Mit meinem Peiniger verpaart

Mit meinem Peiniger verpaart

last updateLast Updated : 2026-10-22
By:  Aisha AnnieUpdated just now
Language: Deutsch
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In der Nacht ihres achtzehnten Geburtstags erfährt Lupa Great, dass Rhys Calder ihr Schicksalsgefährte ist. Doch vor dem gesamten Rudel wird sie von dem Mann, den sie heimlich geliebt hat, öffentlich als erbärmlich und unwürdig zurückgewiesen. Am selben Abend verlässt Lupa ihr Rudel und lässt alles hinter sich. Fünf Jahre später kehrt Lupa als erfolgreiche und gefürchtete Strategin zurück. Sie arbeitet für das Unternehmen eines rivalisierenden Rudels und hat nur ein Ziel: Rhys Calder zu zerstören, so wie sie glaubt, dass er ihr Leben zerstört hat. Doch während einer wichtigen Fusion flammt ihre alte Verbindung zu Rhys erneut auf. Rhys wird von Schuldgefühlen und Erinnerungen verfolgt, die nicht zusammenpassen. Nach und nach entdecken beide, dass die Vergangenheit nicht so war, wie Lupa sie in Erinnerung hat. Rhys hat einen geheim gehaltenen identischen Zwillingsbruder namens Caius. Aufgrund eines Fluchs mussten die Zwillinge voneinander getrennt leben. Caius hat jahrelang Rhys’ Identität benutzt, Lupa gedemütigt und dafür gesorgt, dass Rhys die Schuld trägt. Als die Wahrheit ans Licht kommt, müssen Lupa und Rhys ihre Wut, ihren Schmerz und ihr verlorenes Vertrauen überwinden. Gemeinsam stellen sie sich Caius entgegen und kämpfen darum, ihr Leben zurückzugewinnen. Am Ende entscheiden sich Lupa und Rhys bewusst füreinander – nicht nur, weil das Schicksal sie verbunden hat, sondern weil sie einander trotz allem wieder wählen.

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Chapter 1

KAPITEL 1 – Die Nacht, in der sie mir gehörte

POV: Lupa Great

Der Wald hinter dem Anwesen der Calders war nach Sonnenuntergang verboten.

Lupa wusste das genauso sicher, wie sie ihren eigenen Herzschlag kannte. Es war eine Regel, die die Ältesten jedem Wolfswelpen eingebläut hatten, lange bevor ihre Mutter geboren worden war. Die Dunkelheit gehörte dem Alpha, den Wachen und den Alpha-Wölfen, deren Blutlinien sich über Generationen hinweg das Recht verdient hatten, durch die Bäume zu gehen, wenn der Mond groß und tief am Himmel stand.

Sie war nichts davon.

Sie war achtzehn, gehörte noch zu den Wölfen niedrigerer Rangordnung und war sich nur allzu bewusst, wie schwerwiegend der Regelbruch sein konnte, den sie gerade begehen wollte. Es könnte sie mehr als nur eine Ermahnung kosten.

Trotzdem zog sie sich am Rand der Kiefern aus, faltete ihr Kleid sorgfältig zusammen und schob es unter einen flachen Stein. Die Nachtluft biss in ihre nackte Haut und ließ eine Gänsehaut über ihren Körper laufen, die sie zu ignorieren versuchte.

Sie konnte spüren, dass er auf sie wartete – nicht in unmittelbarer Nähe, noch nicht, aber anwesend. So wie man die Hitze spürt, bevor man die Flamme sieht.

„Lupa.“

Seine Stimme glitt durch das zerbrechliche, noch unvollständige Band in ihren Geist. Eine tiefe, samtige und vertraute Stimme.

„Wo bist du?“

Sie antwortete nicht mit Worten. Stattdessen ließ sie das Band ein Bild übermitteln: die Lichtung, auf der die alte Eiche sich in ein breites Y teilte, den weichen, moosbedeckten Boden und das Gewirr aus Wurzeln, das einen natürlichen Sitzplatz bildete.

„Komm und finde mich.“

Sie verwandelte sich beim Ausatmen. Knochen und Sehnen knackten und formten sich neu, bis ihr Körper die schlanke, silberne Gestalt ihres Wolfes annahm. Das Fell entlang ihres Rückens hatte denselben fast weißen Farbton, den auch ihre Mutter einst getragen hatte.

Ihre Pfoten versanken in der feuchten Erde. Der Duft von Zedern und Kiefern füllte ihre Sinne. Darunter lag, schwach, aber unverkennbar, der dunkle Gewürzduft und warme Honiggeruch, der nur ihm gehörte.

Ihr Wolf gab ein leises Geräusch von sich.

Sie hasste es, wie weich sie jedes Mal wurde, sobald dieser Duft ihre Nase erreichte.

Dann rannte sie los.

Die Lichtung lag fast fünf Kilometer entfernt. Sie legte die Strecke innerhalb weniger Minuten zurück und schlüpfte unter den Schutz der alten Eiche, genau in dem Moment, als der Mond über die Baumkronen stieg.

Sie schüttelte die Erde aus ihrem Fell und hob den Kopf. Ein leises, fragendes Heulen entwich ihrer Kehle.

Der Wald antwortete.

Schritte waren zu hören. Schwer und langsam.

Ein Schatten löste sich aus der tieferen Dunkelheit und blieb am Rand der Lichtung stehen. Selbst in Wolfsgestalt schien seine Größe das vorhandene Mondlicht zu verschlucken.

Er war riesig, nachtschwarz, mit einem einzigen silbernen Streifen an seiner Kehle.

Als er seine Verwandlung nur so weit zurücknahm, dass seine Augen sichtbar wurden, waren sie von der Farbe nassen Steins nach einem Regenguss.

Er senkte seine Schnauze bis auf wenige Zentimeter an ihr Ohr und atmete langsam und bewusst ihren Duft ein.

Die Entsprechung eines Kusses unter Wölfen.

„Du solltest nicht hier sein“, sagte er durch das Band, doch seine Stimme war wie ein Feuer.

„Du auch nicht.“

Er gab ein tiefes Geräusch von sich, das in menschlicher Gestalt einem Lachen entsprochen hätte, und ließ sich neben ihr nieder, sodass ihre Schultern sich berührten.

Sie drückte sich an ihn.

Ihre Düfte vermischten sich in der kühlen Nachtluft.

Was sie taten, war gefährlich.

Wenn die Ältesten sie vor der Paarungszeremonie entdeckten, bevor ihr Wolf den Alpha-Erben öffentlich vor dem Rudel beanspruchen konnte, würden sie es einen Skandal nennen.

Sie würden es unanständig nennen.

Sie würden dieselben hässlichen Namen benutzen, die sie einst für ihre Mutter verwendet hatten.

Aber es war ihr egal.

Rhys verwandelte sich zuerst.

Die Veränderung war ruhig, beinahe elegant. Einen Moment zuvor hatte der große schwarze Wolf noch neben ihr gelegen. Im nächsten saß ein Mann im Moos, völlig unbekümmert.

In diesen gestohlenen Stunden machte er sich nie die Mühe, Kleidung zu tragen. Er war auf eine Weise unbefangen, wie es nur jemand sein konnte, der ohne Scham erzogen worden war, und ihr Wolf hatte jahrelang versucht – und war immer wieder gescheitert –, die Tatsache nüchtern zu betrachten.

Auch Lupa verwandelte sich.

Die Erleichterung, wieder Hände zu haben, ließ einen leisen Atemzug über ihre Lippen gleiten. Die Luft fühlte sich auf ihrer menschlichen Haut kälter an.

Sein Blick folgte ihrer Bewegung. Nicht gierig, nicht lüstern, einfach nur aufmerksam.

Er sah sie.

Das hatte er immer getan.

„Wir haben zwölf Tage“, sagte er mit leiser Stimme. „Bis zur Zeremonie.“

„Elf“, korrigierte sie ihn, weil sie gezählt hatte.

Er drehte den Kopf. Das Mondlicht zeichnete die lange Linie seiner Nase, die Konturen seines Kiefers und die kleine Narbe nach, die durch seine linke Augenbraue verlief – die Narbe, die sie ihm selbst zugefügt hatte, als sie fünfzehn gewesen waren und ein spielerischer Kampf mit einigen Stichen hatte geendet.

Für einen Moment sah er genauso aus wie der Junge, der einst im Boden der Kutschenhalle gesessen und vorsichtig ihren Lieblingsstoffhasen zusammengenäht hatte, in der Nacht, in der ihre Mutter gestorben war.

Sie streckte die Hand nach ihm aus.

Er fasste langsam ihr Handgelenk.

Sein Daumen strich über die blaue Vene unter ihrer dünnen Haut, bewegte sich höher in die weiche Beuge ihres Ellbogens und weiter.

Das unvollständige Band sang zwischen ihren Rippen, ein leises, harmonisches Ziehen.

Meins.

Meins.

„Wir haben elf Tage“, sagte er erneut, diesmal leiser. „Und ich will, dass jeder einzelne davon dir gehört.“

Sie kletterte auf seinen Schoß, wie sie es schon hundertmal in ruhigeren Momenten getan hatte.

Seine Hände legten sich auf ihre Hüften, groß und warm. Die Hitze drang durch ihre Haut. Er zog sie näher, bis ihre Stirn seine berührte.

„Lupa.“

Ein Atemzug.

Fast wie ein Gebet.

„Ja.“

„Ich möchte dich vor der Zeremonie markieren.“

Nicht mit dem vollständigen Paarungsbiss – noch nicht, nicht bevor die Ältesten als Zeugen anwesend waren.

Aber mit der ersten Markierung.

Der vorläufigen Markierung.

Derjenigen, die seinen Duft in ihre Haut schreiben würde, damit jeder, der ihr nahe genug kam, wusste, dass sie bereits ihm gehörte.

„Heute Nacht. Hier. Nur wir.“

Ihr Atem stockte.

Das Verlangen fühlte sich an, als würde sie am Rand einer hohen Klippe stehen, den Wind im Rücken.

„Keine Zeugen“, flüsterte sie.

„Keine Zeugen.“

„Aber wenn mein Wolf nicht akzeptiert …“

„Das wird er.“

Er neigte den Kopf, und im Mondlicht sah sie die schwach rosafarbene Narbe entlang seiner linken Schulter, genau unterhalb der Stelle, an der der silberne Streifen durch sein Fell verlief.

Ihre Zähne.

Von Monaten zuvor.

„Du hast mich bereits zurückmarkiert.“

Sie zog seinen Kopf an den Haaren zu sich und küsste ihn.

Ein kleines, hilfloses Geräusch entwich ihr.

Er küsste sie härter zurück. Er schmeckte nach Holzrauch und Regen. Seine Hände zeichneten die Kurve ihrer Taille nach, die Vertiefung ihres unteren Rückens und den Druck ihrer Rippen gegen seine Brust, während er sie einatmete, als wäre sie etwas Lebensnotwendiges.

Der Wald hielt den Atem an.

Die Markierung wurde auf der Lichtung vollzogen, während die Wurzeln der alten Eiche sich um sie legten wie eine lebendige Wiege.

Als seine Zähne die empfindliche Stelle berührten, an der ihr Hals in ihre Schulter überging, entwich ihr ein Laut, den sie noch nie zuvor von sich gegeben hatte.

Das Band explodierte in ihrer Brust.

Ihr Wolf sank förmlich dahin.

Plötzlich konnte sie ihn auf eine Weise spüren, die eine Sekunde zuvor noch unmöglich gewesen war – seinen Herzschlag an ihren Schläfen, seinen Hunger tief in ihrem Bauch, die ruhige, donnernde Gewissheit, dass sie das einzig Richtige in einem Leben war, das zu viele falsche Dinge enthalten hatte.

Danach lag sie mit der Wange an seiner nackten Brust. Seine Finger waren locker in ihrem Haar verschlungen.

Er sprach das Wort auf ihren Kopf, leise und absolut.

„Meins.“

„Deins“, antwortete sie halb schlafend und lächelnd.

Es fühlte sich wie das Wahrste an, was sie jemals gesagt hatte.


Es war kurz nach drei Uhr morgens, als ihr Wolf sie aus dem Schlaf riss.

Lupa setzte sich in dem schmalen Bett der Kutschenhalle auf. Ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen.

Die mondbeschienene Decke starrte auf sie herab.

Das Rudel würde in wenigen Stunden erwachen.

In elf Tagen würde sie an den heiligen Steinen stehen, und ihr Wolf würde ihn vor allen anderen beanspruchen.

Elf Tage.

Warum fühlte sich ihre Haut dann falsch an?

Sie legte ihre Hand auf die neue Markierung an ihrer Schulter.

Sie war noch empfindlich, noch wund.

Sie hätte sich wie Zuhause anfühlen sollen.

Und sie tat es auch.

Das Band sang leise zwischen ihnen, ruhig und warm.

Doch unter diesem Gesang bewegte sich etwas anderes – wie ein Luftzug, der unter einer geschlossenen Tür hindurchdrang.

Ein Duft, den sie nicht erkannte, lag unter Rhys’ vertrautem Gewürz- und Honiggeruch.

Nicht bedrohlich.

Fast … vertraut.

Ihr Wolf drehte sich unruhig in ihr herum und versuchte, ihn einzuordnen, scheiterte jedoch.

Der Luftzug verschwand genauso schnell, wie er gekommen war.

Das Band setzte sich wieder durch.

Rhys’ Stimme, schwach und liebevoll, glitt durch die Verbindung von irgendwo auf der anderen Seite des Anwesens zu ihr.

„Schlaf, kleine Streunerin. Ich bin hier.“

Lupa atmete aus.

Dann sank sie zurück auf die Kissen.

Sie schloss die Augen und ließ sich vom Band in den Schlaf wiegen.

Draußen vor ihrem Fenster, halb im Schatten der Kutschenhauswand, stand ein Mann, der Rhys’ Gesicht trug.

Exakt sein Gesicht.

Linie für Linie.

Einschließlich der Narbe durch die Augenbraue und desselben silbernen Streifens, der seinen Wolf kennzeichnete.

Er stand vollkommen still und betrachtete das dunkle Rechteck ihres Fensters.

Und lächelte.

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