ANMELDENCassian kehrt erst gegen Morgengrauen zurück, sein Gesicht müde, aber entschlossen, und ich springe sofort auf, als ich die Tür höre.„Was hat er gesagt?"„Er war nicht erfreut, von der Anhörung zu erfahren." Cassian setzt sich schwer, nimmt die Tasse Tee an, die Mira ihm reicht. „Aber er hat einen Plan. Er will, dass wir uns morgen früh treffen, alle zusammen, um zu entscheiden, wie wir vorgehen."„Und die Trennung?"„Er sagt, die Umstände haben sich verändert. Er glaubt nicht mehr, dass eine vollständige Trennung notwendig ist, um zu beweisen, was zwischen euch echt ist. Er sagt, es gibt wichtigere Dinge, um die wir uns jetzt kümmern müssen." Cassian sieht mich an, seine Augen nachdenklich. „Aber er hat auch gesagt, dass die Entscheidung bei dir liegt, nicht bei ihm."Ich denke über seine Worte nach, über das Ziehen in meiner Brust, das sich seit letzter Nacht nicht gebessert hat. Ein Teil von mir will sofort zu ihm rennen, die Dis
Ich schlafe nicht gut. Jedes Mal, wenn ich die Augen schließe, spüre ich ein Ziehen in der Brust, als würde etwas an mir zerren, in eine Richtung, die ich nicht sehen kann.Gegen Morgen gebe ich das Schlafen auf und setze mich an den Tisch, wo Mira bereits über alten Papieren sitzt, ihre Augen rot vor Müdigkeit.„Hast du überhaupt geschlafen?", frage ich.„Ein wenig." Sie reibt sich die Augen. „Ich habe die Nacht damit verbracht, die restlichen Notizen durchzugehen, die ich vor dem Diebstahl gemacht hatte. Es gibt mehr, Elara. Über die Wächter, über ihre Geschichte."„Erzähl."„Sie wurden nicht immer Wächter genannt. Ursprünglich hießen sie die Erste Ordnung. Eine Gruppe, die entstand, kurz nachdem die erste Spaltung stattfand, mit der einzigen Aufgabe, sicherzustellen, dass sie sich nie wiederholt." Mira schiebt mir ein Blatt zu, mit einer groben Skizze eines Symbols, das ich vorher noch nie gesehen habe, ein Kreis, durchbrochen von
Wir erreichen das kleine Anwesen kurz nach Mitternacht, erschöpft, aber lebendig, und Mira wartet bereits an der Tür, ihre Miene besorgt, als sie unsere Gesichter sieht. „Was ist passiert?", fragt sie, während sie uns hereinlässt. Ich erzähle ihr alles, so schnell ich kann, das Buch, Nerissas Warnung, das Ödland auf der Karte, und schließlich die Seite, die ich gestohlen habe. Mira liest die Worte mehrmals, ihre Lippen bewegen sich lautlos, während sie die alte Schrift entziffert. „Das passt", sagt sie schließlich, ihre Stimme voller Erleichterung. „Das ist genau der fehlende Teil, den ich nie vollständig übersetzen konnte. Freier Wille als Bedingung, nicht Schicksal." „Aber wie beweisen wir das?", frage ich. „Wie beweist man, dass eine Entscheidung aus freiem Willen kommt und nicht von einer Bindung erzwungen wird?" Kael, der bisher still am Kamin gestanden hat, dreht sich zu uns um. „Vielleicht m
Die Schrift auf der Seite bewegt sich fast vor meinen Augen, alte Buchstaben, die sich langsam zu Worten formen, die ich verstehen kann, obwohl ich die Sprache nie gelernt habe. „Wie kann ich das lesen?", frage ich, meine Stimme leiser, als ich beabsichtigt hatte. „Weil dein Blut die Sprache kennt, auch wenn dein Verstand es nicht tut." Nerissa setzt sich mir gegenüber, ihre Bewegungen langsam, kontrolliert, wie eine Lehrerin, die eine schwierige Lektion vorbereitet. „Die Vale-Linie war einst die Hüterin dieser Texte. Bevor sie zur Bedrohung wurde, die sie heute ist." Ich zwinge mich, weiterzulesen, obwohl jedes Wort mich kälter werden lässt. „Hier steht, dass die Vereinigung nicht nur die Verwandlung beendet. Es steht, dass sie etwas erschafft. Etwas Neues." „Ja." Nerissas Stimme wird schärfer. „Und niemand weiß, was das sein wird. Das ist der Grund, warum die Wächter existieren, seit die erste Spaltung stattfand. Wir sind nicht hier, um Wölfe zu unterdrücken, Elara. Wir sind hie
Der Weg zum Lager der Jäger führt durch Gebiet, das ich nicht kenne, und jeder Schritt fühlt sich an, als würde ich mich weiter von allem entfernen, was mir in den letzten zwei Tagen Sicherheit gegeben hat.Kael hat mir ein kleines Gerät gegeben, versteckt in meinem Kragen, das es ihm erlauben soll, mich zu hören, falls ich in Schwierigkeiten gerate. „Sag ein Wort, das wir vereinbart haben, und wir sind sofort da", hat er gesagt, seine Stimme angespannt vor Sorge, die er nicht ganz verbergen konnte.Das Wort ist Feuer. Ich hoffe, ich muss es nicht benutzen.Das Lager taucht zwischen den Bäumen auf, kleiner, als ich erwartet hatte, ein paar Zelte, ein zentrales Feuer, Männer, die sich bewegen mit der disziplinierten Ruhe von Leuten, die genau wissen, was sie tun. Kein Chaos, keine Unordnung. Alles hier hat einen Zweck.Ich zwinge mich, langsamer zu gehen, meine Haltung zu verändern, weniger wie jemand, der flieht, mehr wie jemand, der sucht.Ein Wächter bemerkt mich zuerst, ein Mann mi
„Das ergibt keinen Sinn", sagt Kael, seine Stimme scharf vor Unglauben. „Nerissa ist ein Wolf. Warum sollte sie mit Jägern zusammenarbeiten, die uns beide töten wollen?"„Vielleicht wollen die Jäger nicht alle Wölfe töten", sage ich langsam, während ein Gedanke sich in mir formt. „Vielleicht wollen sie nur mich."Cassian nickt, immer noch außer Atem. „Das würde erklären, warum sie so präzise vorgegangen sind. Silberkugeln, aber nur gegen euch beide gerichtet, nicht gegen das ganze Rudel."„Wenn Nerissa mit ihnen zusammenarbeitet, hat sie wahrscheinlich das Buch, das sie Mira gestohlen haben", sage ich. „Sie will die Prophezeiung genauso sehr verstehen wie wir. Vielleicht mehr."Kael geht zum Fenster, seine Silhouette hart gegen das schwindende Licht draußen. „Wenn sie die Jäger anführt, dann geht es hier nicht nur um alte Machtstrukturen im Rudel. Es geht um etwas Größeres."„Was meinst du?"„Ich meine, dass Jäger normalerweise keine eigenen Interessen an Wolfsprophezeiungen haben. Je







