Justus Richtig
Obwohl ich wusste, dass lautes Klagen bei der Beerdigung eines britischen Adligen als respektlos gegenüber dem Verstorbenen gilt, ließ ich dennoch Lena Keller, die Adoptivschwester meines Mannes, öffentlich die Totenklage anstimmen.
In meinem letzten Leben war genau Folgendes passiert: Ein britischer Adelsverwandter von meinem Mann, Felix Schneider, war gestorben, und ein Anwalt hatte ihn zur Beerdigung eingeladen, da er als potenzieller Erbe des Vermögens galt.
Lena bestand darauf, mitzukommen, um die Welt der Reichen kennenzulernen und sich bei den Adligen ins rechte Licht zu rücken. Sie wollte dort sogar öffentlich klagen.
Ich hielt sie hastig davon ab: „Bei britischen Adligen ist Klagen bei der Beerdigung absolutes Tabu. Statt einer Erbschaft würden wir dort wahrscheinlich sofort hinausgeworfen werden!“
Doch Lena warf mir unter Tränen vor, ich würde auf sie herabsehen und sie für nicht würdig halten, mit Adligen in Kontakt zu kommen. Daraufhin lief sie davon und wurde von Straßenkriminellen versehentlich getötet.
Ich dachte, mein Mann Felix würde die Kontrolle verlieren, doch er blieb still, nahm an der Beerdigung teil und erhielt reibungslos das Erbe.
Sechs Monate später, an unserem Hochzeitstag, brachte Felix mich zum Fotografieren in die Schneeberge. Kaum waren wir oben angekommen, stopfte er mich in einen Schlafsack und fesselte mich darin.
„Wenn du damals nicht so überreagiert hättest, wäre Lena nicht weggelaufen und erschossen worden.“
Später wurde ich im Schnee verschüttet und lebendig begraben, ich erfror qualvoll. Währenddessen nutzte Felix das adelige Erbe und wurde zum Vorstandsvorsitzenden eines börsennotierten Unternehmens.
Als ich die Augen wieder öffnete, war ich zurück an jenem Tag, an dem Lena, die Adoptivschwester meines Mannes, unbedingt bei der Beerdigung die Totenklage anstimmen wollte.