LOGINSelanas Sicht
Das Klopfen kam nicht wieder.
Ich stand wie erstarrt da, die Ohren in die Stille gespannt. Meine Haut fühlte sich zu eng an, dünn gespannt über rasenden Nerven. Nichts. Nur die schwere, unnatürliche Stille, die von allen Seiten auf mich eindrückte.
„Selena“, flüsterte Isadora hinter mir. „Geh nachsehen, wer es ist.“
Ich schluckte schwer.
Meine Füße fühlten sich an, als wären sie mit Steinen beschwert, als ich mich der Tür näherte. Ich hielt inne, die Hand über dem Türknauf schwebend, das Herz hämmernd. Dann zog ich sie auf.
Niemand.
Der Pfad draußen war leer, Schatten streckten sich lang und reglos unter dem Mondlicht. Ich schaute nach links, dann nach rechts. Nichts außer dem leisen Zirpen von Grillen und dem unruhigen Flüstern des Windes.
Ein Schauer lief mir den Rücken hinunter.
„Wer ist es?“, rief Isadora.
„Niemand“, antwortete ich, meine Stimme trug kaum.
Ich wollte gerade wieder hineingehen, als etwas meinen Blick einfing.
Dort, an die Seite der Tür gelehnt, stand ein schlichter brauner Karton.
Mein Herz stolperte. Er war vorher definitiv nicht da gewesen.
Ich ging langsam in die Hocke und musterte ihn, als könnte er beißen. Nach einem vorsichtigen Blick über das Gelände rief ich in die Dunkelheit:
„Hallo?“
Nur Stille antwortete.
Die Nacht beobachtete. Wartete.
Ein Flüstern der Angst riet mir, ihn liegen zu lassen. Doch dann schlich sich ein anderer Gedanke ein, warm und hoffnungsvoll.
*Was, wenn er von ihm ist?*
Alpha Kael.
Der Gedanke vertrieb einen Teil der Angst. Vielleicht war es ein Geschenk.
Ein kleines Lächeln umspielte meine Lippen. Ich hob den Karton auf, trug ihn hinein und schloss die Tür schnell hinter mir.
Als ich mich umdrehte, starrte Isadora bereits mit vor Neugier leuchtenden Augen darauf.
„Und?“, fragte sie. „Wer war es?“
„Niemand.“ Ich versuchte, lässig zu klingen. „Aber sie haben das hier dagelassen.“
Ihr Blick fiel auf die Schachtel, und ein langsames, schelmisches Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus.
„Ohhh“, zog sie es in die Länge. „Alpha Kael besucht dich nachts *und* schickt Geschenke? Sieh dich an.“
Ich verdrehte die Augen, widersprach aber nicht.
„Du erzählst mir nicht alles“, fügte sie hinzu und kniff spielerisch die Augen zusammen.
Statt zu antworten, trug ich den Karton zum Tisch. „Ich mach ihn auf.“
„Beeil dich“, sagte sie und blieb dicht bei mir. „Du bringst mich noch um vor Spannung.“
Ich hob den Deckel vorsichtig an.
Zuerst sah es harmlos aus. Ein wunderschönes weißes Kleid lag ordentlich gefaltet darin, elegant und leuchtete weich im gedämpften Licht. Die Art von Kleid, das für jemanden Wichtiges bestimmt war. Jemanden, der *auserwählt* war.
Mein Herz flatterte.
Ich streckte die Hand aus, um den weichen Stoff zu berühren – und erstarrte.
„Selena“, Isadoras Stimme hatte sich verändert.
Ich schob das Kleid leicht zur Seite, und mein Magen sackte ab.
Blut.
Dunkles, frisches Karmesinrot befleckte den reinen weißen Stoff.
Ich zuckte zurück, als hätte ich mich verbrannt. Das Kleid glitt mir aus den Fingern und sammelte sich wie ein verwundetes Wesen auf dem Boden.
Ich stolperte zurück, mein Herz hämmerte gegen meine Rippen.
Das Blut sah zu frisch aus. Zu echt.
„Das… das kann nicht von Alpha Kael sein“, flüsterte ich und schüttelte den Kopf. „Er war es nicht.“
Jemand anderes hatte das getan. Jemand, der eine Botschaft schickte.
Meine Hände zitterten, als ich mich zwang, das Kleid erneut aufzunehmen, nur an den Rändern. Der Fleck hatte seine Schönheit zerstört und etwas Reines in etwas Bedrohliches verwandelt.
Ich wollte es gerade zurück in den Karton stopfen, als Isadora sprach.
„Selena. Warte.“
Sie zeigte darauf.
Etwas Kleines war am Stoff befestigt.
Sie griff nach dem Zettel und hielt ihn mir hin. „Nimm du ihn.“
„Ich… ich kann nicht“, flüsterte ich. „Lies du ihn.“
Isadora zögerte, dann faltete sie das Papier auseinander. Ihre Hände zitterten leicht, während ihre Augen über die Worte glitten.
„Was steht drin?“ Meine Stimme klang heiser.
Sie schluckte, dann las sie laut vor:
„Du hast es gewagt, mit dem Alpha spazieren zu gehen, trotz all meiner Warnungen.
Was du getan hast, kann nicht unbeantwortet bleiben.Komm morgen Nacht allein in den Nördlichen Wald. Zu deiner eigenen Sicherheit: Zieh den Alpha nicht mit hinein.
Oder wir kommen zu deinen geliebten Kindern… und zu dir.“
Stille stürzte herab, dick und erstickend.
Meine Hand flog zu meinem Mund. Die Kinder. Nyra.
„Nein“, hauchte ich.
Isadora trat näher und ergriff meine Hände. Ihre Stimme war fest, trotz der Angst in ihren Augen. „Selena, hör mir zu. Das ist ernst. Wer auch immer das geschickt hat, meint es ernst.“
„Ich kann nicht zulassen, dass ihnen etwas passiert“, würgte ich hervor. Schmerz bohrte sich scharf in meine Brust.
Sie drückte meine Hände. „Atme.“
Ich versuchte es. Langsam. Zitternd.
„Der Nördliche Wald“, sagte sie leise. „Du weißt, was das für ein Ort ist. Wölfe gehen hinein… sie kommen nicht mehr heraus.“
Ich nickte schwach.
„Sie versuchen, dich in eine Falle zu locken“, fuhr sie fort, ihr Ton wurde ruhig und beherrscht. „Überlass es mir. Ich kümmere mich darum. Du musst dich nur ausruhen.“
Etwas fühlte sich… falsch an. Aber ich vertraute ihr. Das hatte ich immer getan.
Langsam nickte ich. „Okay.“
Sie lächelte. „Gut.“
Ich bewegte mich auf schweren Beinen zum Bett und legte mich hin, starrte an die Decke. Die Drohung drückte wie ein physisches Gewicht auf mich nieder.
Isadora faltete das ruinierte Kleid sorgfältig zusammen und legte es zurück in den Karton. Dann ging sie zur Tür und hielt inne.
„Selena?“
Ich drehte den Kopf.
„Versprich mir, dass du nicht in den Wald gehst.“
Ihre Stimme war weich. Zu weich.
Ich schluckte. „Ich verspreche es.“
Sie lächelte zufrieden. „Gut.“
Sie schlüpfte hinaus und schloss die Tür leise hinter sich.
In dieser Nacht kam der Schlaf nicht. Nur das Echo dieser Worte, das endlos in der Dunkelheit kreiste.
*Oder wir kommen zu deinen geliebten Kindern…*
Selenas SichtDie Worte des Militärmannes hingen in der Luft wie ein Urteil.„Sie kommen mit uns auf die Wache zur Aussage. Jetzt.“Ich blieb neben dem Lieferanten gekauert, die Hände noch immer auf die schlimmste Blutung gepresst. Sein Atem ging flach, aber gleichmäßig, die Augen flatterten, während er gegen die Bewusstlosigkeit ankämpfte. Die Gasse war ein Kriegsgebiet – umgekippte Polizeiwagen, zersplittertes Glas, der beißende Geruch von Schießpulver und Blut lag schwer in der Luft. Der Suchscheinwerfer des Hubschraubers fegte immer wieder über uns hinweg, blendend und gnadenlos, seine Rotoren wirbelten Staub und Schmutz auf, der mir ins Gesicht stach.„Ich habe nichts getan“, sagte ich mit zitternder Stimme. „Ich war diejenige, die angegriffen wurde. Er –“ Ich deutete auf Kael, der immer noch im Zentrum des Chaos stand, Blut im Gesicht, aber mit demselben kalten Lächeln auf den Lippen. „Er wollte mich mitnehmen.“Der Militärmann senkte sein Gewehr nicht. Sein Gesicht war hart, da
Selenas SichtDie Gasse verwandelte sich innerhalb von Sekunden in ein Schlachtfeld.Kael stand im Zentrum des Sturms, Handschellen baumelten an einem Handgelenk wie billiger Schmuck. Polizeibeamte kreisten ihn ein, Waffen gezogen, Stimmen bellten Befehle. Zwei seiner Krieger lagen bereits mit dem Gesicht nach unten auf dem schmutzigen Asphalt, die Hände hinter dem Rücken gefesselt. Der mutige Lieferant lag ein paar Meter entfernt, stöhnte leise und Blut sammelte sich unter seinem Kopf.„Auf den Boden!“, schrie ein Beamter, seine Waffe auf Kaels Brust gerichtet. „Sofort!“Kael zuckte nicht einmal. Er sah den Mann einfach mit diesem kalten, amüsierten Lächeln an, das mir den Magen umdrehte.„Nehmt die ab“, sagte er ruhig und hob sein gefesseltes Handgelenk. „Bevor das zu etwas wird, wovon ihr nicht mehr wegkommt.“Der stämmige Beamte mit dem dicken Schnurrbart trat vor und schlug ihm den Griff seiner Pistole ins Gesicht. Das Geräusch hallte von den Backsteinwänden wider.„Halt die Fress
Selenas SichtDer Morgen hatte wie jeder andere begonnen.Ich wachte früh auf, das vertraute Knarren der alten Dielen unter meinen Füßen, und bewegte mich leise, um Maria nicht zu wecken. Die Bäckerei unten war noch dunkel, die Öfen kalt, die Luft trug den schwachen, tröstlichen Duft von gestern gebackenem Brot. Ich kochte Tee für uns beide, stellte Marias Tasse auf den kleinen Tisch neben ihrem Bett und ging dann nach unten, um mit den Vorbereitungen für den Tag zu beginnen.Die Routine war zu meinem Anker geworden. Teig kneten. Laibe formen. Das stetige Summen der Öfen, die zum Leben erwachten. Kunden, die mit verschlafenen Lächeln und vertrauten Bestellungen hereinkamen. Es war einfach. Sicher. Menschlich.Aber ich lernte langsam, dass Sicherheit nie wirklich garantiert war.Ich brachte gerade den Müll raus, kurz nach dem Mittagsansturm, als es passierte.Die Gasse hinter der Bäckerei war schmal und schattig, selbst am helllichten Tag. Ich hatte den schweren Sack gerade in die Tonn
Selenas SichtDie Wochen nach dem Angriff der Hexe legten sich in eine zerbrechliche Art von Frieden.Lucian wurde zu meiner Konstante – meinem Anker in einer Welt, die sich immer noch anfühlte, als könnte sie jeden Moment zusammenbrechen. Er tauchte jeden Tag in der Bäckerei auf, krempelte die Ärmel hoch, half bei Lieferungen und schweren Hebearbeiten und blieb, bis der letzte Kunde gegangen und die Türen abgeschlossen waren. Maria hatte langsam begonnen, ihn zu akzeptieren. Nicht mit offenen Armen, aber mit einer stillen Toleranz, die sich wie ein Sieg anfühlte. Sie spannte sich nicht mehr an, wenn er den Raum betrat. Manchmal ließ sie ihn sogar mithelfen, sie die Treppe hinaufzubringen, wenn ihr Bein wieder Probleme machte.Aber die Macht in mir war fort.Das silberne Licht. Der Wolf. Die Stärke, die mich einst in Angst versetzt und dann gerettet hatte – alles von der grausamen Magie der Hexe herausgerissen. Ich fühlte mich wieder normal. Menschlich. Gewöhnlich. Und seltsamerweise
Selenas SichtDer Ballsaal war totenstill geworden. Das Echo des Lachens der Hexe verhallte in den Schatten wie ein Fluch, der nicht sterben wollte.Ich lag auf dem kalten Marmorboden, Lucians Arme fest um mich geschlungen. Sein Körper zitterte vor einer Wut, die ich noch nie bei ihm gesehen hatte. Der silberne Kristall, den die Hexe aus meiner Brust gerissen hatte, schwebte einen letzten, qualvollen Moment zwischen uns – pulsierte schwach wie ein sterbender Stern –, bevor er in glitzernden Staub zerbarst, der sich über den Boden verteilte.Ich fühlte mich … leer.Das silberne Licht, der Wolf, die rohe Macht, die mich einst mit Angst erfüllt und dann zu meiner Stärke geworden war – sie war fort. Herausgerissen wie ein Stück meiner Seele. Die Abwesenheit war ein körperlicher Schmerz, eine hohle Leere, wo früher etwas Lebenswichtiges gebrannt hatte.„Selena“, flüsterte Lucian, seine Stimme brach, während er seine Stirn gegen meine drückte. „Bleib bei mir. Bitte. Verlass mich nicht noch e
Die Lichter der Terrasse flackerten heftig und erloschen dann.Für einen erstickenden Herzschlag verschlang uns pure Dunkelheit. Dann flammten die Notlichter auf und tauchten alles in einen blutroten Schein, der das Blut auf dem Boden schwarz und unwirklich wirken ließ.Die Große Hexe stand in ihrer wahren Gestalt vor uns – groß, majestätisch und furchterregend. Silberdurchzogenes Haar schwebte um ihr Gesicht, als würde es von einem unsichtbaren Wind bewegt. Ihre Augen brannten mit demselben uralten Licht, das auch in mir lebte. Sie lächelte langsam und grausam, als hätte sie diesen Moment seit Jahrhunderten genossen.„Du bist gewachsen, Moonborn“, sagte sie, ihre Stimme hallte von überall und nirgendwo zugleich. „Aber du gehörst immer noch *mir*.“Lucian bewegte sich zuerst.Er explodierte mit einem Brüllen, das die Scheiben klirren ließ, auf sie zu, die Faust direkt auf ihre Brust gerichtet. Die Hexe blinzelte nicht einmal. Sie schnippte mit der Hand, und er wurde wie eine kaputte P






