MasukKAPITEL 9Lucians Handy erhellte um 1:14 Uhr die dunkle Küchentheke.Julians Stimme ertönte aus dem Lautsprecher, emotionslos und präzise. „Die Kamera sollte offline sein. Jemand hat sie in der Schießnacht für vier Minuten und zwölf Sekunden reaktiviert. Die Übertragung lief über einen alten Wartungsserver im Ostflügel. Das Foto wurde von diesem Fenster aufgenommen.“Lucians Kiefer zuckte. „Kannst du das komplette Videomaterial sichern?“„Nach dem Standbild beschädigt. Wer auch immer das getan hat, wusste genau, wie viel Zeit er brauchte.“Das Gespräch war beendet. Lucian legte den Hörer auf und sah mich an. Die Küche wirkte plötzlich kleiner, die Luft stickiger.„Dieser Flur grenzt an das Wohnzimmer deiner Mutter.“Ich wusste es bereits. Die Tapete auf dem Foto hatte mir alles verraten. Creme und Gold, dasselbe Muster, an dem ich schon tausendmal achtlos vorbeigegangen war. Jetzt war es mir jedes Mal präsent, wenn ich die Augen schloss. Ich verbrachte den nächsten Morgen im Büro mei
KAPITEL 8Das Krankenzimmer roch nach Desinfektionsmittel und altem Blut.Thomas Rivera lag, an weiße Kissen gelehnt, den linken Arm dick bandagiert, das Gesicht grau unter dem grellen Deckenlicht. Ein Mann, den ich noch nie zuvor gesehen hatte, stand mit verschränkten Armen in der Ecke – groß, dunkel gekleidet, mit einem Blick, dem nichts entging. Lucian nickte ihm einmal zu.„Julian Vance. Er arbeitet für mich.“Julian bot ihm nicht die Hand. Er beobachtete nur die Tür, als könnte sie jeden Moment aufbrechen und eine Bedrohung hereinbrechen.Thomas’ Stimme klang rau, rau von Schmerz und Medikamenten. „Miss Rosalie.“Ich trat ans Bett. Mein Puls raste bereits. „Ich bin hier.“Er schluckte langsam und vorsichtig. „Ich habe jemanden gesehen. Dunkler Mantel. Kapuze hochgezogen. Stand kurz vor den Schüssen in der Nähe des Seitentors. Durchschnittliche Größe. Bewegte sich leise. Als wüsste er genau, wo die Kameras waren.“„Haben Sie ein Gesicht gesehen?“ „Nein.“ Er schüttelte einmal den
KAPITEL 7Ich schloss die Badezimmertür ab und spielte die Sprachnachricht erneut ab.Die Stimme meines Vaters erfüllte den kleinen Raum, leise und eindringlich, dieselben Worte, die mir seit letzter Nacht im Kopf herumgingen.„Wenn mir etwas zustößt, trifft es nicht Rosalie. Es trifft denjenigen, der ihr am nächsten steht. Sag es Hayes. Er weiß schon einen Teil davon.“Die Aufnahme endete. Ich starrte auf das schwarze Handy in meiner Hand. Sieben verschlüsselte Nachrichten. Keine Namen. Keine klaren Daten. Nur diese eine Sprachnachricht, unverschlüsselt, als hätte er gewollt, dass sie jemand findet.Ich steckte das Handy zurück in die versteckte Tasche meines Bademantels und ging nach unten.Nathan war in der Küche und schenkte Kaffee ein, als wäre die Welt nicht vor zwei Nächten untergegangen. Er sah auf, als ich hereinkam, sein Lächeln war bereits auf seinem Gesicht.„Konntest du nicht schlafen?“„Nein.“Er stellte mir eine Tasse hin. „Komm her.“Ich rührte mich nicht. „Vor sechs
KAPITEL 6Die Stimme des Detectives durchdrang den kleinen Verhörraum wie ein Messer.„Miss Cross, die SMS wurde von einer Nummer gesendet, die mit einem Wegwerfhandy in Verbindung steht, das drei Blocks von Ihrem Anwesen entfernt gekauft wurde. Sie benutzte Ihren Namen. Darin stand, dass Sie im Sterben liegen und ihn am Seitentor brauchen. Er ging hin. Er starb. Erklären Sie mir das.“Ich war völlig verwirrt. Die Detectives stellten mir immer wieder dieselben Fragen.Ich saß mit flachen Händen auf dem kalten Metalltisch. Die Plastiktüte mit dem Handy meines Vaters lag zwischen uns, der Bildschirm leuchtete noch immer mit diesen Worten.*Hallo Dad, ich bin’s, Rosalie. Bitte hilf mir, ich sterbe. Ich brauche jetzt sofort deine Hilfe am Seitentor.*„Ich habe sie nicht geschickt“, sagte ich. Meine Stimme klang nur ruhig, weil ich sie dazu zwang. „Ich habe ihm in dieser Nacht keine SMS geschrieben. Ich war …“„Bei Lucian Hayes“, beendete der zweite Detective den Satz. „In seiner Suite. Wi
KAPITEL 5Das Echo der Schüsse hallte noch lange durch die Dielen, nachdem es längst verklungen war.Ich zitterte so heftig, dass ich mir kaum das Nachthemd über den Kopf ziehen konnte. Meine Hände waren taub, meine Knie gaben nach, als ich mit dem Seidenstoff hantierte. „Lucian … was war das?“Er drehte sich nicht um. Seine Stimme war eiskalt, ohne jede Wärme von vor ein paar Sekunden. „Geh nicht ans Fenster. Ruf die 112 an.“Meine zitternden Finger griffen nach meinem Handy auf seinem Nachttisch. Noch nie hatte es sich so unmöglich angefühlt, drei Ziffern zu wählen.„Notrufzentrale, was ist der Notfall?“„Es fallen Schüsse … auf dem Anwesen der Familie Cross“, brachte ich mit erstickter Stimme hervor, die in einem Schluchzen überging. „Bitte, jemand ist draußen. Schickt Hilfe!“Im Morgengrauen wurde die brutale Realität dessen, was im Hof geschehen war, unter der grellen Morgensonne schonungslos offengelegt.Mein Vater war tot. Sie fanden ihn zusammengesunken an den steinernen Brun
KAPITEL 4Der Freitagmorgen brach an, umhüllt von einer schweren, trügerischen Ruhe.Ich lehnte im Türrahmen unseres Schlafzimmers und sah Nathan zu, wie er sich vor dem Ganzkörperspiegel anzog.„Es tut mir leid, dich so allein zu lassen, Liebling“, sagte Nathan und wandte sich mir mit einem warmen, bedauernden Lächeln zu. Er kam auf mich zu, nahm meine Hände in seine und führte sie zu seinen Lippen. „Der Vorstand hat die Notübernahme des Vertriebsnetzes von Apex Logistics in Chicago genehmigt. Es geht um vierzig Millionen Dollar, und wenn ich nicht bis 14 Uhr im Privatjet bin, um die Kaufverträge persönlich zu unterschreiben, platzt der ganze Deal.“„Chicago?“, fragte ich leise und bemühte mich um einen freundlichen, verständnisvollen Gesichtsausdruck. „An einem Freitag?“„Es lässt sich nicht ändern, meine Liebe“, murmelte er und beugte sich vor, um mir einen zärtlichen Kuss auf die Stirn zu geben. „Ich bin Sonntagabend wieder da. Danach stehe ich Ihnen für die restlichen Hochzeitsv







