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Rosemaries POV
„Es tut mir wirklich leid, Rosemarie, aber der beste Zeitpunkt für eine Operation ist bereits verstrichen.“ Die Stimme des Arztes klang, als käme sie von unter Wasser. Ich saß auf einem harten Plastikstuhl in der Klinik des Rudels und starrte auf die Staubpartikel, die im sterilen Licht schwebten. Er redete weiter und warf mit medizinischen Fachbegriffen um sich, die wie schwere Steine auf meine Brust fielen. Fortgeschrittenes Stadium. Hirntumor. Aggressives Wachstum. „Gibt es wirklich nichts, was wir tun können?“, fragte ich. Meine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Unser Rudel verfügt über einige der besten medizinischen Geräte der Region.“ Dr. Evans seufzte und rieb sich die Schläfen. „Das Problem sind nicht die Geräte. In unserem Rudel gibt es keinen Arzt mit den chirurgischen Fähigkeiten, die für einen so weit fortgeschrittenen Tumor erforderlich sind. Selbst wenn wir einen Spezialisten von außerhalb einfliegen ließen, wären die Chancen auf eine vollständige Genesung immer noch äußerst gering. Die Operation selbst könnte die Zeit verkürzen, die Ihnen noch bleibt.“ Die Zeit, die mir noch bleibt. Die Worte hallten in meinem Kopf wider und lösten einen stechenden, vertrauten Schmerz hinter meinen Augen aus. Automatisch bedankte ich mich bei ihm, stand auf wackligen Beinen auf und verließ die Klinik. Die Mittagssonne blendete mich, als ich auf den Parkplatz trat, doch meine Gedanken blieben in einer düsteren Schleife gefangen und zählten die Monate rückwärts. Sechs Monate. Seit einem halben Jahr zerfetzten diese Kopfschmerzen meinen Schädel. Vor sechs Monaten hatte vermutlich alles als etwas Kleines und Behandelbares angefangen. Ich erinnerte mich an die erste schreckliche Migräne, bei der mir ein Keramikteller in der Küche aus der Hand gefallen war. In Panik hatte ich Rex angerufen und ihn angefleht, nach Hause zu kommen und mich ins Krankenhaus zu bringen. „Ich bin beschäftigt, Rosemarie“, hatte er mich am Telefon angefahren. „Du hast wahrscheinlich einfach nicht genug Wasser getrunken. Ich muss ein Problem an der Grenze klären. Ruf mich nicht wegen Kleinigkeiten an.“ Jedes Mal war die Antwort dieselbe gewesen. Er war zu beschäftigt. Er war der Alpha. Das Rudel kam immer zuerst. Seine Pflichten kamen immer zuerst. Und wenn Rex mich nicht gerade abwies, verschlang mich der Alltag vollständig. Unseren Sohn Leo zu versorgen, war ein Vollzeitjob. Zwischen der Führung des Haushalts, meinen Aufgaben für das Rudel und dem Bemühen, Leo alles zu geben, was er brauchte, stellte ich meine eigenen Schmerzen zurück. Ich nahm billige Schmerzmittel, lächelte trotz der Kopfschmerzen und redete mir ein, dass es nur Stress sei. Und jetzt sieh dir an, wohin mich diese Loyalität gebracht hatte. Ich hatte meine Gesundheit geopfert, damit Rex' Leben reibungslos verlief, und als Belohnung erhielt ich ein Todesurteil. Wut stieg in mir auf und vermischte sich mit der Angst, Leo zurücklassen zu müssen. Rex würde es nicht kümmern. Er würde einfach eine andere Luna finden, die meinen Platz einnahm. Als ich in die Einfahrt unseres Hauses fuhr, hatte sich der Kopfschmerz in ein blendendes Pochen hinter meinen Augen verwandelt. An den Rändern verschwamm meine Sicht. Angst und Erschöpfung ließen meine Haut kribbeln. Alles, was ich wollte, war, mich einen Tag lang in einem dunklen Zimmer hinzulegen. Nur einen einzigen Tag, um die Tatsache zu verarbeiten, dass ich im Sterben lag. Ich schloss die Haustür auf, betrat die stille Eingangshalle und zog meine Schuhe aus. Ich schaffte genau drei Schritte in Richtung Treppe, bevor das Sofa im Wohnzimmer knarrte. „Na sieh mal einer an, wer sich endlich dazu entschlossen hat, aufzutauchen.“ Mir sackte der Magen zusammen. Langsam drehte ich mich um und sah meine Schwiegermutter Helen ordentlich auf dem Sofa sitzen, eine Tasse Tee in der Hand. Neben ihr saß Chloe, Rex' Schwester, die auf ihrem Handy scrollte und dabei ihren üblichen angewiderten Gesichtsausdruck trug. Sie waren hier. Schon wieder. „Hallo, Helen. Hallo, Chloe“, sagte ich und bemühte mich trotz des hämmernden Schmerzes in meinem Kopf um eine ruhige Stimme. „Ich wusste nicht, dass ihr heute vorbeikommt.“ „Wir sollten keine Einladung brauchen, um das Haus meines Bruders zu besuchen“, höhnte Chloe, ohne aufzusehen. „Aber ehrlich gesagt sieht dieses Haus jedes Mal, wenn wir herkommen, furchtbar aus. Sieh dir den Staub auf diesem Beistelltisch an. Einfach erbärmlich. Ich weiß nicht, wie Rex eine so faule Luna erträgt.“ Helen stellte ihre Teetasse mit einem lauten Klirren ab. „Rosemarie, du siehst schrecklich aus. Blass, zerzaust und völlig ungepflegt. Du sollst diese Familie repräsentieren. Wenn wichtige Rudelmitglieder dich wie einen wandelnden Leichnam sehen, fällt das auf Rex zurück. Eine fähige Ehefrau achtet auf ihr Äußeres, ganz gleich, wie müde sie ist.“ Die Ironie hätte mich beinahe zum Lachen gebracht. Ich sah aus wie ein Leichnam, weil ich langsam einer wurde. „Es tut mir leid“, sagte ich und presste die Finger gegen meine schmerzende Schläfe. „Ich habe heute schreckliche Kopfschmerzen. Mir geht es wirklich nicht gut. Ich brauche nur etwas Ruhe, um mich oben auszuruhen. Über das Haus können wir später sprechen.“ Chloe warf ihr Handy auf das Sofa und stand mit verschränkten Armen auf. Sie kam auf mich zu, ihre Augen voller Boshaftigkeit. „Kopfschmerzen? Im Ernst? Du hast immer irgendeine erbärmliche Ausrede, um dich vor deinen Pflichten zu drücken. Glaubst du, nur weil du einen Ehering trägst, kannst du den ganzen Tag untätig herumsitzen?“ „Chloe, bitte“, flüsterte ich. Das Sonnenlicht, das durch das Fenster fiel, fühlte sich an wie Nadeln, die in meine Augen stachen. „Lass mich einfach ein paar Stunden ausruhen.“ „Nein!“, fuhr Chloe mich an und trat noch näher. „Rex arbeitet seit fünf Uhr morgens im Büro des Alphas. Er hat den ganzen Tag keine richtige Mahlzeit bekommen, weil er tatsächlich wichtige Arbeit erledigt, anders als du. Du gehst jetzt in die Küche, bereitest ihm eine warme Mahlzeit zu und bringst sie in sein Büro.“ „Kann die Küche des Rudelhauses ihm nicht etwas schicken?“, fragte ich, während die Verzweiflung in meiner Stimme hörbar wurde. „Dafür gibt es doch Personal.“ Helen schnaubte verächtlich. „Eine hingebungsvolle Ehefrau bereitet ihrem Mann seine Mahlzeiten selbst zu, Rosemarie. Hör auf, egoistisch zu sein. Es ist schon schlimm genug, dass du kaum etwas zum gesellschaftlichen Ansehen des Rudels beiträgst. Wenigstens kannst du den Mann versorgen, der für deinen Lebensunterhalt aufkommt. Geh. Sofort.“ Ich stand zitternd da und starrte in ihre kalten Gesichter. Sie kümmerten sich nicht um mich. Das hatten sie noch nie getan. In ihren Augen war ich nur eine Wölfin von niedriger Herkunft, die Glück gehabt hatte und ihren Platz kennen sollte. Wenn ich mich weigerte, würde Chloe eine Szene machen. Helen würde sich bei Rex beschweren. Rex würde wütend nach Hause kommen und mir vorwerfen, Probleme zu verursachen, während er versuchte, das Rudel zu führen. Ich hatte nicht die Kraft für einen weiteren Streit. Es fühlte sich an, als würde mein Kopf gleich auseinanderbrechen. „Na schön“, murmelte ich. Ich wandte mich von der Treppe ab, gab das dunkle, ruhige Zimmer auf, das ich so dringend brauchte, und zwang mich, in die Küche zu gehen. Die Hitze des Herdes verschlimmerte meine Übelkeit sofort. Jeder Schnitt mit dem Messer ließ den Schmerz durch meinen Schädel schießen. Ich bewegte mich wie eine Maschine, kochte Reis, briet das Fleisch scharf an und verstaute alles in einem Thermobehälter. Tränen, verursacht durch Schmerzen und Verbitterung, verschleierten meine Sicht, doch ich wischte sie weg, bevor jemand sie sehen konnte. Sie wollten eine gehorsame Ehefrau? Gut. Ich würde diese eine letzte Sache noch erledigen. Nachdem ich das Essen eingepackt hatte, nahm ich meine Schlüssel und fuhr zum Verwaltungsgebäude des Rudels. Die Fahrt verlief wie in einem Nebel, und als ich die Steinstufen zum Büro des Alphas hinaufstieg, zitterten meine Hände so stark, dass der Behälter klapperte. Der Flur vor Rex' privatem Büro war leer. Der dicke Teppich dämpfte meine Schritte, während ich mich der Tür näherte. Ich griff nach dem Messinggriff, fest entschlossen, das Essen auf seinem Schreibtisch abzustellen und wieder zu verschwinden, bevor ich mich übergeben musste. Doch bevor meine Finger das Metall berührten, ließ mich ein Geräusch erstarren. Das atemlose Lachen einer Frau, das aus dem Inneren des Büros drang.Rosemaries SichtIch machte mir nicht einmal die Mühe, zum Rudelhaus zurückzukehren, um meine Sachen zu packen. In diesem Gebäude gehörte mir ohnehin nichts mehr, und ich wollte ganz bestimmt weder Helens selbstgefälliges Gesicht sehen noch miterleben, wie mein Sohn mich mit dieser schmerzhaft deutlichen Abneigung ansah. Ich verließ das Verwaltungsgebäude direkt, stieg in mein Auto und fuhr geradewegs zum Flughafen.Ich hatte genug eigene Ersparnisse und wollte an einen weit entfernten Ort. In eine ruhige Küstenstadt, wo ich die Wellen beobachten und die letzten Wochen meines Lebens in Frieden verbringen konnte, weit weg von den giftigen Wölfen, die mich zerstört hatten.Das Flughafenterminal war voller Reisender, eine Menschenmenge, die zielstrebig in alle Richtungen strömte. Langsam machte ich mich auf den Weg zum Ticketschalter, doch mit jedem Schritt wurde der Druck in meinem Kopf schlimmer. Die Belastung durch die Zurückweisung meines Schicksalsgefährten, zusammen mit dem Stress
Rosemaries SichtDer scharfe Geruch von Desinfektionsmittel war das Erste, was mich in die Wirklichkeit zurückholte. Langsam öffnete ich die Augen und blinzelte gegen das grelle weiße Licht eines Krankenzimmers an. Das gleichmäßige Piepen eines Herzmonitors hallte durch den stillen Raum. Ich lag nicht mehr auf der kalten Betonveranda.Ein junges Mädchen in einem schlichten Baumwollkleid saß neben meinem Bett. Als sie bemerkte, dass ich mich bewegte, leuchteten ihre Augen vor Erleichterung auf. Es war Maya, eine der rangniedrigen Hausangestellten, die in der Küche des Rudelhauses arbeiteten.„Oh, Luna, Gott sei Dank sind Sie wach“, flüsterte Maya und beugte sich zu mir. „Ich habe Sie bewusstlos neben der Haustür gefunden, als ich den Müll hinausbringen wollte. Sie haben nicht reagiert, also bekam ich Panik und rief einen Krankenwagen, der Sie ins Krankenhaus der Stadt brachte.“Ich schluckte schwer. Mein Hals fühlte sich an, als wäre er mit Sandpapier ausgekleidet.„Ist … ist noch jema
Rosemaries Sicht„Du bist wirklich schlimm, Rex“, kicherte die Frau. Ihr verspieltes, atemloses Lachen ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. „Was, wenn deine kleine Ehefrau hereinkommt und uns so sieht?“„Na und?“, erwiderte Rex völlig unbesorgt. „Sie sitzt wahrscheinlich sowieso zu Hause herum und tut nichts. Du bist die Einzige, die ich in meinem Büro haben will, Tracy.“Tracy.Seine erste Liebe.Die Frau, die das Rudel vor Jahren verlassen hatte, um ihren eigenen Träumen nachzugehen, und Rex mit gebrochenem Herzen zurückgelassen hatte.Ich stand wie erstarrt im Flur. Der Thermobehälter in meinen zitternden Händen fühlte sich plötzlich unerträglich schwer an.Sechs Monate. Sechs Monate mit blendenden Kopfschmerzen. Sechs Monate, in denen ich ihn angefleht hatte, mich in ein Krankenhaus zu begleiten und mit mir im Wartezimmer zu sitzen.Sechs Monate, in denen ich immer wieder gehört hatte, dass er zu beschäftigt sei. Zu sehr mit den Angelegenheiten des Rudels beschäftigt. Zu sehr
Rosemaries POV „Es tut mir wirklich leid, Rosemarie, aber der beste Zeitpunkt für eine Operation ist bereits verstrichen.“Die Stimme des Arztes klang, als käme sie von unter Wasser. Ich saß auf einem harten Plastikstuhl in der Klinik des Rudels und starrte auf die Staubpartikel, die im sterilen Licht schwebten. Er redete weiter und warf mit medizinischen Fachbegriffen um sich, die wie schwere Steine auf meine Brust fielen.Fortgeschrittenes Stadium. Hirntumor. Aggressives Wachstum.„Gibt es wirklich nichts, was wir tun können?“, fragte ich. Meine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Unser Rudel verfügt über einige der besten medizinischen Geräte der Region.“Dr. Evans seufzte und rieb sich die Schläfen.„Das Problem sind nicht die Geräte. In unserem Rudel gibt es keinen Arzt mit den chirurgischen Fähigkeiten, die für einen so weit fortgeschrittenen Tumor erforderlich sind. Selbst wenn wir einen Spezialisten von außerhalb einfliegen ließen, wären die Chancen auf eine vollständige







