Mag-log inKapitel 2
Aus Elenie Woldofs Sicht
Ich war gerade fertig mit dem Aufhängen der Wäsche meines Vaters und faltete jedes Kleidungsstück mit einer fast zwanghaften Präzision. Das Geräusch des Windes, der durch das kleine Fenster unseres Zimmers pfiff, das fahle Sonnenlicht, das schüchtern hereinfiel – alles gab mir das Gefühl eines Lebens, das zwischen Verzweiflung und zerbrechlicher Hoffnung schwebte. Ich war da, summte leise vor mich hin, um nicht von der erdrückenden Stille überwältigt zu werden, und versuchte zu glauben, dass sich die Dinge eines Tages bessern könnten.
Ich war achtundzwanzig Jahre alt. Eine gewöhnliche Frau, könnte man meinen, aber mit riesigen Träumen, gefangen in einem erstickenden Alltag. Mittelgroß, mit langen Haaren, die ich lose über meine Schultern fallen ließ, verbargen meine Augen eine Mischung aus Müdigkeit und Entschlossenheit. Ich hatte eine Ausbildung zur Sekretärin gemacht und meine Fähigkeiten wurden anerkannt, aber mein Ehrgeiz ging weit darüber hinaus. Ich träumte davon, mein eigenes Unternehmen für Gastronomie und Patisserie zu eröffnen, denn Kochen war für mich nicht nur ein Beruf, es war eine Leidenschaft, die mir in diesem tristen Alltag einen Hauch von Hoffnung gab.
Aber die Realität holte mich immer wieder ein. Je mehr ich litt, desto mehr überzeugte ich mich, dass das Leben nicht für mich gemacht war. Dass ich in dieser stillen, erdrückenden Armut sterben würde. Meine Hände zitterten leicht, als ich die Wäsche fertig zusammenlegte, mein Blick fiel auf meinen Vater, Frédéric Woldof, der auf dem kleinen Sessel im Zimmer saß, das wir mit dem wenigen verbliebenen Geld gemietet hatten. Er war seit Monaten gelähmt, ein tragischer Sturz nach Jahren der Arbeit und des angesammelten Unglücks. Mein Vater, der früher Gerichtsvollzieher an einem angesehenen Gericht in Sizilien gewesen war, einst ein stolzer und respektierter Mann, war heute völlig von mir abhängig, um zu überleben.
Es war Monate her, dass wir Italien verlassen hatten. Ja, ich bin Amerikanerin, aber ich habe meine ganze Kindheit in Italien verbracht.
— Papa… sagte ich sanft zu ihm, ein Lächeln auf meinen Lippen trotz der Müdigkeit, ich gehe Brot holen, versprochen.
Er sah mich mit seinen müden, aber vor Dankbarkeit leuchtenden Augen an und segnete mich mit einer Handbewegung.
— Möge Gott dich beschützen, meine Tochter… murmelte er.
Ich nickte, zog ein schlichtes Kleid an und machte mich auf den Weg nach draußen. Selbst schlicht gekleidet spürte ich die Blicke, die auf mir ruhten. New York hatte diese Art, einem an jeder Ecke die eigene Bedeutungslosigkeit vor Augen zu führen. Aber ich hatte keine Zeit, mich mit den Urteilen anderer aufzuhalten. Jeder Schritt war kalkuliert, jede Bewegung darauf ausgerichtet, mein Überleben zu sichern und den zu beschützen, der mir alles gegeben hatte.
Der Bäckerladen war nur wenige Schritte entfernt, und die Luft war erfüllt von Gerüchen nach Essen, Staub und Stadt. Ich wählte ein noch warmes Brot, drückte es wie einen kleinen Trost an mich und blieb dann an einer Kreuzung stehen, um eine Zeitung zu kaufen. Ich blätterte die Anzeigen durch, meine Hand zitterte vor Müdigkeit und der täglichen Angst. Jede Anzeige war eine potenzielle Hoffnung, jede Zeile ein stilles Versprechen, dass sich mein Leben ändern könnte, und sei es nur ein wenig.
Dann fiel mein Blick auf etwas, das mein Herz ein wenig schneller schlagen ließ. Ein Textilunternehmen suchte eine Sekretariatsassistentin. Genau mein Profil. Alles, was sie verlangten, entsprach meiner Erfahrung, meinen Fähigkeiten und meinem Potenzial. Ich biss mir leicht auf die Lippe, hielt den Atem einen Moment zu lange an und schloss die Augen.
— Bitte… flüsterte ich, wie ein Gebet, das niemand hören konnte, lass es für mich sein…
Ich öffnete die Augen und ließ ein kleines Lächeln auf meine Lippen treten. Zum ersten Mal seit langer Zeit gab es einen Funken Hoffnung. Vielleicht konnte diese Anzeige der Beginn von etwas sein, vielleicht konnte ich endlich aus diesem erdrückenden Alltag ausbrechen.
Ich ging den Rest des Weges nach Hause mit dieser Zeitung, die ich an mich drückte, das Herz ein wenig leichter, aber immer noch im Bewusstsein der grausamen Realität, die mich zu Hause erwartete. Mein Vater brauchte Pflege, und seine Operation, um die Beweglichkeit seiner Beine wiederzuerlangen, war finanziell unerreichbar. Ich erinnerte mich noch gut an diesen Sturz, an die Bar, in der er getrunken hatte, um zu vergessen, an den Weg, den er an jenem Tag vor dem Unfall genommen hatte, der ihn gelähmt zurückließ. All das wegen der Armut, wegen des Verrats meiner Mutter.
Ja, meine Mutter… manipulativ, berechnend, die uns verlassen hatte, um einen reichen Mann zu heiraten. Das hatte ich nie akzeptiert. Ihre Entscheidung hatte unsere Familie zerstört. Mein Vater war zusammengebrochen und ich hatte mir geschworen, niemals von irgendjemandem abhängig zu sein, stark für ihn zu bleiben. Und deshalb arbeitete ich, faltete ich Wäsche, tat ich alles, was ich konnte, um zu überleben.
Nach ihrem Verrat hatte ich beschlossen, meine Ersparnisse zusammenzukratzen und Italien zu verlassen. Ich wollte nicht, dass mein Vater noch mehr litt.
Zurück in unserem bescheidenen Zimmer stellte ich die Einkäufe ab und bereitete das Essen für meinen Vater zu. Jede Handlung war erfüllt von Zärtlichkeit und Frustration, von Wut und Liebe. Ich war erschöpft, aber ich weigerte mich nachzugeben. Sein Blick erinnerte mich daran, warum ich weitermachen musste.
— Papa… heute, glaube ich, habe ich etwas gefunden, sagte ich sanft und reichte ihm die Zeitung.
Er kniff die Augen zusammen, neugierig.
— Was hast du gefunden, meine Tochter?
— Eine Anzeige… für eine Stelle als Sekretariatsassistentin. Alles passt zu meinem Profil… ich kann das schaffen. Ich glaube… ich glaube, das ist meine Chance.
Seine Augen leuchteten leicht auf, und er nickte, ein schwaches Lächeln auf seinem vom Schmerz gezeichneten Gesicht.
— Dann ergreife sie, meine Tochter… lass niemals deine Chance verstreichen. Möge Gott dich führen.
Ich nickte und drückte die Zeitung wie einen Schatz an mich. Ein neues Licht war in unser dunkles Leben gedrungen. Auch wenn die Prüfungen noch da waren, auch wenn das Elend und der Schmerz nicht verschwunden waren, hatte sich für einen Augenblick die Hoffnung in mein Herz geschlichen.
Ich setzte mich ans Fenster und beobachtete die Stadt, die ihr rasendes Leben fortsetzte, ihre Lichter und Schatten. Ich stellte mir bereits meine Zukunft vor, Stück für Stück, zerbrechlich und ungewiss, aber real. Vielleicht könnte ich eines Tages meinen Traum verwirklichen, mein eigenes Unternehmen für Gastronomie und Patisserie zu gründen. Vielleicht könnte ich meinem Vater ein sanfteres, würdigeres Leben bieten, das er nach all diesen Prüfungen verdiente.
Ich legte meinen Kopf gegen die Rückenlehne des Stuhls und ließ einen langen Seufzer entweichen. Meine Augen verschwammen, diesmal nicht vor Traurigkeit, sondern vor einer anderen Emotion: einem stillen Versprechen an mich selbst. Ich würde niemals aufgeben. Ich würde nicht zulassen, dass das Elend oder die Verratshandlungen der Vergangenheit mein Leben bestimmten. Mein Vater und ich verdienten etwas Besseres. Wir würden es verdienen, koste es, was es wolle.
Ich stand auf, bereit, das Abendessen zuzubereiten. Aber in einem Winkel meines Kopfes hielt sich dieser kleine Funke. Dieses Angebot, dieses Potenzial, diese Chance… alles schien zerbrechlich, aber real. Und ich betete, dass das Glück morgen weiterlächeln möge und unser so hart geprüftes Leben endlich begann, sich zu ändern.
**Kapitel 20****Elenies Sicht**Ich saß hinter meinem Schreibtisch, die Stirn gegen die Schläfe gelehnt, die Akten vor mir aufgestapelt wie Berge, die es zu erklimmen galt. Nächste Woche würde mein Vater operiert werden. Allein der Gedanke daran hinterließ diesen metallischen Geschmack in meinem Mund.Die ganze Nacht hatte ich die Checkliste durchgesehen, mir den Weg zum Krankenhaus immer wieder eingeprägt, die Unterlagen kontrolliert. Vor ihm lächelte ich, sagte ihm, dass alles gut gehen würde, dass die Ärzte wussten, was sie taten. Ich tat, was ich tun musste: beruhigen.Aber in meiner Brust spielte eine ganz andere Melodie. Ein unaufhörliches Pochen.*Und wenn…?*Und wenn ein Dokument fehlte?Und wenn die Narkose nicht wirkte?Und wenn ich danach alles allein tragen musste?Diese Gedanken ließen mich nachts nicht schlafen.Ich versuchte, mich auf die Akten zu konzentrieren. Neben meinem Telefon stand die Schachtel mit den Blätterteigtaschen, die ich für Béthanie gemacht hatte. Ihr
**Kapitel 19****Ferdinands Sicht**Ich wusste nicht, was plötzlich in mich gefahren war, aber seit einigen Minuten starrte ich nur noch auf den Bildschirm meines Telefons. Mein Blick war auf einen einfachen WhatsApp-Status gerichtet… den meiner Mutter.Doch es war nicht sie, die meine Aufmerksamkeit fesselte.Es war **sie**.**Elenie.**In dem kurzen Video lachten sie beide, vertraut, als würden sie sich schon ewig kennen. Meine Mutter hatte sie in den Arm genommen, und das helle, kristallklare Lachen der jungen Frau war sogar durch den Lautsprecher meines Telefons zu hören. Eine seltsame Wärme stieg in mir auf – eine Mischung aus Gereiztheit und Verwirrung.Seit wann standen sie sich so nahe?Und vor allem… warum störte mich das so sehr?Ich zoomte in das Video hinein und betrachtete sie genauer. Sie trug einen Jeansrock und eine helle Bluse, leicht am Kragen geöffnet. Ihr geflochtenes Haar fiel locker über ihre Schulter. Schlicht, natürlich, und doch… unglaublich anziehend. Ich has
**Kapitel 18****Elenies Sicht**Der Samstagmorgen versprach hell und friedlich zu werden. Kaum war ich aufgestanden, machte ich mich reflexartig daran, das Frühstück für meinen Vater vorzubereiten. Die Küche war bereits erfüllt vom Duft frisch gemahlenen Kaffees, von geröstetem Brot, auf dem die Butter langsam schmolz. Sorgfältig stellte ich die Teller auf den Tisch, ergänzte alles mit Orangensaft und ein paar frischen Früchten.Zu sehen, wie mein Vater diese kleinen Aufmerksamkeiten genoss, wärmte mein Herz. Auch wenn ich mich manchmal von meinem eigenen Leben überfordert fühlte, erinnerten mich diese Momente der familiären Nähe daran, was wirklich wichtig war.Neben mir, auf der Arbeitsfläche, lag eine kleine Schachtel mit Blätterteiggebäck, das ich für Béthanie zubereitet hatte. Der warme, süße Duft zauberte mir bereits ein Lächeln ins Gesicht. Heute wollte ich sie in ihrem Unternehmen besuchen. Ich wollte sie überraschen, Zeit mit ihr verbringen und vor allem sehen, wie es ihr gi
**Kapitel 17****Ferdinands Sicht**Der Konferenzraum hallte vom Rascheln der Papiere und dem leisen Klicken der Stifte auf den Notizblöcken wider. Die Glaswände ließen ein kaltes, weißes Licht herein, das die Strenge des Ortes noch verstärkte.Ich saß am Kopf des Tisches, wie immer, der absolute Herr dieses Territoriums, in dem niemand es wagte, zu laut zu atmen ohne meine Zustimmung.Doch heute Morgen lief etwas schief.Alle Blicke… waren nicht auf mich gerichtet.Sie galten ihr.Elenie.Meiner Sekretärin. Diese Frau, die eigentlich nur ein Schatten an meiner Seite sein sollte, eine Verlängerung meines Willens, war plötzlich zum Mittelpunkt der Aufmerksamkeit meiner Geschäftspartner und Mitarbeiter geworden. Sie stellten ihr Fragen, suchten ihren Rat, hingen an ihren Lippen, als wäre sie die Chefin.Jedes Lächeln, das sie schenkte, jede klare und präzise Antwort, jede elegante Bewegung ihrer Hand, wenn sie eine Seite umblätterte… all das ging mir auf die Nerven.Die Wut stieg in mir
Kapitel 16Aus Elenies SichtIch hatte mich in meinem ganzen Leben noch nie so unwohl gefühlt. Auf der Rückbank von Ferdinands Auto sitzend, drückte ich die Akte an mich und war unfähig, etwas anderes anzusehen als die nächtliche Landschaft, die in rasender Geschwindigkeit vorbeizog. Mein Herz raste und meine Hände waren feucht. Jede Sekunde in seiner Nähe erschien mir wie eine Prüfung. Ich wollte nur, dass er mich nach Hause brachte und wieder fuhr. Kein Wort, kein Blick, nichts. Die Stille zwischen uns war schwer, fast erdrückend.Ich versuchte mir einzureden, dass es nur eine kurze Fahrt war, nur um dieses Dokument abzugeben. Aber mein Geist weigerte sich, zur Ruhe zu kommen. Ich sah mich wieder gestern in seinem Salon, wie ich erstarrte, als seine Augen mich durchbohrten. Die Erinnerung an seine perfekten Züge, seinen muskulösen Oberkörper und seinen betörenden Duft ließ mich unwillkürlich erschauern. Ich hasste dieses Gefühl.Ein paar Minuten später hielt das Auto an. Instinktiv
Kapitel 15Aus Elenies SichtDas Taxi hielt mit quietschenden Reifen vor einem riesigen Duplex, so groß und imposant, dass mir der Mund offen stehen blieb. Meine Lippen öffneten sich in einem erstickten Laut des Staunens, und langsam hob ich den Blick zur Fassade, als würde ich ein modernes Schloss betrachten.Noch nie hatte ich ein solches Haus gesehen, außer vielleicht in den Luxusmagazinen, durch die ich manchmal im Wartezimmer des Arztes blätterte. Meine Beine begannen von selbst zu zittern, unfähig, das Gewicht meiner Angst zu tragen.Ich drückte die Akte an meine Brust, wie einen zerbrechlichen Schutzschild, und ging langsam auf das Tor zu. Eine Kamera überragte mich, ich fühlte mich beäugt, beurteilt, analysiert. Ich räusperte mich, meine Stimme kam erstickt heraus:— Ähm… ich bin Elenie… die Assistentin von Monsieur Ferdinand.Ein metallisches Klicken ertönte, und das Tor öffnete sich vor mir. Mein Herz setzte fast aus. Ich wollte umkehren, weglaufen, aber meine Beine trieben
Kapitel 13Aus Elenies SichtDrei Monate.Es waren bereits drei Monate vergangen, seit ich in dieser Firma arbeitete, drei Monate, die sich wie eine Ewigkeit angefühlt hatten. Die Tage hatten sich aneinandergereiht, schwer, endlos, getaktet von der eisigen Stimme und den unerträglichen Forderungen
Kapitel 12Aus Elenies SichtMeine Beine zitterten noch, als ich mich schwer auf eine Treppenstufe setzte, den Rücken gegen das kalte Metallgeländer gelehnt. In meinen Händen hielt ich eine dicke Akte, die ich aus dem achten Stock hatte holen müssen. Zum dritten Mal an diesem Vormittag hatte Ferdin
Kapitel 11Aus Elenies SichtEin entferntes Hupen riss mich aus einem bleiernen Schlaf. Ich öffnete langsam die Augen, der Geist noch benebelt, und mein erster Reflex galt der Uhrzeit. Als mein Blick auf den Wecker auf dem Nachttisch fiel, zog sich mein Herz schlagartig zusammen.— Mein Gott… acht
Kapitel 10Aus Béthanies SichtIch saß in Ferdinands Büro und betrachtete meinen Sohn aufmerksam. Schon als Elenie mich zur Tür seines Büros gebracht hatte, hatte ich eine subtile, aber unverkennbare Veränderung an ihm bemerkt. Die Starre seines Gesichtsausdrucks, seine eisige Maske, die er vor all







