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Kapitel 2

Author: Purplefly
last update publish date: 2026-10-24 18:11:25

Rosemaries Sicht

„Du bist wirklich schlimm, Rex“, kicherte die Frau. Ihr verspieltes, atemloses Lachen ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. „Was, wenn deine kleine Ehefrau hereinkommt und uns so sieht?“

„Na und?“, erwiderte Rex völlig unbesorgt. „Sie sitzt wahrscheinlich sowieso zu Hause herum und tut nichts. Du bist die Einzige, die ich in meinem Büro haben will, Tracy.“

Tracy.

Seine erste Liebe.

Die Frau, die das Rudel vor Jahren verlassen hatte, um ihren eigenen Träumen nachzugehen, und Rex mit gebrochenem Herzen zurückgelassen hatte.

Ich stand wie erstarrt im Flur. Der Thermobehälter in meinen zitternden Händen fühlte sich plötzlich unerträglich schwer an.

Sechs Monate. Sechs Monate mit blendenden Kopfschmerzen. Sechs Monate, in denen ich ihn angefleht hatte, mich in ein Krankenhaus zu begleiten und mit mir im Wartezimmer zu sitzen.

Sechs Monate, in denen ich immer wieder gehört hatte, dass er zu beschäftigt sei. Zu sehr mit den Angelegenheiten des Rudels beschäftigt. Zu sehr von seinen Pflichten als Alpha überwältigt.

Das alles war eine Lüge gewesen. Er beschützte das Rudel nicht. Er verbrachte seine Zeit mit ihr. Der Schmerz in meinem Kopf explodierte zu weißglühender Wut. Ich klopfte nicht an.

Ich schlug die Hand gegen die Klinke und riss die Tür so heftig auf, dass sie mit einem lauten Knall gegen die Wand prallte.

Rex saß hinter seinem Schreibtisch, während Tracy sich darüberbeugte und ihre Finger auf seinen Kragen legte.

Keiner von beiden fuhr erschrocken auseinander oder sah schuldbewusst aus. Tracy grinste nur spöttisch und strich ihren Designerrock glatt. Rex hingegen wirkte genervt.

„Was glaubst du eigentlich, was du hier tust, Rosemarie?“, fuhr er mich an. „Weißt du nicht, wie man anklopft?“

Ich stürmte in das Büro und knallte den Thermobehälter auf seinen Schreibtisch.

„Sind das also deine Angelegenheiten des Rudels, Rex? Ist das die wichtige Pflicht eines Alphas, die dich davon abgehalten hat, mich ins Krankenhaus zu bringen?“ Meine Stimme zitterte vor Kummer und Wut. „Du betrügst mich! Du hast mich leiden lassen, während du deine Zeit mit ihr verbracht hast!“

Rex blinzelte nicht einmal. Stattdessen seufzte er.

„Pass auf, wie du in meinem Büro redest. Ich habe dir nichts zu erklären.“

Dann wandte er sich Tracy zu, und sein Gesichtsausdruck wurde sofort weicher.

„Tracy, lass uns eine Minute allein. Warte unten.“

„Natürlich, Rex“, schnurrte Tracy.

Sie musterte mich von Kopf bis Fuß, betrachtete mein blasses Gesicht und mein ungepflegtes Aussehen und ging dann mit einem höhnischen Lächeln an mir vorbei.

Die Tür fiel mit einem leisen Klicken hinter ihr ins Schloss. Ich starrte meinen Ehemann an. Den Mann, dem ich alles gegeben hatte.

„Nichts zu erklären?“, verlangte ich zu wissen. „Ich bin deine Frau, Rex! Ich bin seit Monaten krank, und du konntest nicht einmal eine Stunde für mich erübrigen, weil du damit beschäftigt warst, wieder mit deiner Ex zusammenzukommen?“

Rex öffnete eine Schublade seines Schreibtischs und zog eine dicke Mappe heraus. Er warf sie neben das Essen, das ich trotz einer erdrückenden Migräne für ihn gekocht hatte.

Ich blickte hinunter.

Scheidungspapiere.

Mir stockte der Atem. Ich spürte, wie sich der Raum um mich drehte.

„Warum?“, flüsterte ich. Die Wut verflog und hinterließ nur Leere. „Warum tust du mir das an?“

„Weil ich dich nur geheiratet habe, weil wir vom Schicksal füreinander bestimmte Gefährten waren“, sagte Rex tonlos. „Ich habe dich nie geliebt, Rosemarie. Ich habe dich wegen unserer Verbindung geduldet, aber jetzt ist Tracy zurück. Ich bin es leid, so zu tun, als wäre alles in Ordnung. Ich werde dir eine großzügige Abfindung zahlen. Du wirst finanziell abgesichert sein.“

„Und Leo?“, fragte ich mit zitternden Händen. „Was ist mit unserem Sohn?“

„Leo bleibt hier. Bei mir.“ Seine Stimme war fest. „Er ist der zukünftige Alpha. Er gehört zum Rudel.“

„Nein!“ Der Schrei riss aus meiner Kehle und löste neue Schmerzen in meinem Schädel aus. „Das werde ich niemals akzeptieren! Ich werde nicht zulassen, dass du und diese Frau mir meinen Sohn wegnehmt! Ich habe ihn ausgetragen! Ich habe ihn großgezogen, während du uns ignoriert hast. Du wirst ihn mir nicht wegnehmen!“

Rex grinste spöttisch. Ein grausames, höhnisches Lächeln.

„Du willst mit mir um das Sorgerecht kämpfen? Gut. Dann hol ihn von der Schule ab und frag ihn selbst. Wenn Leo sich für dich entscheidet und mit dir gehen will, werde ich ihn nicht aufhalten.“

Die Selbstsicherheit in seiner Stimme machte mir Angst. Trotzdem blieb ich nicht länger. Ich drehte mich um und rannte los.

Wie benommen fuhr ich zu Leos Schule und umklammerte das Lenkrad so fest, dass meine Knöchel weiß wurden. In der Mitte meines Sichtfeldes begann sich ein dunkler Schatten auszubreiten, doch ich zwang mich, mich zu konzentrieren.

Ich durfte Leo nicht verlieren. Er war das Einzige, was in meinem Leben noch gut war. Als ich die Schule erreichte, hatte gerade die letzte Schulglocke geläutet. Die Kinder strömten durch die Tore.

Mein Herz machte einen Sprung, als ich meinen siebenjährigen Sohn nach draußen laufen sah.

„Leo!“, rief ich.

Doch er sah mich nicht einmal an.

Sein Gesicht leuchtete vor Begeisterung auf, als er auf einen eleganten Sportwagen zulief, der in der Nähe geparkt war. Tracy stand daneben und hielt eine Tüte mit teuren Süßigkeiten in der Hand.

„Tante Tracy!“, quietschte Leo und warf sich in ihre Arme.

Etwas in mir zerbrach.

Der Verrat. Der Schmerz. All die Ungerechtigkeit. Alles brach gleichzeitig aus mir heraus. Ich marschierte hinüber, packte Leo am Arm und zog ihn von ihr weg.

„Hey! Lass mich los!“, schrie Leo.

„Rosemarie, mach keine Szene“, sagte Tracy verächtlich. „Er wollte doch nur ein paar Süßigkeiten.“

„Halt dich von meinem Sohn fern“, zischte ich.

Meine Stimme war so leise und bedrohlich, dass selbst Tracy einen Schritt zurücktrat. Ich zog Leo zu meinem Auto, ignorierte seine Proteste und schnallte ihn auf dem Rücksitz an. Kaum setzte sich das Auto in Bewegung, begann er zu schreien.

„Ich hasse dich!“, brüllte er und trat gegen meinen Sitz. „Du bist so gemein! Warum hast du mich von ihr weggezogen? Tante Tracy wollte mit mir in den Spielzeugladen gehen!“

„Leo, bitte hör auf zu schreien“, flehte ich. Tränen liefen mir über das Gesicht, während seine laute Stimme Schmerzwellen durch meinen Kopf jagte. „Mama ist gerade wirklich sehr krank. Bitte. Sei einfach lieb zu Mama.“

„Du bist nicht krank! Du erfindest Ausreden, weil du gemein bist!“, schrie Leo. „Du machst immer alles kaputt! Tante Tracy ist nett! Sie kauft mir alles, was ich will! Ich will nicht bei dir bleiben! Ich will, dass Tracy meine Mama ist!“

Jedes einzelne Wort bohrte sich direkt in mein Herz.

Mein eigener Sohn. Das Kind, das ich großgezogen und beschützt hatte. Das Kind, das ich mehr als alles andere liebte. Er wollte jemand anderen. Er wollte mich ersetzen.

Als wir das Rudelhaus erreichten, konnte ich mich kaum noch zusammenhalten. Leo schnallte sich ab, sprang aus dem Auto und rannte weinend ins Haus. Ich folgte ihm auf wackligen Beinen.

Kaum hatte ich die Haustür durchschritten, sah ich, wie Leo sein Gesicht in Helens Rock vergrub.

„Oma!“, schluchzte er. „Mama war so gemein zu mir! Sie hat mich von Tante Tracy weggezogen und mich im Auto angeschrien! Sie ist verrückt!“

Helens Gesicht verzerrte sich vor Wut. Sie legte einen Arm um Leo und funkelte mich böse an.

„Du erbärmliche, gewalttätige Frau! Wie kannst du es wagen, deine Wut an einem Kind auszulassen, nur weil mein Sohn endlich erkannt hat, dass du wertlos bist? Du bist völlig ungeeignet, Mutter zu sein, geschweige denn eine Luna.“

„Helen, so war das nicht“, keuchte ich. Der Raum begann sich um mich zu drehen. „Leo lügt … Ich bin krank … Ich muss …“

„Deine Lügen interessieren mich nicht!“, schrie Chloe, die gerade aus der Küche kam. Sie packte meinen Arm. Bevor ich reagieren konnte, stießen sie und Helen mich mit aller Kraft nach hinten.

Hart.

„Du bleibst draußen, bis Rex nach Hause kommt“, fauchte Helen.

Die Haustür knallte zu. Das Schloss klickte.

„Helen! Mach die Tür auf!“, hämmerte ich gegen das Holz. „Leo ist drinnen! Bitte lass mich rein!“

Keine Antwort.

Die Vorhänge blieben geschlossen, und das Haus blieb still. Doch ich klopfte weiter.

Immer wieder. Jeder Schlag wurde schwächer. Eine weitere Schmerzwelle explodierte in meinem Schädel.

Schließlich gaben meine Knie nach, und meine Hände glitten an der Tür hinunter. Der Druck in meinem Kopf war unerträglich.

Dunkelheit breitete sich in meinem Sichtfeld aus … und dann wurde alles schwarz.

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