LOGINRosemaries Sicht
Ich machte mir nicht einmal die Mühe, zum Rudelhaus zurückzukehren, um meine Sachen zu packen. In diesem Gebäude gehörte mir ohnehin nichts mehr, und ich wollte ganz bestimmt weder Helens selbstgefälliges Gesicht sehen noch miterleben, wie mein Sohn mich mit dieser schmerzhaft deutlichen Abneigung ansah. Ich verließ das Verwaltungsgebäude direkt, stieg in mein Auto und fuhr geradewegs zum Flughafen. Ich hatte genug eigene Ersparnisse und wollte an einen weit entfernten Ort. In eine ruhige Küstenstadt, wo ich die Wellen beobachten und die letzten Wochen meines Lebens in Frieden verbringen konnte, weit weg von den giftigen Wölfen, die mich zerstört hatten. Das Flughafenterminal war voller Reisender, eine Menschenmenge, die zielstrebig in alle Richtungen strömte. Langsam machte ich mich auf den Weg zum Ticketschalter, doch mit jedem Schritt wurde der Druck in meinem Kopf schlimmer. Die Belastung durch die Zurückweisung meines Schicksalsgefährten, zusammen mit dem Stress all der Ereignisse, holte mich nun endgültig ein. Ein stechender Schmerz schoss mir hinter den Schläfen durch den Kopf. Die Geräusche des Flughafens verschwanden allmählich und wurden von einem schrillen Klingeln übertönt. Meine Sicht verschwamm, und die hellen Lichter verwandelten sich in weiße Streifen. Ich streckte die Hand aus, um mich an einer nahe gelegenen Säule festzuhalten, verfehlte sie jedoch vollständig. Meine Knie gaben nach. Der glänzende Boden kam rasend schnell auf mich zu, als ich zum zweiten Mal innerhalb von weniger als vierundzwanzig Stunden das Bewusstsein verlor. Als ich wieder die Augen öffnete, stieg mir der Geruch von medizinischem Alkohol und steriler Watte in die Nase. Ich lag auf einem schmalen Bett im medizinischen Notfallraum des Flughafens. Bevor ich mich aufsetzen konnte, wurde der Sichtschutzvorhang zur Seite gezogen. Ein elegant gekleideter Mann in einem perfekt sitzenden, anthrazitgrauen Anzug betrat den Raum. Unter einem Arm trug er eine Ledermappe, und er strahlte die ruhige Selbstsicherheit einer erfahrenen Führungskraft aus. Er blickte auf mich hinunter. Sein Gesichtsausdruck war höflich, aber undurchschaubar. „Sind Sie Rosemarie Wilton?“ Ich blinzelte und stützte mich auf meine Ellbogen, um mich aufzurichten. „Ja. Wer sind Sie? Woher kennen Sie meinen Namen?“ „Ich bin ein persönlicher Assistent“, antwortete er und rückte seine Brille zurecht. „Mein Arbeitgeber sucht schon seit langer Zeit nach Ihnen, Rosemarie. Wir überwachen die örtlichen Rudelregister und die Passagierlisten der Flughäfen. Als Ihr Name hier im System auftauchte, erhielt ich die Anweisung, Sie unverzüglich ausfindig zu machen.“ „Sie suchen nach mir?“, fragte ich völlig verwirrt. „Warum? Wer ist Ihr Arbeitgeber?“ „Er würde es Ihnen lieber persönlich erklären“, erwiderte der Assistent und deutete zur Tür. „Unser medizinisches Personal hat Sie bereits für entlassungsfähig erklärt. Draußen wartet ein Wagen auf Sie. Bitte folgen Sie mir.“ Ich war zu erschöpft, um zu widersprechen. Außerdem hatte ich nichts mehr zu verlieren. Und falls das eine Intrige von Rex war, ergab es keinen Sinn. Rex beschäftigte keine Assistenten, die wie Unternehmensmanager aussahen. Ich stand mit wackeligen Beinen auf und folgte ihm nach draußen. Am Straßenrand wartete eine elegante Luxuslimousine. Der Assistent öffnete die hintere Tür, und ich glitt auf den weichen Ledersitz. Fast dreißig Minuten lang fuhren wir schweigend. Wir ließen den Flughafen hinter uns und steuerten auf das wohlhabendste Viertel der Stadt zu. Schließlich hielt der Wagen vor einem riesigen Fünf-Sterne-Hotel. Der Assistent führte mich durch einen privaten Eingang zu einem Aufzug, der nur für ausgewählte Gäste zugänglich war. Er drückte den Knopf für das Penthouse. Wenige Augenblicke später öffneten sich die Türen. Das Penthouse war riesig und von Sonnenlicht durchflutet, das durch die raumhohen Fenster fiel und einen Blick über die gesamte Stadt freigab. Ein großer Mann stand mit den Händen in den Taschen am Fenster. Als er uns eintreten hörte, drehte er sich um, und mir stockte der Atem. Ungläubig starrte ich ihn an. „Tyson? Tyson Carrillo?“ Jahre zuvor, bevor ich Rex kennengelernt hatte, hatten unsere Familien versucht, eine Heirat zwischen uns zu arrangieren. Tysons Familie war reich, mächtig und angesehen. Damals war er immer still, aufmerksam und beschützend gewesen. Doch ich war jung und töricht. In dem Moment, als ich herausfand, dass Rex mein Schicksalsgefährte war, lehnte ich die Vereinbarung ohne zu zögern ab. Ich machte eine Szene und sagte Tyson, dass ich niemals mit ihm zusammen sein könnte, weil ich nur Rex wollte. Ohne nachzudenken, jagte ich der Verbindung zu meinem Schicksalsgefährten hinterher. Dabei ignorierte ich die Tatsache, dass Rex bereits eine Freundin hatte. Und ich bemerkte nie, welche Gefühle Tyson all die Jahre still für mich gehegt hatte. Tyson kam auf mich zu. Seine dunklen Augen wurden sanfter, als er mein blasses Gesicht und meine zitternden Hände bemerkte. „Hallo, Rosie. Es ist lange her.“ Rosie. Es war eine Ewigkeit her, seit mich jemand so genannt hatte. „Warum suchen Sie nach mir?“, flüsterte ich und senkte schuldbewusst den Blick. „Damals habe ich dich schlecht behandelt. Ich wollte auf niemanden hören.“ „Die Vergangenheit ist mir egal“, sagte Tyson mit seiner tiefen, ruhigen und beruhigenden Stimme. Er trat näher und legte mir sanft eine Hand auf die Schulter. „Meine Leute verfolgen deine Krankenakten, seit du in der Rudelklinik warst. Ich weiß von deinem Hirntumor, Rosemarie.“ Ein Schluchzen blieb mir im Hals stecken. Die ganze Last dessen, was geschehen war, brach erneut über mich herein. „Es ist zu spät, Tyson. Die Ärzte sagten, der Tumor sei bereits in einem fortgeschrittenen Stadium. Niemand im Rudel kann die Operation durchführen, und selbst wenn es jemanden gäbe, wären die Erfolgschancen nahezu null. Ich werde sterben.“ „Du wirst nicht sterben.“ Tysons Stimme wurde fest und entschlossen. „Die Ärzte in deinem Rudel wissen nicht, was sie tun. Ich habe bereits das beste neurochirurgische Team des Landes kontaktiert. Sie fliegen heute Abend ein. Ich habe die nötigen Mittel, die Spezialisten und die Technologie. Wir werden den Tumor entfernen, Rosemarie.“ Er ließ meinen Blick nicht los. „Ich werde nicht zulassen, dass du stirbst.“ Ich sah zu ihm auf, während mir die Tränen über das Gesicht liefen. Der Unterschied zwischen Rex und Tyson war überwältigend. Der eine hatte mich verlassen. Der andere war entschlossen, mich zu retten. „Tyson …“ Meine Stimme zitterte. „Ich verstehe das nicht. Warum hilfst du mir nach allem, was ich getan habe? Wie könnte ich dir das jemals zurückzahlen?“ Tyson lächelte sanft. Es war ein seltenes Lächeln, doch es erreichte seine Augen. Er hob eine Hand und wischte mir behutsam eine Träne von der Wange. „Wenn du dich wirklich bei mir bedanken willst“, sagte er leise, „dann konzentriere dich darauf, wieder gesund zu werden.“ Sein Blick hielt meinen fest. „Und wenn du dich erholt hast, wenn du gesund und frei bist …“ Er machte eine Pause. „Dann bekommst du die Chance, noch einmal ganz von vorn anzufangen. So, wie du es möchtest, mit allem, was du dir wünschst.“ Ich sah ihn an und konnte kaum begreifen, was gerade geschah. Dann fügte er hinzu: „Rosemarie, du bekommst die Chance, dein Leben noch einmal ganz neu zu beginnen. Findest du nicht, dass du wenigstens ein bisschen lächeln solltest?“Rosemaries SichtIch machte mir nicht einmal die Mühe, zum Rudelhaus zurückzukehren, um meine Sachen zu packen. In diesem Gebäude gehörte mir ohnehin nichts mehr, und ich wollte ganz bestimmt weder Helens selbstgefälliges Gesicht sehen noch miterleben, wie mein Sohn mich mit dieser schmerzhaft deutlichen Abneigung ansah. Ich verließ das Verwaltungsgebäude direkt, stieg in mein Auto und fuhr geradewegs zum Flughafen.Ich hatte genug eigene Ersparnisse und wollte an einen weit entfernten Ort. In eine ruhige Küstenstadt, wo ich die Wellen beobachten und die letzten Wochen meines Lebens in Frieden verbringen konnte, weit weg von den giftigen Wölfen, die mich zerstört hatten.Das Flughafenterminal war voller Reisender, eine Menschenmenge, die zielstrebig in alle Richtungen strömte. Langsam machte ich mich auf den Weg zum Ticketschalter, doch mit jedem Schritt wurde der Druck in meinem Kopf schlimmer. Die Belastung durch die Zurückweisung meines Schicksalsgefährten, zusammen mit dem Stress
Rosemaries SichtDer scharfe Geruch von Desinfektionsmittel war das Erste, was mich in die Wirklichkeit zurückholte. Langsam öffnete ich die Augen und blinzelte gegen das grelle weiße Licht eines Krankenzimmers an. Das gleichmäßige Piepen eines Herzmonitors hallte durch den stillen Raum. Ich lag nicht mehr auf der kalten Betonveranda.Ein junges Mädchen in einem schlichten Baumwollkleid saß neben meinem Bett. Als sie bemerkte, dass ich mich bewegte, leuchteten ihre Augen vor Erleichterung auf. Es war Maya, eine der rangniedrigen Hausangestellten, die in der Küche des Rudelhauses arbeiteten.„Oh, Luna, Gott sei Dank sind Sie wach“, flüsterte Maya und beugte sich zu mir. „Ich habe Sie bewusstlos neben der Haustür gefunden, als ich den Müll hinausbringen wollte. Sie haben nicht reagiert, also bekam ich Panik und rief einen Krankenwagen, der Sie ins Krankenhaus der Stadt brachte.“Ich schluckte schwer. Mein Hals fühlte sich an, als wäre er mit Sandpapier ausgekleidet.„Ist … ist noch jema
Rosemaries Sicht„Du bist wirklich schlimm, Rex“, kicherte die Frau. Ihr verspieltes, atemloses Lachen ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. „Was, wenn deine kleine Ehefrau hereinkommt und uns so sieht?“„Na und?“, erwiderte Rex völlig unbesorgt. „Sie sitzt wahrscheinlich sowieso zu Hause herum und tut nichts. Du bist die Einzige, die ich in meinem Büro haben will, Tracy.“Tracy.Seine erste Liebe.Die Frau, die das Rudel vor Jahren verlassen hatte, um ihren eigenen Träumen nachzugehen, und Rex mit gebrochenem Herzen zurückgelassen hatte.Ich stand wie erstarrt im Flur. Der Thermobehälter in meinen zitternden Händen fühlte sich plötzlich unerträglich schwer an.Sechs Monate. Sechs Monate mit blendenden Kopfschmerzen. Sechs Monate, in denen ich ihn angefleht hatte, mich in ein Krankenhaus zu begleiten und mit mir im Wartezimmer zu sitzen.Sechs Monate, in denen ich immer wieder gehört hatte, dass er zu beschäftigt sei. Zu sehr mit den Angelegenheiten des Rudels beschäftigt. Zu sehr
Rosemaries POV „Es tut mir wirklich leid, Rosemarie, aber der beste Zeitpunkt für eine Operation ist bereits verstrichen.“Die Stimme des Arztes klang, als käme sie von unter Wasser. Ich saß auf einem harten Plastikstuhl in der Klinik des Rudels und starrte auf die Staubpartikel, die im sterilen Licht schwebten. Er redete weiter und warf mit medizinischen Fachbegriffen um sich, die wie schwere Steine auf meine Brust fielen.Fortgeschrittenes Stadium. Hirntumor. Aggressives Wachstum.„Gibt es wirklich nichts, was wir tun können?“, fragte ich. Meine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Unser Rudel verfügt über einige der besten medizinischen Geräte der Region.“Dr. Evans seufzte und rieb sich die Schläfen.„Das Problem sind nicht die Geräte. In unserem Rudel gibt es keinen Arzt mit den chirurgischen Fähigkeiten, die für einen so weit fortgeschrittenen Tumor erforderlich sind. Selbst wenn wir einen Spezialisten von außerhalb einfliegen ließen, wären die Chancen auf eine vollständige







