seine andere Hand strich über mein Gesicht.

»Ich frage mich, ob dir das hier gefallen wird«, flüsterte ich.

Er starrte mich plötzlich überrascht an.

»Was … was machst du da?!«, schrie er auf einmal auf. »Hör auf, du verbrennst mich!«

»Gefällt es dir etwa nicht?«, schmollte ich gespielt. »Ich dachte, du stehst darauf.«

»Hilfe!«, brüllte er und sah seinen Gefährten panisch an. Er sackte auf die Knie. Sein Körper krümmte sich vor Schmerzen, während ich magisches Feuer über sein Bein gleiten ließ.

»Bitte, lass meinen Bruder in Ruhe!«, flehte mich der andere Mann mit angstgeweiteten Augen an.

Der Angreifer verlor vor Schmerz das Bewusstsein und brach zusammen.

»Wenn ihr uns noch einmal belästigt, werdet ihr es bitter bereuen«, sagte ich kalt zu dem zweiten Mann.

Ich ließ die beiden zurück und ging weiter zum Haus meines Bruders James.

Als ich eintrat, blickte ich mich um: Alles wirkte grau, traurig und vergessen.

»Sarah?!«, weiteten sich die Augen meines Bruders vor ungläubigem Staunen.

Ich lief auf ihn zu und schloss ihn fest in die Arme. Sein Gesicht wirkte unendlich müde und gezeichnet vom Leben.

»Du darfst nicht hier sein, wenn sie in der Nähe sind …«, stammelte er unruhig.

»Genau deshalb bin ich hier, James. Ich brauche deine Hilfe. Daphne muss erfahren, was mit ihr los ist … ihre Kräfte brechen wieder durch. Sie muss hierherkommen.«

James schüttelte heftig den Kopf und ergriff meine Hände. »Es wäre lebensgefährlich, sie hierherzubringen! Sie ist zu mächtig … Ich habe versucht, sie aufzuspüren, aber es ist unmöglich. Sobald sie entdeckt wird, wird man ihr etwas antun!« Er zog die Stirn kraus. »Ich weiß nicht, wer ihr hilft, sich zu verstecken … Dieser Brief ist erst vor ein paar Tagen angekommen.«

Er zog ein Pergament hervor und reichte es mir.

ICH WEISS, WONACH DU SUCHST, HEXER. ABER ES IST NOCH NICHT DIE ZEIT. WIR SEHEN UNS BALD. SEI VORSICHTIG, DENN ICH BIN NICHT DER EINZIGE, DER NACH DIR SUCHT.

»Was?! Wer sucht nach dir?«, fragte ich erschrocken.

»Ich …«, er trat näher an mich heran. »Als Emily starb, hörte mein Leben auf zu existieren, Sarah. Und ich habe Dinge getan, die ich zutiefst bereue …«

»Was ist geschehen, James?«

»Ich habe unschuldige Familien getötet … Familien von Werwölfen und Vampiren …«, stahlen sich Tränen über sein gealtertes Gesicht. »Und ich weiß, dass sie kommen werden, um mich zu holen – und sie werden auch nach ihr suchen … Ich habe sie in tödliche Gefahr gebracht, Sarah.«

Er vergrub sein Gesicht an meiner Schulter.

Ich konnte kaum glauben, was er da sagte. Aber er hatte recht: Das bedeutete, dass sie Jagd auf meine Tochter machen würden.

Ich hob die Hand und legte sie behutsam an seine Wange.

»Ich werde niemals zulassen, dass ihr irgendwas zustößt. Ich werde mein Leben für sie geben. Mach dir keine Sorgen – wir werden gut auf sie aufpassen.«

»Sie vertraut dir … bitte beschütze sie«, flüsterte er gebrochen.

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