LOGINDer Wald war wieder still geworden. Das fremde Heulen war verklungen, doch sein Echo schien noch immer zwischen den alten Bäumen zu hängen. Niemand auf der Lichtung sagte ein Wort. Lina spürte, wie sich die Stille um sie legte, schwer und beinahe greifbar, während ihr Blick auf Aron ruhte. Noch immer stand er unter dem mächtigen Baum, dessen ausladende Äste sich schützend über ihn spannten, und zum ersten Mal begriff sie, weshalb all ihre Träume sie ausgerechnet an diesen Ort geführt hatten. Es war nie nur ein Baum gewesen. Es war der letzte Ort, an dem Hoffnung überlebt hatte. Sie bemerkte, wie Darok langsam näher trat. Seine Bewegungen waren vorsichtig, als fürchte er, dieser Augenblick könne zerbrechen, sobald jemand zu hastig handelte. Jahrzehnte lang hatte er geglaubt, seinen Freund endgültig verloren zu haben. Nun standen sie sich wieder gegenüber, und dennoch wagte keiner von beiden, die wenigen Schritte zwischen ihnen zu schließen. Aron lächelte schwach. Es war kein glückl
Der Wald lag still unter dem ersten Licht des Morgens. Zwischen den Ästen der alten Eichen begann sich der Himmel langsam aufzuhellen, und dort, wo vor wenigen Stunden noch die Sterne gestanden hatten, zeichnete sich nun ein blasses Blau ab. Das Feuer war längst heruntergebrannt. Nur einzelne Glutnester glommen noch zwischen der Asche und spendeten eine letzte, schwache Wärme. Lina hatte das Gefühl, als hätte sie die ganze Nacht nicht nur einer Geschichte gelauscht, sondern einem ganzen Leben. Als Darok schließlich verstummt war, blieb eine Stille zurück, die niemand von ihnen zu durchbrechen wagte. Sie dachte an Elara. An Joran. An Nalea. Und immer wieder an Aron. Nicht an den Roggenwolf, von dem sie als Kind die Geschichten gehört hatte. Nicht an das Wesen mit den goldenen Augen, das ihre Träume so lange beherrscht hatte. Sie dachte an den Mann, der geliebt hatte, gelacht hatte und schließlich an seinem eigenen Schmerz zerbrochen war. Je länger sie darüber nachdachte, desto deu
Die Nacht war weit vorangeschritten. Über den Baumwipfeln begann sich der Mond langsam nach Westen zu neigen, und sein blasses Licht fiel nur noch in schmalen Streifen durch die Kronen der alten Eichen. Der Wald wirkte stiller als zuvor. Nicht, weil seine Geräusche verstummt wären. Vielmehr hatte Lina das Gefühl, sie selbst höre anders zu. Seit Darok begonnen hatte, von Aron zu erzählen, schien jeder Laut eine Bedeutung zu tragen. Das Rauschen der Blätter erinnerte sie an ferne Stimmen, und selbst der Wind wirkte, als würde er Erinnerungen durch den Wald tragen, die niemals ganz verschwanden. Sie dachte an Nalea. An die Frau, die den Glauben an Aron nie verloren hatte. Während alle anderen irgendwann begonnen hatten, den Roggenwolf zu sehen, hatte sie bis zuletzt den Menschen erkannt, der sich hinter den goldenen Augen verbarg. Vielleicht war genau das der Grund gewesen, weshalb Aron ihr noch vertraut hatte. Sie hatte nie versucht, ihn von dem zu überzeugen, was sie selbst sehen woll
Lina bemerkte, dass Darok nach seinen letzten Worten lange schwieg. Der Wind hatte sich wieder erhoben und ließ die Kronen der alten Eichen leise rauschen. Das Geräusch erinnerte sie an Wellen, die gegen ein fernes Ufer schlugen, gleichmäßig und ruhig, als hätte der Wald beschlossen, den Schmerz der Vergangenheit mit seiner eigenen Stille aufzufangen. Sie wusste inzwischen nicht mehr, wie viele Stunden sie bereits dort saßen. Die Nacht war weit fortgeschritten, doch Müdigkeit spürte sie kaum noch. Dafür war das, was Darok erzählte, zu schwer geworden. Sie dachte an das Versprechen, das er Nalea gegeben hatte. Damals hatte es wahrscheinlich wie eine Hoffnung geklungen. Heute wusste sie, dass jedes Versprechen irgendwann den Augenblick erreichte, an dem es mehr kostete, es zu halten, als es zu brechen. Genau davor schien Darok sich bis heute zu fürchten. Eine Weile sagte niemand etwas. Kian hatte den Blick auf den Boden gesenkt und zog mit einem kleinen Ast gedankenverloren Linien in
Der Wald lag schweigend unter dem Licht des Mondes, und für eine lange Zeit sprach niemand ein Wort. Lina hatte das Gefühl, als würde jede neue Erinnerung, die Darok mit ihnen teilte, etwas in ihr verändern. Als sie zum ersten Mal von dem Roggenwolf gehört hatte, hatte sie geglaubt, die Geschichte eines gefährlichen Wesens zu erfahren, das irgendwann den Verstand verloren hatte. Nun saß sie hier und hörte die Geschichte eines Mannes, der bis zuletzt versucht hatte, andere vor sich selbst zu schützen. Es war ein Unterschied, der alles veränderte. Sie dachte an Arons letzte Worte zu Darok. Sie soll ihre Hoffnung für Menschen aufheben, die noch gerettet werden können. Je länger sie darüber nachdachte, desto deutlicher erkannte sie, wie wenig Hoffnung Aron noch für sich selbst übrig gehabt haben musste. Er hatte Nalea nicht fortgeschickt, weil er sie nicht sehen wollte. Er hatte sie fortgeschickt, weil er sie bewahren wollte. Genau das machte seinen Entschluss so unendlich traurig. Der
Die Tage nach der Versammlung verliefen äußerlich ruhig, doch unter dieser Ruhe lag eine Spannung, die jeder im Rudel spüren konnte. Niemand sprach den Namen des Roggenwolfs laut aus, wenn Kinder in der Nähe waren, und doch schien er überall gegenwärtig zu sein. Sobald jemand zu spät von einer Jagd zurückkehrte oder nachts ein fremdes Heulen durch den Wald hallte, wanderten die Blicke der Menschen unwillkürlich zu den dunklen Baumreihen im Süden. Angst hatte eine seltsame Eigenschaft, dachte Lina. Sie verschwand nie ganz. Sie lernte nur, leiser zu werden. Darok hatte eine Weile geschwiegen, nachdem er von der Entscheidung des Rudels erzählt hatte. Sein Blick ruhte auf den Bäumen, doch Lina hatte längst bemerkt, dass er sie nicht wirklich sah. Er blickte in eine Vergangenheit, die für ihn niemals vergangen war. Manche Erinnerungen verloren mit den Jahren ihre Schärfe. Diese hier gehörten nicht dazu. Sie hatten sich stattdessen tief in ihm festgesetzt, als warteten sie nur darauf, wied
Die Nacht war inzwischen tiefer geworden, und der Wald hatte jene eigentümliche Ruhe angenommen, die nicht nach Schlaf klang, sondern nach Beobachtung. Das Wasser floss gleichmäßig zwischen den Steinen hindurch, während sich das silberne Licht des Mondes auf der Oberfläche brach und in unruhigen Re
Der Wald wurde dichter, je weiter sie gingen, und Lina hatte das Gefühl, dass sich die Dunkelheit zwischen den Bäumen nicht gegen sie richtete, sondern sie begleitete, wach und aufmerksam, als würde dieser Ort inzwischen wissen, wer sie war, auch wenn sie selbst noch immer versuchte zu verstehen, w
Der Wald hatte den Fremden verschluckt, ohne eine Spur von ihm zurückzulassen, und dennoch blieb seine Anwesenheit wie ein Nachhall zwischen den Bäumen bestehen, als hätte der Ort selbst die Erinnerung an ihn aufgenommen und würde nun abwägen, was seine Worte bedeuteten, während Lina langsam begrif
Der Moment nach ihrer Entscheidung dehnte sich aus, ohne sich wirklich zu bewegen, und Lina hatte das Gefühl, dass die Welt für einen Augenblick innehielt, nicht weil etwas Sichtbares geschah, sondern weil sich etwas Unsichtbares festgesetzt hatte, das nicht mehr rückgängig zu machen war, während d







