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Kapitel Vier

Author: Viv Rex
last update publish date: 2026-07-23 05:21:35

Der Morgen des Vorstellungsgesprächs kommt viel zu schnell. Ich wache auf, weil Ann mich schüttelt und mir sagt, ich soll meinen Arsch aus dem Bett bewegen, weil es schon fast sieben ist und ich um neun bei McCall Industries sein muss und ich immer noch nichts zum Anziehen habe.

Ich setze mich auf und mein Kopf pocht, und ich habe das Gefühl, kaum geschlafen zu haben. Ich habe die meiste Nacht wach gelegen, mich gewälzt, das Gespräch in meinem Kopf durchgegangen, versucht mir vorzustellen, was sie mich fragen werden, versucht mich zu beruhigen.

"Ich habe nichts zum Anziehen", sage ich zu Ann und reibe mir die Augen. "Ich hab zwei Paar Jeans und jede Menge Basketball-Kram und nichts Berufliches. Ich hätte nicht gedacht, dass ich es so weit schaffe."

Ann sieht mich an, als wäre ich der dümmste Mensch, den sie je getroffen hat. "Du gehst zu einem Vorstellungsgespräch bei einem Fortune-500-Unternehmen und sagst mir, du hast keinen Anzug?"

"Du weißt doch, dass ich keinen Anzug habe, Ann. Ich wohne seit Wochen auf deiner Couch."

Sie seufzt und wirft die Hände in die Luft. "Na gut. Komm mit."

"Wo gehen wir hin?"

"Zu meinem Kleiderschrank, Genie. Ich habe noch ein paar Business-Sachen von damals, als ich bei dieser Anwaltskanzlei gearbeitet habe. Das wird dir passen."

Ich folge ihr in ihr Zimmer, und sie öffnet ihren Kleiderschrank und fängt an, Klamotten herauszuziehen. Ein schwarzer Blazer, eine weiße Bluse, eine passende Hose.

"Hier", sagt sie und drückt sie mir in die Hand. "Zieh das an."

Ich sehe die Kleider in meinen Händen an und will gerade etwas sagen, aber sie schiebt mich ins Badezimmer.

"Los. Zieh sie an. Wir haben keine Zeit dafür, dass du komisch tust."

Ich schließe die Tür und sehe mich im Spiegel an. Meine Haare sind eine Katastrophe. Ich sehe müde aus. Ich sehe aus wie jemand, der seit Wochen auf einer Couch schläft.

Ich ziehe die Bluse an, dann den Blazer, dann die Hose, und ich trete zurück und betrachte mich.

Es passt. Es passt tatsächlich.

Ich öffne die Tür, und Ann steht da und wartet.

"Wow", sagt sie. "Du siehst tatsächlich aus wie ein richtiger Erwachsener."

"Halt die Klappe."

"Im Ernst. Du siehst gut aus. Professionell."

Ich drehe mich zum Flurspiegel und sie hat recht. Ich sehe aus, als würde ich in ein Bürogebäude gehören. Als wäre ich jemand, der sein Leben im Griff hat, auch wenn das das Letzte ist, was der Wahrheit entspricht.

"Okay", sage ich und drehe mich zu ihr. "Wie sehe ich aus? Ehrlich."

Sie tritt näher und richtet meinen Blazer. "Du siehst großartig aus. Jetzt geh da rein und mach dieses Gespräch, okay? Ich glaub an dich."

Ich lächele sie an. "Danke, Ann."

"Bedank dich nicht bei mir. Krieg den Job, damit du deine eigene Wohnung kriegen kannst und ich meine Couch zurückhabe."

Ich lache und schnappe mir meine Tasche.

---

Mein Telefon klingelt, gerade als ich gehen will. Ich schaue auf den Bildschirm, und es ist meine Mutter.

Ich geh fast nicht ran, weil ich schon nervös genug bin und sie nicht auch noch brauche. Aber ich nehme doch ab.

"Hey, Mom."

"Jennifer, Schatz, wie geht es dir? Ich habe an dich gedacht."

"Mir geht's gut, Mom. Ich bin gerade auf dem Weg zu einem Vorstellungsgespräch."

"Ein Vorstellungsgespräch? Das ist wunderbar! Bei wem?"

"Bei einer Firma namens McCall Industries. So ein großes Tech-Unternehmen. Stelle als Computeranalystin."

"Das, wofür du studiert hast? Mit dem Computerzeug?"

"Ja, Mom. Informatik."

"Das ist so toll, Schatz. Ich bin so stolz auf dich. Aber weißt du, falls es nicht klappt, kannst du jederzeit nach Hause kommen. Dein Vater und ich, wir finden schon eine Lösung. Du musst dich nicht so sehr unter Druck setzen."

Ich rolle mit den Augen, auch wenn sie mich nicht sehen kann. "Mom, mir geht's gut. Ich schaffe das."

"Ich weiß, Schatz. Ich mache mir nur Sorgen um dich. Du hast so viel durchgemacht mit dieser Malerin, die gestorben ist und allem. Ich will nicht, dass du dich zu sehr unter Druck setzt."

"Ich setze mich nicht unter Druck. Das ist nur ein Job. Nicht so wichtig."

"Versprich mir nur, dass du nach Hause kommst, falls es zu viel wird, okay? Wir vermissen dich."

Ein Kloß bildet sich in meinem Hals, aber ich schlucke ihn runter. "Ich verspreche es. Aber ich komme nicht nach Hause. Ich kriege diesen Job."

"Okay, Schatz. Viel Glück. Ruf mich danach an."

"Mach ich. Ich lieb dich."

"Ich lieb dich auch."

Ich lege auf und atme tief durch. Ann beobachtet mich vom Sofa aus.

"Deine Mutter?"

"Ja."

"Will sie, dass du nach Hause kommst?"

"Sie will immer, dass ich nach Hause komme."

"Sie macht sich nur Sorgen um dich."

"Ich weiß. Das ist das Nervige daran."

Ann lacht. "Geh. Du wirst noch zu spät kommen."

---

Die U-Bahn-Fahrt zu McCall Industries kommt mir vor wie eine Ewigkeit. Ich schaue ständig auf mein Handy, checke die Uhrzeit, checke die Adresse. 47. Straße. Das Gebäude soll riesig sein. Ganz aus Glas und Stahl, die Art von Ort, bei dem man sich klein fühlt, wenn man reinkommt.

Ich steige aus der U-Bahn-Station, und da ist es. McCall Industries. Das Logo, das ich auf Werbetafeln und im Fernsehen und an Gebäuden gesehen habe. Ich gehe zu den Glastüren, sie gleiten auf, und ich trete ein.

Es ist riesig. Die Lobby ist gewaltig, Marmorböden und hohe Decken und überall rennen Leute in ihren Business-Klamotten herum. Ich fühle mich so fehl am Platz, dass es fast komisch ist.

Ich gehe zum Empfang, und eine Frau sieht mich an. "Kann ich Ihnen helfen?"

"Hallo, ich bin Jennifer Morgan. Ich habe ein Vorstellungsgespräch."

Sie tippt etwas in ihren Computer. "Ja, ich habe Sie hier. Nehmen Sie den Aufzug in die 32. Etage. Dort wird Sie jemand abholen."

1. Etage. Natürlich.

Ich bedanke mich und gehe zu den Aufzügen. Mein Magen ist ganz verknotet. Ich drücke auf den Knopf und warte, und als sich die Türen öffnen, steige ich ein und drücke auf den Knopf, und der Aufzug fährt nach oben.

Mein Handy vibriert. Ann. Viel Glück! Du schaffst das!

Ich lächele und tippe zurück: Danke. Ich sag dir Bescheid, wie es gelaufen ist.

Der Aufzug hält, die Türen öffnen sich, und ich trete in einen weiteren riesigen Raum. Mehr Marmor. Mehr Glas. Mehr Leute.

Eine Frau kommt auf mich zu und lächelt. "Jennifer Morgan?"

"Ja, das bin ich."

"Großartig. Folgen Sie mir bitte."

Sie führt mich durch einen Flur in einen Konferenzraum und sagt mir, ich soll warten, das Gremium sei gleich hier.

Ich setze mich hin und versuche zu atmen.

Ich kriege diesen Job. Ich muss diesen Job kriegen.

---

Das Vorstellungsgespräch läuft besser, als ich erwartet habe. Drei Leute stellen mir Fragen, und ich beantworte sie alle. Sie nicken und machen sich Notizen und lächeln an den richtigen Stellen, und als ich den Raum verlasse, habe ich das Gefühl, eine Chance zu haben.

Die Frau, die mich zuerst abgeholt hat, wartet draußen.

"Wie war es?" fragt sie.

"Ich glaube, es war ganz gut."

Sie lächelt. "Nun, eine Sache noch. Der CEO würde Sie gerne vor Ihrer Abfahrt noch sprechen."

Mir fällt der Magen in die Hose. "Der CEO?"

"Ja. Er hat die Angewohnheit, alle potenziellen Neueinstellungen persönlich kennenzulernen. Nur ein kurzes Gespräch. Nichts Aufregendes."

"Der CEO", wiederhole ich. "Von McCall Industries."

"Scott McCall. Ja. Er ist in der obersten Etage. Ich bringe Sie hoch."

Scott McCall. Der Name kommt mir bekannt vor, aber ich weiß nicht warum. Wahrscheinlich bilde ich mir das nur ein, weil ich so nervös bin.

Sie führt mich zu einem weiteren Aufzug und drückt auf den Knopf für die oberste Etage.

Ich versuche, meine Nerven zu beruhigen.

Nur ein kurzes Gespräch, hat sie gesagt. Nichts Aufregendes.

Der Aufzug fährt nach oben.

Die Türen öffnen sich.

Und ich folge ihr in ein riesiges Büro. Bodentiefe Fenster. Ein gewaltiger Schreibtisch.

Und ein Mann, der dahinter sitzt.

Dunkle Haare. Breite Schultern.

Und als er aufschaut, sehe ich sein Gesicht zum ersten Mal.

Blaue Augen. Eine kleine Narbe über seiner Augenbraue.

Etwas regt sich in meiner Brust. Etwas, das ich nicht benennen kann. Als hätte ich ihn schon mal gesehen.

Aber nein. Das ist verrückt. Ich habe diesen Mann noch nie getroffen.

Er starrt mich einfach an. Und ich starre ihn an. Und für einen Moment sagt niemand ein Wort.

Dann lächelt er.

Ein kleines Lächeln. Fast so, als wüsste er etwas, das ich nicht weiß.

"Bitte", sagt er und deutet auf den Stuhl ihm gegenüber. "Setzen Sie sich."

Ich setze mich.

Und mein Kopf rast.

Warum kommt er mir bekannt vor?

Warum sieht er mich so an?

Ich weiß es nicht. Ich erinnere mich nicht. Aber etwas an ihm, seine Stimme, seine Augen, die Art, wie er sich hält, das alles lässt mich fühlen, als wäre ich schon einmal hier gewesen.

Ich schiebe den Gedanken beiseite.

Konzentrier dich.

Du bist wegen eines Jobs hier. Das ist alles.

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