LOGINRosemaries Sicht
Der scharfe Geruch von Desinfektionsmittel war das Erste, was mich in die Wirklichkeit zurückholte. Langsam öffnete ich die Augen und blinzelte gegen das grelle weiße Licht eines Krankenzimmers an. Das gleichmäßige Piepen eines Herzmonitors hallte durch den stillen Raum. Ich lag nicht mehr auf der kalten Betonveranda. Ein junges Mädchen in einem schlichten Baumwollkleid saß neben meinem Bett. Als sie bemerkte, dass ich mich bewegte, leuchteten ihre Augen vor Erleichterung auf. Es war Maya, eine der rangniedrigen Hausangestellten, die in der Küche des Rudelhauses arbeiteten. „Oh, Luna, Gott sei Dank sind Sie wach“, flüsterte Maya und beugte sich zu mir. „Ich habe Sie bewusstlos neben der Haustür gefunden, als ich den Müll hinausbringen wollte. Sie haben nicht reagiert, also bekam ich Panik und rief einen Krankenwagen, der Sie ins Krankenhaus der Stadt brachte.“ Ich schluckte schwer. Mein Hals fühlte sich an, als wäre er mit Sandpapier ausgekleidet. „Ist … ist noch jemand gekommen? Haben Rex oder seine Mutter nach mir gefragt?“ Maya senkte den Blick auf ihren Schoß und drehte den Stoff ihres Rocks zwischen den Fingern. Sie musste nicht antworten. Ihr Schweigen sagte mir alles. Niemand kümmerte sich um mich. Mein Mann, meine Schwiegermutter, meine Schwägerin, sogar mein eigener Sohn – sie alle hatten mich wie ein Stück Müll auf der Veranda liegen lassen. Wenn Maya mich nicht gefunden hätte, wäre ich wahrscheinlich direkt vor der Haustür gestorben, und sie hätten es erst bemerkt, wenn der Geruch sie gestört hätte. „Danke, Maya“, sagte ich leise. „Du kannst wieder an die Arbeit gehen. Ich möchte nicht, dass Helen dir meinetwegen Schwierigkeiten macht.“ Nachdem sie gegangen war, legte sich die Stille des Krankenzimmers schwer auf meine Brust. Ich starrte an die Decke, während mir die Tränen in den Augen brannten. Fünf Jahre. Fünf lange Jahre lang hatte ich mein ganzes Leben um Rex herum aufgebaut. Ich erinnerte mich an die Streitigkeiten mit meinen Eltern, als ich herausgefunden hatte, dass Rex mein schicksalsbestimmter Gefährte war. Sie hatten mich gewarnt. Sie sagten mir, Alphas seien gnadenlos, unsere Herkunft sei zu unterschiedlich und ich würde mich selbst verlieren, wenn ich versuchte, mich seiner Welt anzupassen. Aber ich war jung, töricht und unsterblich verliebt. Ich stritt mit ihnen, packte meine Koffer und brach den Kontakt zu den einzigen Menschen ab, die mich wirklich liebten. Und wofür? Dafür, betrogen, beleidigt, aus meinem eigenen Zuhause geworfen und durch seine erste Liebe ersetzt zu werden. Jetzt lag ich in einem Krankenhausbett, mit einem unheilbaren Hirntumor, einer tickenden Zeitbombe in meinem Schädel und absolut niemandem an meiner Seite. Es war tragisch. Es war so lächerlich, dass mir ein bitteres Lachen entfuhr, das sich in ein Schluchzen verwandelte. Ich hatte meine Familie, meine Gesundheit und meine Würde für einen Mann geopfert, der nichts für mich empfand. Die Tür klickte auf, und ein älterer Arzt trat ein, während er eine Patientenakte überprüfte. Er sah mich mit einem ernsten, mitfühlenden Gesichtsausdruck an. „Ah, Rosemarie. Sie sind wach. Dr. Evans aus der Rudelklinik hat uns Ihre Aufnahmen übermittelt. Wir wissen von Ihrem Tumor. Wie stark sind Ihre Kopfschmerzen im Moment?“ „Es ist ein dumpfer Schmerz“, antwortete ich und richtete mich langsam auf. „Doktor … ich habe eine Frage. Was würde passieren, wenn jemand in meinem Zustand die Zurückweisung seines Gefährten durchleben müsste?“ Der Arzt erstarrte, seine Augen weiteten sich leicht. Er legte die Akte ans Fußende des Bettes. „Eine Zurückweisung des Gefährten? Rosemarie, das Durchtrennen einer schicksalsbestimmten Verbindung verursacht sowohl im Nervensystem eines Werwolfs als auch in seinem Wolfsgeist einen gewaltigen Schock. Die körperlichen Schmerzen sind von Person zu Person unterschiedlich, aber bei Ihrem derzeitigen Zustand … steht Ihr Gehirn durch den Tumor bereits unter enormem Druck. Wenn der Schock zu groß ist, könnte Ihr Körper vollständig zusammenbrechen. Es besteht eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit, dass Sie es nicht überleben werden.“ Ich blickte aus dem Fenster zu den weit entfernten Bergen. „Dann überlasse ich es der Mondgöttin.“ „Rosemarie, das ist äußerst gefährlich …“ „Wenn ich während der Zeremonie sterbe, hat endlich alles ein Ende“, unterbrach ich ihn mit kalter, distanzierter Stimme. „Der Schmerz, der Verrat, die Demütigung … all das wird vorbei sein. Aber wenn ich überlebe? Wenn die Mondgöttin mich diese Prüfung überstehen lässt, dann bin ich endgültig mit diesem Mistkerl fertig. Ich werde mich nie wieder umdrehen, und die Zeit, die mir noch bleibt, werde ich endlich damit verbringen, für mich selbst zu leben.“ Der Arzt sah aus, als wollte er widersprechen, doch irgendetwas in meinen Augen hielt ihn davon ab. Ich nahm mein Handy vom Nachttisch. Meine Hände waren jetzt vollkommen ruhig. Die Angst war verschwunden und einer eisigen Entschlossenheit gewichen. Ich öffnete Rex' Kontakt und tippte eine kurze Nachricht. „Ich stimme der Scheidung zu. Morgen früh werde ich in deinem Büro sein, um die Papiere zu unterschreiben und die Zurückweisungszeremonie abzuhalten.“ Ich wartete nicht auf eine Antwort. Ich legte das Handy beiseite, schloss die Augen und zwang mich einzuschlafen. Für morgen brauchte ich jede Kraft, die ich aufbringen konnte. Am nächsten Morgen fühlte sich der Flur vor dem Büro des Alphas kälter an als sonst. Ich ging mit erhobenem Kopf und ignorierte das Geflüster der Rudelmitarbeiter, die an mir vorbeigingen. Es war mir inzwischen egal. Als ich die Tür aufstieß, saß Rex nicht allein an seinem Schreibtisch. Tracy war ebenfalls da und lehnte an einem Aktenschrank, als gehöre ihr der Ort bereits. Kaum hatte ich den Raum betreten, schnaubte Tracy verächtlich und verschränkte die Arme. „Na, sieh mal einer an, wer sich endlich blicken lässt. Weißt du, Rosemarie, du solltest aufhören, so erbärmlich zu tun. Das ist peinlich. Immer wenn etwas nicht nach deinem Willen läuft, spielst du plötzlich die Kranke, nur um Rex' Aufmerksamkeit zu bekommen. Du stimmst einer Scheidung zu? Bitte. Das ist wahrscheinlich nur ein weiterer verzweifelter Versuch, ihm Schuldgefühle einzureden.“ Irgendetwas in mir zerbrach. Ich fühlte mich weder traurig noch verletzt, wie ich es erwartet hatte. Ich empfand nur … Abscheu. Ich ging direkt auf Tracy zu, bevor sie reagieren konnte. Ich hob die Hand und gab ihr mit der letzten Kraft, die mir geblieben war, eine Ohrfeige. Klatsch! Das scharfe Geräusch hallte durch den Raum. Tracys Kopf wurde zur Seite geschleudert, ihre Sonnenbrille flog davon und rutschte über den Boden. Sie stolperte gegen den Aktenschrank und hielt sich schockiert die brennende Wange. „Rosemarie!“, brüllte Rex. Er schlug beide Hände auf den Schreibtisch und sprang auf. Ich sah ihn nicht einmal an. Mein Blick blieb auf Tracy gerichtet, die mich mit weit aufgerissenen, verängstigten Augen anstarrte. „Solange diese Papiere nicht unterschrieben sind, bin ich immer noch die Luna dieses Rudels“, sagte ich mit einer Stimme, die wie eine Klinge durch den Raum schnitt. „Du bist nichts weiter als eine Geliebte, Tracy. Du hast absolut kein Recht, so mit mir zu sprechen, geschweige denn mein Verhalten in diesem Büro infrage zu stellen. Vergiss nicht, wo dein Platz ist.“ Tracy wich zurück, völlig eingeschüchtert von der Autorität in meiner Stimme. Rex stieß ein tiefes Knurren aus, das die Fensterscheiben erzittern ließ. „Tracy, raus hier. Warte im Auto.“ Sie zögerte nicht. Sie griff nach ihrer Handtasche und eilte aus dem Büro, wobei sie die Tür hinter sich schloss. Rex starrte mich wütend an. Seine Augen waren dunkel vor Zorn. „Du hast völlig den Verstand verloren. Bringen wir es hinter uns.“ Er schob mir die Scheidungspapiere zusammen mit einem schweren silbernen Füllfederhalter zu. Ich ging hinüber, nahm den Stift und blätterte zur Unterschriftsseite. Ohne ein Wort zu sagen, unterschrieb ich mit meinem Namen und löste damit offiziell meine rechtlichen Bindungen an sein Leben. Dann legte ich den Stift auf den Schreibtisch zurück und trat in die Mitte des Raumes. Die Zurückweisungszeremonie sollte eigentlich eine große öffentliche Veranstaltung vor den Ältesten des Rudels sein, aber keiner von uns wollte dieses Spektakel. Wir standen uns allein in der Privatsphäre seines Büros gegenüber. Rex sah mich an. Sein Gesichtsausdruck wurde kalt und emotionslos. Er atmete tief ein und ließ seine Alpha-Aura frei, bis die Luft schwer und erstickend wurde. „Ich, Alpha Rex, weise dich, Rosemarie, als meine Luna und Gefährtin zurück.“ In dem Moment, als das letzte Wort seine Lippen verließ, riss eine heftige Schmerzwelle durch meinen Körper. Es fühlte sich an, als hätte eine unsichtbare Hand in meine Brust gegriffen und den silbernen Faden zerrissen, der unsere Seelen miteinander verband. Gleichzeitig reagierte der Tumor auf die plötzliche Belastung. Ein glühend heißer Schmerz explodierte hinter meinen Augen, so heftig, dass meine Sicht für zwei volle Sekunden völlig schwarz wurde. Meine Knie drohten nachzugeben, und jeder Teil meines Körpers schrie danach, auf den Boden zu sinken. Aber ich weigerte mich. Ich ballte die Fäuste so fest, dass sich meine Fingernägel in meine Handflächen gruben, und nutzte den Schmerz, um mich zu erden. Ich presste die Kiefer zusammen und zwang meine Beine, stabil zu bleiben. Ich würde lieber im Stehen sterben, als ihn noch einmal auch nur einen einzigen Moment meiner Schwäche sehen zu lassen. Ich drängte die Dunkelheit zurück und sah ihm direkt in seine kalten Augen. „Ich akzeptiere deine Zurückweisung, Rex“, sagte ich mit erstickter Stimme.Rosemaries SichtIch machte mir nicht einmal die Mühe, zum Rudelhaus zurückzukehren, um meine Sachen zu packen. In diesem Gebäude gehörte mir ohnehin nichts mehr, und ich wollte ganz bestimmt weder Helens selbstgefälliges Gesicht sehen noch miterleben, wie mein Sohn mich mit dieser schmerzhaft deutlichen Abneigung ansah. Ich verließ das Verwaltungsgebäude direkt, stieg in mein Auto und fuhr geradewegs zum Flughafen.Ich hatte genug eigene Ersparnisse und wollte an einen weit entfernten Ort. In eine ruhige Küstenstadt, wo ich die Wellen beobachten und die letzten Wochen meines Lebens in Frieden verbringen konnte, weit weg von den giftigen Wölfen, die mich zerstört hatten.Das Flughafenterminal war voller Reisender, eine Menschenmenge, die zielstrebig in alle Richtungen strömte. Langsam machte ich mich auf den Weg zum Ticketschalter, doch mit jedem Schritt wurde der Druck in meinem Kopf schlimmer. Die Belastung durch die Zurückweisung meines Schicksalsgefährten, zusammen mit dem Stress
Rosemaries SichtDer scharfe Geruch von Desinfektionsmittel war das Erste, was mich in die Wirklichkeit zurückholte. Langsam öffnete ich die Augen und blinzelte gegen das grelle weiße Licht eines Krankenzimmers an. Das gleichmäßige Piepen eines Herzmonitors hallte durch den stillen Raum. Ich lag nicht mehr auf der kalten Betonveranda.Ein junges Mädchen in einem schlichten Baumwollkleid saß neben meinem Bett. Als sie bemerkte, dass ich mich bewegte, leuchteten ihre Augen vor Erleichterung auf. Es war Maya, eine der rangniedrigen Hausangestellten, die in der Küche des Rudelhauses arbeiteten.„Oh, Luna, Gott sei Dank sind Sie wach“, flüsterte Maya und beugte sich zu mir. „Ich habe Sie bewusstlos neben der Haustür gefunden, als ich den Müll hinausbringen wollte. Sie haben nicht reagiert, also bekam ich Panik und rief einen Krankenwagen, der Sie ins Krankenhaus der Stadt brachte.“Ich schluckte schwer. Mein Hals fühlte sich an, als wäre er mit Sandpapier ausgekleidet.„Ist … ist noch jema
Rosemaries Sicht„Du bist wirklich schlimm, Rex“, kicherte die Frau. Ihr verspieltes, atemloses Lachen ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. „Was, wenn deine kleine Ehefrau hereinkommt und uns so sieht?“„Na und?“, erwiderte Rex völlig unbesorgt. „Sie sitzt wahrscheinlich sowieso zu Hause herum und tut nichts. Du bist die Einzige, die ich in meinem Büro haben will, Tracy.“Tracy.Seine erste Liebe.Die Frau, die das Rudel vor Jahren verlassen hatte, um ihren eigenen Träumen nachzugehen, und Rex mit gebrochenem Herzen zurückgelassen hatte.Ich stand wie erstarrt im Flur. Der Thermobehälter in meinen zitternden Händen fühlte sich plötzlich unerträglich schwer an.Sechs Monate. Sechs Monate mit blendenden Kopfschmerzen. Sechs Monate, in denen ich ihn angefleht hatte, mich in ein Krankenhaus zu begleiten und mit mir im Wartezimmer zu sitzen.Sechs Monate, in denen ich immer wieder gehört hatte, dass er zu beschäftigt sei. Zu sehr mit den Angelegenheiten des Rudels beschäftigt. Zu sehr
Rosemaries POV „Es tut mir wirklich leid, Rosemarie, aber der beste Zeitpunkt für eine Operation ist bereits verstrichen.“Die Stimme des Arztes klang, als käme sie von unter Wasser. Ich saß auf einem harten Plastikstuhl in der Klinik des Rudels und starrte auf die Staubpartikel, die im sterilen Licht schwebten. Er redete weiter und warf mit medizinischen Fachbegriffen um sich, die wie schwere Steine auf meine Brust fielen.Fortgeschrittenes Stadium. Hirntumor. Aggressives Wachstum.„Gibt es wirklich nichts, was wir tun können?“, fragte ich. Meine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Unser Rudel verfügt über einige der besten medizinischen Geräte der Region.“Dr. Evans seufzte und rieb sich die Schläfen.„Das Problem sind nicht die Geräte. In unserem Rudel gibt es keinen Arzt mit den chirurgischen Fähigkeiten, die für einen so weit fortgeschrittenen Tumor erforderlich sind. Selbst wenn wir einen Spezialisten von außerhalb einfliegen ließen, wären die Chancen auf eine vollständige







